Heiter bis wolkig
Wetterphänomene in der holländischen Graphik und Zeichnung
Eine virtuelle Ausstellung von
Einführung
Der Begriff „Wetter“ leitet sich vom althochdeutschen „wetar“ ab, was „Wind“ oder „Wehen“ bedeutet. Das Wetter beschreibt den Zustand der Atmosphäre an einem Ort zu einem bestimmten Zeitpunkt; es entsteht durch Luftdruck, Luftfeuchtigkeit und -temperatur sowie durch Strahlung. Schon vor der Antike wurde das Wetter beobachtet, um etwa günstige Zeitpunkte für Aussaat, Ernte oder Jagd zu bestimmen. Mit Beginn der Neuzeit wurden vermehrt Wetterbeobachtungen gesammelt und dokumentiert, etwa durch den zunehmenden Schiffsverkehr. Dennoch waren Menschen früherer Jahrhunderte dem Wetter anders ausgeliefert als wir es heute sind. Die klimatischen und kurzfristigen Witterungsbedingungen hatten und haben noch heute großen Einfluss auf die wirtschaftliche Entwicklung einer Region. So führten Überschwemmungen oder Dürren zu Ernteausfällen, Viehsterben und oft langfristiger Verarmung der Bevölkerung. Systematische, technisch gestützte Wettervorhersagen sind erst seit Mitte des 20. Jahrhunderts möglich.
01
Sonne und Wind, Regen und Schnee. Das Wetter in der holländischen Kunst
Mit dem wirtschaftlichen und politischen Aufschwung der holländischen Gesellschaft wandten sich die Künstler gegen Ende des 16. Jahrhunderts zunehmend der heimischen Landschaft als Thema zu. Die gemalte Landschaft war in den Details realistisch, im Ganzen wurde sie jedoch oft idealisierend dargestellt, symbolisch überhöht oder allegorisch aufgeladen. Daneben fanden – besonders seit Pieter Bruegel – atmosphärische Phänomene und Wetterereignisse Eingang in die Kunst, die einerseits die meteorologische Realität abbilden, andererseits aber zur Schaffung einer Bildstimmung bewusst eingesetzt wurden. So gehörten bestimmte Wolkenformen zum festen Repertoire holländischer Maler und Zeichner, die damit ihre Landschaften belebten und inhaltlich aufluden. Die im Detail oftmals genau beobachteten Wetterphänomene sind in Gemälden jedoch eher als inszenierte Wolkenpoesie zu lesen denn als systematisch-wissenschaftliche Studien, die erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts mit der Entstehung der Meteorologie als Wissenschaft aufkamen.
Jan van de Velde II (um 1593-1641), Februar, Blatt 2 aus einer Folge der Zwölf Monate, 1618, Radierung, 32,7 x 41,9 cm
In den ausgewählten Zeichnungen und Druckgraphiken steht die intensive Naturbeobachtung und die Neugier an der äußeren Erscheinung der Dinge im Zentrum. Ziehende Wolken, Regenschauer, ein plötzlicher Windstoß werden ebenso darstellungswürdig wie die klirrende Kälte während der sog. Kleinen Eiszeit, von der zeitgenössische Berichte und kalendarische Aufzeichnungen ebenso zeugen wie Analysen von Sedimentproben, Eisbohrkernen oder Baumringen. Dem erwachenden Interesse an der Darstellung dieser sicht- und damit abbildbaren Phänomene nähert sich diese Ausstellung mit Beständen des Kupferstichkabinetts der Staatlichen Museen zu Berlin.
Die vollendete, feinmalerische Deckfarbenzeichnung illustriert die Freuden des Winters, ohne einen konkreten Ort zu porträtieren. Menschen verschiedener sozialer Schichten und Altersgruppen sind auf einem zugefrorenen Fluss unterwegs: auf Schlittschuhen, zu Fuß, im Schlitten. Die brillant kolorierte Landschaft ist in ein fahles winterliches Licht getaucht, die Kirche am Horizont erscheint in zartem Dunst. Meisterhaft fängt Gerrit Battem das wechselnde Licht und die frostige Stimmung unter den ziehenden gelbgrauen Wolken ein. Die durchbrechende Sonne lässt vereiste Bäume schimmern. Obwohl es noch keine wissenschaftliche Klassifizierung des Wetters gab, hat Battem sehr sorgfältig beobachtet. Die sog. Kleine Eiszeit prägte sich zwischen 1675 und 1715 erneut mit langen, kalten Wintern aus.
Dieses Monatsbild weist in den Ecken das Tierkreiszeichen Wassermann als allegorische Figur (links) und Symbol (rechts) auf. Die Darstellungen sind jedoch ganz dem zeitgenössischen Leben gewidmet: Im Januar wird Brennholz gesammelt, ein Kind spielt mit einem Kreisel auf dem zugefrorenen Kanal, Schlittschuhe werden angezogen. Obwohl nur aus schwarzen Linien bestehend, vermittelt die Szenerie mit ihren kahlen, fast ornamental angeordneten Bäumen und dem spiegelglatten Eis den Eindruck eines strahlenden, klirrend kalten Wintertages.
Die regional sehr unterschiedlich ausgeprägte Kleine Eiszeit, die im 17. Jahrhundert besonders kalte und lange Winter zur Folge hatte, gilt heute als natürliche Klimavariation mit kurzfristigen Schwankungen, vermutlich hervorgerufen durch Vulkanausbrüche, verminderte Sonnenaktivität und die zeitweilige Abschwächung des Golfstroms.
Jan van de Velde, Januar, Blatt 1 aus einer Folge der Zwölf Monate, 1616, Radierung
Dieses zauberhafte Blatt zeigt eine abwechslungsreiche Flachlandschaft. Der Blick schweift entlang der Felder, Wiesen, Wege und Gehöfte zur Stadtsilhouette Haarlems am fernen Horizont. Mit großer Sorgfalt wurden die Spiegelungen im Wasser wiedergegeben. Unbedruckte Leerstellen lassen im Mittelgrund einzelne Büsche und Bäume in der Farbe des Papiers hell leuchten und erwecken so den Eindruck sommerlichen Lichts und mittäglicher Wärme. Das Blatt ist zugleich ein Sinnbild üppig gedeihender und vom Menschen geordneter Natur.
Jan Ruijscher (um 1625-1675), Flachlandschaft mit Gewitterhimmel, Feder und Pinsel in Braun, hellbraun laviert, 9,6 x 21,8 cm
Wind selbst als Bewegung der Luft ist kaum darstellbar, weshalb diese farbige Zeichnung seine Effekte thematisiert. Weiße Höhungen veranschaulichen die Gischt auf den Wellen. Kleider und Haare wehen im Wind, Segel werden gebläht, ein Hut fliegt ins Wasser. Dichte graue Wolken und Regenschleier treiben schnell über die Küste hinweg.
Der Wind stellt eine Gefahr für das flache Land dar, zusammen mit den Gezeiten und der Strömung formt er die kilometerlange Küste Hollands bis heute. Auf dem Blatt sind rechts niedrige geflochtene Weidenzäune zu erkennen, die das kostbare Land befestigen und vor dem Wegspülen bewahren sollen. Avercamp lebte in Kampen, das an der durch Überflutungen gefährdeten Bucht Zuiderzee (dem heutigen IJsselmeer, einem durch Eindeichung entstandenen Binnensee) liegt.
Hendrick Avercamp (1585-1634), Seeufer bei Sturm, Aquarell- und Deckfarben
Die Radierung beschreibt wiederum Wind und Luftbewegung, jedoch müssen Flächen und räumliche Gebilde wie die dicken Haufenwolken - anders als bei einer Pinselzeichnung - aus einzelnen Linien und Punkten zusammengesetzt werden. Das Blatt gehört zu einer allegorischen Folge mit den vier Elementen Luft, Wasser, Erde und Feuer. Das Wasser wird durch einen Sturm an der Küste symbolisiert, das Feuer durch den Brand eines Schiffes, die Erde durch Bauern, die ihre Felder bestellen. Die Luft als das am wenigsten greifbare Element wird durch Wind repräsentiert, der die Wellen peitscht, der Regen und Segelschiffe in Schräglage zwingt. Diese atmosphärische Darstellung, in der der Himmel mit seinen Wolken mehr als drei Viertel der Blattfläche einnimmt, hat fast schon impressionistische Züge.
02
Land unter. Wetterextreme und Naturkatastrophen
1847 stellte die Abhandlung berühmter niederländischer Wasserbaukundiger fest, dass „kein Land, wenigstens in Europa, […] so viele Kämpfe gegen das Wasser zu bestehen [hat] als Holland“, das „unausgesetzt vom Meere bedroht“ wird.
Im Gebiet der heutigen Niederlande wurde vor rund 1.000 Jahren begonnen, die fruchtbaren Lehmböden der Küstengebiete trockenzulegen, da der Bedarf an Acker- und Siedlungsflächen ab dem Mittelalter stark zunahm. Seither wurden Gräben angelegt, Polder eingedeicht, Windmühlen zur Entwässerung errichtet, um Land zu gewinnen, aber auch Dämme und Deiche entlang der Flüsse und Küsten bis hin zu den Deltawerken, dem weltgrößten Sturmflutwehr an der Südwestküste, gebaut, um das Land zu schützen. Der dem Meer abgerungene Boden sinkt mit der Zeit weiter ab, sodass über ein Viertel des Territoriums heute unter dem Meeresspiegel liegt.
Das hat zur Folge, dass die Niederlande für Wetterextreme und klimatische Veränderungen anfällig und regelmäßig von Überschwemmungen bedroht waren und sind. Diesen Kampf der Menschen gegen Wasser und Wetter hielten auch die Künstler in ihren Werken fest.
Nachdem Coevorden im 80-jährigen Krieg zu einer starken Festung ausgebaut worden war, wurde es 1672 durch Truppen des Fürstbischofs von Münster erobert. Den Holländern gelang im Winter die Rückeroberung, als die Festungsgräben zufroren. Daraufhin ließ der Fürstbischof die Vechte durch einen Damm aufstauen, um durch den Rückstau die Stadt zu überfluten und erneut zu erobern. Als der Fluss bereits in die Stadt eindrang und Häuser zum Einsturz brachte, drückte ein Sturm das Wasser gegen den neu errichteten Damm. Der Deichbruch kostete zahlreiche Bauern und nicht zuletzt auch die belagernden Truppen das Leben. Auf der Radierung reißen die unbändigen Wassermassen alles mit sich fort. Dunkle Wolken und Parallelschraffuren im Himmel deuten den Sturm an.
Die durch Menschenhand geprägte Flachlandschaft wurde ab dem späten 16. Jahrhundert zum eigenständigen Bildthema und mit ihr atmosphärische Phänomene, Wetterereignisse und dadurch verursachte Naturkatastrophen. Historisch belegte Fluten, Stürme und Deichbrüche, denen sich die Menschen ohne Frühwarnsysteme und Küstenschutz ausgesetzt sahen, fanden Eingang in die Kunst.
Auch heute ist die Gefahr für das flache Holland mit seinen langen Küsten ebenso wie für viele andere tiefliegende Gebiete und Inseln real: Der globale CO2-Ausstoß nimmt nach wie vor zu, die Erdatmosphäre heizt sich aufgrund der Emissionen weiter auf, das Schmelzen des Pol- und Grönlandeises wird den Meeresspiegel der Nordsee innerhalb der nächsten 100 Jahre um einen bis vier Meter ansteigen lassen. Bisher als sicher angesehene Küstenbefestigungen bieten dann keinen ausreichenden Schutz mehr. Auch nehmen extreme Wetterereignisse wie Starkregen oder Hitzewellen zu und gefährden Land und Leute nicht nur in Europa, sondern weltweit. Die Folgen sind Hunger, Konflikte und vermehrte Migration.
Die Radierung von Esaias van de Velde dokumentiert die Überschwemmung des Flusses Lek in Vianen bei Utrecht an einem frostklaren Januartag 1624 sowie die notwendig gewordenen Reparaturen am Deich. Die große Mulde im Vordergrund wurde durch das hereinbrechende Wasser ausgespült; auch die umgeknickten Bäume rechts zeugen von der Kraft des Wassers. Gebündeltes Reisig und Sand werden an der Bruchstelle des Deiches angehäuft.
Die Legende unterhab der Darstellung (beim Aufklappen des Bildes mittels der Lupe sichtbar) gibt über die Örtlichkeiten und das Ereignis Auskunft: Das Wasser überschwemmte das ganze Land und floss bis in die Straßen Amsterdams und dort schließlich in den IJ und die Zuiderzee. Trotz des dramatischen Ereignisses verzichtet van de Velde auf Pathos, aber er bezeugt die Mühsal, das dem Meer abgerungene, dauerhaft gefährdete Land zu schützen.
Die einzige flämische Landschaft der Ausstellung entstand nach einem heute verlorenen Gemälde des Peter Paul Rubens, das im 18. Jahrhundert Heinrich Graf von Brühl in Dresden gehörte. Schelte A. Bolswert zählt zu den wichtigsten und technisch versiertesten Stechern der großen Rubenswerkstatt, die die Kompositionen des Meisters reproduzierte und verbreitete.
Die arrangierte, imposante Szenerie mit felsigen Bergen am Meer ist in theatralisches Dämmerlicht getaucht, erhellt nur von Blitzen hinter dunklen Wolken. Die Frau links hat ihren Rock als Schutz vor dem Unwetter, das hier eine dramatische Stimmung erzeugt, über den Kopf geworfen. Die ausdrucksvollen dynamischen Linien des Kupferstichs nehmen Rubens‘ kraftvollen Pinselstrich auf und schaffen feine tonale Abstufungen und Kontraste.
Schelte A. Bolswert nach Peter Paul Rubens, Küstenlandschaft mit Gewitter, um 1638, aus der Folge der Kleinen Landschaften, Radierung
Die durch Landwirtschaft und Seefahrt geprägte holländische Gesellschaft des Goldenen Zeitalters war besonders abhängig von günstigem Wind und gutem Wetter. Wie sich die Menschen Witterungsbedingungen und Wetterextremen stellten, mit ihnen umgingen und sie abbildeten, ist Thema dieser Ausstellung und, anknüpfend an Debatten zum Klimawandel, hochaktuell.
Ludolf Backhuysen, Schiff in rauer See, aus einer Folge mit Fluss- und Meeresansichten, 1701, Radierung
Die Ausstellungsreihe
Mit der Reihe „Kabinett in der Galerie“ unterhält das Kupferstichkabinett der Staatlichen Museen zu Berlin seit 2009 einen permanenten Ausstellungsraum in der Gemäldegalerie am Kulturforum.
Im zyklischen Wechsel werden Sammlungsbestände des Hauses vorgestellt und in aktuelle Kontexte gesetzt. Das können tagesaktuelle Fragestellungen sein, Blicke in die Bestände und hinter die Kulissen, aber auch begleitende oder parallel stattfindende Ausstellungen des gastgebenden Hauses. Damit eröffnet die Reihe im Rundgang der Gemäldegalerie eine willkommene Möglichkeit zur Zusammenschau unterschiedlicher Medien und zur vertieften Auseinandersetzung mit künstlerischen Prozessen.
In Zusammenarbeit mit der Deutschen Digitalen Bibliothek werden die bislang weitgehend unpublizierten Präsentationen nach und nach im Rahmen der Online-Ausstellungen im DDBstudio einem überregionalen Interessentenkreis zugänglich gemacht und ihrer materialbedingten Kurzlebigkeit entzogen.
Die Ausstellung "Heiter bis wolkig. Wetterphänomene in der holländischen Zeichnung und Graphik" wurde vom 14. März bis zum 11. Juni 2023 im Kabinett in der Galerie gezeigt.