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Wir! 75 Jahre Grundgesetz

Eine Publikationsgeschichte

Das Grundgesetz wird 75! Vier Jahre nach Ende der nationalsozialistischen Diktatur als demokratischer Gegenentwurf konzipiert, legt das Grundgesetz Bedingungen für unser friedliches Zusammenleben fest. Es nimmt den Staat in die Pflicht, die Menschen vor Willkür und Gewalt zu schützen, und ist Ausdruck gesellschaftlicher Gerechtigkeitsvorstellungen. Nicht zuletzt wegen seiner wirkungsvollen Grundrechte haben sich die Deutschen diese Verfassung wie keine zuvor zu eigen gemacht, obwohl der Text ursprünglich als Provisorium gedacht war – bis zur überwundenen Teilung Deutschlands. Doch das Grundgesetz erwies sich als klug, anpassungsfähig und dauerhaft: Mit der deutschen Einheit von 1990 ist das provisorische Grundgesetz zur endgültigen Verfassung geworden.

Das Grundgesetz ist ein juristischer Text, auf dem staatliches Handeln beruht. Nüchtern und zurückhaltend im Stil, ist das Gesetz zugleich ein „bemerkenswert schöner Text“ – wie der Schriftsteller Navid Kermani sagt.

Die Deutsche Nationalbibliothek sammelt hunderte Ausgaben und Auflagen der Verfassung. Überraschende, vielfältige Formate und Texturen sind dabei: Comics für Kinder, Künstler*innenbücher und literarische Bearbeitungen, aber auch juristische Fachliteratur. Manche Veröffentlichungen unterliegen zeitgeschichtlichen Konjunkturen, andere erscheinen seit 1949 in schönster Regelmäßigkeit. Alle zusammen bilden einen Wissensspeicher unserer demokratischen Verfasstheit.

Der Auftrag des Grundgesetzes, ein Auftrag an die Bürger und an die Politiker in Bonn und in den Ländern muß in jeder Zeitspanne aufs Neue erfüllt werden.

Bundeskanzler Helmut Schmidt in seiner Rundfunkansprache zum 25. Bestehen des Grundgesetzes im Mai 1974

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Die Entstehung des Grundgesetzes

Die Sekretär*innen des Parlamentarischen Rats sortieren den Grundgesetzentwurf

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Das "besondere" Grundgesetz

In der DNB finden sich zahlreiche Schmuckausgaben, vertonte Versionen und vielfältige künstlerische Interpretationen des Grundgesetzes.

In der Schwebe

Dani Karavan entwirft im Jahr 2003 das Kunstwerk "Grundgesetz49", bestehend aus 19 Glasstelen, jede jeweils drei Meter hoch. Der weltweit agierende israelische LandArt-Künstler und Bildhauer hält den Flanierenden vor dem Jakob-Kaiser-Haus in Berlin die deutsche Verfassung buchstäblich transparent vor Augen: Die in das Glas gravierten Artikel 1 bis 19 scheinen förmlich vor dem angrenzenden Spreeufer zu schweben.

Das eindrucksvolle Kunstwerk Karavans schmückt die Cover einiger Publikationen zu Verfassungsfragen.

Karikiert

Mitreißend und witzig, bissig und satirisch, frech und provokant: Politik-Parodie in Bildform. Wie blicken eigentlich Karikaturist*innen auf das Grundgesetz? Immer wieder widmet sich auch das Medium Karikatur dem „Buch der Bücher“ – zum Beispiel der Mitbegründer des bekanntesten deutschen Satire-Magazins, der "Titanic", F. K. Waechter: Er ergründet Artikel für Artikel des Grundgesetzes mit subversiven und urkomischen Cartoons, eingebettet in bitterböse Aphorismen à la "Die Bürde des Menschen ist unantastbar".

Einblicke in Karikaturen verschiedener Autor*innen

… und heute? Jubiläen und Feste

Die Hamburger Kultureinrichtung "Zinnschmelze" widmete dem Grundgesetz zum 70-jährigen Jubiläum eine vielfältige Projektreihe. Das Einstehen und Bewusstsein für die eigenen Grundrechte wird durch spielerische Projekte im politischen Bewusstsein der Bevölkerung verankert: Wie steht es um das Erinnern der deutschen Vergangenheit? Was konkret müsste aus heutiger Sicht unbedingt im Grundgesetz ergänzt werden? Wie können Grundrechte in der digitalisierten Welt geschützt werden?

Deutlich mehr Jubiläen feiern konnte das Grundgesetz bisher, als seine Väter und Mütter einst angenommen hatten. Ihm zu Ehren finden vielerorts Feste, Aktionen und Events statt. Jedes Jubiläum bietet erneut die Möglichkeit der gemeinsamen Reflexion der Fortschritte und Herausforderungen, die das Grundgesetz begleiten und wird von einer Fülle neuer Medienwerke begleitet.

Grundgesetz in Kinderhände

Das Grundgesetz bildet das Fundament unserer Demokratie. Kinder und Jugendliche sind ihre künftigen Stützen. Viele wunderbar illustrierte sowie lehrreiche Bücher und Zeitschriftenhefte für Kinderhände klären über die Rechte jedes Einzelnen und den Aufbau unseres Staates auf und veranschaulichen die Regeln, die wichtig für unser friedliches Zusammenleben sind. Die Rechte von Kindern und Jugendlichen selbst sind bisher nicht im Grundgesetz festgeschrieben. Dies ist seit vielen Jahre Ziel der Initiative "Kinderrechte ins Grundgesetz".

Lernen und Verstehen

In den letzten Jahrzehnten wurden zahlreiche Lehrmaterialien erstellt, um Schüler*innen ein Verständnis für die historischen Begebenheiten rund ums Grundgesetz zu vermitteln. Diese Materialien umfassen traditionelle Lehrbücher und Übungshefte ebenso wie interaktive Online-Ressourcen. Die Vielfalt der verfügbaren Materialien spiegelt nicht nur die Veränderungen im Unterrichtsansatz wider, sondern auch die Anpassung an gesellschaftliche Entwicklungen, den Wandel im Grundgesetztext und neue pädagogische Methoden.

Von Lückentexten, Lernkarteikarten, Ausschneidebögen bis hin zu Online-Quizzen: Grundlegende Werte werden den Lernenden strukturiert vermittelt, um ein fundiertes Wissen zu den derzeitigen rechtlichen und politischen Strukturen zu ermöglichen.

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Übersetzt

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Entwicklung ist Veränderung

Wer darf das GG ändern?

Grundsätzlich ist die Verfassung wie jeder Rechtstext veränderbar. Allerdings unterliegen Veränderungen der Zustimmung einer Zweidrittelmehrheit von Bundestag und Bundesrat. Die Hürden für Veränderungen sind also – mit gutem Grund – sehr hoch gesetzt. Darin spiegelt sich nicht zuletzt der Entstehungskontext aus den Erfahrungen der Zeit des Nationalsozialismus: „Nie wieder!“. Einige Bestimmungen des Grundgesetzes dürfen niemals aufgehoben werden, dazu gehören Artikel 1 (Menschenwürde) und Artikel 20 (Staatsstruktur). So ist es in der sogenannten Ewigkeitsklausel in Artikel 79, Absatz 3 festgelegt. Die Väter und Mütter des Grundgesetzes wollten Deutschland davor bewahren, dass es irgendwann wieder zu einer Situation wie im Nationalsozialismus kommt und die Freiheitsrechte der Verfassung außer Kraft gesetzt werden.  

Der Artikel 79 Absatz 3 des Grundgesetzes aus der ersten Ausgabe des Bundesgesetzblatts vom 23.05.1949

Hüter der Verfassung

Sagt man "Ich gehe bis nach Karlsruhe", so ist gemeint, dass man das in Karlsruhe ansässige Bundesverfassungsgericht anruft. Es ist das höchste Gericht in Deutschland und damit die letzte Instanz für juristische Auseinandersetzungen. Seit 1951 wachen die Richter*innen in roter Robe in Karlsruhe über die Einhaltung des Grundgesetzes. Zum Streit und zur Anrufung des Bundesverfassungsgerichts kann es kommen, weil ein Gesetz für verfassungswidrig gehalten wird oder wenn Bürger*innen Verfassungsverstöße durch andere Gerichtsurteile beklagen. Die Entscheidungen des Karlsruher Gerichts sind unanfechtbar und alle übrigen Staatsorgane sind daran gebunden. Die Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts ist ein wesentlicher Motor für die Weiterentwicklung des Grundgesetzes und seine politische Funktion Thema zahlreicher Publikationen.

Rolf Lamprecht schildert anhand der neun Präsidentschaften die Geschichte des Bundesverfassungsgerichts

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Juristisch kommentiert

Die Menschenwürde ist präsent: Verteilung von Schlagwörtern zum Grundgesetz

Epilog

35 Jahre nach der Friedlichen Revolution kann die Frage, ob das Grundgesetz Grundlage eines gemeinsamen politischen Selbstverständnisses im vereinten Deutschland ist, mit Ja beantwortet werden. Umfragen zeigen, dass viele Menschen stolz auf das Grundgesetz und die Grundrechte sind. Dennoch sinkt die generelle Wertschätzung für die demokratische Ordnung seit einiger Zeit, und skeptische Haltungen gegenüber dem Rechtsstaat werden immer lauter. Alle Demokrat*innen sollten sich sichtbar zu den Werten unserer Verfassung bekennen. Die Deutsche Nationalbibliothek sammelt nicht nur „das Grundgesetz“, sondern gibt auch Raum für Bildung und demokratischen Austausch.