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Das Schöne in Stich und Schrift

Zum 100. Geburtstag des Künstlers Otto Rohse

Ein Leben für die Buchkunst

Otto Rohse zählt zu den bedeutendsten deutschen Buchkünstlern des 20. Jahrhunderts, dessen Werk vor allem durch die bibliophilen Bücher der Otto Rohse Presse (ORP), gegründet 1962, bekannt geworden ist.

Diese gestaltete Rohse mit einer einzigartigen Text-Bild-Beziehung, bei der er oft die Illustration (vorwiegend Holz- und Kupferstich sowie Radierung) schon während der Entstehung des Textsatzes im Blick hatte. Seine Werke zeichnen sich somit durch eine enge Verbindung von Text und Bild aus, mit sowohl inhaltlichen als auch optischen Korrespondenzen.

Als Verleger, Drucker und Graphiker in einer Person verkörperte er das Ideal eines Pressendruckers.

Otto Rohse in Klotzenmoor, Groß Borstel, Hamburg, 1990er Jahre.
Otto Rohse an der Landeskunstschule Hamburg, heute Hochschule für bildende Künste Hamburg. Ende 1940er / Anfang 1950er Jahre.
Otto Rohse, gemalt von Helene Wagenbichler, 1942.

Lebenswege

Otto Rohse wurde 1925 im ostpreußischen Insterburg (heute Tschernjachowsk, Russland) geboren und wuchs in Gumbinnen (heute Gussew) auf. Die Bekanntschaft mit Helene Wagenbichler brachte ihm schon als Schüler die Kunst nahe und er studierte zunächst Malerei. Nach dem Zweiten Weltkrieg setzte er sein Studium in Hamburg fort.

1953 begann Rohse mit ersten eigenen Buchgestaltungen und machte sich 1956 selbstständig.

Außerhalb seiner eigenen Pressendrucke arbeitete er im Laufe seines Lebens mit zahlreichen Künstlern zusammen, darunter mit dem Graphiker und Schriftkünstler Werner Bunz. 30 Jahre lang gab er die Zeitschrift Sigill: Blätter für Buch und Kunst heraus. Seine Arbeiten schmückten bibliophile Bände für Buchgesellschaften wie die Maximilian-Gesellschaft oder die Büchergilde Gutenberg, aber auch Gedichtbände, Kinderbücher, Kalender, Schulbücher und kirchliche Gesangbücher. Für die Grillen-Presse Richard von Sichowskys betreute er den letzten, posthumen Druck.

Für sein Werk wurde er mehrfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Gutenberg-Preis des Jahres 2002.

Otto Rohse verstarb 2016 in Hamburg. Er war verheiratet. Aus der Ehe gingen zwei Töchter hervor.

Otto und Marianne Rohse (zuoberst) und Künstlerfreunde. Hamburg, zweite Hälfte der 1950er Jahre.
Otto Rohse (r. hinten), Christian u. Hildegard Zwang (vorn), Hartmut Frielinghaus (l. hinten) am Stand der ORP, Frankfurter Buchmesse. 1960er Jahre.

Einflüsse

Otto Rohses Ausbildung war von vielen künstlerischen Einflüssen geprägt. Ersten Zeichenunterricht erhielt er bereits mit 15 Jahren bei Richard Thoms. 1943 begab sich Rohse in die Meisterateliers für bildende Künste in Königsberg zu Alfred Partikel, doch unterbrach der Zweite Weltkrieg seine Ausbildung.

Nach seiner Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft 1948 studierte
er an der Landeskunstschule in Hamburg. Dort bildete ihn Richard von Sichowsky zum Typographen und Buchgestalter aus und berief ihn zu seinem Assistenten. Rohse gehörte zu den ersten Schülern, die an den Publikationen von Sichowskys Grillen-Presse mitwirken durften.

Diese Erfahrung und die Begegnung mit weiteren Persönlichkeiten, wie z. B. dem Buchbinder Christian Zwang, der später für die hochwertigen Einbände der ORP verantwortlich war, legten den Grundstein für seine spätere Selbständigkeit.

Signet der Grillen-Presse Richard von Sichowskys. Holzschnitt von Gerhard Marcks. Aus: Tierfabeln des Aesop. Grillen-Presse. Hamburg 1950.
Zwei Pressendrucke der ORP in Ledereinbänden mit Blindprägungen von Christian Zwang.

Die Otto Rohse Presse

Das Hauptwerk der ORP besteht aus den Pressendrucken, deren Gesamtgestaltung und Textauswahl sowie Typographie, Illustrationen und Druck ganz von Rohse bestimmt waren. Inhaltlich beschäftigte sich Rohse in ihnen mit einer breiten Themenpalette von der Antike bis zur Neuzeit. Von Ovid über Andreas Gryphius bis Siegfried Lenz gab es viele Texte, die er (auch mit Freunden) auswählte, da diese ihm wertvoll erschienen.

Für Satz und Druck hatte er später hochqualifizierte Mitarbeiter. Bemerkenswert war seine Technik, Kupferstiche durch Auseinandersägen der Platte mehrfarbig zu drucken, und die Idee, den typischen Plattenrand der Kupferdrucke bei der Buchgestaltung über den Rand hinauslaufen zu lassen und somit wegzuschneiden.

In der ORP erschienen bis 2001 insgesamt 52 Drucke.

Pressendrucke in Leder, Halbleder und Pappe. Einbände von Christian Zwang, 1967 bis 1991.

Zeichnung und Druck

Ohne das zeichnerische Œuvre ist das gesamte Werk von Otto Rohse undenkbar. Schon in seiner Jugend im ostpreußischen Gumbinnen begann er zu zeichnen. Etwas später – und aus der Zeit stammen die ersten erhaltenen Zeichnungen – entstehen in der Gefangenschaft, zwischen 1944 bis 1948 in Schottland, klassisch anmutende Zeichnungen nach der Natur, sorgfältig durchgearbeitet mit Liebe zum Detail.

Zeichnung OR, entstanden während der Kriegsgefangenschaft in Schottland, 1947.
Kiste mit Sticheln für den Kupfer- und Holzstich.

Im Gegensatz zu dem aus Linien bestehenden Kupferstich bietet der Holzstich die Möglichkeit, auch flächig zu arbeiten. Beim Holz-STICH wird anders als beim Holz-SCHNITT in das außerordentlich harte Hirnholz der aus Buchsbaum-Quadraten zusammengeleimten Platte gestochen, sodass feinere Linien als beim Holzschnitt möglich sind.

Die Werkzeuge sind die gleichen wie beim Kupferstich. Jedoch drucken nicht die vertieften Teile, sondern die hochstehenden, wie bei einem Stempel. Auch hier wird der Entwurf seitenverkehrt mit Tusche auf den Holzstock gezeichnet.

Der Holzstich eines kretischen Olivenhains verdeutlicht, welche räumliche Wirkung aus dem Wechsel von Linie und Fläche entsteht.

Diverse Schraffuren – von den zartesten zu kräftigen, engen und weiten, solche, die sich in Punkte auflösen oder häufig ihre Richtung wechseln – dieses Geflecht aus Grauschattierungen setzt Rohse in Kontrast zum flächigen Schwarz. Das fadenartige Flirren und Gewirr der Linien lässt die feinen Blätter erkennen. Die Außenformen der Flächen und einige sparsame weiße Linien in ihnen markieren knorrige, alte Stämme und Äste.

Dieser Holzstich – es soll der größte sein, den Otto Rohse gestochen hat – ist mit der Differenzierung der Linien in Verbindung und Abgrenzung zu den Flächen einer der spannendsten, die der Künstler geschaffen hat.

Olivenbäume/Kreta. Ausschnitt aus dem Holzstich. Aus: Kretische Reise. 34. Druck der ORP. Hamburg 1989.
Briefmarkenentwurf „Thesenanschlag“, 1967.

Graphische Besonderheiten

Die Lebendigkeit seiner Kupferstichentwürfe verdankt sich den unerschöpflichen graphischen Variationen, die Rohse erfand. Eindrücklich ist beispielsweise sein nicht realisierter Entwurf für die Luthermarke 1967. Einem historischen Bauensemble angemessen, betonte Rohse mit graphischen Mitteln die Vielgestaltigkeit der Eisenacher Burganlage: Jede Schraffur ist anders, kein Dach gleicht dem anderen.

Architekturmotive

Rohses filigrane Linienkunst und Sensibilität für die Eigenart historischer Bauten prädestinierten ihn für Architekturdarstellungen. Dies gilt für seine großformatigen Werkserien genauso wie für das Kleinformat der Briefmarke. Wenn seine Markenentwürfe stets ihren handwerklichen Charakter bewahrten, passte das gut zu den darzustellenden Bauwerken.

So war es fast zwangsläufig, dass Rohse den Gestaltungswettbewerb für die bundesdeutschen Marken zum Europäischen Denkmalschutzjahr 1975 gewann. Trotz seiner sachlich-aufgeräumten Kupferstichgraphik und der Nähe zur Architekturzeichnung stach Rohse nie neutrale Abbilder, keine technischen Zeichnungen. Statt dessen vermittelte er Charakter: den einzigartigen des Bauwerks und den unverwechselbaren des Otto-Rohse-Stils.

Die „kleinen Werke“

Wenngleich die Buchveröffentlichungen der Otto Rohse Presse unbestritten die Krönung seines Schaffens bilden, so wirkte Otto Rohse auch in zahlreichen anderen Formen als Gestalter und Graphiker, von eher flüchtigen Druckerzeugnissen in eigener Sache (Prospekte) über Jahresgaben von renommierten Papier- und Druckunternehmen, kleinen Publikationen zu öffentlichen Kulturveranstaltungen bis hin zu rein kommerziellen Auftragsarbeiten. Ganz gleich welcher Anlass, zeigen Otto Rohses Werke stets das Streben um den vollendeten klaren Ausdruck mit der ihm eigenen Formensprache.

Jahresgaben

Eine besondere Gattung stellen die Jahresgaben dar, mit denen Vereine oder Unternehmen ihre Mitglieder oder Kunden mit kleinen Kunstwerken beschenken, üblicherweise zu Weihnachten oder Neujahr.

Im kommerziellen Bereich heute selten geworden, lässt sich an den diversen Jahresgaben, die Otto Rohse unter anderem für die Hamburger Papiergroßhandlung Hermann Radecke übernahm, die enge Beziehung zwischen Künstler und Fachhändler ablesen.

Erinnerungen

Hubert Kiecol, langjähriger Mitarbeiter der Otto Rohse Presse, berichtet:

„Mitte der 60er Jahre begann ich meine Lehre als Schriftsetzer im Druck- und Verlagshaus in meinem Heimatort. Endlich gehörte ich zu den Erwachsenen und die Welt war groß.

Nach drei Jahren Lehre und zwei Jahren als Geselle zog ich nach Hamburg und besuchte dort die Werkkunstschule. Schon zu Beginn erfuhr ich in der Druckwerkstatt, daß Otto Rohse einen Schriftsetzer suchte.

Ich begann also die Arbeit in der O R Presse. Zuerst mit Otto Rohse zusammen, in Barmbek im Souteraingeschoß. Im Geschoß darüber befand sich die Buchbinderei von Christian Zwang.

Die Welt im Tieloh, die Straße in der sich die Presse befand, war mir eine vorher nicht bekannte und hatte wenig mit meiner ersten Umgebung als Setzer gemeinsam. Allein die filigranen Holz- und Kupferstiche in ihren sehr zurückgenommenen Farben waren in dieser Zeit eine mir unbekannte Insel.

Nach den Jahren mit abstraktem Expressionismus und lauter Pop Art gab es diese vollkommen andere Welt.

Ich begann mit Andreas Gryphius’ Sonetten. Mein Verhältnis zur Schrift, zur typografischen Gestaltung wurde ein ganz anderes, Neues. Der Satz von Richard von Sichowsky, dem Lehrer Otto Rohses, „Es gibt nichts Schöneres als eine gut ausgeglichene Antiqua-Versalzeile”, begann hier für mich eine Bedeutung als Zusammenfassung für ein Typografieverständnis zu bekommen. Ich setzte Gryphius, Gottfried Benn, Annette von Droste-Hülshoff, Johannes Bobrowski.      

Das alles in den 70er Jahren, als sich in der Kunstakademie, an der ich inzwischen war, der lähmende Stillstand, der seit Ende der 60er Jahren aus politischen Gründen vorhanden war, langsam löste. Ulrich Rückriem kam an die Akademie, es wurde draußen Tag und Nacht am Stein gehämmert - es durfte wieder gearbeitet werden. Sigmar Polke war da und die Musik kam aus England und war laut und hart. 

Nachts Bier und Härteres und laute Bässe in der vollgestopften und -gerauchten „Marktstube”. Am nächsten Tag wieder Franzbrötchen und schwarzer Tee aus dem Otto-Lindig-Geschirr. „London calling” von Clash und anderes von den Ramones und am nächsten Tag wieder Gryphius und Benn. Weiter konnte die Schere nicht auseinandergehen.

Mit Abstand scheint es sehr exotisch, diese zwei gegensätzlichen Welten zusammen zu sehen.

Aber es hat stattgefunden und zu den Punk-Texten und der klaren und erdigen, elementaren Sprache von Gryphius empfand ich eine Verbindung. Besonders samstags, wenn ich wußte, daß die Freunde schon an ihren Orten waren, habe ich gerne lange in der ruhigen Werkstatt, im Kellergeschoß, gearbeitet. Danach konnte ich mich dann gut auf das Gegenteil einlassen.

Das, was man bei Otto Rohse als parallel oder gegen die Zeit arbeiten sehen kann, heißt aber, daß jemand eine große Freiheit hat und seinen eigenen Weg beständig gehen kann, vollkommen unabhängig vom dauernd wechselnden Zeitgeist. Diese Unabhängigkeit, seinem Weg zu folgen und die eigenen Ansprüche zu erfüllen, habe ich damals erleben dürfen. Allein, sich zwischen dem ersten und zweiten Band von Andreas Gryphius, Ausgewählte Sonette Gedichte und Epigramme, sieben Jahre Zeit zu nehmen, ist ein Beispiel dafür.

Ich habe viele Seiten im Handsatz hergestellt und kleine Auflagen auf dem Tiegel, mit Handanlage, gedruckt. Die Zurichtung mit Seidenpapier auf dem Tiegel, für die Holzstiche mit dunklen Flächen und sehr feinen Linien, war eine besondere Herausforderung.

Es war eine Freude, am Satz und danach die Seiten gedruckt auf dem Bogen zu sehen. Die Autoren, die ich durch die Presse kennenlernte, haben den Kosmos in der unruhigen Zeit damals sehr erweitert.  

Eine sehr wichtige Arbeit war die Herstellung von dem erst als Sigill, in zwei Heften, erschienenen Römischen Alphabet von Werner Bunz. Die über 140 Holzschnitte zur Konstruktion jedes Buchstaben, dazu die jeweils wenigen, klaren Sätze von Bruno Snell pro Zeichen, waren ein Erlebnis im Lesen und im Setzen der Zeilen. Wenn es bis dahin nur ein einfaches Verständnis zur Antiqua gab, war danach ein großer Respekt vor jedem einzelnen Buchstaben und seiner Entstehung vorhanden. Eine elementare Erfahrung.

Daß ich in den 70er Jahren die Nähe zu einer gewachsenen Hochkultur, zusätzlich zum Aufenthalt an der HfbK Lerchenfeld, erfahren durfte, empfinde ich als großes Glück und Bereicherung.

Als ich Otto Rohse das letzte Mal in seiner Wohnung im Klotzenmoor besucht habe, saß er mit einer Wolldecke auf den Knien in seinem Sessel. Nach nicht langer Zeit waren wir wieder bei den Eigenarten und Feinheiten der Walbaum, Garamond und Bembo und diese große, reiche Welt war wieder vollkommen gegenwärtig. Nur durch Otto Rohse und die Arbeit in seiner Presse habe ich die Bedeutung und Schönheit von Schrift und Typografie erfahren können.”

Drucktiegel in der Werkstatt im Tieloh, Hamburg.

Nachwirkung

Otto Rohse stellte sich die Frage, ob der Beruf des Buchkünstlers im digitalen Zeitalter ein Anachronismus sei — eine Frage, die heute aktueller ist denn je.

Rohse betonte die Bedeutung der Materialität des Buches und der sorgfältigen Gestaltung. Seine Drucke sind nicht nur ästhetische Objekte, sondern tragen auch zur Wahrnehmung und Wertschätzung des Textes bei. Sein Werk zeigt, wie eine enge Verbindung von Text, Bild und Material zu einem einzigartigen und bleibenden kulturellen Beitrag führt.

Heute beeinflusst die handwerkliche Buchkunst weiterhin die Massenproduktion und bleibt als Qualitätsmaßstab unverzichtbar. So ist trotz der massenhaften Produktion von Taschenbüchern und digitalen Formaten die Arbeit eines Pressendruckers auch in Zukunft von nachhaltiger Bedeutung. 

Bedeutende Sammlungen finden sich im Gutenberg-Museum Mainz (Werksarchiv), im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg (Werkstatt, sowie weitere Werke), in der Johannes a Lasco Bibliothek Emden (originale Druckstöcke und Platten) sowie im Deutschen Buch- und Schriftmuseum Leipzig (Sammlung Pfäfflin mit Rara und Korrespondenz).