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Pädagogen als (Er-)Neuerer

Die Pädagogischen Lesungen als Wegbereiter für Innovationen in der DDR-Pädagogik

Aus heutiger Sicht kann ich sagen, dass die Pädagogischen Lesungen im weiteren Sinne das Beste waren, was die Schulpolitik der DDR jemals ins Leben gerufen hat.

Johanna-Ruth Kraft, Mitarbeiterin der Gewerkschaft Unterricht und Erziehung, Aufgabenbereich „Pädagogische Lesungen“ (in einem Interview  2019)

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Pädagogische Lesungen – Was ist das?

Eine Einführung

Pädagogische Lesungen wurden seit den 1950er Jahren von Pädagog*innen der DDR mit dem Ziel verfasst, eigene berufliche Erfahrungen für ihre Kollegen*innen nutzbar zu machen. Lesungen sind zu allen Bereichen des DDR-Bildungs- und Erziehungswesens entstanden, vom Kindergarten über allgemeinbildende Schulen, Hilfsschulen und Berufsschulen bis hin zur außerschulischen Erziehung. Das Themenspektrum der etwa 30 bis 50 Seiten langen Werke umfasste alle schulischen Unterrichtsfächer sowie ihre Didaktik und Methodik, ebenso wurden allgemeinpädagogische und psychologische Fragen behandelt. Der Begriff Pädagogische Lesungen bezieht sich jedoch nicht nur auf die schriftliche Fixierung der Erfahrungen, sondern bildet ein System aus Niederschriften und einem umfassenden Weiterbildungsprogramm für Pädagog*innen in Form der Präsentation ausgewählter Lesungen bei Veranstaltungen auf regionaler und nationaler Ebene. Ziel war die Sicherstellung einer systematischen und zentralisierten Weiterbildung aller Pädagog*innen.

Pädagogische Lesung im Originalformat

An jeder Schule gibt es einen reichen Schatz an Erfahrungen. Jeder kann von jedem etwas lernen.

In den Fachzirkeln, Fachkommissionen, auf Fachkonferenzen, in planmäßigen Veranstaltungen und gewerkschaftlichen Beratungen muß der Erfahrungs- und Meinungsaustausch noch stärker ins Zentrum rücken.

 

Margot Honecker, 1963-1989 Ministerin für Volksbildung der DDR auf dem VIII. Pädagogischen Kongress 1978

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Wie entstand eine Pädagogische Lesung?

Die Pädagogischen Lesungen waren ein Novum, ein Wegbereiter hin zu einer offenen und schöpferischen Atmosphäre. Das gilt für die realistische Darstellung gesammelter Unterrichtserfahrungen ebenso wie für den Erfahrungsaustausch während der Zentralen Tage der Pädagogischen Lesungen. Damit bildeten die Pädagogischen Lesungen auch in ihrem organisatorischen Umfang eine bis dahin außergewöhnliche Grundlage der Weiterbildung von Lehrern und Erziehern.

Johanna-Ruth Kraft, Mitarbeiterin der Gewerkschaft Unterricht und Erziehung, Aufgabenbereich „Pädagogische Lesungen“ (in einem Interview  2019)

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Die Zentralen Tage der Pädagogischen Lesungen

Dezentrale Tage zum Erfahrungsaustausch

Nicht nur auf nationaler Ebene, sondern auch in den Kreisen und Bezirken fanden vielfältige Veranstaltungen statt, um die Distribution guter Erfahrungen zu gewährleisten und Gelegenheiten zum Erfahrungsaustausch zu bieten.

Die Entwicklung des wissenschaftlichen Lebens, des Erfahrungsaustausches an der Schule wird uns schneller voranbringen und verhindern, daß sich Routine in der pädagogischen Arbeit breitmachen kann.

Margot Honecker, 1963-1989 Ministerin für Volksbildung der DDR auf dem VIII. Pädagogischen Kongress 1978

Aktuelle Kamera (Ausschnitt) – Hauptausgabe vom 23.02.1987

Berichterstattung in der Presse

Die Zentralen Tage der Pädagogischen Lesungen waren einer der Höhepunkte innerhalb des Weiterbildungssystems der DDR. Nicht nur, dass alle wesentlichen pädagogischen Fachverlage bei den Veranstaltungen vertreten waren (und später darüber berichteten), auch die Tagespresse und die wichtigste Nachrichtensendung der DDR, die allabendlich ausgestrahlte „Aktuelle Kamera“, berichteten jedes Jahr. Dieses beachtliche Interesse ist Indikator dafür, wie viel man tat, dem pädagogischen Personal der Republik öffentlich und demonstrativ große Wertschätzung zuteilwerden zu lassen.

Zahlen, Akten & Fakten

Über die Zentralen Tage in Ludwigsfelde gab es ab den frühen 1970er Jahren eine umfangreiche Berichterstattung. Diese umfasste neben dem gesamten Auswahlprozess statistisches Material zur Planung und Durchführung der Zentralen Tage der Pädagogischen Lesungen. Diese Aktenbestände der Akademie der Pädagogischen Wissenschaften (APW) sowie ihrer Vorgängereinrichtung Deutsches Pädagogisches Zentralinstitut (DPZI) sind im Archiv der Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung Berlin (BBF)  einsehbar, die Akten der Gewerkschaft für Unterricht und Erziehung (GUE) lagern heute im Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde.

Distribution durch Publikationen

Zahlreiche Fachverlage publizierten regelmäßig Auszüge aus ausgewählten Pädagogischen Lesungen. Auch die Gewerkschaft für Unterricht und Erziehung fungierte regelmäßig mit eigenen Reihen als Herausgeber erfolgreicher Pädagogischer Lesungen.

Publikation ausgewählter Pädagogischer Lesungen durch die GUE (1988)

Mit den Pädagogischen Lesungen wollte man Neues und deshalb Innovatives, Schöpferisches ausfindig machen und verbreiten.

Johanna-Ruth Kraft, Mitarbeiterin der Gewerkschaft Unterricht und Erziehung, Aufgabenbereich „Pädagogische Lesungen“ (in einem Interview 2019)

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Zeitzeug*innen

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Vom Ende eines ambitionierten Experiments

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Die Pädagogischen Lesungen – Eine Erfolgsgeschichte?

Bei aller Wertschätzung des Formats als bis heute nicht wiederholte direkte Erfahrungsweitergabe von Pädagog*in zu Pädagog*in in beachtlicher geografischer Breite darf der Aspekt der zentralistischen Steuerung des so akkumulierten Erfahrungswissens nicht aus dem Blickfeld geraten: Mit der Selektion auf mehreren Ebenen hatten die Organisator*innen beträchtlichen Einfluss auf den Distributionsprozess. Wie stark dieser geltend gemacht wurde, ist bis dato nur teilweise erforscht. Auch scheint es sowohl im Laufe der Zeit wie auch regional Unterschiede gegeben zu haben. Die mittelbare, aber deutlich erkennbare Anbindung an das Ministerium für Volksbildung war wohl auch der Grund, warum man die Arbeit mit den Pädagogischen Lesungen unmittelbar nach dem Ende der DDR ohne intensivere qualitative Bewertung oder differenzierte Betrachtung der Arbeitsprozesse und Akteur*innen einstellte und auch Bemühungen um eine Wiederbelebung in den Nachwendejahren erfolglos blieben.

Mir hat an den Pädagogischen Lesungen besonders gefallen, wie stark sie den Erfahrungsaustausch beförderten – mit den Kolleg*innen, aber auch mit Vorgesetzten. Ich gab ja meine Erfahrungen nicht nur weiter, sondern bekam auch viele Empfehlungen und Rückmeldungen, die meine eigene Arbeit bereicherten.

Gerhard Hamann, Verfasser von zwei Pädagogischen Lesungen (1977 und 1982) im Fach Sport (in einem Interview 2020)

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Pädagogische Lesungen heute