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Die Reformatoren

Gemälde von Andrej Chizhov (Ukraine)

Digitale Bildpräsentation aus der Bibliothek

Zum Reformationstag lädt die Hochschulbibliothek zu einer Online-Bildpräsentation mit Vortrag ein. Das Datum der Eröffnung ist bewusst gewählt: Der 31. Oktober ist ein Gedenktag, der an den Thesen­anschlag Martin Luthers gegen Missstände in der damaligen Kirchenpraxis erinnert. Das Team der Hochschulbibliothek lässt die Zuschauer digital in seine Ausstellung „Wenn uns die Reformatoren heute besuchen würden …“ schauen. Bibliotheksleiter Raul Cervantes beschreibt das Anliegen so: „In dieser Corona-Situation soll Kultur in Friedensau nicht zu kurz kommen. Deshalb bedarf es nur eines Klicks – und die Zuschauer stehen vor den Porträts der Reformatoren, die momentan in der Bibliothek ausgestellt sind, wegen der Bibliotheks­schließung jedoch nicht mehr direkt angeschaut werden können. Dazu erklärt der Referent, Kirchenhistoriker Dr. Johannes Hartlapp, in seinem Vortrag die Bedeutung der einzelnen Persönlichkeiten in jener Zeit vor 500 Jahren und für uns heute.“

„Wenn uns die Reformatoren heute besuchen würden…“ – wir Menschen im 21. Jahrhundert nehmen das Recht auf Bildung, den Schulbesuch für alle Kinder, die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau, die Trennung von Staat und Kirche – um nur einiges zu nennen, fast als selbstverständlich. Die Reformation vor 500 Jahren hat dieses alles inspiriert. Lernen wir gemeinsam die Personen näher kennen, die für die Reformation stehen.

Die Theologische Hochschule Friedensau ist eine staatlich anerkannte Hochschule in Träger­schaft der Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten. Hier können acht B.A.- und M.A.-Studien­gänge – zum Teil berufsbegleitend – in den Fachbereichen Christliches Sozialwesen und Theo­logie sowie ein Kurs ‚Deutsch als Fremdsprache‘ belegt werden. Etwa 30 Nationen sind unter den Studierenden und Lehrenden vertreten.

Petrus Waldus

(um 1140 – um 1218)

Petrus Waldus war ein sehr vermögender Kaufmann in der südfranzösischen Stadt Lyon. Er widmete sich dem Bibelstudium und beauftragte den Priester Stephan von Anse, die lateinische Bibelübersetzung, Vulgata, in den südfranzösischen Dialekt zu übersetzen, damit auch das einfache Volk die Bibel verstehen konnte.

Während einer Hungersnot 1176/77 erfuhr Waldus ein Erweckungserlebnis. Dieses veranlasste ihn, seinen Reichtum den Armen zu geben. Von nun an führte er ein Leben als mittelloser Wanderprediger mit dem Ziel, das wahre Evangelium zu verbreiten. Viele Menschen waren von ihm und seiner Botschaft begeistert und schlossen sich seiner Bewegung an. Man nannte diese Bibelbewegung „die Armen von Lyon“ oder auch „Waldenser“.

Aufgrund ihrer Kirchenkritik und ihrer biblischen Glaubensausrichtung wurden sie bald von der römisch-katholischen Inquisition als Ketzer verfolgt. Von allen vorreformatorischen Bewegun­gen des Mittelalters überlebten nur die Waldenser die Verfolgung durch die Kirche. Ihre Gemeinden bestehen bis heute (in Italien, in der Schweiz, in Deutschland und in Südamerika).

Die Freikirche der Siebenten-Tags Adventisten will von dem Mut der Waldenser lernen, dem Evangelium auch in Bedrängnis und in schwierigen Zeiten treu zu bleiben. Sowohl das Weiterdenken als auch das Festhalten an biblischen Erkenntnissen haben Petrus Waldus und seine Bewegung eindrücklich vorgelebt.

John Wycliff

(um 1330 – 1384)

John Wycliff entstammt einer kleinadligen Familie aus Yorkshire, England. Nach erfolgreichen Studien der Theologie wird er 1372 in Oxford zum Doktor promoviert. Er wird Professor in Oxford und tritt dann in den Dienst des Königs von England. In dieser Position bezieht er Stellung gegen die Autorität des Papstes und der Kirche. Er lehnte den Handel mit Ablassbriefen, den Zölibat und die Reliquien- und Heiligenverehrung ab. Auch das katholische Abendmahlsverständnis wurde von ihm kritisch hinterfragt.

Dies führte zu Spannungen mit der herrschenden Kirche. Auf einer vom Erzbischof von Canter­bury einberufenen Synode wurden die Schriften Wycliffs als ketzerisch eingestuft, wodurch er seine Ämter am Hof verlor. Bis kurz vor seinem Lebensende hielt er sich von der Politik zurück und widmete sich seiner Übersetzung der lateinischen Bibel, der Vulgata, ins Englische.

Ab etwa 1400, kurz nach seinem Tod, begann die Verfolgung seiner Anhänger. Später wurde sogar sein Leichnam ausgegraben und öffentlich verbrannt. Trotzdem nahmen seine Thesen und Ideen Einfluss auf das spätere reformatorische Geschehen.

Adventisten sehen in Wycliff jemanden, der seiner Zeit weit voraus war und sich auf die Grundlagen der heiligen Schrift bezog, selbst, wenn er noch nicht zur vollen reformatorischen Erkenntnis durchgedrungen war.

Erasmus von Rotterdam

(um 1466 – 1536)

Erasmus von Rotterdam war einer der bedeutendsten Humanisten und gilt als Wegbereiter der europäischen Aufklärung. Seine humanistischen Ideen übten einen großen Einfluss auf das reformatorische Geschehen seiner Zeit aus.

Erasmus war ein Vielschreiber und hat nach heutigen Erkenntnissen etwa 150 Bücher verfasst. Darüber hinaus sind über 2000 Briefe von ihm erhalten. Wegen seiner feinen Ausdrucksweise genossen seine Briefe in Europa große literarische Aufmerksamkeit.

Trotz anfänglicher Sympathien scheiden sich die Wege Luthers und Erasmus’. Der Streit entzündete sich an der menschlichen Willensfreiheit. Luther brach mit der römisch-katholischen Kirche, während Erasmus diesen Mut nicht aufbrachte. Persönlich blieb er ein Zweifler und unterwarf sich der Autorität der Kirche.

Zwar können Adventisten viele Erkenntnisse und Ansichten von Erasmus nicht teilen, doch bleiben seine irenische Einstellung und das humanistische Streben, nach den Wurzeln des Christentums zu forschen, besonders durch genaue Kenntnisse der biblischen Sprachen, Hebräisch und Griechisch, vorbildhaft.

Huldrych Zwingli

(1484 –1531)

Zwingli war ein Schweizer Seelsorger und Gemeindepfarrer. Seine Genesung von der Pest 1519 war für ihn ein glaubensstärkendes Schlüsselerlebnis. Durch den Erfolg der Wittenberger Reformation fühlte sich Zwingli ermutigt und strebte nach einer reformatorischen Erneuerung in Zürich. Er wurde dazu von vielen Schriften und Thesen Luthers inspiriert.

Am 29. Januar 1523 stimmte der Stadtrat von Zürich den 67 Thesen Zwinglis zu und ebnete damit der Reformation den Weg.

Doch es herrschten auch Uneinigkeit und Streit zwischen Luther und Zwingli. Den Höhepunkt des Konflikts bildete der Abend­mahlstreit. Während Luther eine reale Präsenz Jesu in Brot und Wein sah, war Zwingli vom Abendmahl als Symbolhandlung überzeugt, eine Sicht, die später der Reformator Calvin weiter ausführte.

Zwingli und Calvin gründeten die „Reformierte Kirche“ in der Schweiz, die neben dem Luthertum die zweite große reformatorische Bewegung darstellte.

Siebenten-Tags-Adventisten würdigen besonders Zwinglis Verständnis vom Abendmahl und die Betonung des christlichen Lebens in der Nachfolge (Heiligung), wie sie die Schweizer Reformatoren konsequent forderten.

William Tyndale

(1484 – 1536)

William Tyndale war ein englischer Gelehrter und Priester. Er nahm verschiedene reformatorische Lehren an und geriet in den Ruf eines Häretikers.

Weil die englische Bibelübersetzung Wycliffs verboten wurde, plante er selbst eine Übersetzung anzufertigen. Dies wurde ihm verwehrt. So reiste er nach Deutschland, wo er seine Übersetzung wohl in Wittenberg anfertigte. In Worms wurden schließlich rund 3000 Exemplare seines „The New Testament“ gedruckt und auch nach England verschifft.

Rund 100 Jahre vor dem Druck der King James Bibel war seine Übersetzung zwar nicht die erste im Englischen, jedoch durch den Buchdruck weit verbreitet.

Seine Übersetzung der Bibel und seine Kritik an König und Papst führten 1536 schließlich zu seiner Verurteilung als Ketzer. Er wurde bei Brüssel auf dem Scheiterhaufen verbrannt.

Martin Luther

(1483 – 1546)

1505 wandte sich Luther nach dem Willen seines Vaters dem Studium der Rechtswissenschaften zu. Doch er geriet in eine Lebenskrise. In einem schweren Sommergewitter am 2. Juli 1505 soll ihn Todesangst zu einem Gelübde veranlasst haben. Luther trat in den Erfurter Orden der Augustiner-Eremiten ein und wurde Mönch. Einige Jahre später erhielt er den Doktor der Theologie und unterrichtete an der Wittenberger Universität.

Am 31. Oktober 1517 schlug er seine Thesen an der Schlosskirche in Wittenberg an. In diesen Thesen kritisierte er in erster Linie den Ablasshandel und forderte einen theologischen Diskurs zu dieser kontroversen Frage. Der Thesenanschlag wird als der Startpunkt der Reformation betrachtet. Der Konflikt zwischen Luther und der Römischen Papstkirche begann. Um ihn zunächst vor dem Zugriff der Kirche zu schützen, wurde Luther von Freunden auf der Wartburg bei Eisenach versteckt.

Dort übersetzte er das Neue Testament ins Deutsche. Nach seiner Rückkehr nach Wittenberg übernahm Luther wieder die führende Rolle im reformatorischen Wirken. Gottesdienste wurden von nun an auf Deutsch und nicht mehr auf Lateinisch gehalten und die Abendmahlsfeier wurde in beiderlei Gestalt, also mit Brot und Wein, praktiziert.

Schon lange ging es nicht mehr nur um Kritik am Ablasshandel. Luther entwickelte eine neue Theologie, gegründet allein auf die Heilige Schrift (Sola Scriptura), mit der Rechtfertigungslehre allein aus Gnade (Sola Gratia) im Mittelpunkt. Der Mensch hat keine Verdienste vor Gott, sondern wird allein aus Gnade durch das Opfer Christi am Kreuz erlöst.

Ursprünglich wollte Luther nicht die Kirche spalten, sondern sie reformieren. Doch seine Bibeltheologie und seine vehemente Kritik an Papst und Kirche ließen dies nicht zu. Es entstand eine neue evangelische Bewegung, die die Welt veränderte.

John Calvin

(1509 – 1564)

In eine wohlhabende französische Familie geboren, studierte Calvin Jura und Theologie. Er gehörte zur humanistischen Bildungselite seiner Zeit. Der ursprünglich treue Katholik fand während seines Studiums Zugang zu den reformatorischen Ideen, bis er sich in den 1530er Jahren offen zum evangelischen Glauben bekannte.

Dieser Sinneswandel war auch der Grund, warum er fliehen musste, bis er schließlich auf Umwegen in Genf landete. Unter seiner Leitung wurde Genf die neue Hochburg des Protestantismus in der Schweiz.

Obwohl er mit Luther viele theologische Anliegen teilte, setzte Calvin in seiner Theologie eigene Akzente. Er war auf Sittlichkeit und Einfachheit bedacht, sprach sich für Kirchensäle ohne Bilder und Verzierungen aus und plädierte für eine Musik ohne Instrumente. Spannungsreich ist bis heute seine Lehre von der doppelten Prädestination (Vorherbestimmung).

Calvin selbst ist Luther nie begegnet und zählt zur zweiten Generation der Reformatoren.

Noch heute ist der „Calvinismus“ prägend für weite Teile der protestantischen Welt, besonders auch im angloamerikanischen Raum.

Die Heiligungslehre Calvins und sein Streben, Gott im Leben die höchste Ehre zu geben („Soli Deo Gloria“), übte einen großen Einfluss auf viele Kirchen und Freikirchen aus. Methodisten, Baptisten und auch Adventisten sind vom Calvinismus beeinflusst.

John Knox

(1514 – 1572)

John Knox war der Reformator Schottlands. Schon während seines Studiums der Theologie und des Rechts kam er mit den Thesen Luthers in Kontakt. Nach der Hinrichtung des Theologen George Wishart, dem er nacheiferte, schloss er sich einem Aufstand an, was ihm zwei Jahre Galeerenhaft einbrachte.

Nach der Thronbesteigung der katholischen Königin Maria floh Knox nach Genf, wo Calvin wirkte. Knox wurde ein entschiedener Anhänger von Calvins Reformation. In dieser Zeit fertigte er auch eine Bibelübersetzung ins Englische an, die so genannte „Genfer Bibel“.

Seine Rückkehr nach Schottland ebnete der calvinistischen Reformation in diesem Land dem Weg. Heftige Konflikte mit der Regentin von Schottland, Marie de Guise, und ihrer Tochter Maria Stuart prägten sein Leben.

Philipp Melanchthon

(1497 – 1560)

Philipp Melanchthon, eigentlich Philipp Schwartzerdt, war ein humanistischer Universal­gelehrter und engster Mitstreiter Luthers. Er wirkte mit ihm zusammen in Wittenberg. Gemeinsam verfassten sie viele reformatorische Schriften sowie Schul- und Gottesdienstordnungen und arbeiteten an der Bibelübersetzung.

Melanchthon war der erste, der eine zusammenhängende evangelische Dogmatik verfasste.

Auch die „Confessio Augustana“, das erste offizielle protestantische Glaubensbekenntnis, stammte aus seiner Feder. Durch seine Stellung als Rektor der Wittenberger Universität und seine pädagogi­schen Fähigkeiten wurde er schon zu Lebzeiten als „Praeceptor Germaniae“, als „Lehrer Deutschlands“ bezeichnet.

Nach dem Tod Luthers 1546 wurde er zur führenden Persönlichkeit der Wittenberger Reformation. Mit seinem irenischen Geist suchte er, anders als Luther, über alle Differenzen hinweg die Verständigung mit der katholischen Kirche. Seinem großen Lehrer und Freund blieb er, trotz mancher Meinungsverschiedenheit, bis zu seinem Lebensende treu.

„Der Mensch besitzt Entscheidungsfreiheit, das Gute zu tun und seine Handlungen zu steuern.“ Die Ursache der Sünde sah Melanchthon in der missbrauchten Freiheit. Dieser Sicht in Verbindung mit der Überzeugung, allein aus der Gnade Gottes errettet zu sein, bildet auch den theologischen Standpunkt der Adventisten ab.