Römische Antike an Rhein und Neckar: Gräber und Totenkultur
Eine virtuelle Ausstellung von
Lopodunum, A.D. 93
Es ist ein heißer Sommertag. Erst gestern hat es so sehr geregnet, dass zur Hitze auch noch eine erschlagende Schwüle hinzukommt. Es ist ein solcher Tag, an dem Titus Valerius Capito, der vor wenigen Wochen schwer erkrankt ist, im Sterben liegt. Der 47-jährige Römer lebte schon seit Jahren in der erst vor Kurzem offiziell in das Römische Reich eingegliederten Provinz Germania superior (Obergermanien). Titus kam als junger Mann hierher und diente als Legionär, um die germanischen Barbaren jenseits des Limes fernzuhalten. Als Dank bekam er schließlich eine Parzelle in dem Land, dessen Grenzen er so lange verteidigte. Mühsam kultivierte er seinen Besitz. Legte Felder trocken, baute sich und seiner neuen Familie ein Heim, bekam Kinder und wurde ein angesehener Bürger der Gemeinde von Lopodunum (Ladenburg). Wir schreiben das Jahr 93 n. Chr. zurzeit Kaiser Domitians. Titus' Familie kommt, um sich von ihm zu verabschieden.
Ein Leben an der Grenze
Unsere Geschichte beginnt in der Stadt Ladenburg in der Kurpfalz. Einer Stadt, die Bestandteil einer Metropolregion Rhein-Neckar ist, in welcher mehr als zwei Millionen Menschen leben und in der sich kleinere und größere Städte dicht aneinanderreihen. Es ist eine Region, die gerade durch den Rhein, der eine Grenze zwischen Baden und der Pfalz bildet, durchschnitten wird. Doch ist dieses Bild so tatsächlich korrekt?
Vor rund zweitausend Jahren befinden wir uns in Lopodunum, einer von der römischen Legion errichteten Festungsstadt, die erst vor wenigen Jahren als “Germania Superior” oder auch Obergermanien den Provinzstatus innerhalb des Römischen Reichs erlangt hatte. Es ist ein Grenzgebiet und Kontaktzone zwischen verschiedenen germanischen Stämmen und Römern.
Tod am Oberrhein
Auch damals war der Rhein die bestimmende geographische Einheit, unterschied sich jedoch ganz erheblich von dem Fluss, wie wir ihn heute kennen. Anstatt eines breiten und begradigten Stromes, war der Rhein ein Fluss mit unzähligen Nebenarmen, der durch die Rheinebene mäanderte. So glich der Oberrhein bis weit in die Neuzeit vielerorts einer Sumpflandschaft , in der durch Mücken übertragbare Krankheiten an der Tagesordnung waren; darunter auch Malaria.
Am Sterbebett
Nachdem Titus Valerius im Beisein der Familie verstorben ist, kommen bestimmte Riten des Abschiednehmens zum Tragen. Als erstes werden dem Toten die Augen geschlossen (oculus claudere). Im vorliegenden Fall hat sich die Verwandtschaft schon im Vorfeld darauf geeinigt, den Vorgang der Augenschließung dem ältesten Sohn zu übertragen. Unmittelbar danach folgt der Abschiedskuss. Hier manifestiert sich die Vorstellung des Aushauchens der Seele und dem Auffangen derselben mit dem Munde eines Lebenden.
Die Totenklage
Ein weiteres Charakteristikum römischer Totenrituale folgt mit der sogenannte conclamatio. Hierbei handelt es sich um ein ritualisiertes Wehgeschrei - einer Art Totenklage. Dabei wird der Name des Verstorbenen mehrfach laut ausgerufen. Im Verlauf der Trauerfeierlichkeiten wiederholt sich jener Brauch immer wieder. Das Wehgeschrei dient aber auch dazu, einen möglichen Scheintod von Titus Valerius auszuschließen. Denn nach dem Abschluss der conclamatio wird der Eintritt des Todes erst vollständig akzeptiert.
Vorbereitungen auf die letzte Reise
Nach diesen ersten Riten am Totenbett folgen Maßnahmen zur Ehrung des Toten und zur Vorbereitung der Bestattung. Zu diesem Zweck wird, ähnlich wie heute, ein Bestatter organisiert, der die Trauerfeierlichkeiten leiten soll. Viele organisatorische Planungen werden nun in Angriff genommen. Etliche Utensilien müssen besorgt werden und für die Konservierung des Leichnams wird ein Spezialist (pollinctor) beauftragt. Ziel dieser sogenannten collocatio ist es, den Toten nochmals im Abglanz seiner gesellschaftlichen Wichtigkeit darzustellen.
Die Totenwaschung
Der pollinctor salbt den Toten, nimmt ihn vom Sterbebett und wäscht ihn mit warmem Wasser. Für die weitere Vorbereitung des Leichnams verwendet er Salz, Honig, Duftöle und Balsam. Diese Substanzen sollen den Körper von Titus Valerius nicht konservieren, sondern im Grunde nur die frei werdenden intensiven Gerüche übertünchen. Denn die fortschreitende Leichenfäulnis kann der pollinctor nur schwer aufhalten. Somit besteht die Hauptaufgabe darin, die geruchlichen und optischen Folgen des Verwesungsprozesses mittels parfümieren und kosmetischen Know-hows zu überdecken.
Die Würde eines Bürgers
Als nächstes bekleidet man den Toten und legt ihm das edelste Gewand an. Dadurch soll nochmals die ehemalige Funktion von Titus Valerius demonstriert werden. Zudem wird das Haupt mit einem aus Blumen bestehenden Kranz bekränzt und der Siegelring angelegt. Ziel ist es, den Toten möglichst kostbar auf die letzte Reise zu schicken. Des Weiteren legt man eine Münze in den Mund des Toten. Dieser Vorgang geht auf eine alte griechische Tradition zurück, da mit der Münze der Fährlohn für Charon zu begleichen ist, der Titus Valerius dann über den Unterweltfluss Styx übersetzen soll.
Die Aufbahrung
Der Aufbahrungsort befindet sich dort, wo Titus Valerius auch sonst seinen Gästen die Aufwartung gemacht hatte: Im Atrium. Sowohl der Aufbahrungsraum als auch das Paradebett sind schwarz geschmückt. Der Verstorbene wird schließlich mit möglichst prachtvollen Stoffen und Decken aufgebahrt (lectus funebris). Brennende Kerzen oder Fackeln, Brandschalen mit Weihrauch oder andere Wohlgerüche säumen den Raum. Schließlich erscheint die gesamte Familie am Totenbett.
Eine besondere Art der (hysterischen) Trauer kommt durch die anwesenden Frauen zum Ausdruck. Diese raufen sich die Haare oder schneiden sich diese sogar ganz ab, zerreißen ihre Kleidung, schlagen sich auf die Brust oder zerkratzen ihre Wangen. Derartige Trauergesten erfolgen wohl rein rituell ohne Ausdruck ehrlich empfundener Trauer.
Der Begräbniszug
Schlussendlich demonstriert die Familie in Form eines feierlichen Leichenzugs nochmals die Stellung ihrer Sippe (gens). Es wird dabei das höchste Maß an Öffentlichkeit angestrebt, um den Wohlstand der Familie zu präsentieren. Bevor es aber zu einem feierlichen Umzug kommen kann, müssen die hiesigen Bürger informiert werden. Dies bewerkstelligt im vorliegenden Fall das Bestattungsunternehmen, die mit eigenen Herolden (dissignatores) in den Gassen umherziehen und durch lautes Ausrufen den Leichenzug des Titus Valerius ankündigen. Insgeheim hofft die Familie, dass sich die Neuigkeit wie ein Lauffeuer verbreitet. Um auf Nummer sicherzugehen, bringt man noch eine öffentliche Todesanzeige an einer Plakatwand an.
Zusammensetzung des Leichenzugs
An der Spitze des Zuges befindet sich eine Musikgruppe, die vor allem durch ihre Lautstärke auffällt. Die Hauptaufgabe besteht darin, möglichst viele Schaulustige anzulocken. Neben den Musikern marschiert eine Abteilung von Fackelträgern. Hinter den “Krachmachern” folgen sogenannte praeficae, die traditionelle Trauer- und Loblieder anstimmen (cantus funebris). Mittels inszenierter Klagegesten sollen die Anwesenden zum Mittrauern angeregt werden. Unmittelbar nach den praeficae folgen einige Tänzer und Schausteller, die für die Untermalung der Szenerie dienen. Danach folgt eine reich geschmückte Bahre (arca / capulum) worauf sich der Leichnam des Titus Valerius befindet. Der Tote ist den Schaulustigen aber nicht sichtbar, da er in einem kistenförmigen Behälter verstaut ist. Direkt nach dem Toten folgt die Familie mit Freunden und Bekannten. Abschließend bewegt sich der Zug direkt zum Ort der Verbrennung, der außerhalb der Stadt liegt.
Das römische Grabrecht
Die Urne mit den Überresten von Titus Valerius Capito wird dann mitsamt derBeigaben in die Grube gelegt. Da er ein wohlhabender Ritter war, werden ihm zusätzlich noch Tonlampen, ein Schwert und verschiedene Tierstatuetten beigelegt. Nach dem römischen Grabrecht musste die Urne verschlossen sein, damit der Verstorbene seine letzte Ruhe finden konnte. Hält man sich nicht an die Riten, könnten die Geister der Verstorbenen wiederkommen und unter den Lebenden umherirren.
Die Grabgenossenschaft
Die Beisetzung ist teuer – ihr Preis beträgt mehrere Zehntausende Sesterzen! Normalerweise müssten Titus' Erben dafür aufkommen. Allerdings hat sich Titus bereits zu Lebzeiten um ein gutes Begräbnis gekümmert und sich in einem sogenannten collegium funeracticium organisiert. Dabei handelt es sich um einen Sterbeverein, in den er zu Lebzeiten regelmäßige Beträge eingezahlt hat, aus denen dann sein Begräbnis finanziert wird. Zum anderen aber hat er seinen Grabstein selbst erstellen lassen und bezahlt – darum lassen sich die Worte vivus fecit ablesen: "Zu Lebzeiten gemacht"
Ein letztes Opfer
Zum Ende des Beisetzungsritus wird für Titus ein Schwein geopfert. Die Familie nimmt Abschied und trifft sich mit weiteren Trauergästen zum gemeinsamen silicernium – dem Leichenschmaus.
Trauer in Abgeschiedenheit
Die ganze Familie ist durch seinen Tod rituell verunreinigt und muss sich für einige Zeit aus der Gesellschaft zurückziehen. Nach der Beerdigung darf Titus‘ Frau mindestens 10 Monate nicht heiraten – sie trägt Trauerkleidung und verzichtet auf Schmuck. . Trotzdem ist die Familie in dieser Zeit nicht untätig: Sie kümmert sich um den Nachlass und eröffnet das Testament. Um die Verunreinigung zu beenden, bedarf es des lustrums, eines Reinigungsopfers.
Erinnerungskultur
Doch auch Jahre nach seinem Tod bleibt Titus unvergessen. Die Stadt hat jedes Jahr Gedenkfeiern, die auch Elemente der Beerdigungsfeier aufgreifen. So können sich alle Bekannten und Verwandten regelmäßig an Titus erinnern. Die sogenannten sollemnia sacrificia, vier unterschiedliche Festtage, bilden die Gedenktage für die Verstorbenen. Trotzdem können die Hinterbliebenen der Familie Valerius natürlich auch noch einen eigenen Tag festlegen, an dem sie seiner gedenken wollen – entweder zu bestimmten Monatszeiten oder auch an anderen Festen. Der Todestag selbst ist normalerweise aber kein Gedenktag – es ist nicht immer möglich, genau zu sagen, wann jemand gestorben ist.
Lebendige Erinnerungen
Wenn sich die Familie Valerius im folgenden Jahr zu einem Gedenkfest trifft, folgt sie den klassischen Ritualen für diese Feiern. Am Grab von Titus legen die Verwandten Blumenkränze ab, und verbrennen Duftstoffe . Auch Lampen dürfen nicht fehlen. Da manchmal sehr viele Leute kommen, kann man sich auch in die anliegenden Versammlungsräume begeben. Um seiner zu gedenken, wird für Titus bei den anschließenden Speisen etwas beiseite genommen und auf sein Grab gelegt. So soll auch er im übertragenen Sinn Teil der Speise- und Opfergemeinschaft sein. Durch das Gedenken erhält man ihn gleichwohl am Leben.
Weiterführende Literatur
- Bestattungsrituale und Totenkult in der römischen Kaiserzeit (Potsdamer Altertumswissenschaftliche Beiträge 27), hrsg. von Jörg Rüpke/John Scheid, Stuttgart 2010.
- Imperium Romanum. Roms Provinzen an Neckar, Rhein und Dona, hrsg. vom Archäologischen Landesmuseum Baden-Württemberg, Esslingen am Neckar 2005.
- Riemer, Ulrike: Die römische Germanienpolitik. Von Caesar bis Commodus, Darmstadt 2006.
- Schrumpf, Stefan: Bestattung und Bestattungswesen im Römischen Reich. Ablauf, soziale Dimension und ökonomische Bedeutung der Totenfürsorge im lateinischen Westen, Bonn 2006.
- Throckmorton, Thomas: Stadtgeschichte. Die Barmherzigen Brüder und das Karl-Borromäus-Spital in Mannheim, in: MARCHIVUM, URL: [https://www.marchivum.de/de/blog/stadtgeschichte-140] (25.07.2023).
- Wolters, Reinhard: Die Römer in Germanien, München 2000.