Direkt zum Inhalt

Als Weihnachten ins Wasser fiel

Remshochwasser 1919

Eine virtuelle Ausstellung von

Die Rems und Waiblingen

Träge floss die Rems bis 1817 in ihrem flachen, sandigen Bett durch die Talaue. In zahlreichen Windungen legte das Wasser 84 Kilometer von der Quelle bei Essingen bis zur Mündung in den Neckar bei Neckarrems zurück – beide Orte trennt eine Luftlinie von lediglich 54 Kilometern. Eingriffe der Menschen veränderten seither immer wieder den Flusslauf.

Das heute beliebte Naherholungsgebiet war damals wirtschaftlicher Motor für die Region: als Antrieb für Mühlen, als Grundlage für Holzflößerei und Gerberhandwerk. Lukrativ war auch der Verkauf von Sand. Eine eigene Badeordnung dokumentiert die Vorliebe der Waiblinger Jugend für das frische Nass.

Die Nähe zur Rems hatte allerdings ihren Preis: Bis zu acht Hochwasser im Jahr suchten die Stadt und ihre Umgebung heim.

01
Nutzung der Rems

02
Das Hochwasser an Heiligabend 1919

Das Hochwasser an Heiligabend 1919

Es kam alles zusammen: Temperaturen über 0 °C, tagelanger Dauerregen und eine ungewöhnlich früh einsetzende Schneeschmelze in den Höhenlagen des Remstals. Zwei Tage vor Weihnachten schließlich setzte Starkregen ein, flussabwärts nahm die Katastrophe ihren Lauf.

Auswirkungen des Hochwassers 1919: Die Lange Straße am Beinsteiner Torturm war nur noch mit Ruderbooten zu passieren. (StadtA WN, Postkartensammlung)

Die Pegel in Waiblingen stiegen am 24. Dezember bis 21 Uhr auf einen Höchstwert von 3,60 Meter. Das rechtsseitige Ufer versank schnell in den Fluten. Die Wassermassen drangen durch das Beinsteiner Tor und unterhalb der Bürgermühle in die Altstadt ein. Straßen und Häuser standen plötzlich unter Wasser.

Todesopfer oder Verletzte gab es glücklicherweise bei diesem Hochwasser keine zu beklagen. Der wirtschaftliche Schaden war jedoch immens.

03
Das Hochwasser im Remstal

Das Hochwasser im Remstal

Nicht nur Waiblingen, sondern das gesamte Remstal war vom Hochwasser betroffen. Auch die zahlreichen kleinen Nebenflüsse traten über ihre Ufer.

Leiterwagenbrücke in der Winnender Straße (StadtA WN Best. B1 Nr. 159)

Das Hochwasser hätte Waiblingen nicht so plötzlich überraschen müssen: Es bahnte sich bereits in der Nacht des 23. Dezember seinen Weg durch das Tal. Die Warnung aus Schorndorf blieb jedoch aus. Die Stadt war nicht durch eine Nachtverbindung an das Fernsprechnetz angebunden. Deswegen konnte erst um 10:30 Uhr an Heiligabend in Waiblingen Hochwasseralarm ausgelöst werden.

Die Schadensmeldungen aus der Stadt summierten sich auf 160.020 Mark. Die Geschädigten erhielten Ausgleichszahlungen aus einem Spezialfonds. Der Stadtschultheiß rief zu Spenden auf, Schulkinder gingen von Haus zu Haus – und die Waiblinger öffneten in wirtschaftlich schweren Zeiten ihre Geldbeutel: Fast 20.000 Mark Spenden kamen zusammen.

Reaktion des Gemeinderats

In seiner Sitzung am 21.1.1920 beschloss der Gemeinderat Soforthilfemaßnahmen für die Hochwasseropfer. Eine Sammlung von Hilfsgeldern wurde eingeleitet. Eine Kommission sollte den Schaden ermitteln, den das Hochwasser angerichtet hatte. Insbesondere fehlte es an trockenem Brennholz, auch zur Trocknung der Gebäude. Daher erhielten die Geschädigten je nach Bedarf Heizmaterial zu einem ermäßigten Einheitspreis. Und die schon länger geplante weitere "Flußlaufverbesserung" sollte nun in Angriff genommen werden.

04
Die Zähmung des Wassers

Die Zähmung des Wassers

Eine 1921 neu eingerichtete Alarmkette und ein Hochwassernotdienst sollten die Gemeinden auf zukünftige Hochwasserereignisse besser vorbereiten.

Im Glauben, der Gefahr so besser zu begegnen, hatte man bereits 1865 mit umfangreichen Maßnahmen zur Remsbegradigung begonnen. Nach der Katastrophe 1919 verstärkte man die Bemühungen. Neue Wehre und Wasserrückhaltebecken sollten Abhilfe schaffen.

Trotz aller Bemühungen, die Rems zu zähmen, sind Hochwasser Naturereignisse, die sich kaum abwenden lassen. 1956 war das Remstal erneut von schweren Überschwemmungen betroffen. Bis heute tritt die Rems regelmäßig über ihre Ufer.
Regelung des Hochwassernachrichtendienstes (StadtA WN, Best. B1 Nr. 159)

Hochwasser 1956

Im März 1956 erreichte das nächste schwere Hochwasser Waiblingen, allen Versuchen zur Zähmung des Wassers zum Trotz. Dieses Foto zeigt den Blick von der Schwaneninsel über die neue Brücke zur Winnender Straße. Im Hintergrund ist das 1955/56 neu gebaute Feuerwehr-Gerätehaus erkennbar. Zuvor stand dort die Alte Kelter.

05
Hochwassergefahr und Hochwasserschutz aktuell

Hochwassergefahr und Hochwasserschutz aktuell

Das Hochwasserrisiko für Baden-Württemberg steigt. Auch im globalen Trend haben Hochwasserereignisse zugenommen. Mit andauernder Erderwärmung als Folge des Klimawandels treten immer häufiger Extremregenfälle und Überschwemmungen auf.

Artikel in der Waiblinger Kreiszeitung vom 15.6.2001

Im Hochwasserrisikomanagement gilt dabei: „Es soll möglichst wenig passieren“. Dieser Grundsatz löst das frühere Ziel, „es soll trocken bleiben“, ab. Die Erfahrung hat gezeigt, dass selbst modernste Technik kein Hochwasser verhindern kann.

Die 2006 ins Leben gerufene Hochwasserpartnerschaft im Einzugsgebiet Rems-Murr begegnet von Renaturierung bis Krisenmanagement den Herausforderungen des Hochwasserschutzes gemeinsam.