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Richard Ziegler

Lust und Leiden in den Goldenen Zwanzigern

Selbstbildnis, 1932, Richard Ziegler-Stiftung Calw

Einführung

Anlässlich des 30. Todestages von Richard Ziegler am 23. Februar 2022 blicken die Stadt Calw und die dort ansässige Richard Ziegler-Stiftung in dieser virtuellen Ausstellung 100 Jahre zurück auf die sogenannten „Goldenen Zwanziger“, die eine besonders fruchtbare Zeit im Schaffen des Künstlers darstellt. Der Einblick in die Stiftungsbestände zeigt eindrucksvolle Zeugnisse dieser faszinierenden Epoche, denn Richard Ziegler ist ganz nah am Puls der Zeit und dokumentiert in Berlin die Licht- und Schattenseiten der schillernden Großstadt. Dabei zeigt er ganz im Sinne seiner „Idee eines Ganzen“ den „Mensch mit seinen Lüsten und Leiden“. Gleichzeitig spiegeln die gezeigten Werke die künstlerische Entwicklung Richard Zieglers wider und bilden einen Querschnitt durch die vielfältigen Techniken des Malers, Zeichners und Grafikers, der in den 1920er-Jahren zusammen mit Größen wie Otto Dix und George Grosz im Rahmen der Novembergruppe ausstellt.

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Richard Ziegler

Richard Ziegler wird am 3. Mai 1891 in Pforzheim als Sohn des Volksschullehrers Johann Georg Ziegler und dessen Frau Louise geboren. Bereits als Schüler beginnt er mit seinen ersten malerischen Versuchen. Nach dem Abitur absolviert er einen England-Aufenthalt und besucht die Shakespeare-Grammar-School in Stratford-upon-Avon. Anschließend studiert er in Genf und Greifswald Philologie und Philosophie, bevor er am Ersten Weltkrieg teilnimmt und in Frankreich verwundet wird. Ab 1915 unterrichtet Ziegler an der Spöhrerschule in Calw und setzt schließlich sein Studium in Heidelberg fort, welches er mit der Promotion abschließt. Im Anschluss daran widmet sich Ziegler ganz seiner künstlerischen Laufbahn. Nach Studienreisen in die Schweiz und nach Italien zieht er 1925 in die Kunstmetropole Berlin. Bereits ein Jahr später nimmt er an den Ausstellungen der Novembergruppe teil.

Die Eltern, 1930, Richard Ziegler-Stiftung Calw
Richard Ziegler, 1920er-Jahre, Richard Ziegler-Stiftung Calw

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten muss die Künstlergruppe ihre Tätigkeit jedoch einstellen und Ziegler emigriert 1933 mit seiner jüdischen Verlobten und späteren zweiten Ehefrau Edith Lendt auf die dalmatische Insel Korčula. Die Familie siedelt 1937 nach England über, wo Richard Ziegler sich als Karikaturist und Pressezeichner einen Namen macht. Im Kriegsjahr 1941 wird sein Buch We make history veröffentlicht, in dem Ziegler in einer Reihe von Monotypien Täter und Opfer des Naziregimes gegenüberstellt. Ab 1944 lebt er mit Susann Snow zusammen und wird vier Jahre später britischer Staatsbürger, bevor er 1962 nach Mallorca übersiedelt. Es folgen jährliche Arbeitsaufenthalte in Calw und bedeutende Ausstellungen in Berlin und London. 1982 wird in Calw die Richard Ziegler-Stiftung gegründet. Seine letzten Lebensjahre verbringt der Künstler schließlich ab 1989 wieder in Pforzheim, wo er mit fast 101 Jahren am 23. Februar 1992 stirbt.

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Italien

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Berlin

Bereits 1922 besucht Richard Ziegler die schillernde Metropole Berlin, die mit ihrem Lärm, dem Trubel, der herrschenden Freizügigkeit und kulturellen Vielfalt gleichzeitig abstoßend und anziehend auf ihn wirkt. Als er 1925 schließlich nach Berlin umzieht, knüpft er Kontakte in die dortige Kunstszene. Gleich im ersten Jahr stellt er seine Werke mit italienischen Motiven in der Galerie Casper aus. Ziegler begegnet auch dem Galeristen Wolfgang Gurlitt sowie Arthur Segal, dem Mitbegründer der Künstlergruppe Neue Secession. Letzterer stellt schließlich auch die Verbindung zur Novembergruppe dar, der neben bildenden Künstlern etwa auch Architekten und Musiker angehören. Richard Ziegler beteiligt sich ab 1926 mehrfach an Ausstellungen der Novembergruppe, zusammen mit Malern wie Otto Dix und George Grosz.

Richard Ziegler in seinem Atelier in Berlin, 1928, Richard Ziegler-Stiftung Calw
Richard Ziegler in seinem Atelier in Berlin, 1928, Richard Ziegler-Stiftung Calw

Wie zahlreiche Werke dieser Künstler können auch viele von Zieglers Arbeiten aus dieser Zeit oftmals der Neuen Sachlichkeit zugeordnet werden. Es entstehen überwiegend Impressionen, die das Leben in der Großstadt wiederspiegeln: Tänzerinnen, mondäne Damen, elegante Herren, farbenfrohe Artisten oder auch käufliche Frauen. Dabei zeigt sich besonders Zieglers Offenheit für vielfältige Mal- und Drucktechniken. Diese fruchtbare Berliner Zeit endet schließlich 1933, als Ziegler aufgrund der schwierigen politischen Umstände mit seiner neuen Lebenspartnerin und späteren zweiten Ehefrau, der Jüdin Edith Lendt, Deutschland Richtung Korčula (Jugoslawien) verlässt.

Malutensilien des Künstlers

Im Nachlass des Künstlers sind viele seiner Arbeitsmittel erhalten geblieben. In dieser Auswahl sind beispielsweise ein Farbkasten mit mehreren Farbtuben, eine Malerpalette sowie im Vorderrund Kantstifte in einer Schachtel zu sehen.

Die Begegnung - Film von Heinz Kremer, 1977-1978
Richard Ziegler in seinem Atelier in Berlin, 1928, Richard Ziegler-Stiftung Calw