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„An Klaus W. Jonas, den erstaunlichen Sammler und Bibliographen“

Thomas Mann, Rilke und die Klassische Moderne in der Sammlung Jonas

Eine virtuelle Ausstellung von

Im Gespräch mit der Klassischen Moderne

Sieben gemeinsame Jahrzehnte forschen und lehren die Professores Klaus und Ilsedore Jonas zur deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts. Im Zentrum: Thomas Mann, Rainer Maria Rilke und Zeitgenossen. Aus ihrem wissenschaftlichen und dokumentarischen Wirken entsteht eine Sammlung, die mehrere tausend Bände Original- und Forschungsliteratur, ein Pressearchiv, bibliophile Buchausgaben und wertvolle Autographen sowie wissenschaftliche Korrespondenz umfasst.

Diese Online-Ausstellung ist das Schaufenster zur Sammlung Klaus W. und Ilsedore B. Jonas an der Universitätsbibliothek Augsburg. Sie verfolgt die Lebenslinien des Forscherehepaares, zeigt die Breite der gesammelten Materialien und bietet über ausgewählte Objekte Zugang zu den vertretenen Autoren und Werken. Treten Sie ein!

01
Gemeinsam leben, forschen und reisen

02
Bibliographieren und dokumentieren

Bibliographie der Kritik

Fifty years of Thomas Mann studies. A bibliography of criticism erscheint im Sommer 1955, wenige Wochen vor Thomas Manns Tod. Es ist ein echter Gewinn für die damals noch junge Mann-Forschung: Klaus Jonas Bibliographie listet erstmals systematisch rund 3000 selbstständige und unselbstständige Studien sowie ausgewählte literaturkritische Zeitungsbeiträge zu Thomas Mann aus den Jahren 1902 bis 1954 auf, übersichtlich geordnet nach Werken und Themen. Zwölf Jahre später folgt Band 2 der Thomas Mann studies, an dem auch Ilsedore Jonas dank eines Forschungsstipendiums entscheidend mitwirkt. Im deutschsprachigen Raum wird ab 1972 die erweiterte dreibändige Ausgabe Die Thomas-Mann-Literatur zum bibliographischen Standardwerk, dessen dritter Band 1997 in enger Zusammenarbeit mit Prof. Helmut Koopmann aus Augsburg entsteht.

Dienst am Werk Thomas Manns

1997 ehrt die Deutsche Thomas Mann-Gesellschaft Klaus Jonas für seinen jahrzehntelangen Einsatz als Mann-Bibliograph. Er erhält die Thomas-Mann-Medaille in ebendem Jahr, in dem der letzte Band Die Thomas-Mann-Literatur erscheint. Rund 6000 Titeleinträge allein für die Jahre 1976-1994 sind darin verzeichnet. Der langjährige Forschungskollege Prof. Hans Rudolf Vaget hält die Laudatio im Lübecker Buddenbrookhaus.

Golo Mann

Auch die Bibliographie zu Thomas Manns Sohn Golo Mann (1909-1994) entwickelt sich zu einem mehrere Jahrzehnte andauernden Projekt. Die Historie ihrer Veröffentlichung erweist sich als kleine Odyssee im Kampf mit den Verlagen, sodass das Werk erst 2003 bei Harrassowitz erscheint. Das Ergebnis spricht jedoch für sich: Unter der Mitarbeit des Germanisten Holger Stunz werden erstmals sämtliche zwischen 1929 und 2003 erschienenen Texte des Historikers, Publizisten und Essayisten Golo Mann verzeichnet: 58 Buchausgaben, 29 Übersetzungen, 879 Beiträge in Büchern, Zeitungen und Zeitschriften, 187 Buchbesprechungen, außerdem 181 unveröffentlichte Reden und andere Texte. Sie sind um eine umfangreiche Lebenschronik und eine repräsentative Auswahl an Schrifttum über Golo Mann ergänzt. 

03
Sammeln und sichten

Rares, Bibliophiles, Unikales

Klaus Jonas ist nicht allein Germanist, Bibliothekar und Bibliograph – er ist auch ein wahrer Bücherliebhaber, sammelt mit großer Leidenschaft seltene Erstausgaben, bibliophile und limitierte Sonderdrucke, signierte Exemplare, außerdem Fotos, Autographen und Briefe namhafter deutschsprachiger Autor:innen des 20. JahrhundertsDie folgenden Seiten zeigen eine Auswahl aus diesen gesammelten Buchschätzen und Autographen. Sie sind größtenteils erst ab 2017 an die Universitätsbibliothek Augsburg gelangt. Wo (rechtlich) möglich, werden ausgewählte unikale Buchausgaben sukzessive in der digitalen Sammlung Jonas als Volltexte frei zugänglich gemacht.*

*  Signierte Fotos, Autorenbriefe und weitere Handschriften sind zudem in der Nachlassdatenbank Kalliope erschlossen. Die die Familie Mann betreffende Briefsammlung ist publiziert im Band Drei Generationen Familie Thomas Mann (2014).

04
Thomas Mann: Romancier und Weltbürger

Bewegtes Leben

Er wollte stets als Repräsentant Deutschlands verstanden werden. Und in gewisser Weise ist ihm dies auch gelungen. Bis heute gilt Thomas Mann als einer der bedeutendsten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Sein Werk umfasst fast ein Dutzend Romane, mehr als 30 Novellen und Erzählungen sowie zahlreiche Essays, autobiographische Texte bis hin zu Radiobeiträgen. In den acht Jahrzehnten seines Daseins durchlebt Thomas Mann vielfältige Veränderungen in Raum und Zeit: Von Lübeck zieht er nach München, 1933 flieht er vor den Nationalsozialisten in die Schweiz, dann nach Amerika. Seinen Lebensabend verbringt er in Kilchberg nahe Zürich. Nicht allein große politische Umwälzungen wie das Ende des Kaiserreichs, der NS-Terror und zwei Weltkriege haben ihn geprägt, auch persönliche Tragödien, der Streit mit seinem Bruder Heinrich und der Suizid seines Sohnes Klaus formen seine Persönlichkeit und seine literarische Produktivität. Sein Werk zeichnet sich aus durch die Beschäftigung mit den großen existenziellen Fragen des Menschen, einen unverwechselbaren erzählerischen Duktus und das Spiel mit Wirklichkeit und Täuschung.

Thomas Mann: Ausgewählte Fotografien, 1906 bis 1939

Aktuell wie nie

Kontaktbeschränkungen und Abschottung, die übermäßige Beschäftigung mit Krankheit und Ansteckung sowie ein intensiv erlebtes Krisengefühl: Die Corona-Pandemie zeigt deutliche Parallelen zur erzählten Lebenswelt im Zauberberg. Quarantänen und Lockdowns verpflichten die Menschen 2020 bis 2022 zu einer stärkeren Auseinandersetzung mit sich selbst, den eigenen Gedanken, Wünschen und Sorgen. Viele vertiefen sich wie Hans Castorp in eine fesselnde Lektüre, viele andere lernen neue Weltanschauungen kennen und adaptieren diese. Ob Tuberkulose, Spanische Grippe oder Covid-19 - Infektionen und Pandemien stoßen uns an menschliche Grenzen, erinnern an unsere Zeitlichkeit.

05
Rainer Maria Rilke: Dichter und Europäer

Gemeinsam auf Rilkes Spuren

Das umfangreiche lyrische Werk Rainer Maria Rilkes (1875-1926) ist der zweite Forschungsschwerpunkt, den die Prof.es Ilsedore und Klaus Jonas sowohl gemeinsam als auch mit individuellen Fragestellungen verfolgen. Zunächst begibt sich Klaus Jonas bereits in den 1950ern auf die Spuren des weltweit verstreuten Rilke-Nachlasses mit dem Ziel, die Manuskripte, Briefe und Autographen umfassend zu verzeichnen. Ilsedore unterstützt diese Recherchen, wie auch bei Thomas Mann. 1971 münden sie in eine wegweisende Aufsatzpublikation. Über die bibliographische Grundlagenarbeit hinaus findet Ilsedore Jonas indes schnell eigene Zugänge zum österreichischen Lyriker, spürt besonders den biographischen und kulturellen Verankerungen seines Schaffens nach.

Rainer Maria Rilke, ca. 1925

06
Bio-Bibliographien

Weiterführende Literatur

  • Heißerer, Dirk: In eigener Sache: ›Buddenbrooks‹. Zu einem Textunikat Thomas Manns. Mit einem Exkurs zu Richard Moritz Meyer, in: Aus dem Antiquariat 12,5 (2014), S. 189-207.
  • Hohoff, Ulrich: Die Sammlung Klaus W. Jonas - Ilsedore B. Jonas in der UB Augsburg, in: Für die Thomas-Mann-Forschung unverzichtbar. Verleihung der Ehrenmedaille der Universität Augsburg an Klaus W. Jonas und Ilsedore B. Jonas am 28. Oktober 2003. Ansprachen und Reden, hg. vom Rektor der Universität, S. 8-16.
  • Hohoff, Ulrich: Die Thomas-Mann-Sammlung Klaus W. und Ilsedore B. Jonas, in: „Ein Reichtum, den kein Maß bestimmen kann“. Die Sondersammlungen der Universitätsbibliothek Augsburg, hg. von Ulrich Hohoff, Peter Stoll und Andrea Kosuch, Augsburg: Universität Augsburg 2021, S. 260-315.
  • Hohoff, Ulrich / Gerhard Stumpf: Thomas Mann im amerikanischen Exil 1938-1952. Begleitheft zur Ausstellung der Universitätsbibliothek Augsburg; mit Material aus der Sammlung Jonas; 2. 10. – 7. 11. 1991 in der Ausstellungshalle der Zentralbibliothek, Augsburg: Universitätsbibliothek 1991. 
  • Koopmann, Helmut (Hg.): Wegbereiter der Moderne. Studien zu Schnitzler, Hauptmann, Th. Mann, Hesse, Kaiser, Traven, Kafka, Broch, von Unruh und Brecht; Festschrift für Klaus Jonas, Tübingen: Niemeyer 1990. 
  • Vaget, Hans Rudolf: Laudatio auf Klaus W. Jonas, in: Thomas Mann Jahrbuch 11 (1998), S. 109–115. 
Ihre letzte Ruhestätte finden die Prof.es Klaus und Ilsedore Jonas in Oldenburg.