Peter Schnatz (1940 - 2004)
Schwarz als Farbe
Eine virtuelle Ausstellung von
Peter Schnatz wurde 1940 in Ebringen bei Freiburg geboren. Nach Besuch der Waldorfschule absolvierte er eine Lehre als Schaufensterdekorateur in Freiburg und zog dann nach Mannheim, um 1958-1962 an der Freien Akademie Mannheim bei Paul Berger-Bergner Kunst zu studieren.
In dieser Zeit lebte er im Kolpinghaus und hatte erst ab 1965 eine eigene Wohnung in der Neckarstadt in Mannheim.
Sein Stil in dieser Zeit war geprägt durch internationale Kunst der Zeit wie etwa durch Francis Bacon, der 1962 seine erste europäische Einzelausstellung in der Kunsthalle Mannheim hatte und dessen Werk Schnatz sehr prägte in diesen Jahren.
Was kann Malerei?
Wie lassen sich geometrische Festlegungen mit Farbexplosionen,
heftigsten Eruptionen der Farbe ohne jede Form mit Richtlinien
des Grafikdesigns wie Schablonenschrift, Quadrierungen, Raster
oder Hilfslinien zusammenbringen?
Eine wichtige Frage in diesen Jahren, mit der sich Peter Schnatz
in vielen Gemälden beschäftigte, die heute in Museumssammlungen
oder in Privatbesitz sind, was auch seinen Erfolg in dieser Zeit anzeigt.
In dieser Arbeit ist die Dominanz von Schwarz schon erkennbar,
die sich durch sein ganzes Werk zieht.
Auch in den Neo-Ikonen, einer völlig neuen Bildfindung von Peter Schnatz, spielt die Nichtfarbe der Farben eine große Rolle. In diesem Beispiel, das ursprünglich aus einen Triptychon stammt, ist die Grundlage der Täfelchen eingehalten: Alle haben dasselbe Maß (30 x 20 x 3/4 cm), sind aus Holz gefertigt, die eigentliche Malfläche ist ausgelassen, grundiert, mit Blattgold und Farbe überzogen und dann punziert.
Schnatz bezieht sich hier sicher auf Kasimir Malewitsch, der in den 1910er Jahren des 20. Jahrhunderts seine suprematistische Malerei erfand und in einer wichtigen Ausstellung sein Schwarzes Quadrat auf weißem Grund 1915 in die Raumecke hängte, die normalerweise in Russland den Ikonen vorbehalten war.
Für den Künstler wurde die Neo-Ikone eine wichtige Form, die sich durch sein ganzes Werk zieht, zu Beginn noch sehr als meditatives Element aufgefasst, aber dann auch einfach als Basis für neue Bildfindungen.
Der Hölzerlips-Zyklus ist eine typische Serie dieser Zeit: Peter Schnatz gestaltete die Arbeiten in einer Mischung aus der Malerei der Pop-Art und dem Grafikdesign.
Gerade die Typographie, ein wichtiges Gestaltungsmittel jener Jahre, half dem Künstler, sich von der reinen Malerei abzulösen, der diese Künstlergeneration zutiefst misstrauisch gegenüberstand. Als schwülstig und bürgerlich verachtet, zog man die nüchterne Beschreibung der Umstände und der Geschichte ganz klar vor.
Inhaltlich eignete sich das Thema der Straßenräuber und Vaganten, die außerhalb der bürgerlichen Gesellschaft standen, in hohem Maße, um sich selbst als Künstler zu positionieren, in ganz entschiedenem Widerspruch zum Bürgertum stehend. Das schwarze X, das Andreaskreuz, kommt immer wieder in Schnatz Arbeiten vor, als Symbol für das Auslöschen.
Nach dieser für den Künstler sehr erfolgreichen Zeit kommt der Einbruch im Winter 1976/1977. Eine existenzielle Krise stellt sich ein, die Schnatz nur dadurch meistert, dass er jeden Tag eine kleine Leinwand richtet, das Datum darauf schreibt, den Stand des Mondes dokumentiert und den Tag, das Datum sozusagen mit einem Kreuz ausstreicht.
Von 1986 stammt die erste schwarze Leinwand, die Peter Schnatz als Haut betitelt und der eine Serie bis 1990 folgt.
Auf die grundierte Leinwand trug der Künstler zunächst in kräftigen, rhythmischen Bewegungen verschiedene Farben auf, die dann nach und nach mit Schwarz überbedeckt werden. Das können Acryl, Lack, aber auch Farbspray sein, wie man sehr gut in einem Film sehen kann (auf DVD im Werkverzeichnis Peter Schnatz).
angesprochen, deren Form der Künstler
ja auch anlegt. Aber dann wird durch
den gestischen Farbauftrag, den
sichtbaren Malvorgang, die Strukturhaftigkeit
der Oberfläche das ursprüngliche Thema
verlassen, der Verlust des Gegenstandes
wird als Verlust des Ichs gefeiert.
„Schwarz war eine heilige Farbe
für die Abstrakten Expressionisten,
es war deren Lapislazuli, sie machten
ein Mysterium daraus, vielleicht
teils aufgrund ihrer Ernsthaftigkeit
oder weil sie irgendetwas herrlich
Machohaftes darin sahen,
ein gutes kräftiges Schwarz
zu erzeugen.“
David Sylvester, britischer Kunstkritiker
Für die schwarzen Bilder von Peter Schnatz ist auch der Einfluss des amerikanischen Malers Ad Reinhardt (1913-1967) denkbar.
Die "Black Paintings", die Reinhardt seit 1953 malte, begriff er als „Meditationstafeln“: Schwarze, rechteckige Bilder, auf denen man erst bei näherer Betrachtung Farbstrukturen erkennen kann, die in feinsten Abstufungen mal matt, mal glänzend sein können und so den Aufbau des jeweiligen Bildes verraten.
Davon unterscheidet sich die Malweise von Peter Schnatz sehr: Seine Gemälde zeichnen sich durch den deutlich sichtbaren Pinselstrich aus, den pastosen Farbauftrag:
"Am Anfang des Malprozesses steht bei Schnatz die lustvolle, passive Hingabe an die energetischen, informellen Malströme." – Werner Marx: Haut, 1992
In der Serie, die Erdhaut betitelt und zum Teil auf Bütten angelegt ist, nehmen Zerstörung und notdürftige Wiederherstellung großen Raum ein.
Die reine Maloberfläche bricht auf, wird aufgerissen, zerstört und dann wieder wie archaisch zusammengenäht. Wie apokalyptische Landschaften scheinen sie uns, verstärkt durch die Anmutung eines türkisfarbenen Himmels, wie fremde Werke einer zerstörten Zeit.
Bei diesen Arbeiten ist auffällig, dass Peter Schnatz als ehemaliger Waldorf-Schüler genäht hat, die fast vollständig zerlöcherten, zerrissenen Arbeiten in Schwarz mit Faden wieder zusammengefügt hat.
"Die Erdhaut-Bilder von Peter Schnatz sind Evokationen eines zeitlosen, nicht geschichtsbezogenen Desasters, halten einen Moment des Versinkens und des sich Entfernens von Landschaft fest. Schnatz spricht selbst von einer 'Ästhetik des Danach', begreift sich dabei aber als Hersteller und Zerstörer."
Werner Marx: Haut, 1992
1992 entsteht sein 20-teiliger, 22 m langer Schwarzer Fluss, ein Serienwerk, mäandernd, einen Fluss nachahmend und dann doch ein Konstrukt aus rechteckigen Tafeln.
Erneut wagt Schnatz das Unmögliche, aus der Geometrie in die fließende Bewegung zu gehen, aus der Konstruktivität in die organische Welt. Das Scheitern ist vorprogrammiert und schafft erneut absichtsvolle Trauer ob der Aussichtslosigkeit.
Bei dem Gemälde Keim von 1977 kommt zu dem Schwarz noch ein gestisches Rot, das informell und frei das Schwarz durchdringt, einen Schein wirft auf das Zusammentreffen der beiden Farben und den Hintergrund beleuchtet.
An diesem Bild sieht man sehr gut die künstlerische Kraft des Mannheimer Malers, der mit Verve und Feingefühl gleichzeitig agiert und sich zudem noch kunstpolitisch engagierte.