Die Mertener Schulchronik 1940-1949
Eine einzigartige Quelle
Eine virtuelle Ausstellung von
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Die Schule
Die Volksschule in Merten
Das Schulgebäude wird Mitte des 19. Jahrhunderts erbaut und nach 1870 mehrfach erweitert. 1911 wird ein zusätzlicher Schulbau erforderlich, der 1915 fertig wird. Diese "Neue Schule" beherbergt vier Klassenräume und eine Lehrerwohnung an der heutigen Beethovenstraße.
Rektor der Volksschule ist bis 1934 Gottfried Schwalb, der jedoch 1934 aufgrund des Berufsbeamtengesetzes zum einfachen Lehrer degradiert wird, da er nicht der NSDAP angehört. Nach ihm übernimmt Hauptlehrer Wilhelm Billigmann die Schulleitung.
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Die Chronik
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Psychologische Kriegsführung
Das ist die Aussicht, wenn ihr kapituliert: Ein neuer Anfang, ein neues Leben, ein neues Deutschland in einem neuen Europa. Und die Aussicht, wenn ihr weiterkämpft? Fragt die Überlebenden von Stalingrad. Fragt die Überlebenden von Hamburg. Der Krieg ist für Deutschland verloren. An euch liegt es zu entscheiden, wie viele ihn überleben. An dir liegt es zu entscheiden, ob du ihn überlebst. Euer Schicksal liegt in eurer Hand. DENKT ODER STERBT!
Kriegsflugblätter im Zweiten Weltkrieg
In einem neuen Maße und in zuvor ungekannter Qualität gehören Kriegsflugblätter zu den "gewaltfreien Kampfmitteln" des Zweiten Weltkrieges. Sie werden in millionenfacher Anzahl genutzt, um die jeweils andere Seite von der Sinnlosigkeit der Kampfhandlungen zu überzeugen und zum Umdenken zu bewegen. Auftraggeber der Flugblätter sind die Regierungen der Kriegsparteien. Ausgeführt und konzipiert werden sie von den Geheimdiensten und Propagandaabteilungen der beteiligten Länder. Es gibt deutschsprachige, französische, englische, russische und weitere Flugblattpropaganda, welche die jeweils anderen Kriegsteilnehmer in ihrer Muttersprache mit Bildern und Texten beeinflussen soll. Das geschieht durch Information und sachliche Argumente, aber auch durch Versuche der Manipulation. Ob diese psychologische Kriegsführung tatsächlich Auswirkungen auf den Kriegsverlauf hatte, konnte bis heute nicht bewiesen werden.
Flugblätter werden mit unbemannten Ballons ausgestreut, in Frontnähe mit Geschützen verschossen, vor allem aber von Flugzeugen abgeworfen, mit denen der moderne Krieg auch Orte jenseits der Fronten mühelos erreicht.
Frühe Flugblätter
Die auf den ersten 15 Seiten eingeklebten Flugblätter werden bis in den Herbst 1941 verfasst und abgeworfen. Sie sind in Buchdruck auf holzhaltigem Zeitungspapier gedruckt und warnen die Deutschen eindringlich davor, den Krieg weiter zu führen. "Wer Hass sät, wird Rache ernten" lautet die Überschrift eines Flugblattes, das Fotos der zerstörten Städte Warschau und Rotterdam zeigt. Ein anderes schließt mit den Worten: „Wollt Ihr das büßen?“. Einige Flugblätter versuchen, in einer Imitation der Parteiveröffentlichungen, die Sprache der deutschen Propaganda zu entlarven und Zweifel an der Sinnhaftigkeit des Krieges zu wecken.
04
Luftkrieg
Holocaust
Nicht nur die Wahrheit über den Kriegsverlauf, auch die Wahrheit über die Verbrechen des Regimes werden über Flugblätter transportiert. Schon 1943 thematisieren die Schriften den Holocaust. Das Flugblatt beschreibt den nationalsozialistischen Massenmord an den europäischen Juden, wie er den Alliierten in dieser Kriegsphase bekannt war. Zu diesem Zeitpunkt sind die jüdischen Bürger Henriette Bähr, Sibilla Voos und Jakob Voos aus der Mertener Beethovenstraße bereits deportiert und ermordet worden. Auf den Inhalt dieses Flugblattes geht Lehrer Billigmann nicht ein.
05
Verluste
Anfang vom Ende
Im Juni 1941 beginnt der Überfall auf die Sowjetunion. Nach anfänglichen Erfolgen bleibt der deutsche Vormarsch im Winter 1942 in Morast, Eis und Schnee stecken. Im Winter 1943 folgt die verheerende Niederlage von Stalingrad und damit ein Wendepunkt des Krieges. Bis Mai 1945 fallen knapp 3,5 Millionen deutsche Soldaten an der Ostfront.
[...]wo immer Deutsche sind, sind tote Helden da.
Totenzettel neben Flugblättern
1943 waren 268 Männer aus Merten eingezogen. 38 von ihnen finden bis Ende September 1944 den Tod. Das Flugblatt auf der linken Seite zeigt den Kriegsverlauf an der Ostfront in Karten und Texten. Auf der rechten Seite der Chronik finden sich die Totenzettel zweier Mertener Soldaten, die an dieser Front gefallen sind.
Weiterentwicklung der Flugblätter
Die Zahl der Gefallenen steigt unaufhörlich. Viele Flugblätter führen den Deutschen daher das Schicksal junger Soldaten vor Augen und stellen das Versprechen vom baldigem "Endsieg" in Frage. Zitate aus Wehrmachtberichten sollen die menschenverachtenden Sprachregelungen für Niederlagen und Kriegsgräuel der deutschen Propaganda entlarven.
Die Flugblätter sind nun auf hochwertiges Kupfertiefdruckpapier gedruckt und äußerst robust. Abbildungen in Illustriertenqualität transportieren Aussagen, manchmal ganz ohne Worte oder in künstlerisch ausgefeilten Collagen. Die Formate sind vielfältig, aus dem gängigen britischen Druckformat ca. 21 x 13cm werden Leporellos, Faltbilder und Flyer geschnitten und geklebt.
Von schwerem Geschick wurde die Familie Johann Ditz von hier betroffen. Nachdem der zweite Sohn Heinrich seit Dezember 1941 amtlich als vermißt gilt und der jüngste Sohn z. zt. schwer verwundet im Lazarett liegt, ist nunmehr die Nachricht eingetroffen, daß der älteste Sohn Johannes den Heldentod im Osten gestorben ist.
06
Der Krieg wird Alltag
Unterricht im Krieg
Der Unterricht findet in den Kriegsjahren zum Teil in Schichten statt, um eine Überfüllung der Schutzräume zu verhindern. Weil ein Teil der Lehrer zur Armee einberufen ist und die Kollegen auch Vertretungen in Rösberg und Waldorf leisten müssen, werden mehrere Schuljahre in Großklassen gemeinsam unterrichtet. Zum Schulalltag gehören Propagandaveranstaltungen: Die Texte zum 10. Jahrestag der Nationalsozialistischen Revolution im Januar 1943 schwören die Schüler der Abschlussklasse auf den Heldentod ein. Bis September 1944 wird allem Übel zum Trotz der "geregelte Schulbetrieb" aufrechterhalten. Lehrer und Schüler suchen bei Alarmen die Luftschutzräume auf, oft mehrere Stunden während der Schulzeit. Weitere Kinder werden mit Einverständnis der Eltern in ihre naheliegenden Wohnhäuser geschickt. Mit den großen Angriffen auf Köln und Bonn geht Panik, aber auch entmutigte Gleichgültigkeit in der Bevölkerung einher.
Vor einer bereits seit längerer Zeit verkündeten Invasion versuchten unsere Feinde, durch erhöhten Luftterrror die Moral des deutschen Volkes zu untergraben.
Die letzte Aprilwoche brachte uns zahlreiche Alarme bei Tag und bei Nacht., sodaß ein geregelter Schulbetrieb nicht mehr möglich war, hatten wir doch an einem Tage 4, an einem anderen 3 1/2 Std Luftalarm während der Unterrichtszeit.
Die letzte Warnung
Das letzte Flugblatt wurde am 8. September 1944 in die Chronik eingeklebt. Es enthält eine Warnung des Oberkommandos der Alliierten an die Zivilbevölkerung. Alle Bewohner westlich des Rheines sollen die Kampfgebiete verlassen, in denen sie von Geschütz- und Flugwaffen bedroht sind.
Am 20. September 1944 endet die Chronik. Ein Nachtrag zu den letzten Kriegsmonaten folgt erst 1947.
Durch einen Blindgänger der Flak, der beim Aufschlag in der Marsdorfer Gasse krepierte, wurden auf der Straße verweilende Kinder getötet oder verletzt. (...)
Eine Lücke in der Chronik
Am 29. September 1944 erfolgt der vorerst letzte Eintrag in die Schulchronik. Erst im Sommer 1949 nimmt Lehrer Billigmann, bereits im Ruhestand, den Stift wieder zur Hand und beschreibt rückblickend die letzten Kriegstage in Merten.
Vier Jahre nach Kriegsende nehme ich dich wieder zur Hand, meine geliebte Schulchronik, um dir noch einiges anzuvertrauen, wass sich in den letzten Kriegstagen in Merten ereignete. Wenn auch der Zeitabstand noch zu gering ist, um die Zusammenhänge genau durchzuleuchten und erfassen zu könnnen, so sieht der objektive Betrachter doch heute bereits manches mit anderen Augen.
Kriegsende
Ende September 1944 wird die Schule von einquartierten deutschen Soldaten verwüstet. Bis Februar 1945 wird der Unterricht erneut aufgenommen, dann Folgen weitere Einquartierungen in den Schulgebäuden. Seit Weihnachten erwarten die Mertener in "Bunkern, Kellern und Erdlöchern" den Einmarsch der Amerikaner. Diese rücken am 6. März mit Panzern in den weiß beflaggten Ort ein, nachdem der Volkssturm aufgelöst wurde und letzte versprengte Soldaten, von den Frauen mit Schnaps bestochen, nach Sechtem gezogen sind.
Die letzten direkten Opfer des Krieges in Merten sind vier Kinder, die am 7. März bei einem Artillerieangriff ums Leben kommen.
Epilog
Nach Kriegsende dienen die Lehrerwohnungen wieder als Militärquartiere. Der Unterricht an der Mertener Schule wird im September 1945 wiederaufgenommen. Als Parteimitglieder suspendierte Lehrer erhalten erst im Januar 1946 nach Anhörungen wieder Lehrbefugnis. So auch Hauptlehrer Billigmann. Am 1. Mai 1946 tritt er in den Ruhestand, um in seinen Heimatort Oberstaat bei Loope im Bergischen Land zurückzukehren.