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SERAFINA-Nominierungen 2020

Eine virtuelle Kabinettausstellung

SERAFINA – Nachwuchspreis für Illustration

Seit 2009 zeichnet die Deutsche Akademie für Kinder- und Jugendliteratur junge Talente auf dem deutschsprachigen Kinder- und Jugendbuchmarkt aus. Neben Autor:innen wurden hier von Anfang an auch junge Illustrator:innen berücksichtigt: Claudia Lieb (2009), Jonas Lauströer (2010) und Sybille Schenker (2011).

Seit 2014 konnte mit Unterstützung der Mediengruppe Pressedruck und der Königlichen Porzellan Manufaktur Nymphenburg mit der SERAFINA ein eigener mit 2.500 Euro dotierter Preis für Illustration etabliert werden. Die bisherigen Preisträgerinnen sind Julie Völk (2014), Nele Brönner (2015), Nanna Prieler (2016), Mirjam Zels (2017), Iris Anemone Paul (2018) und Lucia Zamolo (2019).

2020

Im Jahr 2020 sind sechs Bilderbücher und ihre Illustrator:innen nominiert:

  • Laura D’Arcangelo mit Ada + Eva
    SJW 2020
  • Judith Auer mit Ein Stück Käse
    Kunstanstifter 2020
  • Mattea Gianotti mit Die kürzesten Geschichten der Welt
    Helvetiq 2020
  • Linda Schwalbe mit Ida und die Welt hinterm Kaiserzipf
    NordSüd 2020
  • Julius Thesing mit You don’t look gay
    Bohem Press 2020
  • Regi Widmer mit Die Savannenkicker
    Orell Füssli 2020

DIE JURY

  • Dr. Stefan Hauck, Juryvorsitz
    Börsenblatt, Frankfurt am Main
  • Birgit Fricke
    Frankfurter Buchmesse, Frankfurt am Main
  • Dr. Claudia Maria Pecher
    Deutsche Akademie für Kinder- und Jugendliteratur, Volkach
  • Moni Port
    Illustratorin, Ateliergemeinschaft LABOR, Frankfurt am Main
  • Prof. Henriette Sauvant
    Illustratorin, Hochschule Trier – Fachbereich Gestaltung/Kommunikationsdesign

01
Laura D’Arcangelo

02
Judith Auer

03
Mattea Gianotti

04
Linda Schwalbe

05
Julius Thesing

06
Regi Widmer

07
SERAFINA 2020 – DIE PREISTRÄGERIN

Die Suche nach dem zipfelflügeligen Schnalzfalter

Ein Mädchen, das zur Zeit der napoleonischen Kriege in Wien aufwächst, die gesellschaftlichen Umbrüche sind greifbar, und vielleicht auch deshalb darf sie sich von Seiten des Vaters aus ihren fünf Brüdern anschließen, sich kleiden und spielen wie sie. Nach dessen Tod wird sie von der Mutter in die konventionelle Frauenrolle gedrängt, verliebt sich, muss aber eine Vernunftehe mit einem 24 Jahre älteren Rechtsanwalt eingehen, der verarmt: Das ist die Ausgangssituation der Heldin, die Linda Schwalbe in den Mittelpunkt ihrer Geschichte von Ida und die Welt hinterm Kaiserzipf stellt. Die Illustratorin entführt uns im Ouvertüren-Bild in das Wien des Jahres 1802, klare, satte Acrylfarben, szenisch an die Blauen Reiter und Bauhäusler erinnernd, dann zoomt die Betrachterin spielerisch vor das Wohnhaus jener Ida Reyer und ihrer Träume und Sehnsüchte in einer Gedankenblase: Abenteuer, die der exotischen Vorstellungswelt jener Zeit entsprechen.

Die realen Freiräume nutzend, erobert sich Ida mit ihren Brüdern spielend ihr Umfeld, und Schwalbe zeigt, wie sich Ida in die Rolle der Urwalderforscherin und Schmetterlingsentdeckerin hineinträumt, lesend, schreibend, zeichnend, malend. Krabbelnde Insekten sammelt sie mit botanischem Interesse. Die heiteren Farben der Kindheit tauscht Schwalbe gegen düster blauschwarze Kulissen, als Idas Mutter das Regiment übernimmt; wie in biedermeierlichen Stickrähmchen breitet die Künstlerin die mütterlichen Dressurversuche aus, die in Ida Widerstand erzeugen. Als Entwicklungsschaubild sehen wir das Heranwachsen, Heirat, aus Ida Reyer wird Ida Pfeiffer, zwei Kinder, die als junge Männer das Haus verlassen. Die anschließende Leere liegt noch im dunklen Blau und dann hellt sich der Hintergrund sichtbar auf, als sich die 44-Jährige auf ihre Expeditionsträume rückbesinnt. Das Abschneiden der Haare gestaltet Schwalbe zum Akt der Befreiung.

Was gehört alles in einen Abenteuerkoffer? Mit solchen Fragen nimmt Schwalbe die kindlichen Betrachterinnen mit und lässt den Hörerinnen Wörter wie „zipfelflügeliger Schnalzfalter“ zum lustvollen Nachsprechen zukommen. Oskar-Schlemmer-artige Figuren bevölkern den Hafen, Ida ist eine von ihnen, lebt auf dem Schiff wie die Matrosen, und Schwalbe nutzt den Pinselschwung für turbulente Sturmszenen. Endlich geht dann Idas Traum in Erfüllung, sie betritt einen anderen Erdteil, eine Insel, die Schwalbe mit aller Farbigkeit und vielerlei Formen von Flora und Fauna gestaltet. Die Entdeckungen hält sie in Form botanischer und ethnologischer Skizzen fest und lässt ihre Heldin auf Ureinwohner treffen, insbesondere auf eine Frau namens Ayu, die ihr ihre verborgene Stadt zeigt und sie zu einem Fest einlädt. Schwalbe versucht, das Fremde in variantenreichen Formen und Farben einzufangen und zeigt zum Abschluss in einer Rückblende die sich erinnernde Ida am Schreibtisch. Denn Ida Pfeiffer unternahm von 1842 bis zu ihrem Tod 1858 sieben lange Forschungsreisen, über die sie Reisetagebücher schrieb. Die insgesamt 13 Bände wurden Bestseller, mit denen Pfeiffer ihre Reisen finanzieren konnte. 

Das Bilderbuch ist eine Hommage an eine mutige Frauenfigur und vermittelt eine wichtige Botschaft: Konventionen kann man missachten, Träume kann man leben. Die Biografie ist ein erzählendes Sachbuch: Schwalbe bezieht Schaubilder, Landkarten, Vita etc. mit ein, nutzt aber virtuos die erzählerischen Möglichkeiten und holt die jungen Leser visuell ab, regt mit ihren Bildern zum Weiterspinnen an. Und falls Sie sich die ganze Zeit gefragt haben, was es denn mit dem Kaiserzipf im Titel auf sich hat: Das ist ein 340 Meter hohes, spitz zulaufendes Waldstück im Wiener Gemeindebezirk Hietzing, aus der Perspektive des Kindes schon ein großer Berg.

Laudator: Dr. Stefan Hauck

Preisträgerin Linda Schwalbe im Gespräch mit Dr. Stefan Hauck bei der Preisverleihung am 14. Oktober 2020 im Struwwelpeter-Museum Frankfurt

Die Serafina soll Ansporn und Ermutigung sein, und sie ist auch Zeichen: Viele der jungen nominierten Talente sind inzwischen auf dem Kinder- und Jugendbuchmarkt beheimatet.

Dr. Claudia Maria Pecher, Akademiepräsidentin