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„In dem Land der Pyrenäen möge sie begraben sein“

Die Spanische Grippe im Kreis Gütersloh

Eine virtuelle Ausstellung von

Spanische Grippe in Kurzform

Kurz vor Ende des Ersten Weltkrieges trifft eine Grippepandemie die Welt, deren Opfer die des Ersten Weltkrieges noch übersteigen werden. Genaue Zahlen sind nicht bekannt, die Schätzungen schwanken zwischen 20 und 100 Millionen Verstorbenen. Die Pandemie wird mit ihren Nachbeben bis 1920 wüten und dann an Wucht verlieren. In Europa fallen 2 ½ Millionen vorwiegend jüngere Menschen der Spanischen Grippe zum Opfer.

Auch die Spanische Grippe tritt – wie bei Grippepandemien üblich – in mehreren Wellen auf. Die erste trifft im Frühjahr und Frühsommer 1918 auf Europa. Sie verläuft noch relativ milde, verbunden mit einer geringen Sterblichkeit. Die zweite Welle erreicht Europa dann im Spätsommer und Herbst. Sie verliert erst im November an Wucht und ist durch eine hohe Mortalität gekennzeichnet. Eine dritte Welle folgt Anfang 1919. Auch sie ist mit einer hohen Sterblichkeit verbunden.

Werbung für Hustenmittel und für Vorbeugemittel gegen Grippe.

Quellenlage im Kreis Gütersloh

Schon den Zeitgenossen fällt auf, dass nicht nur Ältere und Kinder, sondern vielfach auch Erwachsene zwischen 15 und 40 Jahren zu den Opfern der Spanischen Grippe gehören. Es sind – auch im Gebiet der damaligen Kreise Halle und Wiedenbrück – gerade die Kräftigen und Wohlgenährten, die betroffen sind, nicht die schon Geschwächten und Hungernden.

Die Suche nach Quellen zur Spanischen Grippe in unserer Region gestaltet sich schwierig und aufwendig. Amtliche Unterlagen, Zeitungsberichte, Todesanzeigen, Einträge in Schulchroniken und einige wenige autobiographische Quellen zeichnen aber schließlich ein Gesamtbild der Ereignisse jener Zeit. Sie erlauben Einblicke in das Leiden der Opfer und ihrer Hinterbliebenen, in das behördliche Wirken, aber auch generell in den Umgang der Menschen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit Seuchen und Krankheiten.

Die vielen Sterbeanzeigen besonders aus dem Herbst 1918 sind eine wichtige Quelle für die Rekonstruktion der Pandemie.

Erste Welle – Ungefährlicher Verlauf?

Im Sommer 1918 verbreitete sich die erste Welle der Spanischen Grippe in Deutschland. Die Zeitungen in den Kreisen Halle und Wiedenbrück berichteten in kleineren Artikeln ab Anfang Juli von der Ausbreitung der neuen Krankheit. Es sind zunächst Mitteilungen über die Verbreitung in Süddeutschland und Berlin. Die Zeitungen betonten ihren harmlosen Verlauf. Auch in Gedichten wird auf den ungefährlichen Charakter der „Spanischen Krankheit“ hingewiesen:

Steht die Menschheit auf der Kippe, / während sie der Wirrwarr quält. – / Eine neue Form der Grippe / hat uns bloß bis jetzt gefehlt. / Immerhin! Nach kurzen Wehen / stellt sie ihre Wirkung ein – / In dem Land der Pyrenäen / möge sie begraben sein.

Während der Pandemie ging das Leben der Menschen seinen gewohnten Gang. Auch Theateraufführungen wurden durchgehend angeboten.

Erste Todesopfer

Schnell verbreitete sich die neue Epidemie aber auch in den Kreisen Halle und Wiedenbrück. Das Gütersloher Tageblatt beschrieb detailliert die Symptome, die in der Regel sehr plötzlich auftraten: Schüttelfrost, Fieber, Kopfschmerzen, Rücken- und Gliederschmerzen. Als Komplikationen konnten Lungenentzündungen oder Erkrankungen des Nervensystems hinzutreten. Zur Bekämpfung der Krankheit empfahl die Zeitung „Wärme durch Bettruhe und vorsichtige Diät“.

Doch auch wenn die erste Welle der Spanischen Grippe für die meisten Betroffenen harmlos verlief, so waren schon jetzt die ersten Todesopfer zu beklagen. Während seines Heimaturlaubes verstarb im Alter von 27 Jahren der Unteroffizier Karl Plaßmann aus Isselhorst an einer „Lungenentzündung“.

48 Jahre alt wurde der Landsturmmann Johannes Ruthotto aus Wiedenbrück. Er war Angehöriger des Wachpersonals für das Gütersloher Offiziers-Gefangenenlagers gewesen. Nachdem er schon einige Tage an der Spanischen Grippe gelitten hatte, wurde er „bereits im bewußtlosen Zustande“ in das Elisabeth-Hospital verbracht, wo er verstarb.

Im Gütersloher Offiziersgefangenenlager grassierte offenbar schon früh die Spanische Grippe.

Zweite Welle – Die Opferzahlen steigen

Im August 1918 ebbte die erste Welle der Grippeepidemie etwas ab. Es gab zwar noch vereinzelte Todesfälle, insgesamt fand die Spanische Grippe aber nur noch wenig Beachtung in der Bevölkerung.

Anfang Oktober mehrten sich jedoch wieder die Sterbeanzeigen in den Kreisen Halle und Wiedenbrück. Es fanden sich auch immer mehr Kinder unter den Todesopfern. Der Besuch von erkrankten und das Abschiednehmen von verstorbenen Angehörigen barg dabei ein hohes Ansteckungspotenzial.

Peter Vollmer musste dies leidvoll erfahren. Er besuchte seine schwer an der Spanischen Grippe erkrankte Mutter kurz vor ihrem Tod. Nach dem Krankenbesuch kehrte er von Neuenkirchen nach Erwitte zurück, wo er als Verwaltungsassistent arbeitete. Er hatte es sich nicht nehmen lassen, seiner Mutter nahe zu kommen. So infizierte er sich ebenfalls an der „tückischen Krankheit“. Er starb 12 Tage nach seiner Mutter am 6. Oktober 1918 im Krankenhaus Erwitte.

Peter Vollmer aus Neuenkirchen befand sich genauso wie seine Mutter unter den Opfern der Pandemie.

Alltag mit der Pandemie

Auch im Alltag machte sich die Spanische Grippe nun bemerkbar. Im Gütersloher Postamt erkrankten derartig viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, dass eine Aufrechterhaltung des Fernsprechdienstes nur noch schwer möglich war. Sämtliche Verwaltungen und Wirtschaftsbetriebe waren nunmehr von der Grippepandemie betroffen, es wurde von bis zu 200 Erkrankten in einem einzigen Betrieb berichtet.

Immer häufiger mussten auch Betriebe den Tod von Mitarbeitern betrauern, die nicht mehr nur an der Front gefallen, sondern auch an der Spanischen Grippe gestorben waren. Die Gütersloher Firma Güth & Wolf beklagte etwa Anfang November 1918 den Tod gleich zweier Arbeiter: „Die zur Zeit herrschende schwere Krankheit hat uns zwei treue Mitarbeiter schnell entrissen, den Packmeister Heinrich Strothotte und den Heizer Wilhelm Meinders. […] Wir bedauern tief den schweren Verlust und werden den geschiedenen ein treues Andenken bewahren.“

Die Spanische Grippe beeinträchtigte auch die Arbeit des Gütersloher Postamtes.

Das Leid der Hinterbliebenen

Wie stark die Kreise Halle und Wiedenbrück von der Pandemie betroffen waren, zeigen einige Beispiele. Alleine in Werther starben Anfang November täglich fünf bis sechs Menschen. Das Haller Kreisblatt berichtete von einem besonders tragischen Fall. Dem Frontsoldaten Ruwwe wurde nach dem Grippetod seiner 14jährigen Tochter Urlaub gewährt. Doch als er zuhause ankam, war auch seine Frau bereits an der Spanischen Grippe gestorben.

Pfarrer Dr. Matthias Schmitz aus Versmold erinnerte sich an diese insbesondere auch für Geistliche so herausfordernden Zeiten und berichtete eindrücklich über den anstrengenden Begräbnistag des 9. Novembers: „Unauslöschlich bleibt auch eingeprägt der Augenblick, als die vier Särge in ein gemeinsames Grab gesenkt wurden. Da blieb kein Auge trocken. [...] An demselben Tage bettete ich noch 4 weitere Leichen zur Ruhe des Grabes: […] Inzwischen war es Abend geworden. Nasse Nebel lagerten auf der weiten Ebene. Körperlich und seelisch müde kam ich im Pfarrhause an.“

Pfarrer Dr. Matthias Schmitz berichtete eindrücklich über die Folgen der Spanischen Grippe in Versmold.

Pandemie und Schule

Die hiesigen Zeitungen betonten, dass viele Kinder von der Pandemie betroffen seien. Auch in Gütersloh grassierte die Grippe unter den Schülerinnen und Schülern, alleine im Lyzeum Gütersloh waren zeitweise 120 Mädchen erkrankt. Dennoch hoffte das Gütersloher Tageblatt, dass „diese neueste Krankheit als weniger gefährlich für die Volksgesundheit angesehen und deshalb das Schließen der Schulen vermieden“ wird.

In den Kreisen Halle und Wiedenbrück ist auch tatsächlich von generellen Schulschließungen Abstand genommen worden. Aufgrund der hohen Infektionszahlen der Schülerinnen und Schüler blieb aber teilweise keine andere Möglichkeit mehr, als zumindest einzelne Schulen zeitweilig zu schließen. So sind Ende Oktober 1918 über 50% der Schülerinnen und Schüler der evangelischen Volksschule Avenwedde erkrankt. Die Schule schloss daher für die ersten beiden Novemberwochen ihre Türen.

Schülerinnen des Gütersloher Lyzeums, das schon zu Beginn der Pandemie stark betroffen war.

Lehrer und Schüler unter den Opfern

Zu den Opfern der Pandemie zählten auch einige Lehrerinnen und Lehrer. Joseph Hesse aus Neuenkirchen etwa: „Eine tückische Krankheit raffte ihn im Alter von 24 Jahren dahin, nachdem er zwei Tage vor seinem Tode noch in der Schule tätig war. Ein junges Leben, das zu den schönsten Hoffnungen berechtigte, ist mit ihm dahingegangen.“

In den Schulchroniken werden aber nicht nur gestorbene Lehrerinnen und Lehrer beklagt, sondern zunehmend auch der Tod von Schülerinnen und Schülern. So musste die Volksschule Sürenheide nicht nur wegen der Erkrankung ihrer Lehrerin schließen, zwei ihrer Schülerinnen, Maria Reckendres und Anna Delker, verstarben sogar an der „grippalen Lungenentzündung“. Die Volksschule von Spexard beklagte den Tod ihres Schülers Joseph Küster, der am Allerseelentag an Grippe und Lungenentzündung verstarb.

Klassenfoto der Volksschule Sürenheide von 1917. Ein Jahr später werden zwei Schülerinnen an den Folgen der Spanischen Grippe sterben.

Aufklärungsarbeit in den Zeitungen

Ende Oktober bat der Regierungspräsident von Minden die Landräte in seinem Bezirk, die Bevölkerung über die Krankheit und einige vorbeugende Maßnahmen aufzuklären. Die Informationen sollten in den Zeitungen veröffentlicht werden.

Die Berichterstattung in den Zeitungen war von großer Bedeutung bei der Bekämpfung der Pandemie, da die Kommunikation zwischen Behörden und Bevölkerung vielfach über die Zeitungen lief. Sie entschieden über den Erfolg der nunmehr empfohlenen vorsichtigen Maßnahmen des „social distancing“.

Die regionalen Zeitungen berichteten ausführlich über die Krankheit mit ihren gefährlichen Komplikationen und mahnten eindringlich: „An Grippe erkrankte Personen müssen bis zu ihrer völligen Genesung sorgfältig abgesondert werden. Es ist eine Rücksichtslosigkeit gegen die Allgemeinheit, wenn leicht Erkrankte oder noch nicht vollkommen Genesene ihre Arbeitsstätte oder sonstige Oertlichkeiten besuchen, wo Menschenanhäufungen stattfinden, wie Kinos, Theater, Wirtshäuser und dergl.“

In den Zeitungen sind auch Empfehlungen für Medikamente ausgesprochen worden. Zeitweise waren diese in den Apotheken sogar knapp.

Kein Lockdown im Kreis Gütersloh

In Deutschland verzichteten die Reichs- und Landesbehörden auf verbindliche Anweisungen zur Bekämpfung der Pandemie. Letztlich blieb es den Kommunen überlassen, wie sie vorgehen wollten. Das Herunterfahren des öffentlichen Lebens wurde dabei in einigen Städten und Regionen zumindest in Ansätzen umgesetzt.

Doch in den Kreisen Halle und Wiedenbrück unternahmen die staatlichen und kommunalen Behörden nur wenig zur Eindämmung der Spanischen Grippe. Sie folgten den Empfehlungen des Reichsgesundheitsrates und ließen die Schulen geöffnet.

Auch von einer Schließung von Gaststätten oder einem Verbot von Kino-, Theater und Varietéaufführungen sahen die Behörden ab. Die Aufführungen fanden ohne Unterbrechung statt. Zu einem Theater-Abend im Gasthof Tatenhausen beispielsweise wurde am 22. November 1918 zahlreicher Besuch erwartet. In Gütersloh zeigte das Lichtspiel-Theater an der Bahnhofsstraße auch während der Pandemie durchgehend Filme.

Auch die Kirchen blieben während der Pandemie geöffnet. Gottesdienste und Konzerte mit geistlicher Musik konnten also weiterhin stattfinden.

Empfehlungen für Beerdigungen

Der Haller Landrat Röhrig veröffentlichte immerhin konkrete Empfehlungen für den Ablauf von Beerdigungen. Er rief im Haller Kreisblatt dazu auf, bei Beerdigungen nur unmittelbar am Grab zusammenzukommen. Normalerweise beging man in Halle und Umgebung die Trauerfeier mit einer Aufbewahrung im Haus des oder der Verstorbenen. Verbunden mit einer hohen Ansteckungsgefahr für alle Trauergäste. Zumindest dieser Gefahr versuchte Landrat Röhrig mit seinem Aufruf zu begegnen.

Zudem sorgten der Haller und Wiedenbrücker Landrat dafür, dass Empfehlungen über Verhaltensregeln während der Pandemie – etwa des Reichsgesundheitsrates – in den lokalen Zeitungen veröffentlicht wurden.

Der Haller Landrat Röhrig veröffentlichte Empfehlungen für den Ablauf von Beerdigungen im Haller Kreisblatt.

Dritte Welle – Weniger Todesopfer

Nachdem die zweite Welle Anfang Dezember 1918 an Kraft verloren hatte, erreichte die dritte Welle der Spanischen Grippe Deutschland in der zweiten Januarhälfte 1919 und hielt sich bis in den März hinein. Der Virus hatte sich inzwischen abgeschwächt und viele Menschen wiesen nun eine Immunität auf. Diese dritte Welle war Teil eines „Grippejahrfünfts“, das bis Mitte der 1920er Jahre andauerte.

Wie im übrigen Deutschland litten auch die Kreise Halle und Wiedenbrück in diesen Jahren noch unter mehreren Grippewellen. So berichtet beispielsweise die Chronik der evangelischen Volksschule Avenwedde, dass viele Schülerinnen und Schüler im Januar und Februar 1919 an der Grippe erkrankten.

Nach wie vor finden sich jedoch noch Sterbeanzeigen für die Opfer der Pandemie in den Zeitungen, wenn auch nicht mehr so häufig wie das Jahr zuvor. Etwa für Anna Nahaus aus Batenhorst, die Ende Januar 1919 verstarb: „Gott dem Allmächtigen hat es in seinem unerforschlichen Ratschluss gefallen […], die Jungfrau Anna Nahaus, nach kurzem, schwerem Leiden zu sich in die Ewigkeit zu nehmen. Sie starb infolge Grippe […] im Alter von 30 Jahren.“

Auch im sogenannten Grippejahrfünft waren die Schulen immer wieder von Grippewellen betroffen. Hier die Volkschule Neuenkirchen.

Grippejahrfünft

Auch in den Folgejahren konnte noch keine Entwarnung gegeben werden. Der Kreisarzt für den Kreis Halle vermerkte in seinem Gesundheitsbericht für 1920 immer noch zahlreiche Grippefälle insbesondere in Werther und Versmold. Die Schulen in Eggeberg, Hesseln und Kölkebeck mussten wegen zahlreicher Grippeerkrankungen der Schülerinnen und Schüler gesperrt werden.

Die evangelische Volksschule in Avenwedde musste sogar noch einen weiteren Todesfall verkraften. Ein neunjähriger Schüler starb an den Folgen einer Lungenentzündung. Die Schulchronik berichtete, dass es der erste Schüler war, „der seit dem Bestehen der Schule gestorben ist. Seine Mitschüler gaben ihm das letzte Geleit, sangen im Trauerhause und am Grabe ein zweistimmiges Lied“.

Die Grippewellen in den Schulen setzten sich auch in den Folgejahren fort. Ende 1921 erkrankten nochmals viele Schülerinnen und Schüler der Volksschule Pavenstädt, Anfang 1922 mussten über die Hälfte der Kinder der Volksschule Sende-Ebbinghaus wegen einer Grippeerkrankung zuhause bleiben.

Viele der Pandemie-Opfer verstarben in Krankenhäusern, etwa dem Evangelischen Krankenhaus in Gütersloh.

Opferzahlen

Für den heutigen Kreis Gütersloh sind die genauen Zahlen nicht mehr zu ermitteln. Die Grippetoten sind von den Behörden – anders als z.B. bei Tuberkulose – nicht einheitlich erfasst worden. Es gibt aber Berichte, Statistiken und Dokumente, die Rückschlüsse auf das Ausmaß der Pandemie im heutigen Kreisgebiet zulassen. Sie ergeben eine Mortalität, die in den Kreisen Halle und Wiedenbrück vermutlich zwischen 0,3 und 0,9 % gelegen hat.

Überträgt man einen Mittelwert von 0,5 oder 0,6 % auf die Gesamtbevölkerung des ehemaligen Kreises Wiedenbrück mit seinen damals 65.277 Einwohnern, so wären 1918 zwischen 326 und 392 Personen der Pandemie zum Opfer gefallen. Im Kreis Halle mit seinen 30.856 Einwohnern wären demnach zwischen 154 und 185 Männer, Frauen und Kinder an der Spanischen Grippe gestorben.

Patient im Walter-Reed-Krankenhaus (USA) während der Spanischen Grippe, um 1918.

Warum gibt es kein kollektives Gedächtnis?

Erstaunlicherweise ist die Spanische Grippe bei den nachfolgenden Generationen, aber selbst bei den Zeitgenossen kaum im Gedächtnis haften geblieben. Die lokalen Zeitungen im hiesigen Raum haben zwar regelmäßig über die Pandemie berichtet. Die Berichte beschränkten sich aber in der Regel auf kurze Meldungen. Größere Beiträge waren selten, auf die Titelseiten der lokalen Zeitungen hat es die Spanische Grippe trotz der vielen Opfer nicht geschafft. Was blieb, waren die vielen Todesanzeigen.

Warum war das so? Die Spanische Grippe ist in Deutschland vom Ende des Ersten Weltkrieges überschattet worden. Zudem gehörten Infektionskrankheiten mit hohen Sterblichkeitsraten wie die Tuberkulose zum alltäglichen Erfahrungshorizont der Menschen. Viele Zeitgenossen deuteten die Grippe auch – wie der Haller Rektor Christian Frederking in seiner Chronik – als Folge der Unterernährung und als Anzeichen eines allgemeinen gesundheitlichen Verfalls nach fünf Kriegsjahren.

Auch Rektor Christian Frederking aus Halle berichtete in seiner Chronik kurz über die Auswirkungen der Spanischen Grippe.