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Auf der Suche nach Heimat

Sportvereinigungen von „Gastarbeitern“ in Düren

Eine virtuelle Ausstellung von

Dürener "Gastarbeiter" und der Sport

In den 1960er und 1970er Jahren kamen in Düren viele "Gastarbeiter" aus Südeuropa in ihrer arbeitsfreien Zeit zum Sport zusammen. Besonders Fußball stand bei den Arbeitern aus den meisten Ländern hoch im Kurs. Im griechischen Umfeld hatten sich zudem eine Volleyballmannschaft und eine Tanzgruppe gebildet. Während die meisten dieser Vereine und Zusammenschlüsse bald wieder verschwanden, existieren einzelne bis heute.

Stempelbild des türkischen Fußballvereins in Düren
Einführung in die Sportszene der "Gastarbeiter" in Düren durch Heiner Hilger, Stadtmuseum Düren
Aufführung eines griechischen Volkstanzes durch die Tanzgruppe "Evzone" in Düren.

Die frühen Jahre in Düren

1964 gründete Kyriakos Chamalidis, damaliger Sozialbetreuer der griechischen Arbeiterinnen und Arbeiter in Düren die griechische Tanzgruppe „Evzone“. Diese Gruppe, bestehend aus Männern und Frauen, trainierte und präsentierte griechische Volkstänze. Die Tanzgruppe existiert bis heute, seit den 1990er Jahren besteht sie jedoch vornehmlich aus deutschen Teilnehmerinnen und Teilnehmern. In der Mitte der 1960er Jahre hatte Chamalidis zudem den ersten Fußballverein von Zuwanderern in Düren gegründet. Unter dem Mannschaftsnamen „Macedonia“ kamen griechische Freizeitkicker zusammen, um dem beliebten Volkssport zu frönen. Der Name knüpfte bewusst an die regionale Herkunft vieler in Düren lebender Griechen an und sollte an die geliebte Heimat erinnern. Ebenfalls in der Mitte der 1960er Jahre hatte Chamalidis eine Volleyballmannschaft für griechische "Gastarbeiter" als lockeren Zusammenschluss gegründet. Der Fußballverein "Macedonia" und die Volleyballmannschaft existierten augenscheinlich nicht sehr lange. 

Die Jahrzehnte der internationalen Fußballclubs in Düren

Die Nationen gründen ihre Vereine

"Türkischer SV 1969 Düren"

1968 gründeten die Türken zunächst einen lockeren Zusammenschluss von Fußballern, der 1969 zum eingetragenen Verein, dem „Türkischen SV 1969 Düren“ wurde. Dies war die Geburtsstunde einer beachtlichen Vereinsvita: Nicht nur gilt der Verein heute als ältester türkischer Fußballverein in Nordrhein-Westfalen und drittältester in ganz Deutschland. Er existiert zudem bis heute. In rot-weißen Trikots kamen die Türken zum regelmäßigen Training  zusammen. 2004 fusionierte der Verein mit dem später gegründeten „Vereinigten Türkischen Sportverein Düren 1984“ zur „Spielgemeinschaft Türkischer SV Düren 69/84“. 

Der "Türkische SV 1969 Düren" wird 1980 Rheinlandmeister.

Aus sportlicher Sicht verbuchte der Verein in den vergangenen gut 50 Jahren Erfolge: 1980 gewann das Team im Turnier der türkischen Konsulatsmannschaften im Bezirk Köln den begehrten Pokal und holte den Titel des Rheinlandmeisters. Auch die Dürener Stadtmeisterschaft in der Halle gewann der Verein mehrfach.

Griechische Fußballmannschaft "Hellas Düren", 1975

"Hellas Düren"

In den frühen 1970er Jahren trat mit dem Verein „Hellas Düren“ ein neuer griechischer Fußballverein auf der Bildfläche auf.  Der Verein spielte immer in der Kreisliga C, der untersten Liga, und konnte aus personellen Gründen nie eine zweite Mannschaft stellen. In zunächst schwarz-gelben Trikots, später dann in blau-weißen kamen die griechischen „Gastarbeiter“ regelmäßig zum Kicken zusammen. Viele griechischstämmige Dürener können sich noch heute an den Verein erinnern.

"Italia 72 Düren" und die "Spanische Mannschaft"

1972 traten erstmals italienische "Gastarbeiter" mit ihrem offiziellen Verein „Italia 72 Düren“ in Erscheinung. Der Verein spielte immer in der Kreisliga C und stellte wie auch der griechische Verein „Hellas Düren“ stets nur eine Mannschaft. Die Trikotfarben waren zunächst rot-gelb-blau, später dann blau-weiß.

 

Spieler der sogenannten Spanischen Mannschaft, 1979

Spanische „Gastarbeiter“ schlossen sich um 1977 in der dritten Mannschaft des "Dürener Spielvereins" zusammen. Diese Mannschaft bestand aus Spielern vieler Nationen, u. a. aus Spaniern und Portugiesen, die zu wenige Spieler stellten, als dass sie einen eigenen Nationenverein in Düren hätten gründen können. Aber auch Deutsche und Italiener spielten in dieser internationalen Mannschaft. Das Team spielte für etwa zwei bis drei Jahre mit der spanischen Flagge auf dem Trikot, wie sich Zeitzeugen erinnern.

Auf der Suche nach Heimat - Wichtige Hintergründe der Vereinsgründungen

Warum traten die internationalen Hobby-Kicker nicht in bereits bestehende Dürener Vereine ein? Allen voran stand die emotionale Ebene: Das Bedürfnis nach Sicherheit und Orientierung in einem fremden Land wird durch den Kontakt zu Landsleuten zuverlässig bedient. Ein Zeitzeuge fügt noch andere Aspekte an, welche die Zuwanderer davon abhielten, in alteingesessene Dürener Traditionsvereinen einzutreten: Für einen „Ausländer“ war es in den 1970er Jahren schwer, auf menschlicher Ebene in einen typisch deutschen Verein hineinzukommen. Sprache und Kultur unterschieden sich. Auch aus sportlicher Sicht bestanden Hürden, denn eine Jugendförderung hatten die südeuropäischen Spieler kaum je durchlaufen, eine gewisse Diskrepanz war auf sportlicher Ebene also mitunter gegeben.

Die Menschen suchten Zusammenhalt und eine Form von Heimatgefühl.

Niko Theodorou, Sohn eines griechischen Gastarbeiter-Ehepaares aus Düren.

Sportliche und menschliche Annäherungen

Zwar waren die besagten Fußballvereine ursprünglich als Nationenvereine gegründet worden. Mit den Jahren ist jedoch für alle Mannschaften eine gewisse Durchmischung von Nationalitäten feststellbar, wenn auch das Gros des Personals weiterhin der Nationalität des Vereins angehörte. So tauchten vereinzelt "Gastarbeiter" aus dem ehemaligen Jugoslawien oder Portugal in den Vereinen auf. Ohne eigene Nationenvereine schlossen sich diese Spieler gerne den Vereinen der "Gastarbeiter"-Kollegen an. 

Auch untereinander tauschten die Vereine Personal aus: Es tauchten beispielsweise griechische Fußballspieler im türkischen Verein und umgekehrt auf. Auch deutsche Spieler waren bald Mitglieder in den Vereinen. Türöffner waren zumeist Freunde, Kollegen und Bekannte. Der „Türkische SV 1969 Düren“ kann sogar auf deutsche Trainer zurückblicken. Es wurde also rasch bunt in den Vereinen.

Der Spanier Alberto Pozuelo Casado (v. r.) als Spieler beim griechischen Fußballverein "Hellas Düren", 1981

Das stille Ende der Vereine

Die Rückkehr vieler Familien der ersten Generation schwächte die Vereine personell erheblich. Auch wurden die Herren der ersten Generation mit den Jahren älter. Ein weiteres Problem stellte nach Aussage von Zeitzeugen der fehlende Nachwuchs dar. Während für die erste Generation "Gastarbeiter" aus sprachlichen und kulturellen Gründen zunächst nur die Fußballvereine der eigenen Nation in Frage kamen, sah dies für die zweite Generation bereits anders aus: Ihnen stand eine Reihe Dürener Traditionsvereine mit Jugendabteilungen offen. Weder Sprache noch Kultur stellten eine Hürde dar. Zudem hatte die zweite Generation kein ungebrochenes Interesse an den Fußballvereinen der Väter mehr. Der Suche nach Heimat kam keine Bedeutung mehr zu. Einzig der türkische Verein existiert wegen der zahlenmäßigen Stärke der türkischen Gemeinschaft in Düren bis heute.
Der junge Italiener Francesco de Rose, Sohn italienischer "Gastarbeiter" im Trikot eines Dürener Traditionsvereins, um 1970
Der Suche nach Heimat kam bei den Jungen der zweiten Generation keine Bedeutung mehr zu. Die emotionale Aufladung aus der Vätergeneration war nicht da. Es war ein Zeitvertreib mit Freunden!

Stefano Polis, Sohn eines griechischen Gastarbeiter-Ehepaares aus Düren.