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Störtebeker in Rostock

Gab es Piraten in Mecklenburg und Pommern?

Eine virtuelle Ausstellung von

Störtebeker in Rostock. Gab es Piraten in Mecklenburg und Pommern?

„Störtebeker und Gödeke Michael
die raubten beide zu gleichem Teil
zu Wasser und auch zu Lande
bis dass es Gott im Himmel verdroß
dess mußten sie leiden grosse Schande”

Die erste Strophe des „Störtebeker-Lieds” benennt zwei der bekanntesten „Piraten” des späten Mittelalters. Man zählt sie zu den "Vitalienbrüdern", die um 1400 für den König von Schweden, Albrecht von Mecklenburg, gegen die Königin Margarethe von Dänemark kämpften. Von Rostock und Wismar aus fuhren sie aus, um auf See Krieg gegen die skandinavischen Reiche zu führen.

Heute werden sie vielfach als „Piraten" gesehen. Durch Literatur, Fernsehen und Theater leben ihre Geschichten bis heute weiter und ihre Taten machten einige von ihnen zu Legenden. Wer aber waren die Personen hinter diesen Legenden? War das, was sie taten, verboten oder erlaubt? Wer und was waren überhaupt “Piraten” in den Augen des Mittelalters? Und wie werden ihre Geschichten bis heute weitererzählt, um ganz aktuelle Probleme zu behandeln?

Diese Fragen wollen wir anhand von Beispielen aus der Geschichte Mecklenburgs und Rostocks beantworten. Denn Störtebeker war (vielleicht) ein Rostocker!

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Wer ist ein „Pirat"? Vom Recht im Mittelalter

Gewalt auf See ist ein Phänomen, das Gesellschaften seit jeher begleitet. Schon der römische Staatsmann Cicero bezeichnete 44 v. Chr. Piraten als den „Feind aller“. Diese Ansicht prägte den Rechtsbegriff der Piraterie über Jahrhunderte hinweg. Im Mittelalter gab es kein allgemeingültiges Seerecht. Deshalb war es häufig unklar, ob Gewalt auf See rechtmäßig ausgeübt wurde.

Wer auf See ein Schiff angriff, handelte meistens mit Erlaubnis von Herrschern, Städten oder Privatleuten, oder er sah sich selbst im Recht. Bei Streitigkeiten zur See beriefen sich viele Akteure auf das Recht der Schadloshaltung. Dieses erlaubte Geschädigten, ihre Verluste auf eigene Faust auszugleichen. Ein Mittel der Legitimation solcher Gewalt waren die sogenannten Markebriefe. Diese erlaubten die Beschlagnahmung von Schiffen und Gütern aller Mitbürger des Gegners.

Echte „Piraten" findet man in den Quellen kaum. Der Vorwurf der „Piraterie" wurde auch nur recht selten erhoben, wenn man einem Gegenspieler die Rechtmäßigkeit seiner Angriffe bestreiten wollte.

Die Spielregeln der Gewalt auf dem Meer im Spätmittelalter: Was war erlaubt, was war verboten?

Was meinst Du? Scrolle nach rechts.

Keine Piraten! Warum man im Spätmittelalter auf See Gewalt ausüben durfte.

Im 15. Jahrhundert wandelte sich das Rechtsverständnis von Gewalt auf dem Meer im Ostseeraum. Die bislang unklare Unterscheidung zwischen legitimer Selbsthilfe und Fehdeführung und illegitimer Seeräuberei wurde zunehmend durch die entstehenden Staaten reguliert. Erst mit dem herrschaftlichen Monopol auf legitime Gewalt ließ sich Piraterie als per se kriminelles Handeln begreifen.

Zuvor waren Gewalthandlungen auf See in einem komplexen Geflecht aus Fehde, Ehre und lokalen Rechtsvorstellungen eingebettet. Der Begriff „Piraterie“ war dabei eher eine rhetorische Waffe als juristischer Tatbestand.

Erst in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts setzte sich deshalb im hansischen Raum allmählich der schriftliche „Kaperbrief“ durch, die schriftliche Erlaubnis staatlich legitimierter Gewalt. Diese Entwicklung markiert die Annäherung an frühmoderne Rechtsverhältnisse auf See.

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Von Kaufleuten und Prinzen – „Piraten“ und ihr sozialer Stand

Gewalt auf See war nicht nur ein juristisches Anliegen, sondern ein alltäglicher Bestandteil der mittelalterlichen Schifffahrt. Die Kaufleute und Seemänner selbst waren bewaffnet, und sie beanspruchten das Recht, ihre Interessen zur Not mit Gewalt durchzusetzen. Sie führten Fehden, kämpften im Auftrag Dritter, für ihre Städte, Fürsten oder Könige. Manche machten ein Geschäft daraus, für andere deren Konflikte auszutragen. Während einige, wie Störtebeker, noch heute Legenden sind, wurden die Geschichten anderer nahezu vergessen.

Wer waren diese Leute, die vor mehr als 500 Jahren Nord- und Ostsee „unsicher” machten? Was trieb sie an? Waren sie alle ruchlose Seeräuber oder doch mehr? Wir zeigen Beispiele aus der Geschichte Mecklenburgs und Pommerns.

Alexander und der Pirat

Die Geschichte von Alexander dem Großen und dem Piraten Diomedes enthält einen der frühesten Rechtsbegriffe für Piraterie in der Antike. Dieses Verständnis blieb bis ins Mittelalter prägend, denn die Anekdote wurde immer wieder erzählt. Als Alexander der Große den gefangenen Piraten fragte, warum er raube, antwortete dieser: „Weil ich es mit einem kleinen Schiff tue, nennt man mich einen Räubert; tust du es mit einer großen Flotte, nennt man dich König." Dieses Beispiel zeigt, dass es schon früh Überlegungen zur Rechtfertigung von Seeraub gab.

Alexander und der Pirat Diomedes, aus: François de Rohan: Fior di virtú, 1530, Paris BnF, Français 1877, fol. 25

Störtebeker – Der Mensch hinter der Legende

In den Archiven erfahren wir viel über Störtebeker. Hieß er wirklich Klaus (Nikolaus), oder nicht eher Johann (Hans)? War er ein Pirat? Wurde er in Hamburg hingerichtet? Oder lebte er noch viel länger? Und ist er vielleicht sogar in Rostock gewesen? Man kann seine Biographie zusammensetzen wie ein Puzzle. Doch es gibt auch Narrative über ihn, die nicht ins Bild passen.

Archiv der Hansestadt Rostock, Bürgerbuch 1421-1485, Signatur 1.1.3.1. 197, fol 1v

John Brandon gegen Stralsund. Vom Opfer zum Täter

John Brandon war ein englischer Kaufmann und Gewaltunternehmer des späten 14. Jahrhunderts. Er lebte in der bedeutenden Hafenstadt Lynn, einem zentralen Umschlagplatz im Hansehandel. Dort handelte er mit Tuch und Heringen, vor allem in den Ostseeraum. Brandon war ein wichtiger Bürger in Lynn und bekleidete zwischen 1376 und 1410 fast ununterbrochen wichtige Ämter, darunter das des Zöllners und Bürgermeisters. Als Vertreter der englischen „Preußenfahrer“ engagierte er sich auch in politischen Fragen und war mehrfach Mitglied des englischen Parlaments. In den Hansestädten war er als einer der berüchtigsten englischen Gewaltunternehmer bekannt. Mehrere Schiffe mit Bewaffneten fuhren für ihn, die professionell Kauffahrer angriffen. Ab 1391 war John Brandon in einen langwierigen Konflikt mit der Hansestadt Stralsund verwickelt. Hintergrund war die gegenseitige Beschlagnahmung von Waren in Stralsund und England. Brandon beanspruchte Schadensersatz und trieb diesen persönlich ein: Zwischen 1397 und 1398 ließ er mehrfach Schiffe und Güter Stralsunder Kaufleute beschlagnahmen – teils auf hoher See, teils in englischen Häfen. Das war der Beginn einer steilen Karriere als Gewaltunternehmer, denn der Fall ereignete sich im Zuge wachsender Rivalitäten zwischen England und der Hanse. Brandons Beispiel zeigt, dass Gewalt auf See auch von angesehenen Händlern als legitimes Instrument eingesetzt wurde.

Barnim VI. Ein frommer Pirat?

Herzog Barnim VI. von Pommern-Barth aus dem Haus der Greifen wurde um 1365 geboren. Zusammen mit seinem Bruder Wartislaw VI. regierte er ab 1394 das Fürstentum Pommern-Wolgast, mit seinem Herrschaftssitz in Barth. Sein Verhältnis zu den mecklenburgischen Hansestädten war schon früh angespannt, da er auf Seiten Dänemarks stand. 1395 sandte Rostock eine Flotte aus, um eine von Barnims Burgen bei Ahrenshoop zu zerstören. Ab 1397 arbeitete er eng mit "Vitalienbrüdern" zusammen, die für Margarethe kämpften. So gewährte er ihnen Schutz und ließ sie in der Peenemündung überwintern. Ab 1398 fuhr er mit einer eigenen Flotte für die Dänen. Er überfiel Schiffe u.a. aus Stettin und Lübeck, bis er 1401 in Kopenhagen von einer hansischen Flotte gestellt wurde. Nach Kriegsende gründete und förderte er die Wallfahrtskirche in Kenz bei Barth, in der heute noch sein Grab zu sehen ist. 1405 starb er an der Pest und wurde in Kenz bestattet - ein "Pirat" als frommer Kirchenstifter.

Karsten Sarnow gegen Wulf Wulflam. Von Revolution, Piraten und Intrigen

Karsten Sarnow stammte aus einer wohlhabenden Kaufmannsfamilie, die aber nicht im Rat saß. Da Stralsund als pommersche Landstadt eher auf Seiten Dänemarks stand, waren die mecklenburgischen Seekrieger aus Sicht der Stralsunder Feinde. Im Jahr 1391 führte Sarnow erfolgreich eine militärische Strafexpedition gegen diese “Seeräuber” durch. Bei seiner Rückkehr präsentierte er laut einer Legende die gefangenen “Piraten” in Tonnen eingeschlossen. Aufgrund seines Erfolgs und der gewonnenen Popularität wurde er noch im selben Jahr zum Bürgermeister gewählt, was einen Bruch mit der bisherigen patrizischen Machtordnung bedeutete.

Die Gegenspieler Karsten Sarnows waren der Bürgermeister Bertram Wulflam und sein Sohn Wulf. Ihr Haus war eines der prächtigsten der Stadt.

Sarnow stellte sich gegen die mächtigen Ratsfamilien, besonders gegen den vormaligen Bürgermeister Wulf Wulflam. Er setzte Reformen durch, die auch einfache Bürger an der Politik beteiligten. Wulflam floh, kehrte aber mit Unterstützung zurück. 1392 wurde Sarnow verhaftet und hingerichtet. Nach seinem Tod machten die Stralsunder Patrizier seine Reformen rückgängig. Sarnow blieb jedoch in der Geschichtsrezeption ein Symbol für den Kampf gegen die Vorherrschaft der Eliten.

Die Ratsherren und die Vitalienbrüder – Die „Pfeffersäcke" als Seeräuber?

Johann Tuckeswert aus Wismar und Johannes von der Aa aus Rostock waren angesehene Ratsherren und Bürgermeister ihrer Städte. Ihr Einfluss reichte jedoch weit über die Stadtmauern hinaus. Beide waren ab den 1380er-Jahren als Schiffshauptleute für Johann II. von Mecklenburg-Stargard tätig und nahmen an der Eroberung von Bornholm und Gotland teil. Dabei agierten sie in engem Kontakt mit den sogenannten Vitalienbrüdern, die für König Albrecht III. von Schweden kämpften. Beide Männer zeigen beispielhaft, wie politische, wirtschaftliche und kriegerische Interessen in der Hansezeit miteinander verwoben waren.

Hauptstaatsarchiv der Freien und Hansestadt Hamburg Cl. VII. Lit. LaNr. 2 Vol. 1 c

Die „Piraten“ von Burg Korsholm

In den 1390er Jahren machte der Ritter Otto von Peckatel Karriere als „Vitalienbruder“. Zunächst kämpfte er für seine mecklenburgischen Herzöge. Dann wurde er im Auftrag Königin Margarethes Amtmann auf der finnischen Burg Korsholm. Seine Nachkommen wurden Adelige in Schweden und Finnland. Das Institut Kultur Österbotten in Vasa (Finnland) hat 2020 einen Film über ihn gedreht, den wir Ihnen hier mit deutschen Untertiteln zeigen können.

Hier gehts zum Film „The Pirates of Korsholm Castle"

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Gleiches Teilen von 1389 bis 1989: Die Rezeption Störtebekers in der DDR

Wossidlos Legenden

Zwischen 1898 und 1939 sammelte der Gymnasiallehrer und Volkskundler Richard Wossidlo allerlei Legenden, Sagen und Geschichten in ganz Mecklenburg. Auch über Störtebeker ließ er sich berichten. Die Sammlung der kurzen Zettel über diese Geschichten sind heute im nach ihm benannten Archiv an der Universität Rostock zu finden. Die Sammlung Wossidlo ist auch online zugänglich und bietet einen einzigartigen Zugang zur Volkskunde Mecklenburgs:

www.wossidia.de

Der Fall Herbert Kasten

Herbert Kasten aus Stralsund war Schriftsteller und SED-Mitglied. Sein Roman „Karsten Sarnow“ über den gleichnamigen Stralsunder Bürgermeister erschien 1958. Zunächst waren die Bewertungen sehr positiv. Nach den Ostseewochen 1959 änderte sich das öffentliche Bild. Kastens Darstellung einiger Figuren widersprach dem Plot in Kurt Barthels Skript für die Störtebeker-Festspiele. Karsten Sarnow etwa war für Kasten eine positive Figur. Bei Kurt Barthel galt er als gescheiterter Sozialdemokrat. Die Ostsee-Zeitung, damals Organ der SED, veröffentlichte mindestens 19 negative Artikel über Kasten und den Roman. Unter anderem wurde ihm sein fehlender Klassenstandpunkt vorgeworfen. Ende Oktober 1959 beging er Republikflucht. Auf Bitten seiner Tochter kurzzeitig in die DDR zurückgekehrt, ging er im Dezember 1959 endgültig nach Westdeutschland.

Herbert Kasten (3. von links) auf einer Arbeitstagung des Schriftstellerverbands der DDR in Berlin, Mai 1952 (Foto: Gustav Köhler, Bundesarchiv).

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Und heute?

Lebenslinien

In der Berliner Zeitung „Tagesspiegel“ veröffentlichte Birgit Weyhe 2019 die Comicreihe „Lebenslinien“. Eine der Geschichten, die sie dabei erzählte, war die des somalischen Piraten Zahi, der ein deutsches Containerschiff überfiel. Auch heute noch gibt es in manchen Teilen der Welt bewaffnete Gruppen, die die Seefahrt bedrohen. Ihre Geschichte ist häufig geprägt von Armut und ungleichen Chancen. Wie in der Geschichte stehen wir hier vor der Frage, was die handelnden Personen zu „Piraten“ macht. Aber anders als früher können wir die Menschen hinter den rechtlichen Bestimmungen und politischen Diskussionen erkennen.