Troisdorfer Unternehmen
KONDITOREI und CAFÉ BREUER
Eine virtuelle Ausstellung von
Einführung
Zum Start unserer neuen Reihe „Troisdorfer Unternehmen“ präsentieren wir Ihnen eine virtuelle Ausstellung über die Konditorei Café Breuer in der Kölner Straße, die von 1913 bis 2006 nahezu 100 Jahre lang zum Stadtbild Troisdorfs gehörte. Die Texte zu den verschiedenen Ausstellungsstücken basieren auf einem Interview, das Archivmitarbeiter Christian Fuchs mit Konditormeister Paul Hebbecker, dem ehemaligen Inhaber des Café Breuer, führte. So erzählt Paul Hebbecker im Verlauf der Ausstellung Stück für Stück die Caféhausgeschichte. Er erklärt, warum seine Großeltern Troisdorf als Standort auswählten, spricht über Erfolge und Herausforderungen für Familie und Betrieb und verrät, welche Spezialität die Konditorei zeitweise nach ganz Europa lieferte.
Wir danken Paul Hebbecker für die überaus großzügige Schenkung an das Stadtarchiv Troisdorf und für seine unermüdliche Geduld, unsere Fragen stets ausführlich zu beantworten. Seine Geschichte hat die Archivleiterin Antje Winter inspiriert, eine Ausstellung zu gestalten und wir freuen uns, dies auf diesem Weg mit der Deutschen Digitalen Bibliothek verwirklichen zu können. Diese Ausstellung bildet einen Bruchteil der abgegebenen Unterlagen und Objekte ab. Wenn Sie Fragen oder Wünsche haben oder wenn Sie Ideen für andere Troisdorfer Geschichten haben, die erzählt werden sollten, dann melden Sie sich unter der bekannten Adresse im Stadtarchiv Troisdorf.
(Antje Winter und Christian Fuchs)
01
Gründung 1913 und Anfangsjahre
Mein Urgroßvater Josef Breuer führte eine Konditorei in Eitorf. Seine beiden Söhne hatten ebenfalls das Konditorenhandwerk erlernt. Doch nur einer konnte den Betrieb übernehmen, der andere musste „auswandern“. Mein Großvater Josef guckte sich zusammen mit seiner Frau Maria Troisdorf aus, da es dort noch keine Konditorei gab. Als Standort wählten die beiden die Kölner Straße, damals ein geschotterter Lehmweg, auf dem Pferdefuhrwerke ratterten. Dort ließen meine Großeltern ein Haus mit Café und Backstube errichten. Als Startkapital dienten 3.000 Reichsmark, die meine Großmutter als Mitgift mit in die Ehe gebracht hatte. Im Jahr 1913 eröffneten sie auf der Kölner Straße 26 die Konditorei Café Breuer. Nachdem sie das Grundstück zuerst nur gepachtet hatten, wurden sie 1917 Eigentümer.
Die neue Konditorei etablierte sich schnell im Ort. Obwohl Troisdorf damals ein Bauerndorf war und die Bewohner nicht viel Geld hatten, gönnten sie sich immer öfter eine süße Kleinigkeit aus dem Hause Breuer. Bald lief das Geschäft so gut, dass die Backwaren mit Pferd und Wagen ausgefahren werden mussten. Wichtige Kunden waren zudem von Anfang an die Unternehmen Dynamit Nobel und Mannstaedt, die zu festlichen Anlässen zum Beispiel Eisbomben bestellten. Meine Großeltern hatten damals im Geschäft sogar schon Telefon, um für spontane Aufträge erreichbar zu sein.
02
Zweiter Weltkrieg und Nachkriegszeit
1941 starb mein Großvater an einem Herzinfarkt. Mit einer Ausnahmegenehmigung führte meine Großmutter den Betrieb auch ohne Meister weiter. Ihre beiden Töchter waren für die damalige Zeit sehr emanzipiert: eine studierte Medizin, die andere arbeitete bei der Post. Sohn Theo sollte das Café Breuer übernehmen.
03
Übernahme des Cafés durch die Eltern
Angesichts der neuen Situation verließ meine Mutter Annemie die Post und stieg kurzentschlossen in den Betrieb des Café Breuer ein. Ihr Ehemann, der Industriekaufmann Kurt Hebbecker, war bereit, zum Konditor umzuschulen. Hilfe kam vom Bruder meines Großvaters, Theodor. Er hatte die Konditorei in Eitorf weitergeführt, bis diese im Zweiten Weltkrieg völlig zerstört worden war. Als die Zukunft des Café Breuers in Gefahr war, siedelte er nach Troisdorf über und unterstützte meinen Vater Kurt dabei, den Beruf des Konditors zu erlernen. Mein Vater bestand die Meisterprüfung 1954, so dass der Fortbestand der Konditorei gesichert war. Nach dem Tod meiner Großmutter führte er zusammen mit meiner Mutter den Betrieb eigenständig weiter.
1956 war die Konditorei Café Breuer schon mehr als 40 Jahre alt. Da war es Zeit für einige Veränderungen. Die Backstube hatte noch Betonfußboden und die Wände waren mit Ölfarbe gestrichen. Die Teigknetmaschine machte einen Höllenlärm, den man bis ins Café hörte. Natürlich konnten meine Eltern nicht alles auf einmal austauschen, aber sie investierten in kleinen Schritten, zum Beispiel in Bodenfliesen für die Backstube. Es war stets Sparsamkeit angesagt, aber das Geschäft lief immer besser. Schließlich beschäftigten meine Eltern genügend Mitarbeiter, dass wir als Familie regelmäßig für eine Woche in Urlaub fahren konnten, was sich andere Selbstständige nicht erlauben konnten.
04
Aufwachsen mit dem Café
Zu meiner Geschichte gehört, dass ich die ersten Jahre nicht in Troisdorf, sondern im Kinderheim im Bayrischen Wald verbracht habe. Ich kam nach Troisdorf, als meine Adoptiveltern mich mit 6 Jahren zu sich holten. Diese Veränderung fühlte sich für mich so an, wie vom kleinsten Provinzdorf nach New York zu ziehen. Es gab so viele Eindrücke, die da mit einem Mal auf mich einprasselten. Aber trotzdem habe ich mich schnell in Troisdorf wohlgefühlt. Überall schlug mir Empathie entgegen. Sehr schön fand ich auch, dass meine Adoptiveltern tierlieb waren und immer Hunde und Katzen zum Haushalt gehörten. Das Café spielte schon als Kind eine große Rolle für mich. Wenn ich von der Schule kam, ging es ab in die Backstube. Ich wurde schon früh in den Betrieb eingebunden. Mit 8 Jahren habe ich zum Beispiel in der Weihnachtszeit dabei geholfen, die Spekulatiusformen auf dem Tisch auszuschlagen und den geformten Teig auf die Bleche zu setzen.
05
Der Weg zum Konditormeister
Nach anfänglicher Rückstufung um ein Schuljahr aufgrund meiner Zeit im Kinderheim wurde ich immer besser und schaffte es sogar aufs Gymnasium. Aber für mich war klar, dass ich Konditor werden wollte. Deswegen plante ich, früher von der Schule abzugehen. Ich war schon 16 Jahre alt und damals begann man eine Lehre eigentlich mit 14.
Als die Lehrer von meinem Abgang erfuhren, fragten sie mich, ob ich mir das genau überlegt hätte und ob meine Eltern dahintersteckten. Aber ich sagte: Nein, nicht meine Eltern, ich, ich möchte das. Nach meiner Ausbildung im Café Faßbender in Siegburg und Wanderjahren als Geselle legte ich 1971 meine Meisterprüfung als Prüfungsbester ab.
06
Einstieg und Übernahme
Mein Vater war inzwischen nierenkrank, so dass ihm die Arbeit zunehmend schwer viel. So war es 1971 höchste Zeit, dass ich in den Betrieb einstieg. Ich konnte dem Café Breuer von Anfang an meinen Stempel aufdrücken. Das Geschäft lief sehr gut. Nach meiner Heirat wollte ich das Café dann eigenständig führen. Aber ganz ohne Kampf ging das nicht ab.
Meine Mutter war ja auch eine Macherin und mit 70 Jahren noch voll in Saft und Kraft. Ich sagte ihr, dass ich mir etwas Anderes suchen würde, wenn sie das Geschäft weiterführen wolle. Tatsächlich schaltete sie eine Stellenanzeige für einen Meister, aber angesichts der Kosten dafür lenkte sie schließlich ein, so dass ich das Geschäft 1981 übernehmen konnte. Ab dann war meine Mutter noch oft im Café und hat ihre alten Kunden betreut, aber überließ mir die Führung.
07
Umbau und aufwändige Modernisierung
Da ich ein altes Café übernommen hatte, war es jetzt wieder Zeit für Neuinvestitionen. Ich habe mich dann entschieden, nicht Schritt für Schritt, sondern in einem Rutsch eine Menge Umbauten vorzunehmen. Innerhalb von 14 Tagen haben wir einen Wintergarten bauen, die Backstube vergrößern und eine neue Toilettenanlage installieren lassen, dazu noch die Einrichtung ausgetauscht.
Wir wollten das Ostergeschäft 1981 noch mitnehmen und hatten schon für diesen Zweck vorgebacken. Als dann der Architekt zu mir kam und sagte, dass er den Zeitplan nicht halten könne, sagte ich, dass es hinhauen müsse, da wir die Neueröffnung schon in der Zeitung inseriert hatten. Und irgendwie hat es doch geklappt. Als wir die Eistruhe noch über die Theke hoben und an ihren Platz stellen, klopften schon Besucher an die Scheibe und wollten rein. Die Neueröffnung war dann ein bombastischer Erfolg.
08
Beliebte Backwaren
Bei uns im Café waren vor allem die klassischen Torten beliebt, also Punschtorte, Herrentorte, Havannatorte und Esterházytorte. Dazu unsere Pralinen. Für unseren Mohnstollen habe ich direkt nach meinem Start einen Preis gewonnen. Eine besondere Spezialität zu Ostern waren unsere brotgroßen gebackenen „Ostereier“, die mit Nougat gespritzt wurden.
Zum Jahreswechsel verkauften wir Neujahrsbrezeln. Dazu fallen mir die Aufträge des in Troisdorf gegründeten Automobildienstleisters Formel D ein, der auf unsere Neujahrsbrezel aufmerksam geworden war. Die Chefin des Unternehmens fragte telefonisch, ob wir mehrere Brezeln als Geschenk einpacken und liefern könnten. Es fing an mit 30 Brezeln, im nächsten Jahr waren es schon 100, dann 500 und schließlich 1.000. Mit den Jahren steigerte es sich auf sage und schreibe 5.000 Brezeln, die nach ganz Europa verschickt wurden.
09
Herausforderungen
Die größte Herausforderung war es, sich im Konkurrenzkampf mit anderen immer wieder neu zu erfinden. Nachdem ich 1981 übernommen hatte, machte schon 1982 gegenüber die Bäckerei Mäling auf. Bei denen standen die Leute Schlange bis auf die Straße. Als Reaktion bin ich wieder in die Eisproduktion eingestiegen. Doch als nächstes machte in unmittelbarer Nähe ein Eiscafé auf, die Bäckerei Lubig und das Café Belle Époque. Es ging Schlag auf Schlag. Wir haben dann sowohl unser Frühstücksangebot ausgebaut als auch mit Mittagstisch angefangen und konnten so zusätzliche Gäste gewinnen. Die Konkurrenzsituation hat mir manche schlaflose Nacht beschert. Aber man darf sich nicht durch jeden Rückschlag umwerfen lassen, sonst sollte man nicht selbstständig werden.
10
Schließung des Cafés
2006 bekam ich meine Lebensversicherung ausgezahlt und ich merkte, dass mir die Arbeit zunehmend schwerer fiel. Dazu trugen auch immer neue Auflagen bei, zum Beispiel eine verstärkte Dokumentationspflicht. Zudem wusste ich, dass es jetzt wieder Zeit gewesen wäre, ins Café zu investieren. Meine Töchter wollten das Geschäft nicht übernehmen, denn sie hatten von klein auf mitbekommen, wieviel Raum dieser Beruf einnimmt. Und wie das Leben so ist, manchmal verselbstständigt sich etwas. Die Leute merkten, dass ich nicht mehr mit der Leidenschaft von früher bei der Sache war und fragten, ob ich nicht die Konditorei abgeben wolle. Ich trat mit einigen Interessenten in Verhandlungen, aber letztlich hätte ich bei einer Weiterführung als Café nicht die Pachteinnahmen erzielen können, die ich für meinen Ruhestand brauchte. Deswegen verpachtete ich das Geschäft schließlich an einen Einzelhändler im Bereich Telekommunikation.
Als ich das Geschäft verpachtete, benötigte der Pächter nur die Fläche des Cafés. So blieb die Backstube erhalten. Dort fing meine Tochter Katrin Schult an, in ihrer Freizeit für Freundinnen Torten und Kuchen zu backen. Rezepte und Tipps bekam sie von mir, Dekorationsideen aus dem Internet. Ihre Backwaren fanden immer mehr Anklang und so beschloss sie, daraus einen Nebenerwerb zu machen. Als sie immer mehr Aufträge bekam, entschied sich sogar, noch eine Ausbildung zur Konditorin zu machen, die sie bei mir absolvierte und als Prüfungsbeste abschloss. Wir haben dann zusammen viel für Märkte und Stände gebacken. Erst als sie ihren Kinderwunsch verwirklichen wollte, hat sie ihr Engagement zurückgefahren. Weiterhin backen wir aber zur Weihnachtszeit zusammen Stollen und Spekulatius.