Direkt zum Inhalt

Urformen

Eiszeitkunst zum Anfassen

Eine virtuelle Ausstellung von

01
Einführung

Seit mindestens 40.000 Jahren, dem Beginn der jüngeren Altsteinzeit, erschafft der Mensch Kunstwerke. In Form von Kleinplastiken, Höhlenmalereien oder Gravuren sind diese bis heute überliefert.

Am Anfang wurden vor allem Tiere wie Höhlenlöwen, Mammuts oder Bären abgebildet. Ab etwa 32.000 Jahren vor heute gehören immer häufiger auch Frauen zu den wiedergegebenen Motiven.

Für die Eiszeitkunst sind die Höhlen der Schwäbischen Alb sehr bedeutend. Sechs von ihnen (wie auf dem Schaubild zu sehen) gehören seit 2017 zum UNESCO Weltkulturerbe. Seit über 160 Jahren erforschen Archäolog*innen hier das Leben der Menschen der jüngeren Altsteinzeit.

Die sechs Höhlen des UNESCO Welterbes „Höhlen und Eiszeitkunst auf der Schwäbischen Alb“.

02
Löwenköpfchen

Zeitgleich mit der Einwanderung des modernen Menschen aus Afrika finden sich die ältesten Kunstwerke in Europa: kleine Tierfiguren aus Mammutelfenbein auf der Schwäbischen Alb und Höhlenmalereien in der Grotte Chauvet (Frankreich). Die Darstellungen sind detailgetreu und realistisch. Sie zeugen von einer genauen Beobachtung durch die Menschen der Altsteinzeit.

Höhlenlöwen sind in diesen beiden Kunstgattungen häufig vertreten. Im Vergleich zeigen sich deutliche Übereinstimmungen bei den aufgerichteten Ohren, den überbetonten Tränenkanälen unterhalb der Augen und der detailreichen Schnauze.

Unabhängig von der großen räumlichen Entfernung (550 km) bestand offenbar zwischen beiden Regionen eine kulturelle Verbundenheit in der Wahrnehmung und Gestaltung der Tiere.

Löwendarstellungen in der Grotte Chauvet in Frankreich bzw. deren Replik im Museum Anthropos (Brno, Tschechische Republik).

03
Bär - Kunst zum Mitnehmen

Während der jüngeren Altsteinzeit hielten sich Menschen nur zeitweise in den Höhlen der Schwäbischen Alb auf. Ihr Leben war von einer hohen Mobilität gekennzeichnet, um Rohstoffe und Nahrungsmöglichkeiten optimal zu nutzen. Dementsprechend waren auch Werkzeuge und andere Gebrauchsgegenstände an diese Lebensweise angepasst und wurden auf die Wanderungen mitgenommen. Das gilt auch für die kleinen Figuren.

Einige besaßen Ösen und konnten als Anhänger getragen werden, andere wurden vielleicht in einem Beutel transportiert. Die Figuren wurden gerne in die Hand genommen. Die durch häufiges Anfassen verrundete Schnauze des Bären aus der Geißenklösterle-Höhle zeigt dies deutlich. Als Material für die Figuren diente überwiegend Zahnbein aus dem Inneren von Mammutstoßzähnen. Das Schnitzen erfolgte mit Feuersteinklingen.

Als Wohnraum wurde der Eingangsbereich der Höhlen bevorzugt. Dabei waren die Menschen auch immer wieder Gefahren ausgesetzt, da sie sich den Lebensraum mit bedrohlichen Nachbarn teilten. Die Höhlen boten zwar einerseits Schutz vor schlechtem Wetter, andererseits lebten in den hinteren Bereichen Höhlenbären. Aufgerichtet waren diese bis zu 3,50 Meter groß. Nur während ihrer Winterruhe war es für den Menschen weniger riskant, sich mit einem Bären in derselben Höhle aufzuhalten. Umgekehrt konnte dies für den schlafenden und geschwächten Höhlenbären eine Gefahr darstellen.

Blick in die Ausstellung mit der Station zum Höhlenbären aus dem Geißenklösterle.
Nachgeschnitzte und originale Bärenfigur.

Das Tier diente aber nicht nur als Fleisch-, Fell- und Lederquelle, sondern auch als Vorbild für die Eiszeitkunst. Ein Beispiel dafür ist wiederum die kleine Bärenfigur aus dem Geißenklösterle. Sie wurde in elf Teilen im Eingangsbereich der Höhle gefunden und anschließend zusammengesetzt. Die Figur ist jedoch nicht vollständig erhalten. Sie wurde für die Ausstellung ergänzt. Am Anfang wurde sie als aggressiv interpretiert, da das Tier in voller Größe sehr beeindruckend und furchteinflößend wirkt. Ein Blick auf die Darstellung des Bären in anderen Kulturen, wie zum Beispiel bei den Inuit, zeigt, dass Bären auch eine friedliche und spielerische Seite haben. An diese erinnert die ergänzte Figur, die eine fast tanzende Haltung einnimmt. 

Wie wirkt diese Figur auf Sie?

04
Tanzende Frauen - Feiern in der Eiszeit

05
Mammut - Inspiration und Material

06
Der Adorant - Halb Mensch, halb Löwe

Zuletzt tritt uns hier ein rätselhaftes Wesen, halb Mensch halb Löwe, gegenüber. Welche Bedeutung hatte die Darstellung wohl für seinen Schöpfer oder seine Schöpferin?

Seit Beginn der Eiszeitkunst gibt es das Motiv des Mischwesens, bestehend aus Mensch und Löwe. Allerdings ist die Darstellung von Löwenmenschen bisher auf die Schwäbische Alb begrenzt. 

Das Halbrelief aus dem Geißenklösterle zeigt einen solchen Löwenmenschen: Der kräftige Hals, die stämmigen Arme und Beine sowie der kaum mehr erkennbare Schwanz sind löwenartig gestaltet. Durch die aufrechte Körperhaltung wirkt das Wesen dagegen wie ein Mensch und erinnert mit den nach oben gestreckten Armen an eine antike Beterfigur (lateinisch: Adorant).

Ein weiteres eindrucksvolles Beispiel einer solchen Figur ist der bekannte und über 30 Zentimeter große Löwenmensch aus dem Hohlenstein-Stadel im Lonetal. Bei beiden Kunstwerken steht die Verwandlung eines Menschen in ein Tier im Mittelpunkt.

Auf der Rück- und auf den Schmalseiten befinden sich zudem zahlreiche Einkerbungen, wie sie typisch für die Kleinplastiken von der Schwäbischen Alb sind.

Blick in die Ausstellung mit der Station zum sogenannten Adoranten.

Unsere virtuelle Reise durch die Ausstellung "Urformen. Eiszeitkunst zum Anfassen" geht nun zu Ende.

Wir hoffen, es hat Ihnen gefallen!

Auf Wiedersehen im Landesmuseum Württemberg in Stuttgart!