Fotografie als koloniales Gedächtnis
Fotografien von Eduard von der Hellen im Landesmuseum Natur und Mensch, Oldenburg
Eine virtuelle Ausstellung von Studierenden am Institut für Kunst und visuelle Kultur (Seminar “Digitales Kuratieren”, Prof. Dr. Petra Löffler).
* = Begriffe, die mit einem Sternchen markiert sind, werden unten im Glossar genauer erklärt
Wörter, die durchgestrichen sind, nutzen Sprache, die veraltet, verletzend, abwertend oder problematisch sein können. Diese Begriffe werden sporadisch in dieser Arbeit verwendet, um das Reproduzieren kolonialer Sprache zu minimieren. An einigen Stellen werden diese Begriffe und Wörter aber vorkommen. Mit den Anführungszeichen sollen die zugrundeliegenden Ideologien hervorgehoben und reflektiert werden.
Eine virtuelle Ausstellung von
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Fund im Landesmuseum
Dem Archiv begegnen
Das Landesmuseum Natur und Mensch (LMNM) in Oldenburg beherbergt neben naturkundlichen und ethnografischen Sammlungen auch historische Fotografien aus kolonialem Kontext. Sie befinden sich in Boxen verwahrt in einem abgelegenen, öffentlich nicht zugänglichen Archivraum. Bei einem Besuch hat mich die zuständige Kuratorin, Ivonne Kaiser, auf zwei Kästen mit Fotografien auf Glas aufmerksam gemacht. Diese erste Begegnung im Archiv hat viele Fragen aufgebracht: Woher stammen diese Bilder? Wer hat sie gemacht und wie sind sie ins Museum gelangt? Und warum gibt es keine Aufzeichnungen zu ihnen? Bachelor- und Masterstudierende der Kunst- und Medienwissenschaft konnten den Fotografen dieser sensiblen Bilder ermitteln und den kolonialen Kontext aufarbeiten, dem sie ihre Existenz verdanken. In dieser Ausstellung zeigen wir die Ergebnisse unserer Recherchen, Lektüren und Gespräche mit Expert*innen über die Verstrickungen von Fotografie, Medizin und Kolonialismus in Togo, das von 1884 bis 1916 eine deutsche Kolonie auf dem afrikanischen Kontinent war. Petra Löffler
Postkoloniale Perspektiven und dekoloniale Methoden
Die digitale Ausstellung verfolgt das Ziel, alle verwendeten Texte und Fotografien aus kolonialen Kontexten mit dekolonialen Methoden und innerhalb postkolonialer Perspektiven zugänglich zu machen. Zu diesen Methoden zählen die Einordnung und Kommentierung der Quellen durch Expert*innen aus dem heutigen Togo, die auch oral histories einbeziehen, und die kritische Auseinandersetzung mit der Frage, ob koloniale Fotografien heute überhaupt gezeigt werden können und, wenn ja, in welcher Form. Wir betrachten diese Fotografien als sensible Bilder, für die wir Sorge tragen müssen. Inspiration war uns dabei die 2021 am Hamburger Museum der Arbeit von Josephine Apraku und Christopher Nixon kuratierte Ausstellung “Grenzenlos. Kolonialismus, Industrie und Widerstand”.
Die Darstellung, Reproduktion und konzeptuelle Einbindung der Fotografien, im Original sowie besonders in Form der bearbeiteten GIFs, verfolgt den kuratorischen Ansatz, die im kolonialen Kontext entstandenen Bilder in einem kritischen Wahrnehmungsfeld sichtbar zu machen, in dem sowohl die der Technik innewohnenden Gewalt des Fotografierens als auch der damit verbundene koloniale Blick erfahren und reflektiert werden können.
Als kuratorisches Team haben wir uns nach vielen Gesprächen in der Gruppe sowie mit Expert*innen dafür entschieden, keine Fotografien von eindeutig inszenierten Darstellungen von Personen zu verwenden und wenige Fotografien, auf denen Menschengruppen oder einzelne Personen zu sehen sind. Wenn jedoch Abbildungen von Personen verwendet werden, dann, um eine konkrete koloniale Realität zu verdeutlichen. Die Kuration der Ausstellung ist darauf gerichtet, Verantwortung für die koloniale Geschichte zu übernehmen und in der Gegenwart aufzuarbeiten.
Togo
Togo liegt im tropischen Westafrika und grenzt im Westen an Ghana, im Osten an Benin, im Norden an Burkina Faso und im Süden mit einer 55 km langen Küstenabschnitt an den Golf von Guinea. Die Hauptstadt des Landes ist Lomé und die Amtssprache ist Französisch. Die Geschichte Togos ist geprägt durch Kolonialismus*, Sklaverei* und politischen Unruhen. Togo war von 1894-1916 eine deutsche Kolonie und danach bis zur Unabhängigkeit 1960 Mandatsgebiet von Frankreich. Das Land gehört mit seinem heute ca. neun Millionen Einwohner*innen (Stand 2023) auf einer Fläche von 56.785 km² zu den kleinsten Ländern Afrikas. Die Bevölkerung besteht aus verschiedenen ethnischen Gruppen, darunter Ewe*, Kabyè und Tém. Dabei sind 43% christlich, 35% folgen traditionellen Religionen und 14% sind muslimisch, während 6% nicht-religiös sind. Im größten Teil des Landes herrscht tropisches Regenwaldklima, mit Ausnahme des nördlichen Teils, in dem ein Savannenklima besteht. Die Temperaturen und die Luftfeuchtigkeit, vor allem im Süden, sind das ganze Jahr über hoch. Die Durchschnittstemperatur liegt zwischen 22 und 30 Grad. In den Küstengebieten und im Landesinneren gibt es zwei Regenzeiten im Jahr: von April bis Juni und von September bis November. Im Hochsommer gibt es eine Periode mit schwachen Niederschlägen. Die Wirtschaft Togos basiert auf der Landwirtschaft. Mehr als 70 Prozent der Togoles*innen bzw. Togoer*innen leben in ländlichen Gebieten und arbeiten in diesem Sektor. Die wichtigsten landwirtschaftlichen Produkte Togos sind Mais, Maniok, Yamswurzel, Hirse und Subsistenzlandwirtschaft. Die wichtigsten Exportprodukte sind Kakao, Kaffee, Kopra, Palmöl, Erdnüsse, Gewürze, Sheabutter und Baumwolle. Das Land verfügt außerdem über Bodenschätze wie Phosphat (damit ist Togo der drittgrößte Exporteur der Welt), Marmor, Bauxit, Kalk, Uran uvm. Alex Kpazou Klimou
Alex Kpazou Klimou wurde 1979 in Ewede in Nordtogo geboren und absolvierte nach seinem Abitur (2001) einen Bachelor in Germanistik an der Universität Lomé (2004). Danach arbeitete er unter anderem als Erzieher, Deutsch- und Französischlehrer und organisierte mit dem Bund der Deutschen Landjugend Austauschprogramme. Im Rahmen der Familienzusammenführung zog Alex 2018 in die Bundesrepublik Deutschland. Er arbeitete zunächst in der Lagerlogistik. Seit 2023 studiert er „Pädagogisches Handeln in der Migrationsgesellschaft“ an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg. Daneben arbeitet er als Dozent für Intergrationskurse. In seiner Bachelorarbeit wendet er postkoloniale Theorien in der sozialen Arbeit an und beschäftigt sich in weiteren universitären Projekten mit dem deutschen Kolonialismus und Togo. In dieser Ausstellung kommentiert er als Experte einzelne historische Entwicklungen sowie kulturelle und koloniale Praktiken.
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Togo in der Kolonialzeit
Kolonialpolitik
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts teilten europäische Imperialmächte* den afrikanischen Kontinent unter sich auf. Sie ignorierten dabei bestehende Siedlungsgebiete und Regierungsformen ebenso wie afrikanische Positionen und Repräsentant*innen. Stattdessen verfolgten sie geopolitische und wirtschaftliche Interessen: Die Kolonien wurden in erster Linie als Rohstoffquellen und Absatzmärkte betrachtet. Auch die Missionierung* sowie der Machtanspruch gegenüber anderen Kolonialmächten trieben die Kolonialisierung Afrikas voran. Bei der Eroberung von Gebieten kam es vermehrt zu bewaffneten Konflikten. Gewaltvolle Unterdrückung der lokalen Bevölkerung war ein fester Bestandteil kolonialer Politik. Vor allem (aber nicht nur) im Südwesten Afrikas fanden erbitterte Kriege, Massaker und Genozide* statt, die bis heute traumatische Spuren hinterlassen haben. Gleichzeitig wurden verschiedenste Cultural Belongings* aus den Kolonien entwendet und nach Europa gebracht, darunter Kunstwerke, sakrale und rituelle Artefakte sowie alltägliche Dinge. Diese gelangten in europäische Sammlungen und Museen, wo sie ohne Rücksicht auf die Bedeutung für die Herkunftsgesellschaften bis heute verwahrt oder ausgestellt werden. Leon Branko Colic
Kolonialismus, Fotografie und Medizin: Ein Zusammenspiel von Macht und Wissen
Die Fotografie war im kolonialen Kontext ein zentrales Instrument der Machtausübung. Sie diente nicht nur der Dokumentation, sondern auch der Konstruktion und Stabilisierung kolonialer Ordnungen. Koloniale Fotografien kartografierten Räume, klassifizierten Körper und verschleierten Gewaltverhältnisse durch eine scheinbar objektive Darstellung von Menschen, Kulturen und Landschaften. Die Kamera fungierte dabei gleichsam als Waffe. Der Ausdruck ‘ein Foto schießen’ betont diesen gewaltsamen Zugriff.
Fotografien trugen dabei auch zur visuellen Manifestation rassistischer Ideologien bei, indem sie Körper katalogisierten und als Fremde klassifizierten. Insbesondere in der anthropologischen und medizinischen Forschung diente das fotografische Bild der Rassifizierung – etwa bei der standardisierten Typenfotografie*. Gleichzeitig wirkten Fotografien auch als machtvolle Instrumente kollektiver Erinnerung und der Deutungshoheit europäischer Archive.
Auch die koloniale Medizin war ein Herrschaftsinstrument. Sie legitimierte Gewalt, Disziplinierung und die Kontrolle von Körpern durch Zwangsmaßnahmen, Menschenversuche* und Segregation*. Der deutsche Arzt Robert Koch etwa experimentierte mit dem Gift Atoxyl an Schlafkranken* in Internierungslagern* – mit sehr häufig tödlichen Folgen. Tropenmedizin* diente nicht der lokalen Bevölkerung, sondern dem Schutz kolonialer Interessen.
Medizinische Praktiken unterstützten rassistische Bevölkerungspolitik, etwa durch Maßnahmen zur Reproduktionskontrolle, Zwangshygiene und Ausgrenzung indigener Heilmethoden. Der sogenannte Seuchenkontinent Afrika wurde zum ideologischen Konstrukt, das koloniale Eingriffe rechtfertigte – ein Narrativ, das bis heute in der globalen Gesundheitspolitik nachwirkt.
Fotografie und Medizin bildeten ein koloniales Wissensregime*. Beide erzeugten visuelle und wissenschaftliche Ordnungen, die unter dem Deckmantel von Fortschritt und Wissenschaft zur Legitimation von Ausbeutung, Gewalt und Kontrolle dienten. Heute ist es elementar, diese Bild- und Wissensarchive kritisch zu befragen und die kolonialen Kontinuitäten in Wissenschaft und Forschung sowie deren medialer Vermittlung aufzudecken.
Die Fotografie war im kolonialen Kontext ein zentrales Instrument der Machtausübung. Sie diente nicht nur der Dokumentation, sondern auch der Konstruktion und Stabilisierung kolonialer Ordnungen. Koloniale Fotografien kartografierten Räume, klassifizierten Körper und verschleierten Gewaltverhältnisse durch eine scheinbar objektive Darstellung von Menschen, Kulturen und Landschaften. Die Kamera fungierte dabei gleichsam als Waffe. Der Ausdruck ‘ein Foto schießen’ betont diesen gewaltsamen Zugriff. Billie Krause
Exotisierung, Ethnologie und Tourismus
Eine bedeutende Rolle in der Exotisierung* von kolonialisierten Völkern und ihren kulturellen Praktiken spielten Museen in Deutschland, die Cultural Belongings* aus den Kolonien sammelten und in ethnografischen Sammlungen ausstellten. So wurde die Visualisierung der „fremden Welt” zu einem Instrument der Macht und Kontrolle.
Die Forschung zu außereuropäischen Kulturen in der Anthropologie* und Ethnologie* war eng mit dem Kolonialismus verbunden. Europäische Forschende, Missionar*innen und Reisende dokumentierten vermeintlich fremde Kulturen in Schrift und Bild, erwarben oder stahlen Cultural Belongings* und sogar menschliche Überreste. Diese wurden oft an europäische Sammler*innen und Museen weitergegeben oder gehandelt. Für den Transport waren europäische Handelshäuser und Transportunternehmen wie die Hamburger Firma Woermann zuständig, die regelmäßige Seetransporte von Waren und Militärpersonal organisierte. Die in Europa ausgestellten Artefakte sollten den europäischen Besucher*innen Vorstellungen von Andersheit* und Exotik* afrikanischer Kulturen vermitteln und zugleich die koloniale Herrschaft über die lokale Bevölkerung rechtfertigen. Auch Fotografien spielten in diesem Kontext zunehmend eine wichtige Rolle. Als reproduzierbare Bilder waren sie leichter verfügbar und zirkulierten einfacher als andere Bildträger. Nicht zuletzt trugen in Zeitschriften oder Büchern publizierte oder als Postkarten verschickte Fotografien ebenso wie die koloniale Infrastruktur zu Tourismus und Verklärung der kolonialen Realität bei.
Bereits Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts entstand in Europa ein Interesse an vermeintlich „authentischen“ Begegnungen mit fremden Kulturen. Dies führte zur Entwicklung von Kolonialausstellungen und sogenannten Völkerschauen* sowie zur Veröffentlichung von Reiseberichten, die als frühe Formen des ethnografischen Tourismus betrachtet werden können. Fotos und andere Bilder aus den Kolonien dienten als Werbung, denn sie weckten die Sehnsucht nach Exotik* und regten den Wunsch an, in ferne Länder zu reisen oder die Ausstellungen in Europa zu besuchen.
Kolonialwirtschaft: Von Passagieren und Gütern
Deutsche Reedereien wie die Woermann-Linie boten Reisen nach Westafrika an, bei denen wirtschaftliche und touristische Interessen miteinander verbunden wurden. Der ethnografische Tourismus verband wissenschaftliche Forschung, Neugier und Unterhaltung. Die Kolonien wurden so nicht nur zu Objekten der Ausbeutung, sondern auch zu Projektionsflächen für Fantasien, die die europäische Sicht auf Afrika prägten.
Die Firma C. Woermann war eines der Unternehmen, deren Ressourcen und Infrastruktur der deutsche Staat bei der Gründung von Kolonien in Togo und anderen Teilen Südwestafrikas nutzte. Zum Zeitpunkt der offiziellen Kolonialisierung Togos hatte die Firma bereits eine Vertretung in Lomé (Togo) und ein gut ausgebautes Vertriebsnetz. Darüber hinaus verbanden sich die Interessen des Unternehmens eng mit der politischen Tätigkeit seines Eigentümers, Adolf Woermann, der Mitglied der nationalliberalen Fraktion im Reichstag war.
Diese wirtschaftspolitischen Zusammenhänge lassen sich besonders deutlich in konkreten administrativen Quellen nachvollziehen, die die Bewegungen von Personen innerhalb kolonialer Netzwerke dokumentieren. Bei näherer Betrachtung der historischen Passagierlisten des Dampfschiffs „Eleonore Woermann“ vom 10. März 1904 werden die signifikanten Verknüpfungen zwischen Mobilität, Wissensproduktion und kolonialer Macht evident. Die Dokumente legen nahe, dass koloniale Strukturen selbst in administrativen Erfassungen erkennbar sind. Jewgeni Jarowenko, Katharina Kuhy
Besonders interessant ist die Passagierliste der "Eleonore Woermann", da sich darin einige aufschlussreiche Einträge finden:
Unter den Nummern 46 und 47 erscheinen die Namen Harry Grunitzky und Hans Gruner. Beide werden im Forschungsbericht "Koloniale Provenienzen erforschen" im Zusammenhang mit kolonialen Sammlungsprozessen erwähnt. Das deutet darauf hin, dass sie an der Aneignung und dem Transfer von Objekten beteiligt waren, die sich heute u.a. in Museen befinden.
Ebenfalls auffällig sind Einträge zu den Passagieren unter den Nummern 99 und 100. So wird dort beispielsweise ein sechsjähriges Kind mit einer Berufsbezeichnung als "Diener" aufgeführt. Auch Bezeichnungen wie "Boy" erscheinen in diesem Zusammenhang. Diese Einträge machen deutlich, wie stark koloniale Hierarchien und Zuschreibungen selbst in administrativen Dokumenten verankert waren.
Diese Beispiele zeigen, dass die Passagierlisten nicht nur ergänzendes Material sind, sondern zentrale Quellen, mit denen sich koloniale Strukturen konkret nachvollziehen lassen. Jewgeni Jarowenko
Eduard von der Hellen
Eduard von der Hellen (geboren 1875), war ein deutscher Arzt, der ab 1907 als Regierungsarzt in Togo tätig war, 1909 zur Schlafkrankheitskommission wechselte und die Behandlung von Schlafkranken mit tödlichem Nervengift im Konzentrationslager* bei Misahöhe überwachte. In Togo fotografierte er Menschen, Dörfer, Landschaften, Infrastruktur, Gebäude und das Schlafkrankenlager. Diese sensiblen Bilder* bilden die Grundlage dieser Ausstellung.
| 25.01.1875 | Geboren in Rotterdam, Niederlande |
| 1902 | Arzt in Straßburg, Frankreich |
| 1904 | Arbeit als Arzt auf dem Schiff "Prinz Waldemar" |
| 03.09.1906 – 03.1907 | Bau des Krankenhaus in Kpalimé |
| 09.04.1907 | Antritt Reise in das Schutzgebiet Togo |
| 27.04.1907 | Ankunft im Schutzgebiet Togo |
| 05.1907 | Wird Arzt im Krankenhaus in Kpalimé |
| 04. – 10.1908 | Sucht allein nach Menschen mit der Schlafkrankheit |
| 01.01.1909 | Er wechselt zu einer Gruppe von Ärzten, welche nur die Schlafkrankheit behandelt. Er geht in den südlichen Teil des Gebiets, um dort weitere Menschen mit der Schlafkrankheit zu suchen. |
| 1909 | Nennung im Kolonial Handels Adressbuch 1909 |
| 27.09.1909 | Er kommt mit dem Schiff "Eleonore Woermann" im Schutzgebiet an |
| 20.02. – 03.03.1910 | Er sucht in der Landschaft Towe nach Kranken und findet dort 16. Zwei weitere findet er in der Missionsschule zu Palime. |
| 25.03.1910 | Vorbereitungen für die weitere Suche nach Kranken. Wird für die Reise als Reisearzt frei. |
| 12.05.1913 | Er kommt mit dem Schiff "Henny Woermann" im Schutzgebiet an |
| 1913 | Nennung im Kolonial Handels Adressbuch 1913 |
| 1914 | Nennung im Kolonial Handels Adressbuch 1914 |
| 28.06.1919 | Gestorben in Siauliai, Litauen |
Recherche: Cora Dampmann, Stefanie Schulteis
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Schlafkrankheit
Schlafkrankheit
Schlafkrankheit, auch als afrikanische Trypanosomiasis bezeichnet, wird durch die Parasiten Trypanosoma brucei gambiense (Westafrikanische Schlafkrankheit) und Trypanosoma brucei rhodesiense (Ostafrikanische Schlafkrankheit) verursacht. Die Tsetsefliege (Glossina spp.) überträgt die Erreger beim Blutsaugen auf Tiere (z.B. Rinder) und auf Menschen. Erste Beschreibungen stammen vom englischen Militärarzt Thomas Winterbottom Anfang des 19. Jahrhunderts aus Sierra Leone, der den Begriff „sleeping sickness“ prägte. 1894 entdeckte Sir David Bruce den Erreger Trypanosoma brucei bei Rindern und 1901 vermuteten John Todd und Joseph Dutton den Erreger als Ursprung der Schlafkrankheit. Aufgrund der Verbreitung der Krankheit in Afrika wurden Kolonialmächte* wie England, Frankreich, Deutschland und Belgien aktiv. In Europa wuchs das Interesse an der Krankheit jedoch erst nach Berichten, dass infizierte Zwangsarbeitende* ihre Leistungsfähigkeit einbüßen und daher für die weißen Kolonialherr*innen an Wert verlieren. Daher wurden vermeintlich Erkrankte in Lagern interniert. Leon Branko Colic
Robert Koch wurde 1906 zur Bekämpfung der Seuche nach Rhodesien geholt und erkannte, dass Tsetsefliegen* nur in feuchten Regionen leben. Sein Vorschlag, Wälder abzuholzen, um die Fliegen und somit die Seuche zu vernichten, folgt kolonialistischer Logik. Statistisch sind nur etwa 0,1 % der Tsetsefliegen infiziert, was auf ein geringes Ansteckungsrisiko hindeutet. Laut WHO-Schätzungen sind seit 2018 weltweit unter 1000 Menschen jährlich infiziert. Um die Jahrtausendwende waren noch über 10.000 infizierte Menschen erfasst worden. Doch seit 2000 gibt es verstärkte Bekämpfungsmaßnahmen durch nationale Programme und NGOs. Durch neue Medikamente, die eine vollständige Genesung ermöglichen können, könnte die Krankheit in den kommenden Jahrzehnten besiegt werden.
Die Übertragung erfolgt durch den Stich der Tsetsefliege. Im ersten Stadium der Erkrankung, der Blut- und Lymphphase, treten hohes Fieber, Kopf- und Gliederschmerzen, Müdigkeit sowie Schwellungen von Lymphknoten, Milz und Leber auf; Komplikationen können Gefäßentzündungen, besonders am Herzen, sein, was zu Herzversagen und Tod führen kann. Im zweiten Stadium, bei Befall des Zentralnervensystems, zeigen sich neurologische Störungen (z. B. Sprach- und Koordinationsstörungen), Somnolenz (Schläfrigkeit) mit sogenannter Schlafumkehr sowie ein extrem erhöhtes Schlafbedürfnis. Ohne Behandlung ist die Krankheit stets tödlich. Leon Branko Colic
Misahöhe - Schlafkrankenlager
1890 wurde am Rande des Gebirgspasses in Palime nahe bedeutender Handelsrouten die Station Misahöhe (heute: Missahoé) von den Deutschen gegründet. Öffentlich wurde das Ziel formuliert, Handelskarawanen zu sichern und zur kolonialen Hauptstadt Lomé umzuleiten. Von dort aus sollten aber auch durch militärische Expeditionen und Vergeltungsschläge* weitere Gebiete an das Kolonialreich (Togo) angegliedert werden.
Im Zuge der vermeintlichen „Bekämpfung” der Schlafkrankheit wurde 1908 neben der Station Misahöhe ein sogenanntes Schlafkrankenlager errichtet, da die bewaldete Gegend in der Nähe als besonders verseucht wahrgenommen wurde. Drei Ärzte waren im Schlafkrankenlager Misahähe stationiert. Einer von ihnen war für die Behandlung verantwortlich - zwischenzeitlich hatte diese leitende und behandelnde Rolle Eduard von der Hellen inne -, während zwei weitere Ärzte die Kontrolle und „Einlieferung“ von weiteren Kranken überwachten.
Einheimische in der Region, zumeist Ewe*, wurden unter Zwang aus ihren Gemeinschaften entfernt und im Lager isoliert. Dieser Zwangsisolierung entzogen sich die Ewe* vermehrt, was die deutsche Kolonialregierung auf die hohe Sterblichkeitsrate in den Krankenlagern zurückführte. Fluchtversuche wurden durch gewaltsame Strafen (wie Prügel) gegenüber den Flüchtigen und deren Angehörigen geahndet. Auch die Konzentrationslager* waren geprägt von Gewaltanwendung, um den Patient*innen zwanghaft medizinische Mittel wie Atoxyl* oder Arsenophenylglycin* zu verabreichen. Hierbei wurden Hinweise ignoriert, dass diese Mittel keine Besserung herbeiführen, sondern die Behandelten erblindeten und starben. Die Ewe* fürchteten daher die Isolation und Behandlung, weshalb Familien und Gemeinden Kranke versteckt hielten. Für das Verstecken von Schlafkranken wurden ebenfalls gewaltvolle Strafen ausgeführt. Aus Angst vor Vergeltung oder Widerstand bewachten Polizeitruppen das Lager und begleiteten die „Einlieferung“ von Kranken.
Da über längere Zeit trotzdem immer wieder Patient*innen vor der Behandlung flohen, wurden die Strafen von der Kolonialmacht verstärkt und den behandelnden Ärzten mehr Verantwortung für die Bestrafung übertragen. Als Strafe waren Schläge mit einem Seil üblich. Von der Hellen setzte zur Zwangsisolierung von Flüchtigen auch Fußketten ein, was ihm später aufgrund der Brutalität von der Lokalregierung untersagt wurde. Leon Branko Colic
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Koloniale Infrastruktur
Ausbeutung von Land und Bevölkerung
Baumwollanbau
Die deutsche Baumwollindustrie war um 1900 die drittgrößte der Welt. Das Rohmaterial wurde größtenteils aus den USA importiert, doch die Preise stiegen seit Mitte der 1850er Jahre stetig an. Deutsche Unternehmer forderten daher einen kolonialen Produktionsstandort für hochwertige Baumwolle.
In Togo kultivierten die Ewe* und andere Gruppen bereits Baumwolle, indem sie diese mit Gemüse, Getreide und weiteren Pflanzen anbauten. Die deutschen Agrarunternehmer bevorzugten Felder mit Monokulturen, da sie die Ausfuhr von roher Baumwolle vorantreiben wollten. Hierbei ignorierten sie, dass die Mischung von Nahrungs- und Baumwollpflanzen eine weitere Einnahme- bzw. Nahrungsquelle für die Togoer*innen bot. Außerdem holten sie Schwarze Experten für Baumwolle ins Land, um die Bevölkerung zur Übernahme der Plantagenwirtschaft zu bewegen. Diese Experten sahen wiederum die Baumwollproduktion als perspektivische Möglichkeit der Unabhängigkeit und Eigenständigkeit für die togoische Bevölkerung.
Dabei war es das erklärte Ziel, Baumwollanbau als „Kultur“ der Ewe* zu etablieren, wobei auf bestehende Praktiken (z.B. Spinnen von Garnen) aufgebaut werden sollte. Nach US-amerikanischem Vorbild wurden bestimmte Baumwollsorten ausgesucht, die an die Bauern und Bäuerinnen verteilt wurden, um die Wollproduktion zu standardisieren. Die Exporte aus Togo machten bis 1910 jedoch nicht einmal ein Prozent der deutschen Importe von Baumwolle aus. Viele Ewe-Farmer*innen verkauften zudem nicht an die kolonialen Exportfirmen, sondern an andere Togoer*innen, die mehr zahlten und das Material für die eigene Stoffproduktion verarbeiteten. Daher wurden die Marktplätze unter koloniale Kontrolle gestellt und strenge „Regeln“ für den Verkauf eingeführt. Bei Missachtung (z.B. wenn gute und schlechte Ware nicht getrennt wurde) wurden gewaltvolle Strafen verhängt. Neben dieser direkten Form kolonialer Gewalt wurden auch Steuern erhoben, die auch in Baumwolle “bezahlt” werden mussten. Leon Branko Colic
Bahnstrecken (Kakao, Kokos, Baumwolle)
Zum Transport von Plantageprodukten (wie Kokosnuss, Kaffee und Kakao sowie Baumwolle) wurden 1905 (Lome-Anecho), 1907 (Lome-Palime) und 1911 (Lome-Atakpame) drei Bahnlinien eröffnet. Die Linie Lome-Atakpame wurde auch die “Baumwollbahn” genannt, da entlang der 167km langen Strecke die wichtigsten Anbaugebiete für Baumwolle lagen.
Tausende wurden von der deutschen Kolonialregierung zur Arbeit unter sklavenähnlichen* Verhältnissen gezwungen, da sie Strafarbeit oder Arbeit zur Erbringung von Steuern leisten mussten. Für die Bauarbeiten erhielten Togoer*innen einen Tageslohn, der dem Stundenlohn eines Deutschen in Togo entsprach.
Der Transport von Gütern zur Küste und damit zum Export nach Deutschland dauerte vorher über zwei Wochen. Mithilfe der Bahnen konnte nun in wenigen Stunden Waren zum Export abtransportiert werden. Zudem war die Bahn an einigen, für die Deutschen lukrativen, Standorten gelegen, wo neben Baumwollanbau auch Bergarbeiten möglich waren. Somit waren die Bahnstrecken essentiell für die Extrahierung von Togos natürlichen Ressourcen, Erzeugnisse und Waren, also zentral für die koloniale Ausbeutung. Leon Branko Colic
Kolonialpolizei
Die Kolonialpolizei in Togo wurde kurz nach der Gründung der deutschen Kolonie aufgebaut und übernahm sowohl zivile als auch militärische Aufgaben. Anfangs wurden aus dem heutigen Nigeria, später aus West-Togo Hausa-Männer* angeworben, während deutsche Offiziere die Truppenführung übernahmen. Ab Mitte der 1880er Jahre entwickelte sich eine militärisch durchorganisierte Polizeitruppe, die zentral für die Sicherung kolonialer Infrastruktur, die Durchsetzung von Zwangsmaßnahmen und die Ausweitung der militärischen Kontrolle war. Seit den 1890er Jahren wurden auch Togoer angeworben. In Lomé entstand zudem der institutionelle Kern der Kolonialpolizei: ein Hauptlager, in dem Exerzieren, Waffenausbildung und Drill nach preußischem Reglement eingeführt wurden. Mit dieser Militarisierung stand der Kolonialmacht in Togo eine Kolonialpolizei zur Verfügung, deren Präsenz ausreichte, um Gehorsam und Steuerpflicht in fast allen Regionen zu erzwingen.
Gewalt wurde nicht als Ausnahme, sondern als alltägliche Verwaltungspraxis organisiert. Die Rekrutierung lokaler Männer erzeugte ambivalente soziale Positionen zwischen begrenzten Aufstiegsmöglichkeiten, ökonomischer Abhängigkeit und der Rolle als Vollstrecker eines fremden Herrschaftssystems. Die äußere Erscheinung der Polizisten spiegelte die koloniale Ordnung wider. Die Mannschaften trugen zunächst weiße Matrosenkleidung, später dunkelblaue und zum Schluss khakifarbene Uniformen mit farbigen Achselstücken und einer Feldmütze. Die im Unterschied dazu reich dekorierten Uniformen deutscher Offiziere markierten visuell die hierarchische Struktur der kolonialen Macht.
Die Organisationsprinzipien z.B. Hierarchien, Militarisierung des Polizeiberufs, Repression als zentrales Mittel der Ordnung setzten sich auch nach der deutschen Kolonialzeit in den Sicherheitsapparaten der Mandats- und später der unabhängigen togolesischen Regierungen fort. Die Kolonialpolizei hinterließ damit eine historische Spur und prägte langfristig das Verhältnis zwischen Staat, Gewalt und Bevölkerung. Leon Branko Colic
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Leben und Kultur in Togo
Spiritualität in Togo
Was die Kolonisierer als Fetischhaus bezeichneten, wird im westafrikanischen Vodu*-Glauben, bspw. in der südtogoischen Religion Gorovodu*, spirit* house (tronfome) oder Medizinhaus (atikewofe) genannt. Dort werden die materiellen Präsenzen der Gorovodu* spirits oder Gottheiten aufbewahrt. Die spirit* houses oder Medizinhäuser sind heilige Räume, die sinnlich erfahrbar sind und im Mittelpunkt kollektiver ritueller Praxis stehen. Die Gorovudo* spirits* oder Gottheiten sind essenzieller Teil des Glaubens der Gorovudo-Anhänger*innen. Sie sind nicht bloß Artefakte, sondern werden durch Rituale mit Bedeutung aufgeladen und geformt und dienen so als Stellvertretung bzw. Materialisierung der Gottheiten und Geister.
Der Begriff Fetischhaus wertet diese heiligen Räume und materialisierten Gorovudo-Gottheiten ab. Zur Kolonialzeit wurde der Begriff Fetischismus*, die Zuschreibung von einem göttlichen Status an Objekte, als negative Beschreibung für rituelle Praktiken in Afrika verwendet. Der ältere Begriff Fetisch* war mit negativen Konnotationen wie Götzendienst, Aberglaube, Primitivismus und der Überzeugung behaftet, dass Afrikaner*innen keine Religion haben. Er wurde u.a. von christlichen Missionar*innen*, Regierungsbeamten und Forschenden verwendet, um die afrikanischen Religionen abzuwerten und politische, wirtschaftliche und ideologische Ziele zu rechtfertigen.
Voduschreine und Figuren – und damit laut Annahme der Missionare auch die Gottheiten selbst – wurden im Zuge der Missionierung zerstört, um somit auch den Voduglauben* zu zerschlagen. Um die Missionierung* in Togo durchzusetzen, wurden Missionarsschulen gebaut und biblische Texte in die Sprache der Ewe* übersetzt, um so die Menschen zum christlichen Glauben zu bewegen. Dabei wurden auch auf sprachlicher Ebene die Ewe-Christen als wahre, richtige Menschen von den Ewe-Heiden als falsche, nicht richtige Menschen abgegrenzt.
Doch Vodu* ist nicht von einem einzigen unveränderlichen Gott geprägt. Durch sich immer wieder ändernde Lebensumstände und weltliche Zustände befinden sich auch die Gottheiten in einem stetigen Wandel. Einige Gottheiten und spirits* haben ihren Zweck erfüllt und werden durch andere ersetzt. Vodu*, und damit auch die dazugehörige Religionsgruppe Gorovudo*, ist eine fließende Religion, die sich nicht zerstören lässt, sondern sich den äußeren Gegebenheiten anpasst. Die Religion Gorovodu* entstand zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu Zeiten von kolonialer Herrschaft, Krankheiten und wirtschaftlichem Ungleichgewicht. Bis heute haben die Gorovudo* und andere traditionelle Religionen und Glaubensrichtungen eine hohe Anhängerschaft. Amelie Schierenbeck
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Glossar
Glossar
Dieses Glossar begleitet die digitale Ausstellung und bietet kurze Erklärungen zentraler Begriffe, die zum Verständnis der historischen, medizinischen und gesellschaftlichen Zusammenhänge beitragen sollen.
Andersheit
„Andersheit“ bezeichnet die soziale und kulturelle Praxis, Menschen oder Gruppen als „fremd“ oder „nicht zugehörig“ wahrzunehmen und darzustellen. Diese Wahrnehmung von Andersheit entsteht nicht von selbst, sondern wird durch persönliche und gesellschaftliche Vorstellungen und Praktiken aktiv hergestellt und reproduziert. Häufig gehen diese (bewussten oder unbewussten) Prozesse mit Bewertungen einher, bei denen „die Anderen“ als weniger zugehörig oder weniger wertvoll erscheinen. Diese Herstellung von Anderssein wird als „Othering“ bezeichnet und ist eng mit der Konstruktion von Identität verbunden: Wer als „anders“ gilt, entsteht immer im Verhältnis zu dem, was als „normal“ oder „eigen“ definiert wird.
Anthropologie
Anthropologie (griechisch anthropos „Mensch“, logos „Lehre“) bezeichnet die Wissenschaft vom Menschen, die kulturelle, soziale und biologische Aspekte des Menschseins untersucht.
Atoxyl & Arsenophenylglycin
Atoxyl & Arsenophenylglycin sind zwei arsenhaltige Präparate, die als Medikamente gegen die Schlafkrankheit in den Schlafkrankheitslagern in Togo an zwangsinternierten Menschen getestet wurden. Diese Nervengifte waren zur Behandlung der Schlafkrankheit kaum effektiv und führten statt zur Heilung zu Vergiftung, Erblindung, Lähmungen und Todesfällen.
Cultural Belongings
Der Begriff „Cultural Belongings“ anstelle von „Objekte“ oder „Ausstellungsstücke“, die durch koloniale Akteur*innen aus ihren kulturellen Kontexten entfernt und umgedeutet wurden, betont ihre Zugehörigkeit zu den Herkunftsgesellschaften und hebt ihre Bedeutungen und Beziehungen zu diesen hervor.
Dekoloniale Methoden
Dekoloniale Methoden hinterfragen koloniale Macht- und Wissensordnungen und versuchen andere Formen des Wissens zu ermöglichen. In diesem Zusammenhang spricht Walter Mignolo von der Notwendigkeit des „Delinking“, der Abkoppelung, von der kolonialen Matrix der Macht.
Ethnologie
Ethnologie (griechisch ethnos „Volk“, logos „Lehre“) bezeichnet die wissenschaftliche Untersuchung ethnischer Gruppen und Kulturen, die Unterschiede, Gemeinsamkeiten und Formen des Zusammenlebens analysiert.
Ewe
Die Ewe (oder Ewé im französischen) sind eine ethnische Gruppe, die im heutigen Ghana und Togo beheimatet ist. Zur Zeit der deutschen Kolonie waren die Ewe die größte Bevölkerungsgruppe im Land und erst nach der Spaltung der deutschen Kolonie (1918) wurden die Ewe durch Ländergrenzen separiert.
Exotik
Exotik bezeichnet die romantisierende und/oder fetischisierende Zuschreibung von Fremdheit und Andersartigkeit bei Menschen, Kulturen, Dingen oder Orten, die als faszinierend, ungewöhnlich oder reizvoll ästhetisiert werden.
Fetisch/Fetischismus
Der Begriff Fetisch kommt vom portugiesischen feitiço (Zaubermittel) bzw. aus dem lateinischen factitius („künstlich" oder „nachgemacht"). Als Fetische wurden Dinge bezeichnet, denen neben ihrer natürlichen Beschaffenheit auch wirkmächtige Eigenschaften zugeschrieben werden. Der Begriff Fetischismus diente dazu, u.a. afrikanische Religionen als primitive Vorstufe des Monotheismus zu diskreditieren. In der Kolonialzeit wurde der Begriff verwendet, um afrikanische Religionen als rückständig, barbarisch und naiv abzuwerten.
Genozid / Völkermord
Der Begriff wurde vom polnisch-jüdischen Juristen Raphael Lemkin geprägt und bezeichnet die absichtliche, teilweise oder vollständige Zerstörung einer nationalen, ethnischen, rassischen oder religiösen Gruppe. Seit der UN-Konvention über die Verhütung und Bestrafung des Völkermords von 1948 ist Genozid als Straftat im internationalen Völkerrecht verankert. Ein historisches Beispiel ist der von deutschen Kolonialtruppen zwischen 1904 und 1908 in Deutsch-Südwestafrika (heute Namibia) begangene Völkermord an den Herero und Nama, der als erste Genozid des 20. Jahrhunderts gilt.
Glasplattenfotografie
Glasplattenfotografie bezeichnet ein fotografisches Verfahren des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, bei dem Bilder auf lichtempfindlichen Glasplatten aufgenommen wurden, zunächst im Kollodium-Nassplattenverfahren, später auf Gelatin-Trockenplatten.
Gorovodu
Gorovodu ist eine dem Oberbegriff Vodu (siehe Glossar: Vodu/Vodun) zugeordnete Glaubensgemeinschaft/-praxis, deren Ursprung und Verbreitung hauptsächlich bei den Ewe-Völkern in Togo und Ghana zu finden sind. Entstanden ist sie im frühen 20. Jahrhundert als Antwort auf koloniale Unterdrückung und christliche Missionierung. Sie vereint lokale Glaubenspraktiken mit Elementen aus dem Islam, dem Christentum und anderen westafrikanischen Religionen. Gorovodu ist keine starre Religion, sondern verändert sich stetig mit den Lebensumständen.
Hausa
Die Hausa sind eine Ethnie aus dem heutigen Nigeria. Dabei sind die sieben Hausa-Königreiche, die um die Jahrtausendwende von den Briten kolonialisiert wurden, sowie die familiären und dörflichen Gruppen hierarchisch oder feudal strukturiert. Die soziale Strukturierung und die Kriegserfahrung durch die Kämpfe gegen die Briten waren für die Deutschen Gründe, um die Hausa als Soldaten oder Kolonialpolizei zu rekrutieren.
Internierungslager
In der deutschen Kolonie Togo wurden mutmaßlich mit der Schlafkrankheit infizierte Menschen zwangsweise in Schlafkrankheitslagern interniert und mit hochgiftigen Medikamenten „behandelt“. Diese Schlafkrankheitslager waren keine humanitären Einrichtungen. Die Lager werden auch als Internierungslager bezeichnet, um zu verdeutlichen, dass die Menschen dort gegen ihren Willen gewaltsam von der Kolonialpolizei in die Lager gebracht und festgehalten wurden. Sie sind orte, an denen unmenschliche Experimente an Infizierten durchgeführt wurden und dienten so dem Zweck der kolonialen Kontrolle und Gewalt.
Kolonialismus
Kolonialismus ist eine Herrschaftsbeziehung, bei der eine fremde Minderheit über ein anderes Volk herrscht, dessen grundlegende Lebensentscheidungen maßgeblich von außen bestimmt werden. Diese Form der Fremdherrschaft beruht historisch meist auf der Vorstellung kultureller Überlegenheit und sichert den Kolonisierenden (Kolonialmacht/ Kolonialregierung) politische Macht, wirtschaftliche Kontrolle und soziale Privilegien gegenüber den Kolonisierten.
Der deutsche Kolonialismus war von massiver Gewalt gegen die lokale Bevölkerung und ihren Widerstand geprägt. Deutsche Kolonialtruppen verübten 1904-1908 Völkermord an den Herero und Nama in Deutsch-Südwestafrika (heute Namibia). Und während des Maji-Maji-Aufstands 1905-1907 in Deutsch-Ostafrika (heute Tansania) wurden hunderttausende Menschen durch die Strategie „der verbrannten Erde“ und der daraus folgenden Hungerkatastrophe getötet.
Konzentrationslager
Der Begriff des Konzentrationslagers wird hier synonym für die Schlafkrankheits- oder Internierungslager verwendet. Ursprünglich stammt der Begriff aus dem Englischen und beschreibt die Abschottung und gefängnisartige Unterbringung von als gefährlich eingestuften Bevölkerungsteilen während des Krieges gegen die Buren. Später wurden auch Infizierte in diesen Lagern untergebracht und isoliert. Robert Koch beschrieb den Begriff Konzentrationslager auf Basis dieser Definition als seuchenhygienische Eindämmungsmaßnahme.
Kulturgüter
Kulturgüter sind materielle Werke / Produkte, die für das Verständnis, die Geschichte und die Identität einer Gesellschaft von besonderer Bedeutung sind. Dazu zählen sowohl bewegliche Objekte wie Kunstwerke, Bücher oder archäologische Funde als auch unbewegliche Güter wie Denkmäler, historische Stätten oder Gebäudeensembles.
Im Sinne der Haager Konvention gelten als Kulturgüter all jene Dinge, die von großer Bedeutung für das kulturelle Erbe der Menschheit sind. Sie machen historische Entwicklungen sichtbar, bezeugen kulturelle Traditionen und wissenschaftliche Leistungen und tragen wesentlich zur kollektiven Identität von Gesellschaften bei.
Menschenversuche
Menschenversuche bezeichnen medizinische Experimente an Menschen, insbesondere zur Erprobung von Arzneimitteln. Dazu wurden meist Personen aus marginalisierten Gruppen (z.B. Arme, Kranke oder Gefangene) ausgewählt, die leicht kontrollierbar und ohne Fluchtmöglichkeiten waren. Im Kontext der Schlafkrankheit funktionierten Menschenversuche häufig als Teil kolonialer Medikamentenforschung: Wirkstoffe wurden in europäischen Laboren entwickelt und zunächst an Tieren getestet, anschließend aber in koloniale Gebiete geschickt, wo sie an infizierten Menschen angewendet wurden. Die Ergebnisse dienten wissenschaftlichen und kolonialen Interessen, während Risiken, Nebenwirkungen und Todesfälle oft unzureichend dokumentiert oder nicht eindeutig zugeordnet wurden.
Missionierung
Missionierung (lateinisch missio „Sendung“) beschreibt die Verbreitung des eigenen Glaubens, der eigenen Werte und Rituale. Besonders im Mittelalter und während der Kolonialzeit war die christliche Missionierung mit Macht, Zwang und Gewalt verknüpft. Menschen wurden zur Annahme des christlichen Glaubens gezwungen, andere Religionen unterdrückt und ihre Anhänger verfolgt. Dabei stand die „Mission“ in engem Zusammenhang mit der kolonialen Expansionen, indem Missionargesellschaften koloniale Bestrebungen begleiteten oder antrieben. So wurde Togo zuerst von deutschen Missionaren erkundet und die Erkenntnisse zur späteren Kolonialisierung des Landes genutzt.
Postkolonialismus
Postkolonialismus bezeichnet die kritische Auseinandersetzung mit kolonialen Denkweisen, Machtverhältnissen, Diskursen und Strukturen, die auch nach dem formalen Ende von Kolonialherrschaften fortbestehen.
Schlafkrankheit
Die Schlafkrankheit (afrikanische Trypanosomiasis) ist eine parasitäre Infektionskrankheit, die durch den Stich der Tsetsefliege auf Mensch und Tier übertragen wird. Nach der Infektion vermehren sich die Parasiten im Blut lösen unter anderem Fieber, Schmerzen und Müdigkeit aus (erste Phase). Im weiteren Verlauf befallen sie das zentrale Nervensystem, was zu neurologischen Störungen wie Schlafrhythmusveränderungen und zunehmender Schläfrigkeit führt. Unbehandelt verläuft die Krankheit tödlich.
Im Kontext des Kolonialismus wurden in den afrikanischen Kolonien (z.B. Togo) Infizierte oft zwangsweise isoliert und in sogenannten „Schlafkrankenlagern“ untergebracht, wo sie unter Gewaltanwendung mit Nervengiften behandelt wurden.
Segregation
Ethnische Segregation beschreibt den Ausschluss bestimmter Bevölkerungsgruppen bzw. “Minderheiten” aus der Gesellschaft der machthabenden Schicht. Zur Zeit der Apartheid in Afrika wurde Segregation auch als “Rassentrennung” bezeichnet. Dieser hoch rassistische Begriff sollte die Trennung von Menschengruppen aufgrund äußerlicher Merkmale wie bspw. ihre Hautfarbe auf biologischer Ebene rechtfertigen. Den von kolonialen Machthabern als ethnische “Minderheiten” ausgewiesenen Menschen wurden Zugänge zu Medizin, Bildung und weiteren Einrichtungen verwehrt. Auch Wohngebiete wurden nach Zugehörigkeit getrennt und die Angehörigen der “Minderheitengruppen” geographisch ausgesondert.
Sklaverei
Unter Sklaverei versteht man ein zutiefst rassistisches und gewaltvolles System vollkommener Entmenschlichung und Freiheitsberaubung. Menschen wurden all ihrer Rechte und ihrer Menschenwürde beraubt und als Ware und Eigentum verkauft. An der sogenannten “Sklavenküste” von Togo, Benin und Nigeria, wurden westafrikanische Menschen vom 16. bis zum 19. Jhd. gejagt und gefangen genommen, um dort verkauft zu werden. Obwohl Sklaverei im 19. Jhd. verboten wurde, bestanden die Strukturen weiter. In der deutschen Kolonie wurden Togoer*innen unter gewaltvollen und unmenschlichen Bedingungen als Zwangsarbeiter*innen eingesetzt und nach Deutschland überführt.
Spirits
Der englische Begriff spirits wird im Deutschen als Geister übersetzt. Wir haben uns jedoch gegen den Begriff Geister entschieden, da dieser Begriff im Deutschen irreführend ist. Geister ruft westlich-christliche geprägte Vorstellungen von Gespenstern und Dämonen als etwas Fremdes oder Gruseliges hervor. Diese Assoziation wollen wir vermeiden, weswegen wir uns für den weiter gefassten Begriff spirit entschieden haben. Wir sprechen deshalb auch von spirit houses und nicht von Geisterhäusern.
Tropenmedizin
Der medizinische Fachbereich der Tropenmedizin erforschte Krankheiten, die hauptsächlich in tropischen oder subtropischen Regionen vorkommen, wie bspw. die Schlafkrankheit. Von einem heutigen Gebrauch des Begriffs ist aufgrund seiner inhumanen und rassistischen Herkunft abzuraten. Die Entstehung der Tropenmedizin ist eng mit der Hochphase des Kolonialismus Ende des 19. Jahrhunderts verknüpft. In der deutschen Kolonie Togo wurden mutmaßlich Infizierte zwangsweise in Schlafkrankheitslagern interniert und mit hochgiftigen Medikamenten „behandelt“. Diese Schlafkrankheitslager waren damit keine humanitären Einrichtungen, sondern dienten dem Zweck der kolonialen Kontrolle und Gewalt.
Tsetsefliege (Glossina)
Die Tsetsefliege ist eine Fliege, die lediglich in Afrika vor allem in feuchten Tropengebieten vorkommt. Sie ernährt sich von menschlichen wie tierischem Blut, wobei Parasiten übertragen werden können. Einer dieser Parasiten löst die Schlafkrankheit aus. Dabei sind nur 0,1 % der Tsetsefliegen infiziert und ansteckend.
Typenfotografie
Typenfotografien dienten dazu, Personen als sogenannte “Typen” einer bestimmten ethnischen Gruppe anhand äußerer Merkmale zu klassifizieren - ein Ansatz, der individuelle Identitäten auf Stereotype und rassialisierende Kategorien reduzierte.
Vodu/Vodun
Vodu oder Vodun ist eine traditionelle westafrikanische Religionsfamilie und bezeichnet als Begriff sowohl die Religion selbst als auch die einzelnen Gottheiten und spirits. Vodu ist keine feste, einheitliche Religion, sondern besteht aus vielen verschiedenen Gruppierungen und Praktiken, die je nach Region oder Glaubensgemeinschaft unterschiedlich gelebt werden. Im Vodu-Glauben geht man davon aus, dass alles miteinander verbunden und göttlichen Ursprungs ist: heiligen Stätten, Bächen, Bäumen und Felsen wohnen spirits und göttliche Ahnen inne. Im Zentrum steht die Schöpfergottheit Mawu Lisa, die Sonne und Mond in sich vereint und aus der die Vodu Gottheiten und spirits hervorgehen. Zu den bekanntesten gehören Legba (Hüter des Tores), Heviesso (Gott des Donners), Sakpata (Erdgott) sowie verschiedene Wassergeister wie Mami Wata.
Völkerschauen
Für Menschenzoos oder Völkerschauen wurden weltweit Menschen, welche sich kulturell und physisch möglichst stark vom westlichen weißen Idealbild unterschieden, einem westlichen Publikum zur Schau gestellt. In Zoos, Museen oder auf Jahrmärkten wurden Erwachsene und Kinder wie Tiere und Pflanzen aus “fernen Ländern” vorgeführt. Koloniale Strukturen ermöglichten dieses menschenunwürdige Unterfangen erst. Die Menschen wurden aus kolonialen Gebieten rekrutiert und nach bspw. Deutschland gebracht. Neben dem Interesse der breiten Bevölkerung an exotischen (siehe: Exotik) und andersartigen (siehe: Andersartigkeit) Kulturen, dienten die Völkerschauen auch Wissenschaftlern zur nicht einvernehmlichen Studie der “fremdartigen” Menschen.
Wissensregime
Wissensregime sind ein Gefüge von Regeln, Praktiken und Machtverhältnissen, das bestimmt, wie Wissen entsteht, funktioniert und welches Wissen als legitim anerkannt wird. „Regime“ verweist darauf, dass Wissen nicht neutral ist, sondern innerhalb strukturierter Ordnungen produziert wird. Wissensregime bestimmen welches Wissen als legitim anerkannt wird. Wissen existiert somit stets in einem Verhältnis zu Macht.
Zwangsarbeit
Der Begriff Zwangsarbeit bezeichnet Arbeitsverhältnisse, in denen Menschen nicht aus freiem Willen tätig sind, sondern durch finanziellen oder persönlichen Druck sowie teilweise Gewalt(-androhungen) zur Arbeit gezwungen werden.