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Zwischen Licht und Schatten

Der Fotograf Walter Hege und sein Blick auf die Antike

Über diese Ausstellung

ZWISCHEN LICHT UND SCHATTEN – liegen zahlreiche Nuancen. Das Ausbalancieren von Licht in der Schwarz-Weiß-Fotografie hat der Deutsche Fotograf Walter Hege meisterlich beherrscht. Dies kommt vor allem in seinen Fotografien von antiken Architekturen und Skulpturen der 1920er und 1930er Jahre zum Ausdruck. Diese Ausstellung widmet sich gezielt seinen Aufnahmen archäologischer Stätten und versucht, diese in den schwierigen Kontext ihrer Entstehungszeit einzuordnen. Mit seinem Titel nimmt das Projekt bewusst Bezug auf eine vergangene Ausstellung – ‘Licht und Schatten‘ - aus dem Jahr 2019 im Heimatort Walter Heges, in Naumburg. Anliegen unserer Ausstellung ist es jedoch, statt der Extreme die Zwischentöne wahrzunehmen.

Gleichzeitig stellt die Ausstellung ein Konvolut an Aufnahmen von Walter Hege aus Athen und Olympia vor, das sich heute in der Fotothek des Winckelmann-Instituts der Humboldt-Universität zu Berlin befindet. Heges Fotografien sind teilweise in enger Zusammenarbeit mit dem Universitätsinstitut der damaligen Zeit entstanden und dienten auf Pappen aufgeklebt viele Jahrzehnte als Lehrmaterialien innerhalb des Studiums der Klassischen Archäologie.

Die Entstehung dieser Ausstellung ist jedoch Bestandteil des heutigen Archäologie-Studiums gewesen. Studierende, Mitarbeitende und Lehrende des Lehrbereichs ‘Klassische Archäologie‘ des Winckelmann-Instituts der Humboldt-Universität zu Berlin haben über mehrere Semester recherchiert und geforscht, um die hier präsentierten Inhalte zusammenzustellen.

Fotopappen mit Bildern von Walter Hege in der Fotothek des WInckelmann-Instituts der Humboldt-Universität zu Berlin

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Walter Hege - Ein Leben zwischen Licht und Schatten

Walter Hege

Walter Hege, 1893 in Naumburg an der Saale geboren, begann seine berufliche Laufbahn mit einer Ausbildung zum Dekorationsmaler. Nach dem Ersten Weltkrieg, in dem er sich als Soldat eine schwere Verletzung zuzog, schloss er jedoch bis 1920 eine Lehre zum Fotografen an. In den Folgejahren war er Schüler an der Staatlichen Hochschule für Bildende Kunst in Weimar. Mit seiner ersten Ausstellung zum Naumburger Dom in seiner Heimatstadt bereits im Jahr 1923 kam seine Karriere ins Rollen, und er erhielt umfangreiche Folgeaufträge. Eine seiner Auftragsarbeiten waren Bilder von antiken Skulpturen in Athen; bei diesem Aufenthalt 1928/29 entstanden auch seine zahlreichen Architekturfotos, die er später mit Gerhart Rodenwaldt publizierte.

Als er 1930 als Fachlehrer an die Staatliche Hochschule für Baukunst, bildende Künste und Handwerk in Weimar wechselte, wurde Paul Schultze-Naumburg, ein Künstler, Architekt und späterer NSDAP-Abgeordneter, sein Vorgesetzter. Nach eigenen Angaben sah sich Hege bereits im November 1930 genötigt, einen Antrag auf Mitgliedschaft in der NSDAP zu stellen, um weiter unterrichten zu können. Wie sich diese Bindung in den Folgejahren genau gestaltete, ist schwer zu rekonstruieren. Sicher ist jedoch, dass Walter Hege - nach dem erneuten Projekt mit Gerhart Rodenwaldt für ein Olympia-Buch anlässlich der Olympiade in Berlin 1936 - offenbar von der Propaganda-Maschinerie der Nationalsozialisten profitierte. Während der Olympischen Spiele arbeitete er als Kameramann für das Filmprojekt von Leni Riefenstahl, und es folgten mehrere weitere Auftragsarbeiten von hochrangigen NS-Institutionen.

Bereits vor dem Zweiten Weltkrieg hatte Walter Hege zahlreiche Filme, vor allem Naturfilme, angefertigt. Diese Seite seines Schaffens setzte er nach dem Krieg fort. Während eines Vortrags in Weimar im Jahr 1955 erlitt er einen Herzstillstand und verstarb.

Walter Hege überprüft den Bildausschnitt beim Leiten eines Fotokurses

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Naumburg

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Walter Hege und sein Blick auf die Antike

Auf den Spuren der klassischen Antike

Obwohl Walter Hege mit seinen Aufnahmen Deutscher Dome des Mittelalters bekannt wurde, waren antike Monumente durchaus Bestandteil seiner Ausbildung. Im Jahr 1924 unternahm er als Meisterschüler an der Staatlichen Hochschule für Bildende Kunst in Weimar zusammen mit seinem Lehrer Hugo Buck, Professor für Landschaftsmalerei, eine Reise nach Italien und Sizilien, >>auf den Spuren der klassischen Antike<<, wie es hieß.

Bei den folgenden Fotoaufträgen - zunächst Athen und später Olympia - konnte Walter Hege seinen bei den mittelalterlichen Kirchenbauten erprobten Stil leicht auf die antiken Monumente übertragen. Die Architekturen, Skulpturen und Reliefs inszenierte er auf ganz ähnliche Weise. Allerdings stellten ihn die Voraussetzung in Griechenland vor neue Herausforderungen: Im Gegensatz zu den dunklen Innenräumen der Dome musste er aufgrund des hellen Sonnenlichts mit blendenden Flächen und starken Schatten rechnen. Eine gute Planung war deshalb besonders wichtig. So nahm er nicht nur jeweils eine umfangreiche Ausrüstung mit nach Griechenland, sondern experimentierte bereits vor der Abreise an Gipsabgüssen der betreffenden Monumente unter möglichst realen Bedingungen, wie hier an einer Gipsplatte des Athener Parthenonfrieses, den er nach draußen in die helle Sonne stellte, um die Lichtverhältnisse zu testen.

Walter Hege bei Probeaufnahmen eines Gipsabgusses von einer Platte des Parthenonfrieses

Walter Hege und das Archäologische Seminar

Im Zusammenhang mit seinem Auftrag in Athen lernte Walter Hege den Archäologen Gerhart Rodenwaldt kennen. Aus dieser Begegnung entstand zunächst das gemeinsame Buch ‘Die Akropolis‘, zu dem Hege die Fotos erstellte und Rodenwaldt die Texte schrieb. Nachdem Gerhart Rodenwaldt Ordinarius am Archäologischen Seminar der Berliner Universität geworden war und er den Auftrag für ein Buch zum antiken Olympia für die Olympiade 1936 in Berlin erhalten hatte, band er den Fotografen ebenso in dieses Projekt mit ein. Walter Hege nutzte nicht nur die Gipsabgüsse der Sammlung des Archäologischen Seminars in Berlin für Probeaufnahmen, sondern seine Fotografien erweiterten anschließend auch zahlreich als Lehr- und Anschauungsmaterial die Sammlung der Fotothek, in der sie bis heute bewahrt werden.

Später schloss sich aus dem reichen Fundus von Heges Fotografien noch die Publikation ‘Griechische Tempel‘ als Gemeinschaftsarbeit an. Alle Bücher sind im Deutschen Kunstverlag erschienen und hatten einen Anspruch, den man heute als ‘populärwissenschaftlich‘ bezeichnen würde. Sie sind in mehreren Auflagen erschienen - teilweise in verschiedenen Sprachen - und erzielten eine über die Fachwelt hinausgehende Wirkung. Insofern war die >>Verbindung von Archäologe und Künstler<< – wie es im Vorwort der Olympia-Publikation heißt – sehr erfolgreich.

Die beiden Bücher 'Die Akropolis' und 'Olympia', die in Zusammenarbeit von Walter Hege und Gerhart Rodenwaldt entstanden sind

Gerhart Rodenwaldt

Gerhart Rodenwaldt, der im Jahr 1886 in Berlin geboren wurde, war einer der bekanntesten deutschen Klassischen Archäologen in den 1920er und 1930er Jahren. Nach einer ersten Professur in Gießen wechselte er von dort nach Berlin als Präsident des Archäologischen Instituts des Deutschen Reiches, eine Aufgabe, der er sich mit großem Engagement widmete. Er folgte jedoch 1932 einem Ruf an die damalige Berliner Universität und wurde dort Ordinarius für das Archäologische Seminar.

Seine Dienstzeit an der Berliner Universität ist eng mit den bewegten politischen Ereignissen der NS-Zeit in Berlin und Deutschland verknüpft. Allerdings lässt sich seine Haltung zum nationalsozialistischen Regime nicht klar fassen. Einerseits oblag es ihm, die zahlreichen strikten neuen Regeln der Regierung an der Universität umzusetzen, zu denen auch der Ausschluss jüdischer Studierender und Forschender aus dem akademischen Leben gehörte; andererseits wissen wir, dass er jüdische Kolleginnen und Kollegen weiterhin fachlich unterstützte. Die Olympischen Spiele von 1936 und die damit verbundene Begeisterung für die Antike wusste er für sich und sein Universitätsinstitut durchaus zu nutzen, was nicht zuletzt durch die Publikation mit Walter Hege deutlich wird. Unermüdlich hielt er auch während des Krieges, in dem sein einziger Sohn gefallen war, unter schwierigen Umständen das Museum der Abgüsse und den Lehrbetrieb aufrecht. Bombentreffer in den letzten Kriegsmonaten beschädigten nicht nur das Gebäude, sondern auch zahlreiche Abgüsse. Kurz vor dem Einmarsch der sowjetischen Armee im Frühjahr 1945 nahm er sich zusammen mit seiner Ehefrau das Leben.

Porträt von Gerhart Rodenwaldt

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Athen

Athen - Der Auftrag

Im Jahr 1927 erhielt Walter Hege einen umfangreichen Auftrag aus den USA, im Nationalmuseum von Athen Skulpturen der klassischen griechischen Zeit für einen Bildband zu fotografieren. Organisatorische Probleme verzögerten jedoch das Projekt, so dass er erst im Frühjahr 1928 nach Athen reisen konnte. Er verbrachte eineinhalb Jahre in der griechischen Hauptstadt, von denen er mehrere Monate allein den Vorbereitungen für seine Aufnahmen widmete.

Neben den Fotografien der Skulpturen fertigte er auch zahlreiche Aufnahmen von antiken Architekturen Athens an. Einen Schwerpunkt stellten dabei die Bauten auf der Akropolis dar. Hier konnte er seinen charakteristischen Stil umsetzen: Klare Linien, lange Fluchten, Staffelungen von Architekturelementen und weite Ausblicke sowie sein Spiel mit Licht und Schatten prägen diese Fotografien.

Die geforderten Aufnahmen erreichten erst 1930 seinen amerikanischen Auftraggeber. Dies war jedoch zu spät für das ursprüngliche Buchprojekt, das damit gescheitert war. Der Deutsche Kunstverlag hatte ihm jedoch bereits angeboten, einen Band zur Akropolis in Zusammenarbeit mit Gerhart Rodenwaldt, der damals noch Präsident des Archäologischen Instituts des Deutschen Reiches war, anzufertigen, der noch im selben Jahr erschien und in mehreren Auflagen gedruckt wurde.

Ansicht der Akropolis von Athen

Ein fotografisches Abenteuer

Walter Hege arbeitete mit größtmöglichem Aufwand, um seine fotografischen Vorstellungen umzusetzen. So ließ er auf eigene Kosten eine Konstruktion am Parthenon anbringen, um die noch am Bau verbliebenen Reliefs des Frieses aus der Nähe studieren und fotografieren zu können. Auf diesem Bild sehen wir ihn oder einen Gehilfen mit der großen Kamera auf dieser zurecht gezimmerten Plattform. Von hier aus konnte er nicht nur seine Aufnahmen anfertigen, sondern er musste auch feststellen, dass Witterungseinflüsse den Reliefs bereits stark zugesetzt hatten. Somit dokumentierte er damals einen Zustand, der sich in den Folgejahren nur noch verschlechtern sollte, und schuf dadurch ein wichtiges Zeugnis für die archäologische Forschung.

Nach seiner Rückkehr berichtete er in einer Kulturzeitschrift ausführlich und tief beeindruckt von seinen Arbeiten in Athen. Hier können Sie seinen Ausführungen zuhören!

Walter Hege oder ein Mitarbeiter steht auf einer Plattform zwischen den zwei Säulenstellungen, um den Fries zu fotografieren, Audio seines Berichtes

Das antike Athen und die Akropolis

Der Hügel der Akropolis war das Hauptheiligtum des antiken Athen. Die verschiedenen Kultbauten, allen voran der Parthenon (5), aber auch das Erechtheion (7) thronten über der Stadt. Walter Hege war fasziniert von den gut erhaltenen und wieder aufgerichteten Architekturen des 5. Jhs. v. Chr., und so verwundert es nicht, dass er hier sehr viel Zeit verbrachte, um seine Fotografien vorzubereiten, die unter den von ihm beschriebenen, teilweise abenteuerlichen Bedingungen entstanden sind.

Der Parthenon

Der Parthenon war bereits in der Zeit der Klassik der beherrschende Bau auf der Athener Akropolis. Walter Hege hat ihn auf diesem Bild aus der Perspektive aufgenommen, aus der ihn auch der antike Besucher nach dem Betreten der Akropolis wahrgenommen haben muss: Vollständig aus Marmor und in dorischer Ordnung gebaut wirkte er mit seinen jeweils acht Säulen auf der Vorder- und Rückseite sehr monumental, was durch die Langseiten mit insgesamt 17 Säulen noch verstärkt wurde. Um den Eingang auf der Ostseite zu erreichen, musste man die gesamte Länge des Tempels ablaufen. Walter Hege hat durch die leicht schräge Ansicht die gesamte Größe des Baus eingefangen; gleichzeitig bewirken die nebeneinander liegenden Säulen eine optische Staffelung, die weit in die Ferne reicht – ein charakteristisches Stilmittel seiner Architekturaufnahmen.

Der Tempel war der Stadtgöttin Athens, der Athena Parthenos, geweiht und wurde in der Zeit zwischen 447 und 432 v. Chr. errichtet. Er beherbergte nicht nur ein kostbares Kultbild der jungfräulichen Athena aus Gold und Elfenbein, das der antike Bildhauer Phidias geschaffen hatte, sondern auch einen bedeutenden Teil der Athener Staatskasse. Der ehemals reiche Skulpturenschmuck am Tempel war zu Walter Heges Zeit bereits größtenteils abgenommen und in Museen aufgestellt worden. Allerdings waren noch einige originale Platten des berühmten Parthenonfrieses am Bau verblieben, die Hege mit großem Aufwand fotografierte.
Der Parthenon von Westen

Die Publikation zur Akropolis

Für den im Jahr 1930 erschienenen Band zur Akropolis mit den Fotografien von Walter Hege schrieb Gerhart Rodenwaldt den Text, der sich durch einen emotionalen Stil auszeichnet. Darin beschwört er die Kunst und Architektur der griechischen Klassik in Verbindung mit der Natur. In diesem Sinn passen die eindrücklichen Aufnahmen von Walter Hege zum Text.

>> Unter den Felsgebilden, die die attische Ebene begleiten und durchsetzen, gibt es höhere und phantastischere als die Akropolis. Aber nicht der malerische Reiz hat ihre Bedeutung bestimmt, sondern ihre Gestalt, die sie große Aufgaben erfüllen ließ. Der flache Rücken des gewaltigen Kalkfelsens war dazu geschaffen, eine Feste und ein Heiligtum zu tragen. Wie in klassischen Zeiten erhebt er heute aus dem verworrenen Lärm der Stadt in die klare Luft den heiligen Bezirk mit seinen ehrwürdigen Tempeln, ein gigantischer Unterbau für die feinsten von Menschenhand gefügten Bauwerke. <<

Gerhart Rodenwaldt in 'Die Akropolis‘ (1930)

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Olympia

Der Auftrag und die Vorbereitungen

An die erfolgreiche Zusammenarbeit von Walter Hege und Gerhart Rodenwaldt schloss sich ein weiteres Buchprojekt an. Im Jahr 1933 erteilte das Komitee zur Organisation der XI. Olympischen Sommerspiele in Berlin den beiden den Auftrag, einen Band über das antike Olympia zu erstellen. Dieser sollte 1936 im Kontext der Olympiade erscheinen und in Umlauf gebracht werden.

Somit musste Walter Hege erneut eine Reise nach Griechenland planen. Zur Vorbereitung fotografierte er den Gipsabguss des Kopfes des Apollon aus Olympia am Archäologischen Seminar der Berliner Universität. Durch verschiedene Entfernungen zwischen Kamera und Objekt wollte er den idealen Abstand zu den Skulpturen testen, damit diese ohne Verzerrung auf den Fotos erschienen. Die 5-Meter-Distanz erwies sich als die richtige.

Walter Hege machte über 1.000 Fotografien in Olympia, teilweise unter schwierigen Bedingungen. Nur eine kleine Auswahl schaffte es in den Olympia-Band, zu dem Gerhart Rodenwaldt erneut den Text schrieb und der pünktlich zur Olympiade 1936 erschien.

Versuchsreihe am Abguss des Apollonkopfes aus verschiedenen Distanzen

Der Kontext - Die Olympischen Spiele 1936 in Berlin

Im Sommer 1936 fanden in Berlin die XI. Olympischen Sommerspiele der nachantiken Zeit statt. Die Entscheidung zur Olympiade in der deutschen Hauptstadt war bereits vor der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten im Jahr 1933 gefallen. Das NS-Regime musste sich damit arrangieren, für die Zeit der Spiele die volle internationale Aufmerksamkeit zu erhalten und den bereits spürbar harten Kurs der Regierung scheinbar zu drosseln. Dennoch nutzten die Nationalsozialisten das Spektakel zur Selbstdarstellung und verknüpften die Spiele klar mit ihrer Propaganda. Diese neue Stimmung beeinflusste auch die Archäologie dieser Zeit.

Das Archäologische Seminar und die Olympiade 1936

Gerhart Rodenwaldt, der seit 1932 Ordinarius am Archäologischen Seminar der Berliner Universität war, sah in der Olympiade die Chance, seinen Lehrstuhl zu stärken und von dem Interesse an Olympia zu profitieren. Nicht nur das Buch, das er zusammen mit Walter Hege erstellte, sollte dazu beitragen, sondern auch eine Ausstellung, die er im universitätseigenen Abguss-Museum erstellen ließ. Die Finanzierung dazu kam vom Organisationskomitee der Olympiade.

In den Räumen des universitären Museums konnten Besucher im August 1936 die Bildwerke aus Olympia in Form von Gipsabgüssen bewundern. Aus diesem Anlass ließ Gerhart Rodenwaldt auch die Wände des Olympia-Saals hell streichen, die zuvor dunkelrot gewesen waren – und nun so erschienen, wie Walter Hege es für das Museum in Olympia umgesetzt hatte. In den zwei Wochen der Olympischen Spiele besuchten 14.000 Menschen die Ausstellung.

Die Pressestelle des Ministeriums für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung äußerte sich anschließend wie folgt über die Ausstellung:

>> G. Rodenwaldt hat es verstanden, mit dem vorhandenen Material der Gipsabgußsammlung eine Schau zusammenzustellen, die in seltener Vollständigkeit ein vorzügliches Bild von der griechischen Kunst in Olympia bietet. In den neu hergerichteten Räumen der Sammlung kommen die verschiedenen Gegenstände ausgezeichnet zur Wirkung und können bequem betrachtet werden. <<

Der Olympia-Saal im Abguss-Museum des Archäologischen Seminars der Berliner Universität mit dem Westgiebel des Zeustempels und einigen Metopenreliefs

Das antike Olympia lag im Nordwesten der Peloponnes und war ein panhellenisches Heiligtum, also ein Kultort für alle Griechen. Es war dem Göttervater Zeus geweiht, allerdings fanden sich auch weitere Kulte innerhalb des Heiligen Hains, wie beispielsweise für Hera. Die Kultstätten mit ihren Tempeln und Altären lagen innerhalb eines Mauerrings; außerhalb gruppierten sich verschiedene Verwaltungs- und Versorgungsgebäude sowie die Sportstätten, zu denen auch ein großes Stadion gehörte. Alle vier Jahre fanden hier die olympischen Wettkämpfe zu Ehren des Zeus statt, die Olympischen Spiele.

Die Ausgrabungen der antiken Stätte hatten maßgeblich deutsche Archäologen durchgeführt. Allerdings waren die Arbeiten bereits 1881 eingestellt worden. Aus Anlass der Olympischen Spiele in Berlin im Jahr 1936 verfügte Adolf Hitler, dass die Ausgrabungen wiederaufgenommen werden sollten; Olympia wurde zur ‘Führergrabung‘.

Licht und Schatten im Heiligen Hain

Im Gegensatz zur Athener Akropolis lagen die Ruinen des Heiligtums von Olympia in einer mit Bäumen bewachsenen Landschaft. Bei seinen Aufnahmen sah sich Walter Hege mit einem doppelten Problem konfrontiert: Einerseits warfen die Bäume starke Schatten und bildeten so einen extremen Kontrast zu den sonnenbeschienenen Flächen. Andererseits waren die antiken Bauwerke wesentlich schlechter erhalten oder unrestauriert, so dass die Motivwahl im Gelände für ihn bei Weitem nicht so variationsreich war wie in Athen.

Seine ersten Aufnahmen waren entsprechend enttäuschend für ihn. Er verwendete nun einen Grünfilter, um die starken Kontraste abzumildern. Aus den Ruinen des ehemals so monumentalen Heiligtums suchte er sich gezielt Motive, bei denen er seinen charakteristischen Stil umsetzte, auch wenn er diesen hier nicht voll entfalten konnte. Außerdem muss er einige Wanderungen unternommen haben, um die Weite der Landschaft zu fotografieren, bei denen ihm eindrucksvolle Aufnahmen gelangen.

Blick von Westen in Richtung des Areals des Heiligtums mit dem Kronoshügel

Das Stadion

Das Heiligtum von Olympia war natürlich auch Austragungsort der namensgebenden antiken Sportwettkämpfe. Dieser direkte Bezug sollte in der Olympia-Publikation von Walter Hege und Gerhart Rodenwaldt nicht fehlen. Zwar zeigten die Aufnahmen der Skulpturen durchaus die allgemeine politische Stimmung durch die Herausstellung des athletischen Körperideals, aber der sportliche Aspekt war dennoch schwer durch Fotografien in Olympia selbst zu fassen, zumal das Stadion erst in Teilen ausgegraben war und dieses auch architektonisch wenig hergab. Walter Hege löste das Problem durch die sehr sinnbildliche Aufnahme der antiken Startlinie im Stadion von Olympia, die hier diese Fotografie geradezu durchschneidet und die als Symbol für die Wettkämpfe steht.

Antike Startlinie im Stadion von Olympia

Ein Buch für die Olympiasieger

Der Band ‘Olympia‘ sollte im Namen des Organisationskomitees der XI. Olympiade den siegreichen Athletinnen und Athleten überreicht werden und war ein Teil der NS-Propaganda. Vor diesem im damaligen Deutschland politischen Hintergrund ist auch durchaus der Inhalt des Buches angelegt; sowohl die Fotografien von Walter Hege als auch der Text von Gerhart Rodenwaldt lassen dies spüren. Bereits die erste Abbildung zeigt mit der antiken Statue des athletischen Apollon das Körperideal der NS-Ideologie. Gerhart Rodenwaldt verweist in seinem Vorwort auf die Leistungen der deutschen Archäologen in Olympia. Sein Text ist im Vergleich zur Akropolis-Publikation nochmals deutlich im Pathos gesteigert. So schrieb er:

>> Die olympische Idee, die allen Völkern der Erde zu einem lebendigen Quell schöpferischer Kraft geworden ist, hat sich von dem mütterlichen Boden, den sie einst geschaffen hat, gelöst. Wenn die Nationen sich an den olympischen Spielen zu friedlichem Wettkampf vereinigen und die Augen der ganzen Welt auf sie gerichtet sind, liegt das heilige Tal von Olympia unter der Glut des griechischen Himmels in dem tiefen Frieden seiner sommerlichen Einsamkeit. In dem Ethos, das die Leistung des Willens adelt, fühlen wir uns den Griechen nächstverwandt. <<

Gerhart Rodenwaldt in 'Olympia' (1936)

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Zwischen Licht und Schatten

Im Bann des Apollon

Walter Hege war nicht der einzige Fotograf, der in den 1920er und 1930er Jahren antike Monumente fotografierte. In dieser Zeit gab es - als Weiterentwicklung des Klassizismus - eine große Faszination für die monumentalen Bauten und die ‘idealen‘ Skulpturen der klassischen Antike in Westeuropa und den USA.

Gerade Griechenland lieferte eine Vielzahl an eindrücklichen Motiven. Besonders bekannt sind heute neben Walter Hege u. a. auch der gebürtige Hamburger Ferdinand List und die griechische Fotografin Nelly, deren Bilder die Antike aus verschiedenen Motivationen heraus und auf ganz unterschiedliche Weise in Szene setzen. Um den künstlerischen Aspekt der Aufnahmen von Walter Hege zu verstehen, eignen sich zum Vergleich besonders gut die Fotografien von Richard Hamann, einem deutschen Kunsthistoriker der damaligen Zeit; dieser hatte es sich zum Ziel gesetzt, kunsthistorische Monumente systematisch zu dokumentieren. Auch er verstand es, technisch mit der Kamera umzugehen, Licht und Schatten bewusst zu nutzen und verschiedene Perspektiven zu wählen. Dennoch gehen seine Fotografien nicht über das Dokumentarische hinaus und schaffen es nicht, den Monumenten – wie hier dem Apollon in Olympia – eine Lebendigkeit zu geben, wie es Walter Hege gelungen ist.

Zwischen Licht und Schatten - Die Fotografien Walter Heges aus heutiger Perspektive

Walter Heges Fotografien von Antiken lassen sein besonderes Talent erkennen und faszinieren in ihren eindrücklichen Inszenierungen bis heute. Sie tragen jedoch nicht nur eine künstlerische Perspektive in sich, sondern haben auch aus archäologischer Sicht einen hohen Wert: Sie bilden durch die meisterhafte Lichttechnik Heges gerade die Skulpturen in einer unerreichten Genauigkeit ab; sie dokumentieren darüber hinaus einen Erhaltungszustand der Monumente, den es heute in dieser Form nicht mehr gibt.

Dennoch sind sie zugleich Zeugnisse einer Stilentwicklung, die in Deutschland vom Nationalsozialismus aufgegriffen, instrumentalisiert und zu Propagandazwecken genutzt wurde. Vor allem Heges übersteigerte Aufnahmen aus Olympia stehen zusammen mit dem pathetischen Text von Gerhart Rodenwaldt in diesem Kontext. Die Olympia-Publikation vermittelt den Anspruch der NS-Ideologie auf das gemeinsame Heroische der antiken griechischen und der deutschen Kultur. Walter Hege hat diesen Anspruch bedient und vom Erfolg seiner Bilder für weitere Aufträge innerhalb der NS-Strukturen profitiert. Somit reflektieren seine Fotografien eine für uns heute schwer zu fassende Haltung während der NS-Zeit: Das Akzeptieren und Einfügen in ein System um der eigenen Vorteile als Künstler willen. Walter Heges Fotografien liegen damit zwischen Licht und Schatten.

Die Figur des Apollon im Westgiebel

Literatur und Quellen

  • A. Beckmann – B. von Deckwitz (Hrsg.), Dom, Tempel, Skulptur, Architekturphotographien von Walter Hege (Köln 1993)
  • M. Harder, Walter Hege und Herbert List, Griechische Tempelarchitektur in photographischer Inszenierung (Berlin 2003)
  • W. Hege, Wie ich die Akropolis photographierte, in: Atlantis, 1930, 4, 247-249
  • W. Hege, Meine Olympia-Expedition, in: Odal. Monatsschrift für Blut und Boden, 1936, 5, 1, 30-32
  • W. Hege, Meine Fotoarbeit im Alten Olympia, in: Ton und Bild. Zeitschrift für Film- und Foto-Technik, 1950, 5, 332-334
  • W. Hege - G. Rodenwaldt, Die Akropolis (Berlin 1930)
  • W. Hege - G. Rodenwaldt, Olympia (Berlin 1936)
  • A. Kankeleit, Olympia, Griechenland. Der Beginn der neuen Ausgrabungen 1937, in: Die Arbeiten des Jahres 2017, E-Forschungsberichte des Deutschen Archäologischen Instituts, 1, 2018, 34-41, https://doi.org/10.34780/7arb-97ba
  • Museumsverein Naumburg e. V. (Hrsg.), Licht und Schatten. Walter Hege – Fotograf und Filmemacher (1893-1955) (Naumburg 2019)
  • J. M. Nauhaus, Das andere Griechenland. Fotografien von Herbert List (1903-1975) und Walter Hege (1893-1955) in Korrespondenz zu Gipsabgüssen antiker Plastik (Altenburg 2014)
  • E. S. Sünderhauf, 'Am Schaltwerk der deutschen Archäologie‘. Gerhart Rodenwaldts Wirken in der Zeit des Nationalsozialismus, Jahrbuch des Instituts 123, 2003, 283-362
  • H. Vogler, Die Bildwerke von Olympia. Eine Sonderausstellung von 1936 in der Sammlung der Gipsabgüsse der Friedrich-Wilhelms-Universität, unveröffentlichte Masterarbeit an der Humboldt Universität zu Berlin, 2021