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Wartburgerinnerungen im Bild

Private Fotoschätze aus 100 Jahren

Eine virtuelle Ausstellung von

Einleitung

Die Wartburg bei Eisenach, die im Laufe ihrer fast tausendjährigen Geschichte Schauplatz bedeutender geschichtlicher Ereignisse und Aufenthaltsort berühmter Persönlichkeiten war, kann als eine der meistfotografierten Burgen Deutschlands gelten.

Im Rahmen der vom 4. Mai bis 31. Oktober 2019 auf der Wartburg gezeigten Sonderausstellung „Objektiv!? Die Wartburg im Spiegel der Fotografien des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts“ wurden bis zu 165 Jahre alte Fotografien aus den eigenen Beständen der Wartburg-Fotothek präsentiert.
Bereits kurz nach dem Beginn der Sonderausstellung wurde die lokale bzw. regionale Bevölkerung erstmals mit der Frage „Wer hat das älteste Wartburg-Foto?“ in der Presse und über die Wartburg-Facebook-Seite dazu aufgerufen, ihre persönlichen Fotoalben nach privaten Wartburgerinnerungen zu durchstöbern. In zwei für jedermann offenen Veranstaltungen konnten die Einsender ihre Fotos präsentieren oder Interessierte sich über die zusammengetragenen Fotografien informieren.
Insgesamt sind bis zum Ende der Sonderausstellung über 250 private Wartburgerinnerungen zusammengekommen, die ganz unterschiedliche Themengebiete umfassen und oftmals und in vielerlei Hinsicht eine wunderbare Ergänzung zu den Wartburg-Beständen darstellen. Die fotografischen Zeugnisse wurden in drei Themengruppen eingeteilt:

  • Wartburg. Architektur und Kunst
  • Menschen auf der Wartburg
  • Zu Fuß, auf dem Eselrücken, mit Pferdestärke(n), motorisiert – unterwegs rund um die Wartburg

Eine Auswahl von etwa 60 Fotografien soll an dieser Stelle der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Wir danken allen Einsenderinnen und Einsendern für die Überlassung so vieler so aufschlussreicher Wartburg-Fotoschätze und für kostbare Einblicke in Familiengeschichten. Dies ist ihre Ausstellung.

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Wartburg. Architektur und Kunst

Außenansichten der Wartburg aus verschiedenen Perspektiven

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde die Wartburg auf Veranlassung des Großherzogs Carl Alexander von Sachsen-Weimar-Eisenach künstlerisch und architektonisch erneuert und in diesem Zuge grundlegend umgestaltet. In den Jahren zwischen 1855 und 1867 umfasste das immense Baugeschehen auf der Burg Umbauten am spätromanischen Palas, die Errichtung von Bergfried und Neuer Kemenate, Zweiter Torhalle und Dirnitz. In den 1870er Jahren wurde dann das alte Brauhaus zum Gadem umgewandelt und 1890 das Ritterbad an der Südseite des Palas vollendet.

Der bekannte zeitliche Ablauf dieser Bauabschnitte erlaubt für die frühen Jahre eine recht zuverlässige Datierung der eingesendeten Außenaufnahmen.

Die Innenräume der Wartburg

Die Innenräume des Palas der Wartburg sind bereits in den 1850er und 1860er Jahren neugestaltet worden. Neben baulichen Instandsetzungen umfasste das umfangreiche Raumprogramm etwa die Anbringung der Fresken des spätromantischen Malers Moritz von Schwind in der Elisabethgalerie, im Sängersaal und im Landgrafenzimmer in den Jahren 1854/55, die Ausmalung und Neugestaltung der Kapelle und des Festsaals und die Einrichtung der großherzoglichen Wohnräume in der Neuen Kemenate.

Die Innenaufnahmen, die vor allem der häufig auf Wartburg tätige Georg Jagemann gefertigt hat, sind weniger über das Abgebildete selbst, als vielmehr über bekannte Details zu den Fotografen zu datieren.

02
Menschen auf der Wartburg

Menschen auf der Wartburg

Dieses Kapitel nimmt unter den eingesendeten Fotos einen breiten Raum ein und vermag mitunter auch einige persönliche Geschichten zu erzählen. Es bereichert das in der Wartburg-Fotothek verwahrte Bildmaterial um zahlreiche Aufnahmen, die bisher verhältnismäßig unterrepräsentiert waren: solche der Besucher, aber auch derjenigen Menschen, die auf der Wartburg gewohnt und/oder gearbeitet haben.

Besucher

Die ältesten eingesendeten Aufnahmen der Wartburg-Besucher entstanden zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Ein sehr häufiges Motiv der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gibt verschiedene Besuchergruppen vor ihrem Wartburgrundgang auf der einarmigen Palastreppe wieder. Diese Aufnahmen, die von saisonal auf der Wartburg tätigen Fotografen angefertigt wurden, waren ein beliebtes Andenken, das viele Gäste gerne erwarben und auch als Postkarte verschickten. Größere Besuchergruppen brachten auch ihren eigenen Fotografen mit. Wenige Fotografien zeigen die Besucher auch an anderen Stellen des Burggeländes, etwa am Brunnen im ersten Burghof oder vor der Erdgeschossarkade des Palas.

Besuchergruppe vor dem Palas, um 1920

Diese äußerst gemischt zusammengesetzte Besuchergruppe ließ sich wohl in den 1920er Jahren auf und vor der Palastreppe ablichten.

Besucherfotos als Souvenir

Die Palastreppen-Fotografien waren ein beliebtes Souvenir, das die Besucher als Erinnerung an den Wartburgbesuch mit nach Hause nehmen und als Postkarte verschicken konnten.

Der Eisenacher Fotograf Johannes Gewitz hatte gegen eine prozentuale Abgabe seiner Einnahmen und Übergabe von Abzügen an die Wartburg-Stiftung seit 1929 das vertraglich zugesicherte Recht, die Gäste in den Höfen zu fotografieren. In der Saison beschäftigte Gewitz bis zu sechs Mitarbeiter. Die Besucher-Fotografie war ein einträgliches Geschäft, so berichtet Gewitz im August 1933 von bereits über 100.000 verkauften Foto-Postkarten. In dieser Zeit wurden in der Saison also durchschnittlich fast 100 Postkarten pro Tag angefertigt.

Nach dem Ausbruch des Krieges 1939 übergab Gewitz die Wartburg-Fotografie an seinen Mitarbeiter Paul Vierock, der diese aber nur bis 1941 weiterführte. Auf ihn folgte der langjährige Wartburg-Fotograf Wilhelm Thurau. Ein Foto zeigt seinen Enkel Joachim Thurau mit seiner Plattenkamera vor dem Bergfried der Wartburg in dem Moment, als er die Besucher auf der Palastreppe fotografisch einfängt.

Amateurfotografie: Besucher in den 1930er bis 1950er Jahren

Aus den 1930er bis 1950er Jahren sind einige Fotos eingesendet worden, die nicht in die Kategorie der Palastreppen-Souvernirfotos fallen und an unterschiedlichen Stellen im Burggelände aufgenommen wurden. Sie zeigen Einzelpersonen, Paare und Familien.

Im Gegensatz zu den Palastreppen-Aufnahmen waren hier nicht mehr die professionellen Wartburg-Besucherfotografen die Urheber, sondern die Motive wurden vermutlich mit eigenen portablen Kameras festgehalten; so wohl auch im Fall des 1932 vor der Vogtei von seinem Vater abgelichteten Mädchens. Hier spiegelt sich auch ein Stück Fotografiegeschichte wider: Fotoapparate wurden in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts handlicher und zudem - wie auch das nötige Zubehör - erschwinglicher, so dass die Amateurfotografie Aufschwung erhielt.

Bewohner, Beschäftigte, Bedienstete

Auch die Menschen, die tagtäglich auf der Wartburg wohnten oder hier ihren Lebensunterhalt verdienten, werden durch die eingeschickten Fotos greifbar.

Eine bis dahin gänzlich unbekannte Wartburg-Bewohnerin wurde erst durch ein Konvolut von über 55 Fotos und Postkarten ins Licht der Geschichte gerückt. Dieser Nachlass der von 1919 bis 1929 als Haushälterin des Burghauptmanns Hans Lucas von Cranach tätigen Emma Rudloff liefert einzigartige Einblicke in das damalige Burgleben. Sie selbst ist in mehreren Aufnahmen festgehalten, ob mit Cranachs Pudel vor der Kommandantendiele oder in alter Tracht als sogenannte „Schaffnerin“ (ein altes Wort für Haushälterin) inszeniert oder im Gefährt des „Wartburg-Auto-Verkehrs“ sitzend. Einige der an Emma Rudloff adressierten Postkarten stammen von Cranach und zeugen davon, dass sie dem alternden Herrn im Alltag eine große Stütze gewesen sein muss. Mehrere Fotografien zeigen den Burghauptmann in Begleitung verschiedener Besucher. Nach dem Tod Cranachs 1929 verließ Emma Rudloff die Burg, jedoch bezeugen an sie gesendete Postkarten, dass sie noch lange Jahre Kontakt zu den ehemaligen Weggefährten von der Wartburg hielt.

Hauswirtschafterin (?) und Elma Pohlent im Schützenerker im ersten Burghof, 1930, Fotografie. Eingesendet von Dorle Nitschke

Hauswirtschafterin und Elma Pohlent, 1930

Die am 22.12.1930 als Postkarte an Emma Rudloff versendete Fotografie zeigt links vermutlich eine Hauswirtschafterin der Wartburg und rechts die Absenderin der Postkarte, die in Eisenach ansässige Kunstmalerin Elma Pohlent. Beide Damen haben sich bei einer Tasse Tee zu einem Plausch im Schützenerker im ersten Burghof niedergelassen. Die Malerin scheint dabei ihre Arbeit an einem Bild des ersten Burghofs, das unfertig hinter ihr am Fenster lehnt, unterbrochen zu haben, was auch der neben ihr stehende Kasten mit Malutensilien andeutet.

Die Kunstmalerin muss sich zur Zeit, als Emma Rudloff auf der Wartburg beschäftigt war, des Öfteren zum Zeichnen auf der Burg aufgehalten und dort mit der Hausangestellten einen freundschaftlichen Kontakt gepflegt haben, der laut Ausweis von Postkarten auch noch mehrere Jahre über Emma Rudloffs Weggang von der Wartburg hinaus bestehen blieb. Nach dem Tod ihres Dienstherrn Hans Lucas von Cranach im Jahr 1929 führte ihr Weg Emma Rudloff zunächst nach Berlin, später kehrte sie nach Eisenach zurück und lebte laut Aussage ihrer Enkelin in ihren späten Jahren hier im Annenstift.

03
Zu Fuß, auf dem Eselrücken, mit Pferdestärke(n), motorisiert – unterwegs rund um die Wartburg

Unterwegs rund um die Wartburg

Der Besuch der Wartburg stellte in verkehrstechnischer Hinsicht aufgrund ihrer exponierten Lage hoch über Eisenach von jeher eine Herausforderung dar. Dies galt umso mehr, als sie sich im Laufe des 19. Jahrhundert auch überregional zu einem touristischen Anziehungspunkt entwickelte, der zahlreiche Besucher auf die Burg zog.

Neben dem Aufstieg zu Fuß war es möglich, mit Kutschen bis zum namengebenden Droschkenhalteplatz gefahren zu werden. Die 1871 angelegte Fahrstraße ermöglichte erst ein geregeltes Verkehrsaufkommen mit Pferdekutschen. Vom Droschkenplatz aus musste jedoch selbst Wilhelm II. bei seinen fast jährlichen Burgbesuchen aus der kaiserlichen Kutsche aussteigen und zu Fuß weiterlaufen. Außerdem belegen eindrückliche Bilder eines Kaiserbesuchs in Eisenach, welch ein Ereignis dies für die lokale Bevölkerung dargestellt haben muss, das regelrechten Volksfestcharakter hatte.

Auf Schusters Rappen um die Wartburg

Aufgrund ihrer Lage im nordwestlichen Thüringer Wald war die Wartburg für Wanderer stets ein beliebter Ausgangs- oder Schlusspunkt für Ausflüge in die Umgebung oder eine gern genutzte Kulisse. Auch davon künden zahlreiche eingeschickte Fotografien aus der Zeit des späten 19. und beginnenden 20. Jahrhundert.

Kaiserliche Kutschen auf dem Weg zur Wartburg

Die folgenden Fotografien zeugen von Besuchen Kaiser Wilhelms II. in Eisenach und auf der Wartburg. Da der Monarch verwandtschaftlich mit dem Haus Sachsen-Weimar-Eisenach verbunden war (Großherzog Carl Alexander war sein Großonkel), hielt er sich in den Jahren um 1900 fast jährlich für mehrere Tage auf der Wartburg auf, die unter anderem als Ausgangspunkt für Jagdausflüge genutzt wurde.

Die ersten drei Aufnahmen zeigen die Eisenacher Bevölkerung, die dem Kaiser auf dem Bahnhofsvorplatz einen würdigen Empfang mit Fahnen, Bekränzungen und einer Festarchitektur bereitete und den herrschaftlichen Tross aus mehreren Kutschen vom Bahnhof die Bahnhofstraße entlang begleitete. Die vierte hielt Wilhelm II. beim Aufstieg zur Wartburg fest.

Der Eselritt auf die Wartburg

Eine lange Tradition hat der Eselritt auf die Wartburg. Esel, die als Lasttiere seit dem Mittelalter bis zum Bau der Wasserleitung im Jahr 1886 die Wasserversorgung auf der Burg und im 1861 erbauten Gasthof sicherstellten, wurden spätestens seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auch als Transportmittel für Menschen genutzt.

Schon um 1860 war am damals stark frequentierten Schlossberg eine Eselstation eingerichtet worden. Durch die Anbindung des Reuterwegs an die Straßenbahnlinie Hauptbahnhof–Mariental wurde diese Zuwegung zur Wartburg attraktiver, so dass die Eselstation am Schlossberg in den 1890er Jahren aufgegeben wurde.

Louis Remmler betrieb seine neue Eselstation ab 1900 mit großherzoglicher Genehmigung an ihrem heutigen Standort unterhalb der Burg. Seither haben ganze Generationen auf Eseln die Burg erklommen. Mehrere Aufnahmen aus den frühen Zeiten des Eselreitens wurden eingesendet, als nicht nur Kinder, sondern auch Erwachsene noch das Privileg hatten, von den Grautieren getragen zu werden. Gerade hier knüpfen sich zahlreiche ganz persönliche Wartburgerinnerungen an.

Es ist in unserer Familie zur Tradition geworden, dass der jüngste der Familie nicht zu Fuß, sondern auf des Esels Rücken die Wartburg ‚eroberte‘.
Einsender einer Eselritt-Fotografie

Beginn der Automobilität rund um die Wartburg

Mit der Erfindung des Automobils waren auch für die Wartburg im Lauf der Zeit einschneidende Änderungen der Verkehrsverhältnisse verbunden. Die erste offizielle Befahrung mit Motorwagen aus der Eisenacher Fahrzeugfabrik erfolgte im März 1900.

Bis zu einem regelrechten Autoverkehr vergingen aber noch einige Jahre; in den 1920er Jahren hatte der Automobilverkehr aber schon so zugenommen, dass er bisweilen für chaotische Zustände auf dem Droschkenplatz sorgte, wo Kutschen wie motorisierte Wagen hielten, wendeten und parkten.

Eine Möglichkeit der Beförderung einer größeren Personenzahl auf einmal bot sich mit dem in den 1920er Jahren etablierten Wartburg-Auto-Verkehr, der auf der Strecke Bahnhof–Mariental–Wilhelmsthal–Wartburg im Einsatz war und mit dem auch die Abholung von Hotelgästen bewerkstelligt wurde. Hierfür wurden Omnibusse, Überlandbusse und Aussichtswagen der Marke DIXI eingesetzt. Die eingesendeten Fotos zeigen offenbar Aussichtswagen, in denen etwa 20 Personen Platz fanden. Die prekäre Situation am Droschkenplatz erforderte schließlich eine umfassende Lösung der Verkehrsproblematik, der mit der Errichtung der 1929 bis 1930 realisierten Wartburg-Schleife mit großem Parkplatz und Chauffeurshaus  begegnet wurde.

Dank

Allen Einsenderinnen und Einsendern möchten wir herzlich dafür danken, dass Sie diese Ausstellung durch zahlreiche digital oder im Original eingeschickte Fotografien ermöglicht und persönliche Wartburgerinnerungen mit uns geteilt haben!