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Wir wohnen Wort an Wort

Banat, Siebenbürgen, Bukowina: Ein Ethnograffiti Südosteuropas

Eine virtuelle Ausstellung von

PASSPORT PLEASE!

Grenzstationen, Begegnungen, Gesprächspartner*innen, Nachtzüge, Volkstümelei, Securitate, Umbruch, Exodus, Revolution 1989, Medien, Wechselstuben und - vor allem - fragmentierte gesellschaftliche Gruppen, Gedächtnislinien und Diskurse: Aus diesem Dickicht an Eindrücken einer ethnografischen Forschungsreise zu deutschsprachigen Minderheiten in Rumänien und der Ukraine ist eine Ausstellung entstanden.

Forschungsteam vor einem Ikarus-Reisebus in Suceava/Suczawa, Rumänien (2018)

Ein Ethnograffiti

Ethnografie lebt davon, Zeit mit Menschen zu verbringen. Zwei Wochen reisten wir vom westlichen Rumänien bis in die westliche Ukraine. Wir waren 13 Studierende und drei Dozent*innen der Fächer Volkskunde und  Rumänistik – und sammelten Bruchstücke von Kulturen. Manche grell und bunt, andere zart und zurückgenommen. Vereint und verknüpft ergibt sich eine Momentaufnahme, gleich einem flüchtig mit Spraydosen gesprühten Bild – ein Ethnograffiti.

Wir unterhielten uns mit Menschen deutschsprachiger Minderheiten: Manche leben noch dort, einige kommen zu Besuch. Wieder andere erforschen die weit zurückreichende Geschichte deutscher und jüdischer  Kultur in Südosteuropa. Viele Stimmen, davon lebt auch diese Ausstellung. Unsere Fragen lauten: Was hieß es früher, zur deutschen Minderheit zu gehören? Was heißt es heute? Warum bedeutete das Ende des Kommunismus 1989 für die Mehrheit Exodus und Abschied aus ihrer südosteuropäischen Heimat? Wie wird die Vielstimmigkeit der Region heute gelebt? Können wir für das Europa von heute etwas lernen?

Wir wohnen Wort an Wort


Wir wohnen
Wort an Wort

Sag mir
dein liebstes
Freund

meines heißt
DU

Rose Ausländer

Rose Ausländer, die deutschsprachige Autorin aus jüdischem Elternhaus, überlebte den Holocaust in ihrer Heimatstadt Czernowitz in einem Kellerversteck. Dort, so sagte sie einmal, seien ihr die Reime zerbrochen. Die Idee der Sprache als Behausung begleitete uns auf unserer Reise. Literarische Texte wiesen die Richtung. Die Ausstellungsstationen nehmen die Metapher des Wohnens auf und Worte werden in Szene gesetzt. Wörter schaffen Grenzen, bergen das Uneindeutige. Aber genau dadurch ermöglichen sie Perspektivwechsel und Grenzüberschreitungen – und eröffnen neue Horizonte.

01
Alle unter einem Dach

Unsere Reise startete im rumänischen Banat und seiner Regionalhauptstadt Timișoara/Temeswar, ging (nord-)ostwärts durch Siebenbürgen in die Bukowina, wo wir über die Grenze in die Westukraine nach Чернівці/Czernowitz fuhren, bevor sie in der moldauischen Stadt Iași/Jassy in Nordrumänien endete.

Im Folgenden hören Sie Stimmen, die das Zusammenleben der Kulturen zur Sprache bringen. Einen besonderen Stellenwert nimmt die gelebte Mehrsprachigkeit ein. Auch die Unterschiede zwischen den deutschen Mundarten spielen eine Rolle. Spürbar ist die Vertrautheit der Befragten mit der Vielstimmigkeit ihrer Regionen. Sie beurteilen das Miteinander weitgehend positiv. 

02
Grundrisse der Anderen

Unsere Gesprächspartner*innen ziehen klare Unterscheidungslinien zwischen sich und anderen sozialen und kulturellen Gruppen. Besonders stark fielen uns in einem Gespräch die Vorurteile und der Rassismus gegenüber Roma auf. Aber auch die historisch gewachsenen Differenzen etwa zwischen Ungarn, Deutschen und Rumänen werden in Anekdoten und Witzen verhandelt. Örtliche und regionale Eigenheiten unterscheiden die Befragten sehr genau. Sind Abgrenzungen notwendig, um in einer vielfältigen Umgebung die eigene Identität zu leben und zu gestalten?

Im folgenden Feature hören Sie unsere Interviewpartner*innen, ergänzt um eigene Feldforschungseindrücke, Einordnungen und Reflexionen.

03
Trümmer, Träume, Traumata


Das 20. Jahrhundert hat Südosteuropa verwandelt: 
Die Monarchien der Häuser Habsburg und Romanow zerfielen. Kleinteilige Nationalstaaten entstanden, die im Zweiten Weltkrieg mit- und gegeneinander Krieg führten. Die jüdische Bevölkerung durchlitt die Shoah. Wer überlebt hatte, verließ in den allermeisten Fällen sein Zuhause.
Die Traumalinien deutscher Bevölkerungsgruppen in Rumänien ziehen sich von der selbst gewählten Instrumentalisierung im Nationalsozialismus über Deportationen in sowjetische Gebiete, der Zwangsumsiedlung innerhalb des Landes bis zum Ausverkauf und schließlich zur Auswanderung aus angestammten Heimaten. Vertrieben wurden sie – im Gegensatz zu anderen Deutschen Ost- und Mitteleuropas – nach 1945 nicht.

Hören Sie auch hier ein Feature.

04
Hinter verschlossenen Türen

Während der Zeit des kommunistischen Regimes kontrollierte der staatliche Geheimdienst Securitate das Leben der rumänischen Bürger*innen intensiv. Welche Mechanismen des Schweigens, Überwachens und Zensierens prägten die Menschen? Auch Angehörige der Minderheiten waren nicht ausgenommen, sondern wurden aktiv zur Mitarbeit angeworben.

Der Ansicht von Gesprächspartner*innen, niemand sei systemtreu gewesen, steht das umfassend funktionierende Netz an Spitzeln entgegen. Welchen Maßnahmen waren die Bürger*innen, auch in der Ukraine, ausgesetzt? Wie konnte man sich - auch mit Wort und Witz - wehren? Wer zensierte, wer schrieb geheime Berichte, und wer schwieg?

05
Neue Hausherren nach 1989

Schon in den 1970er Jahren begann der damalige rumänische Staatspräsident Nicolae Ceaușescu auswanderungswillige Angehörige der deutschen Minderheit gegen ein “Kopfgeld” seitens der Bundesrepublik ziehen zu lassen. In den Monaten nach der Revolution 1989 verließ dann ein großer Teil der deutschsprachigen Gemeinschaften Rumänien. Allein 1990 siedelten rund 110.000 Menschen über in die Bundesrepublik
Die Befragten skizzieren die Stimmung in den Monaten des politischen Wandels. Sie erzählen davon, wer nun die Häuser bewohnt und die deutschen Schulen besucht; und wie sie sich heute - unter den veränderten Umständen - fühlen, ob gegangen oder geblieben. 

06
Verwohnte Ruinen

Nicht alles lässt sich aufrechterhalten, nicht jedes Gebäude und jede (einst) gelebte Kultur am Leben erhalten. Unsere Interviewpartner*innen berichten von verwaisten Häusern und Höfen, aufgelassenen Gräbern, verödeten Feldern, verwilderten Gärten und verlassenen Gemeinden. Sie sind unterschiedlicher Meinung, ob der Erhalt als Kulturerbe begrüßenswert ist oder ein hilfloses Unterfangen. Und ob die junge Generation noch erreicht wird oder nicht.

07
Wegweiser Teamethnographie

Ethnografie ist eine verkörperte empirische Methode. Die klassische Feldforschung erlaubt es den Forscher*innen für längere Zeiträume in gesellschaftliche Zusammenhänge einzutauchen. Alltagserfahrung und Außergewöhnliches können so systematisch beobachtet und beschrieben werden.  Dabei werden scheinbar anekdotische Momente durch hermeneutische Verfahren vergleichbar gemacht. 
Teamethnografische Zugänge erlauben es, sich gemeinsam in kulturelle Realitäten zu vertiefen und darüber auszutauschen - zeitgleich nach ähnlichen Mustern Ausschau zu halten. Viele Augen sehen einfach mehr. Besonders in kürzerer Zeit.