Sozialdisziplinierung und Widerstand
Die Zweite Reformation in Hessen-Kassel 1605
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Die drei Verbesserungspunkte von 1605
Nach dem Tod von Landgraf Philipp 1567 vereinbarten die vier Söhne aus erster Ehe, dass sein Land geteilt wurde, einige Institutionen aber in gemeinsamer Zuständigkeit blieben. Dazu gehörte die protestantische Landeskirche, die sich durch Synoden selbst leitete. 1582 trat das Gremium letztmals zusammen. Ein Konsens war danach nicht mehr möglich, weil sich die nun noch drei Landgrafschaften theologisch auseinander entwickelten.
Der Konflikt spitzte sich zu, als 1604 eine weitere Linie des Fürstenhauses erlosch. Ludwig IV. von Hessen-Marburg war Lutheraner und verfügte testamentarisch den Erhalt dieser Konfession in seinem oberhessischen Territorium, das zwischen den verbleibenden Linien geteilt werden sollte. Für Hessen-Darmstadt, das den Südteil von Oberhessen erhielt, entsprach das dem eigenen Bekenntnis. In Hessen-Kassel, das den Nordteil mit der Residenz- und Universitätsstadt Marburg übernahm, war die Lage schwieriger.
Der Landadel vor allem an der Werra und die Herrschaft Schmalkalden waren ebenfalls lutherisch geprägt. Im niederhessischen Kernland dagegen vertraten viele Pfarrer und Gemeinden die theologische Linie des Kasseler Fürstenhauses, die sich zum reformierten Bekenntnis entwickelte.
Als sich diese Mischlage durch die Übernahme des Marburger Erbes zugunsten der Lutheraner verschob, versuchte Landgraf Moritz von Hessen-Kassel, die konfessionellen Verhältnisse in seinem Territorium zu vereinheitlichen. Dazu erließ er 1605 drei sogenannte Verbesserungspunkte:
- Wer über Jesus sprach, sollte sich an den konkreten Wortlaut der Bibel halten, dem zufolge sein verklärter Körper in den Himmel gefahren war. Die lutherische Lehre von der leiblichen Allgegenwart Jesu in der Welt ließ sich danach nur abstrakt ableiten und sollte unterbleiben.
- Der biblische Wortlaut galt auch für die Zehn Gebote, aus denen Martin Luther das Bilderverbot entfernt hatte. Daher waren Bildwerke in Kirchen nun unzulässig.
- Auch für das Abendmahl war davon auszugehen, dass Jesus nicht leiblich, sondern nur geistlich anwesend ist. Um das zu zeigen, sollte statt der Hostien alltägliches Brot gereicht, gebrochen und den Gläubigen in die Hände gegeben werden.
Diese Vorschriften verletzten die Ansichten, Gefühle und Gebräuche der lutherischen Gläubigen so stark, dass es zu erheblichem Widerstand kam.
Neuer Abendmahlsritus
Die Freiheiter Gemeinde zu Kassel führte in ihrer größten Kirche der Stadt zu Pfingsten 1605 das Brotbrechen zum Abendmahl ein, verbunden mit der Konfirmation. So wurden die Jugendlichen als nächste Generation der Gemeinde mit dem neuen Ritus vertraut gemacht.
Neue Lieder
Der selbst komponierende und musizierende Landgraf Moritz setzte auch auf die Musik, um reformierte Sichtweisen gleichmäßig zu verbreiten. Dazu diente das Gesangbuch von Ambrosius Lobwasser, der nach 1550 den Genfer Psalter in eine schwerfällige deutsche Form gebracht hatte. Es musste auch von Gemeinden angeschafft werden, die bislang vermutlich vor allem die einprägsameren Lieder von Martin Luther und seinem Umkreis kannten.
Gesungen wurde meist aus dem Gedächtnis und ohne Instrument, denn Orgeln gab es nur in Stadt- und wenigen Dorfkirchen, und private Gesangbücher kamen erst im 18. Jahrhundert auf. So reichte in vielen Gemeinden ein Exemplar für den Vorsänger, meist ein Vertreter der „niederen Kirchendienste“ Schulmeister (Lehrer) und Opfermann (Kastenmeister).
Die Zuständigkeit der Lehrer für die Kirchenmusik, später dann als Organisten, blieb bis zum Ende der kirchlichen Schulaufsicht nach dem Ersten Weltkrieg erhalten.
Neuer Katechismus
Der heftige lutherische Widerstand gegen die Verbesserungspunkte und die harte Reaktion des Landgrafen prägen das negative Bild dieser Reform und lassen vergessen, dass sie durchaus versöhnende Ansätze hatte. So wurde das wichtigste lutherische Unterrichtsbuch, der Kleine Katechismus von 1529, nicht verdrängt, sondern angepasst. Als „Kasseler Katechismus“ enthielt er nun die Zehn Gebote nach biblischem Wortlaut, einschließlich des Bilderverbots, das Martin Luther aus Sorge vor Unruhen gestrichen hatte.
Neue liturgische Orte
Für lutherische Gläubige zeigte sich die leibliche Gegenwart Jesu in der Welt auch durch die Orte, an denen er in den beiden Sakramenten erfahrbar war. Altäre für die Abendmahlsfeier und Taufsteine oder Becken waren daher Hindernisse für die Reform des Landgrafen Moritz.
Gemäß ihrem grundsätzlich versöhnenden Charakter erlaubte sie zwar das Beibehalten von je einem Steinaltar pro Kirche, bei Gelegenheit wurde er aber durch einen Holztisch für beide Sakramente ersetzt. Zum Vollzug der Taufe wurde eine Schale auf ihn gestellt.
Verhüllte Altäre
Wenn ein Steinaltar in der Kirche blieb, verschwand er unter einem schwarzen Wolltuch. Damit wurde er einerseits optisch zurückgenommen, andererseits in ein Raumkonzept eingebunden, das dem vereinheitlichenden Charakter der Verbesserungspunkte entsprach.
Übermalte Wandbilder
Der zweite Verbesserungspunkt sah vor, dass die Zehn Gebote samt Bilderverbot zu lehren waren und daher „die noch vom Babsthumb uberbliebene bilder abgethan“ werden sollten.
Wenn es sich dabei im Wandbilder handelte, wurden sie spätestens beim nächsten Innenanstrich der Kirche übertüncht. Zahlreiche mittelalterliche Fresken fanden sich in den letzten Jahrzehnten unter den späteren Farbschichten, die sie eher konserviert als zerstört haben.
Zerstörte Skulpturen
Endgültiger war dagegen das reformierte Vorgehen gegen dreidimensionale Werke. Kruzifixe und Altaraufsätze wurden entfernt. Im oberhessischen Langenstein ließ der Pfarrer eine Heiligenfigur offenbar auf dem Kirchhof begraben. Andere Skulpturen blieben zwar an ihrem Ort, wurden aber verstümmelt. Sie verloren Köpfe und Hände und damit die Körperteile, die sie als Menschen erscheinen ließen und damit aus biblischer Sicht als Gottes Ebenbild.
Entwidmete Taufsteine
Wie bei Skulpturen zeigte auch bei Taufsteinen ein veränderter Verbleib am Ort deutlicher als das völlige Verschwinden den Bruch mit der kirchlichen Tradition. Für die Taufe im Auftrag des allein geistlich anwesenden Jesus schien eine bewegliche Schüssel angemessener als ein fest installierter Stein. Als deutliches Bekenntnis dazu wurden die alten Becken vor die Kirchentür gestellt...
Widerstand - entlassene Pfarrer
Der Versuch, ein einheitliches Bekenntnis herbeizuführen, traf auf eine vielfältige Situation in Gemeinden und Pfarrerschaft. Im Idealfall für den Landgrafen stimmten die Gläubigen samt ihrem Geistlichen den Verbesserungspunkten zu. Während dies im schon länger reformiert beeinflussten Niederhessen offenbar häufig vorkam, war es in bislang lutherisch geprägten Gebieten eher die Ausnahme.
Weite Teile der oberhessischen Pfarrerschaft verweigerte die Annahme der Verbesserungspunkte, in zwei Fällen gegen die Kompromissbereitschaft ihrer Gemeinden, ansonsten offenbar im Einklang mit ihnen. Ähnlich war die Situation in der Herrschaft Schmalkalden. Patronatsherren aus dem Landadel waren oft Lutheraner, vor allem an der Werra. Sie stärkten ihre Pfarrer im Widerstand gegen die Verbesserungspunkte oder drängten sie dazu.
Der Landgraf reagierte zunächst mit dem Angebot von Gesprächen, die aber nicht ergebnisoffen waren. Die Pfarrer und Marburger Professoren, die sich weiterhin den Verbesserungspunkten verweigerten, wurden entlassen. Viele von ihnen fanden neue Stellen in lutherischen Territorien, auch in Hessen-Darmstadt.
Boykott von Abendmahl und Konfirmation
Der Widerstand von Gemeinden gegen die Verbesserungspunkte war vermutlich größer als sein Niederschlag in erhaltenen Schriftquellen. Vielfach ist er nur durch kurze Vermerke zu erschließen, etwa zum Kauf von Abendmahlsbrot, das durch das Fernbleiben der Gläubigen nicht verbraucht wurde.
Forderung nach Rückkehr zum gewohnten Ritus
Die veränderte Feier des Abendmahls war für viele Lutheraner der Verbesserungspunkt, den sie am wenigsten hinnehmen konnten. Nach ihrem Verständnis wurde damit nicht nur in Gewohnheiten, sondern in heilige Vorgänge eingegriffen. Die dadurch empfundene Gefahr für das Seelenheil erklärt vielleicht, dass einfach Leute den Mut zu zivilem Ungehorsam fanden. Die Gemeinde Ellershausen verlangte von ihrem Pfarrer die Rückkehr zur bisherigen Form des Abendmahls und drohte, ihm widrigenfalls den Dienst aufzukündigen, womit sie sich ein Recht anmaßte, das dem Landgrafen als Patron der Pfarrei zustand.
Zorn gegen Vertreter der neuen Lehre
Die Verbesserungspunkte griffen in die Schicksale von Gegnern wie Befürwortern ein. Der aus Schmalkalden stammende und dort tätige Schulmeister und Pfarrer Kilian Semler gehörte zu den Anhängern. So belegte er die lutherische Ansicht vom leiblich allgegenwärtigen Jesus mit ihrem verbreiteten Spottnamen Ubiquitätslehre („dogma ubiquisticum“). Seine Entschiedenheit zeigte er im Verstümmeln eines kirchlichen Bildwerkes, das die Gemeinde vor seinem Amtsantritt versteckt hatte. Dass er daher als Calvinist beschimpft wurde, war gefährlicher als es sich anhört. Calvinisten standen bis 1648 nicht unter dem Schutz des Augsburger Religionsfriedens von 1555, gehörten also zu keiner anerkannten Glaubensgemeinschaft.
Nach mehrfachem Stellenwechsel infolge seiner Ansichten wurde Semler 1609 Pfarrer von Fambach, wo er nur zwei Jahre später starb und in der Kirche bestattet wurde.
Lutherische und reformierte Konfession im 19. Jahrhundert
Mit dem Westfälischen Frieden von 1648 erhielt Hessen-Kassel seine lutherisch geprägten Landesteile zurück. Sie waren zwischenzeitlich von Hessen-Darmstadt vereinnahmt worden, das die Verbesserungspunkte kassiert und das Luthertum wiederhergestellt hatte.
Daran war nun nichts mehr zu ändern, doch es stand den Kasseler Landgrafen frei, reformierte Gemeinden neben den lutherischen zu gründen, etwa durch das Entsenden von Beamten dieser Konfession nach Oberhessen.
Die seit 1527 bestehende Landesuniversität Marburg war nach mehrjährigem Stillstand 1653 als reformierte Hochschule nur noch für Hessen-Kassel neu eröffnet worden, mitten in einer Stadt, die sich als lutherische Hochburg verstand.
Erst im 19. Jahrhundert wurden die konfessionellen Grenzen überschritten. 1822 öffnete sich die Marburger Universität auch lutherischen Gelehrten. Die beiden Konfessionsgemeinden der Stadt mit der reformierten Universitätskirche und der lutherischen Pfarrkirche bestanden fort. Erst 1946 schlossen sie sich zu einer evangelischen Kirchengemeinde zusammen.
"Dritte Reformation" - Die Hanauer Union 1818
Das gemeinsame Gedenken an den Thesenanschlag vor 300 Jahren brachte Lutheraner und Reformierte 1817 näher zusammen. Die Stimmen nach einer geeinten evangelischen Konfession wurden lauten und führten in zahlreichen deutschen Staaten zu Unionen, etwa im Großherzogtum Baden 1821. In Hessen-Kassel, das 1803 zum Kurfürstentum aufgestiegen war, gelang das nur für ein Teilgebiet.
Die Grafschaft Hanau-Münzenberg, die seit 1736 von Kassel aus beherrscht wurde, war zuvor durch konfessionsverschiedene Linien der Hanauer Grafen geprägt worden. So gab es an besonders vielen Orten lutherische und reformierte Gemeinden nebeneinander, mit jeweils eigenen Kirchen und zeitweise zwei kirchlichen Behörden (Konsistorien).
Die Synode zu Hanau beschloss 1818 die Vereinigung zu einer einzigen Kirche. Kurfürst Wilhelm I. bestätigte die von der Synode beschlossene Union ("Verordnung vom 4ten Juli 1818, die Vereinigung der beiden evangelischen Glaubensparteien betreffend").
Der Streit des 17. Jahrhunderts etwa um die Gegenwart von Jesus sollte dabei unentschieden bleiben. So wurden das wichtigste Lehrmaterial, Luthers Kleiner Katechismus und der reformierte Heidelberger Katechismus, in einem Buch herausgegeben, was zum Spottnamen „Buchbinderunion“ führte.