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Albrecht Altdorfer

Zeichnungen und Druckgraphik aus dem Berliner Kupferstichkabinett

Kabinett in der Galerie

Die Ausstellungsreihe 

Mit der Reihe „Kabinett in der Galerie“ unterhält das Kupferstichkabinett der Staatlichen Museen zu Berlin seit 2009 einen permanenten Ausstellungsraum in der Gemäldegalerie sowie temporäre Präsentationsflächen in der Neuen und in der Alten Nationalgalerie der Staatlichen Museen zu Berlin.

Im zyklischen Wechsel werden Sammlungsbestände des Hauses vorgestellt und in aktuelle Kontexte gesetzt. Das können ebenso Fragen der Zeit sein wie parallel stattfindende Ausstellungsaktivitäten der gastgebenden Häuser. Damit eröffnet die Reihe neben der schaufensterartigen Ausbreitung der reichen Bestände des Kupferstichkabinetts im Rundgang der Häuser willkommene Möglichkeiten zur Zusammenschau unterschiedlicher Medien und zur vertieften Auseinandersetzung mit künstlerischen Prozessen. Verfolgt und vorgestellt werden können darüber hinaus Verbreitungsaspekte der Bildenden Kunst und anderer visueller Mitteilungen bis hin zu medialen zeit- und kulturpolitischen Auseinandersetzungen und zu religiösen Botschaften.

In Zusammenarbeit mit dem Institut für Museumsforschung und der Deutschen Digitalen Bibliothek werden die bislang weitgehend unpublizierten Präsentationen der Reihe nach und nach im Rahmen der Online-Ausstellungen im DDBstudio einem  überregionalen Interessentenkreis zugänglich gemacht und ihrer materialbedingten Kurzlebigkeit entzogen.

Die Ausstellung "Albrecht Altdorfer (um 1480-1538). Zeichnungen und Druckgraphik aus dem Kupferstichkabinett" wurde vom 22. November 2011 bis zum 19. Februar 2012 im Kabinett in der Galerie gezeigt.

Einleitung

Albrecht Altdorfer ist einer der herausragenden Künstler der Renaissance in Deutschland. Der Tafelmaler und Miniaturist, Zeichner und Graphiker schuf zahlreiche Hauptwerke der deutschen Kunst im frühen 16. Jahrhundert. Vor allem verbindet man ihn mit der „Erfindung der Landschaft“ in der deutschen Kunst. Sein wohl berühmtestes Werk, die Alexanderschlacht in der Alten Pinakothek in München, malte er für Herzog Wilhelm IV. von Bayern. Zuvor war er aber schon als Kollege und Konkurrent von Albrecht Dürer für Kaiser Maximilian I. tätig gewesen. Er arbeitet an verschiedenen graphischen Großprojekten für Kaiser Maximilian I. mit, darunter der große Triumphzug und die Ehrenpforte.

Darüber hinaus wirkte er als Architekt und Stadtbaumeister sowie als Politiker und Diplomat im Dienst seiner Heimatstadt Regensburg.
In ungemein modernen Landschaftsdarstellungen mit tief liegendem Horizont erweckt er eine ganz spezifische Stimmung von eigenartig bizarren, kalligraphischen Liniengespinsten. Nicht von ungefähr waren Fichten und Weiden die Lieblingsbäume solcher Darstellungen und einer ganzen Maler- und Graphikerschule, die Altdorfer maßgeblich mitgeprägt hat und die unter dem lokalstilistischen Namen „Donauschule“ in die Kunstgeschichte eingegangen ist.
Altdorfers Herkunft ist nicht vollständig geklärt. Um 1480 geboren, wurde er am 13. März 1505 in die Regensburger Bürgerschaft aufgenommen. Hier wirkte er mit großem Erfolg. 1517 wurde er in den äußeren Stadtrat aufgenommen, 1526 in den inneren Rat. Damals erhielt er auch das Amt des Stadtbaumeisters. Sein wirtschaftlicher Erfolg spiegelte sich im Erwerb mehrerer Häuser. 1528 wurde ihm sogar das Bürgermeisteramt angetragen, das er allerdings ausschlug, um ein Bild für Herzog Wilhelm V. von Bayern zu vollenden. Dabei handelte es sich vermutlich um die sog. Alexanderschlacht. Er starb am 12. Februar 1538.
Simson bezwingt den Löwen; Feder in Schwarz, weiß gehöht, auf braun grundiertem Papier

Simson bezwingt den Löwen
(1. Version)

Albrecht Altdorfer (um 1480–1538)
Simson bezwingt den Löwen, um 1512
Feder in Schwarz, weiß gehöht, auf braun grundiertem Papier
Kupferstichkabinett, Staatliche Museen zu Berlin, KdZ 86

Ab ca. 1506 zeichnete Albrecht Altdorfer konsequent auf farbig grundierte Papiere. Der Farbton bestimmte dabei eine mittlere Helligkeit, die Abdunkelungen durch Tusch- oder Tintenauftrag und Aufhellungen durch Weißhöhungen erlaubte und gewissermaßen auch erforderte. Solche Zeichnungen wurden oft als selbständige Kunstwerke und in mehrfacher Ausführung gefertigt. So hat sich zu diesem Blatt ein fast identisches Gegenstück erhalten (KdZ 87). Die beiden Blätter zeigen auch, wie nah sich die zwei Versionen zeichentechnisch und qualitativ sein können. Es ist nicht einfach, Vorlage und Replik voneinander zu unterscheiden.

Simson (bzw. Herkules) bezwingt den Löwen (2. Version)

Albrecht Altdorfer (um 1480–1538) (Werkstatt ?)
Simson (bzw. Herkules) bezwingt den Löwen, um 1512
Feder in Braun, weiß gehöht, auf braun grundiertem Papier
Kupferstichkabinett, Staatliche Museen zu Berlin, KdZ 87

Diese Zeichnung wurde im Atelier Altdorfers auf denselben Bogen gezeichnet, wie das andere Blatt gleichen Themas (KdZ 86). Man erkennt dies am Verlauf der Pinselzüge der Papiergrundierung und an der gleichförmigen Verschmutzung der Rückseiten beider Blätter. Beide Versionen entstanden also in direkter Folge. Diese Fassung gilt als Zweit­version. Bei ihrer Ausführung verwandelte der Zeichner das Attribut Simsons, den Eselskinnbacken am Gürtel, gegen eine Löwenpranke. Damit bekam die Rückenfigur ein neues Attribut und verwandelte sich unversehens in einen klassisch-antiken Herkules. Gedacht waren beide Blätter möglicherweise als preiswerte Verkaufs­zeichnungen.

Simson (bzw. Herkules) bezwingt den Löwen; Feder in Braun, weiß gehöht, auf braun grundiertem Papier

Der heilige Georg tötet den Drachen

Albrecht Altdorfer (um 1480–1538)
Der heilige Georg tötet den Drachen, 1511
Holzschnitt
Kupferstichkabinett, Staatliche Museen zu Berlin, Inv.-Nr. 74-1888

Dieser wahrscheinlich erste großformatige Holzschnitt Altdorfers orientiert sich in der Strichführung deutlich am Lineament von Federzeichnungen. Besonders markant sind die sehr variablen Strichbreiten der Bergkonturen und des dichten Unterholzes im Mittelgrund. Nur bei genauem Hinsehen entdeckt man dort eine kniende Prinzessin. Sie ist der eigentliche Anlass für den monumentalen Kampf im Vordergrund, wo der trutzige Reiter Georg mit geckenhaftem Federschmuck am Helm einen gewaltigen Drachen niederstreckt.

Der heilige Georg tötet den Drachen; Holzschnitt
Verkündigung an Maria; Holzschnitt

Verkündigung an Maria

Albrecht Altdorfer (um 1480–1538)
Verkündigung an Maria, 1513
Holzschnitt
Kupferstichkabinett, Staatliche Museen zu Berlin, Inv.-Nr. 497-4

Mit sehr niedrigem Blickpunkt schauen wir in die dunkle, steinerne Kemenate der Jungfrau Maria. Unter einer spitzbogigen Holzdecke mit dem Monogrammtäfelchen Albrecht Altdorfers sitzt die Jungfrau am Tisch und liest mit gefalteten Händen in einem Buch, das von einer Kerze beleuchtet wird. In diesem Moment betritt der gewaltige Engel des Herrn den Raum. Mit weisend vorgestreckter Hand spricht Gabriel die Verkündigung der Geburt Christi, während die Taube des Heiligen Geistes über dem Kopf der Jungfrau schwebt. Ein sehr niedriger Blickpunkt auf die Szene verleiht der Darstellung trotz ihrer geringen Größe ein Höchstmaß an Monumentalität.

Jael und Sisera

Albrecht Altdorfer (um 1480–1538)
Jael und Sisera, um 1513
Holzschnitt
Kupferstichkabinett, Staatliche Museen zu Berlin, Inv.-Nr. 143-1891

Dargestellt ist ein alttestamentliches Thema. Sisera war der Feldhauptmann des Kanaanitischen Königs Jabin, der die Israeliten zwanzig Jahre lang unterdrückt hatte (Richter 4.2/3). Nach der Niederlage in einer entscheidenden Schlacht entkam Sisera als einziger Überlebender. Er gelangte zum Zelt Jaels, die vorgab, ihn schützen zu wollen. Als er jedoch eingeschlafen war, trieb Jael einen Zeltpflock in seine Schläfe, um ihn zu töten (Richter 4.21).
Altdorfer verlegt die Szene vor die Mauern einer Stadt.
Künstlerisch bot ihm das Thema die Möglichkeit, eine Liegefigur in extremer Verkürzung darzustellen. Sie lässt an oberitalienische Anregungen denken, etwa Andrea Mantegnas Gemälde des toten Christus’ in Mailand.

Jael und Sisera; Holzschnitt

Heiliger Christophorus

Albrecht Altdorfer (um 1480–1538) Heiliger Christophorus, 1513 Holzschnitt und Druckstock Kupferstichkabinett, Staatliche Museen zu Berlin, Inv.-Nr. 376-4

Nach dem Bericht der Legenda Aurea wollte der Riese Christophorus nur dem Stärksten und Mächtigsten dienen. Ein Eremit gab ihm den Rat, einen Fährdienst am Ufer eines Flusses zu übernehmen. Dort würde er seinen Meister finden. Ein Kind kam und bat um die Überfuhr. Entgegen der Erwartung trug Christophorus schwer an der Bürde. Er drohte, im Fluss unterzugehen. Da offenbarte sich ihm das Kind als der Träger der Welten Last und taufte den Riesen. Altdorfer wählt genau diesen Moment für seine spannungsreiche Darstellung. Christophorus kauert zusammengekrümmt im Flussbett, während das Kind auf seinem Rücken den Segensspruch mit eindrücklichen Handgesten unterstreicht.
Heiliger Christophorus; Holzschnitt

Die Heilige Familie am Brunnen

Albrecht Altdorfer (um 1480–1538) Die Heilige Familie am Brunnen, um 1512–1515 Holzschnitt Kupferstichkabinett, Staatliche Museen zu Berlin, Inv.-Nr. 499-4

Eng eingefasst in eine Kapelle mit Spitzbögen und antiken Kapitellen bestimmt ein gewaltiger Zierbrunnen mit Renaissancedekoration das Bild. Gerade trifft die heilige Familie ein. Der alte Ziehvater Joseph nimmt die letzte Stufe zum Brunnenhaus im Stile einer Taufkapelle. Derweil hebt die vorausgeeilte Maria – im Gewand der „Schönen Maria von Regensburg“ – bereits das Christuskind auf den Rand der unteren Brunnenschale. Ein Engel schaut ihr dabei zu. Zwei andere waschen auf der anderen Seite ihre Hände. Die antikisierende Gestaltung und Dekoration des Brunnens mit gebuckelter Schale basiert auf Anregungen oberitalienischer Kupferstiche aus dem Umkreis Andrea Mantegnas.
Die Heilige Familie am Brunnen; Holzschnitt

Enthauptung Johannes des Täufers

Albrecht Altdorfer (um 1480–1538)
Enthauptung Johannes des Täufers, 1517
Holzschnitt
Kupferstichkabinett, Staatliche Museen zu Berlin, Inv.-Nr. 88-1889

Wohl inspiriert von Kompositionsideen des Südtiroler Malers Michael Pacher im Altarretabel von St. Wolfgang entwirft Altdorfer hier die imposante Schilderung eines schaurigen Ereignisses: Im ruinösen Vorhof eines Renaissancepalastes vollzog sich soeben die Hinrichtung Johannes des Täufers. Lang hingestreckt liegt der Enthauptete am Boden, während sein Henker das Haupt an den Haaren greift und in die Schüssel der Salome legt. Sorgsam aufgereiht beobachtet eine Gruppe gaffender Edelleute das Geschehen in erschreckter Spannung. Ihre gebeugten Körper nehmen den Schwung einer von Sträuchern bewachsenen Bogenruine hinter ihnen auf.

Enthauptung Johannes des Täufers; Holzschnitt
Die Heilige Sippe; Holzschnitt

Die Heilige Sippe

Albrecht Altdorfer (um 1480–1538)
Die Heilige Sippe, nach 1520
Holzschnitt
Kupferstichkabinett, Staatliche Museen zu Berlin, Inv.-Nr. 144-1891

In einer luftigen, hell erleuchteten Halle mit Kassettengewölbe, Blendarkaden und einer von Säulen und Pilastern gegliederten Rückwand sitzen sechs Personen um einen Tisch. Maria sichert die ersten Gehversuche Christi und führt das von seinem Kissen aufgestandene Kind zu Anna herüber. Joseph links und die drei Gatten Annas – Joachim, Kleophas und Salomas – beobachten das Geschehen interessiert. Vom Gebälk der geöffneten Rückwand herab singen drei Engel als himmlischer Chor aus einem Buch. Durch die Öffnung ist eine nordalpine Gebirgslandschaft zu sehen.

Hl. Hieronymus an der Mauer

Albrecht Altdorfer (um 1480–1538)
Hl. Hieronymus an der Mauer, um 1512–1515
Kupferstich
Kupferstichkabinett, Staatliche Museen zu Berlin, Inv.-Nr. 276-4

Mit Buch und Kruzifix in der einen Hand, in der anderen einen Stein haltend, schreitet der asketisch-hagere und langbärtige Hieronymus in Begleitung eines struppigen Löwen gebückt auf einem unwegsamen Pfad an einer Mauer entlang. Die Mauer zieht sich im Bogen bis fast an den linken Bildrand und lässt nur einen Blick auf eine Kirche mit einem romanischen Gewändeportal im Hintergrund frei.

Das wie nasses Tuch eng am Körper anliegende Gewand und die schlanken Proportionen des Heiligen deuten auf oberitalienische Anregungen für diesen ungewöhnlichen Hieronymustyp hin.

Hl. Hieronymus an der Mauer; Kupferstich

Ruhe auf der Flucht nach Ägypten

Albrecht Altdorfer (um 1480–1538)
Ruhe auf der Flucht nach Ägypten, um 1515–1519
Kupferstich
Kupferstichkabinett, Staatliche Museen zu Berlin, Inv.-Nr. 290-4

In schlankem Hochformat zeigt der Stich im Vordergrund den großen, leicht gebeugten Joseph mit einem Wanderstock und Maria, die mit dem Kind auf dem Schoß auf einer Rasenbank ruht.
Trotz der weit in den Vordergrund gerückten Figurengruppe stehen die heiligen Personen in engem Kontakt mit der weiten Landschaft. Ein aufragender Baum überhöht die Standfigur des Joseph, eine von dem massigen Turm bestimmte feste Burg hinter Maria wird sogar noch von dem ebenfalls auf die Sitzende bezogenen Gebirgsmassiv hinterfangen. Ruhe ist somit nicht allein ikonographisches Thema, sie wird von der Landschaft aufgenommen und in ihrer Bedeutung gesteigert.

Die Ruhe auf der Flucht nach Ägypten; Kupferstich

Die große Kreuzigung

Albrecht Altdorfer (um 1480–1538)
Die große Kreuzigung, um 1515-1517
Kupferstich
Kupferstichkabinett, Staatliche Museen zu Berlin, Inv.-Nr. 293-4

Dieses Hauptwerk des deutschen Kupferstichs der Dürerzeit zeigt Altdorfer im Vollbesitz der graphischen Möglichkeiten dieser Drucktechnik. Souverän nutzt er die Technik zur eindringlichen Schilderung der Kreuzigung Christi vor dunklem Himmel. Mit hell strahlendem Nimbus hängt Christus an einem hohen Kreuz vor dunklem Himmel. Derweil sorgen sich die Angehörigen und Freunde um die im Schmerz zusammengesunkene Maria, die – von Johannes gestützt – kraftlos zu ihrem gekreuzigten Sohn hinaufblickt. Hinter der traurigen Szene erstreckt sich ein überaus delikat geschilderter weiter Landschaftsraum durchaus (nord-) alpinen Charakters, der links von einer Felsenstadt und rechts von einer Burganlage vor hoch aufragendem Gebirge geprägt wird.

Die große Kreuzigung; Kupferstich

Maria mit dem segnenden Kind in einer Landschaft

Albrecht Altdorfer (um 1480–1538)
Maria mit dem segnenden Kind in einer Landschaft, um 1515
Kupferstich
Kupferstichkabinett, Staatliche Museen zu Berlin, Inv.-Nr. 278-4

Dieser größte Kupferstich Altdorfers verbindet gleichermaßen deutsche und italienische Bildideen zu einer neuen Komposition. Von einem Kupferstich Dürers inspiriert, sitzt Maria auf einem leicht ansteigenden, baumbewachsenen Hügel. Altdorfer gibt seine Figuren in deutlicher Untersicht wieder und lässt sie so in einen engeren Kontakt zu dem ausdrucksstarken Himmel treten. Die charakteristische Form der metallisch wirkenden Scheibennimben von Mutter und Kind verbindet sich mit italienischen Vorbildern, z. B. einem Blatt des Giovanni Antonio da Brescia. Auch die vorwiegend parallel geführten Schraffuren Altdorfers orientieren sich eher an italienischen als an deutschen Drucktechniken.

Maria mit dem segnenden Kind in einer Landschaft; Kupferstich

Landschaft mit zwei Fichten

Albrecht Altdorfer (um 1480–1538)
Landschaft mit zwei Fichten, um 1517–1520
Radierung
Kupferstichkabinett, Staatliche Museen zu Berlin, Inv.-Nr. 327-4

Aus zahlreichen Gründen wird Altdorfer als einer der Entdecker der Landschaft in der deutschen Kunst gewürdigt. Seine Landschaftsradierungen sorgten bereits früh für eine weite Verbreitung seiner Kompositionen und Gestaltungsweisen und sicherten ihm so einen erheblichen Einfluss auf andere Künstler seiner Generation und weit darüber hinaus.

Landschaft mit zwei Fichten; Radierung

Landschaft mit Felswand

Albrecht Altdorfer (um 1480–1538) Landschaft mit Felswand, um 1517–1519 Radierung Kupferstichkabinett, Staatliche Museen zu Berlin, Inv.-Nr. 293-1923

Im Stile einer Reportagezeichnung, die von einem zufällig gewählten Standpunkt aus angefertigt wurde, zeigt Altdorfer hier gleich zwei beeindruckende Landschaftsmotive. In der rechten Blatthälfte schildert er die bizarr zugewachsene Flora eines lange verwilderten Felsabbruchs. Die andere Seite bestimmt hingegen ein weiter Landschaftsprospekt mit imposanten Gehöften oder einer Siedlung und einem mehrfach gestaffelten Gebirge. Dabei nutzt Altdorfer die relativ ungebundene Zeichentechnik der Radierung zur Erzeugung flirrend-zittriger Konturlinien, die dem Blatt bei aller sorgsamen Konstruktion den Eindruck hoher Spontaneität verleihen.
Landschaft mit Felswand; Radierung

Die große Fichte

Albrecht Altdorfer (um 1480–1538) Die große Fichte, um 1517–1520 Radierung Kupferstichkabinett, Staatliche Museen zu Berlin
Inv.-Nr. 131-1929

Wie in der wohl etwas später entstandenen Farbzeichnung der großen Fichte, bestimmt auch auf dieser Radierung Altdorfers der Bildausschnitt eines kolossalen Fichtenpaares den Eindruck. Als Repous­soir­figur leiten die Baumstämme den Blick auf eine Gebirgslandschaft mit mehreren Siedlungen, Höfen, Kirchen und einer imposanten Burg- bzw. Schlossanlage auf halber Höhe. Von erstaunlicher Subtilität ist dabei die hell beleuchtete Oberfläche des von schräg einfallendem Streiflicht beleuchteten vorderen Baumstammes vor dem tief verschatteten hinteren Stamm.
Die große Fichte; Radierung

Landschaft mit Fichte

Albrecht Altdorfer (um 1480–1538) Landschaft mit Fichte, um 1522 Feder in Braun, Aquarell und Deckfarben, wenig Weißhöhung Kupferstichkabinett, Staatliche Museen zu Berlin, KdZ 11651

Das Blatt prägt unsere Vorstellungen vom idyllischen Leben in der Natur. In der Nähe einer kleinen Siedlung vor einer Bergkulisse hat sich ein Holzfäller am Fuße einer riesigen Fichte niedergelassen. Das Beil zur Seite gelegt und einen Wasserkrug vor sich, scheint er zu essen, das Messer schnittbereit in der Linken. Die mehrschichtig mit Tusche, Aquarell- und Deckfarben sowie feinliniger Weißhöhung angelegte Zeichnung verwandelt das Bild in eine flirrende Erscheinung. Diese wird durch die imposante Lichtstimmung des leicht bewölkten Himmels über dem hellen Horizont in ihrer stimmungsvollen Naturromantik noch verstärkt.
Landschaft mit Fichte; Feder in Braun, Aquarell und Deckfarben, wenig Weißhöhung

Kircheninneres

Albrecht Altdorfer (um 1480–1538) Kircheninneres, vor 1520 Feder in Schwarz, grau laviert Kupferstichkabinett, Staatliche Museen zu Berlin, KdZ 11920

In dieser Zeichnung finden Altdorfers Interessen als Baumeister und als Maler zusammen. Akribisch genau konstruiert und mit einem Quadratnetz zur Übertragung versehen, entwirft er hier einen beeindruckenden, phantastisch tiefenräumlichen Kirchenraum zur Vorbereitung eines Gemäldes. Dieses Bild, „Die Mariengeburt mit dem Engelsreigen“, befindet sich heute in der Alten Pinakothek in München.
Kircheninneres; Feder in Schwarz, grau laviert

Jüdische Gemeinde und Synagoge in Regensburg

Kurz nach dem Tod Kaiser Maximilians I., der als Schutzherr der Juden Übergriffe auf jüdische Gemeinden im römischen Reich bis zu seinem Lebensende verhindert hatte, ereignete sich in Regensburg ein Pogrom.

Der Stadtrat beschloss die Ausweisung der Juden aus der Stadt und die Schleifung der Synagoge. Als Stadtrat war Altdorfer an den politischen Vorgängen beteiligt. Künstlerisch schuf er am Vorabend der Synagogenzerstörung zwei heute einzigartige Bilddokumente zum jüdischen Leben dieser Epoche. In zwei Radierungen dokumentierte er die Vorhalle und das Innere der Synagoge. Diese Abbildungen sind heute die einzigen Bildzeugnisse mittelalterlicher Synagogen im deutschen Sprachraum.

Vorhalle der Synagoge von Regensburg

Albrecht Altdorfer (um 1480–1538) Vorhalle der Synagoge von Regensburg, 1519 Radierung Kupferstichkabinett, Staatliche Museen zu Berlin, Inv.-Nr. 75-1896

In einem bürokratisch vorbereiteten Prozess vollzog sich im Regensburg des Jahres 1519 ein Judenpogrom. Kurz nach dem Tod Kaiser Maximilians, der die jüdischen Gemeinden im Reich geschützt hatte, wurde die jüdische Gemeinde per Ratsdekret zum Verlassen der Stadt aufgefordert. Die Synagoge wurde niedergelegt und sehr rasch durch den Notbau zur Wallfahrt der „Schönen Maria“ ersetzt, den ein Holzschnitt Michael Ostendorfers zeigt. Am Tag vor dem Abbruch der Synagoge, am hier genannten 21. Februar 1519, schuf Albrecht Altdorfer zwei Radierungen, die das Bild des zerstörten Gotteshauses überliefern.
Vorhalle der Synagoge von Regensburg; Radierung

Innenansicht der Regensburger Synagoge

Albrecht Altdorfer (um 1480–1538) Innenansicht der Regensburger Synagoge, 1519 Radierung Kupferstichkabinett, Staatliche Museen zu Berlin, Inv.-Nr. 330-4

Mit dokumentarischer Sorgfalt hielt Altdorfer einen Tag vor dem Abriss der Regensburger Synagoge das Raumgefüge und auch die mystische Atmosphäre des Gebäudes fest. Er schuf damit eine einzigartige Bildquelle für Architektur und Ausstattung eines mittelalterlichen jüdischen Kultraums in Deutschland. Als Ratsmitglied hatte er die Zerstörung der Synagoge mitzuverantworten. Altdorfer gehörte einer Delegation an, die den jüdischen Einwohnern ihre Ausweisung in kurzer Frist von fünf Tagen mitteilte. Man sah sich dabei auf gottgefälliger Seite, denn in der Inschrift dieser Radierung heißt es, man handele nach Göttlichem Ratschluss.
Innenansicht der Regensburger Synagoge; Radierung

Albrecht Altdorfer und die „Schöne Maria“ von Regensburg

An Stelle der niedergelegten Synagoge wollte man zunächst eine Kapelle errichten. Ein Wunder aber, das der örtliche Klerus sogleich als solches bestätigte, sorgte für eine Planänderung. Ein Bauarbeiter soll beim Abriss der Synagoge beinahe tödlich verunglückt sein. Durch die unverzügliche Anbetung einer byzantinischen Ikone aber, der sog. „Schönen Maria“ von Regensburg, genas der Verunglückte sofort. Um dieses Wunder angemessen zu würdigen, übertrug man die Ikone zum Ort des Wunders. Man errichtete eine hölzerne Notkirche, in der das zum anbetungswürdigen Gnadenbild gewordene Gemälde präsentiert wurde. Sehr rasch entwickelte sich eine höchst populäre Wallfahrt zu dem Kultbild. Dieser turbulente Regensburger Wallfahrtskult wurde zu einem Hauptkritikpunkt der aufkommenden Reformation.

Die Wallfahrt zur schönen Maria von Regensburg

Michael Ostendorfer (um 1490–1559) Die Wallfahrt zur schönen Maria von Regensburg, um 1519–1520 Holzschnitt Kupferstichkabinett, Staatliche Museen zu Berlin, Inv.-Nr. AM 192-1990

Dieser großformatige Holzschnitt ist das prominenteste Bildzeugnis für die überbordende Verehrung eines Gnadenbildes in Regensburg, der Ikone der sog. „Schönen Maria“. Nach einem Pogrom des Jahres 1519 wurde über der niedergelegten Regensburger Synagoge sofort eine hölzerne Notkirche errichtet, in der das byzantinische Gnadenbild den herbeiströmenden Massen präsentiert wurde. Vor der Kirche stellte man einen steinernen Bildstock der Muttergottes auf, der bei zahlreichen verzückten Pilgern ebenfalls heftige mystische Wallungen auslöste, wie der Holzschnitt bildhaft zeigt.

Die Bildunterschrift dieses späten Abdrucks nennt irrigerweise das Datum 1516 für die Vorgänge in Regensburg.

Die Wallfahrt zur schönen Maria von Regensburg; Holzschnitt

Altdorfer malte die Prozessionsfahne der „Schönen Maria“ von Regensburg, die auf dem großformatigen Holzschnitt von Michael Ostendorfer (Folie #s29) zu sehen ist. Darüber hinaus fertigte er eine ganze Reihe von graphischen Devotionsbildern rund um das Thema, die bei den Pilgern erheblichen Zuspruch fanden. Die Bildpublizistik zur Regensburger „Schönen Maria“ ist damit ein frühes Beispiel für die Nutzung graphischer Medien zur Verbreitung und auch zur Vermarktung wunderwirksamer Heiligenbilder.

Betender Geistlicher vor Maria mit dem Kind

Albrecht Altdorfer (um 1480–1538)Betender Geistlicher vor Maria mit dem Kind, um 1519Holzschnitt
Kupferstichkabinett, Staatliche Museen zu Berlin, Inv.-Nr. 412-7

Dieser Holzschnitt setzt lehrhaft eine tiefe innige Versenkung eines Geistlichen ins Bild. Er stellt damit ein Gegenmodell zu den ekstatischen Auswüchsen vor dem Gnadenbild der Schönen Maria vor, wie sie der Holzschnitt Michael Ostendorfers zeigt.Hier steht die stille Andacht eines geistlichen Beters mit Rosenkranz im Vordergrund. Das Christuskind auf dem Schoß Mariae präsentiert in Voraussicht auf seine Passion einen Kreuzesnagel.Zahlreiche Details deuten auf italienische Anregungen hin, die Altdorfer hier verarbeitet hat, etwa die metallisch wirkenden Scheibennimben und die von der Decke herabhängende Ampel.
Betender Geistlicher vor der Maria; Holzschnitt

Die „Schöne Maria“ von Regensburg

Albrecht Altdorfer (um 1480–1538) Die „Schöne Maria“ von Regensburg, um 1520 Farbholzschnitt Kupferstichkabinett, Staatliche Museen zu Berlin, Inv.-Nr. 378-4

Im Rahmen der Wallfahrtsgründung zur „Schönen Maria“ von Regensburg schuf Albrecht Altdorfer eine ganze Palette unterschiedlich anspruchsvoller Devotionsgraphiken in den Techniken Kupferstich und Holzschnitt. An der Spitze stand dabei sicherlich dieser Farbholzschnitt. In einem besonders aufwendigen Verfahren wurde er in hoher Auflage zunächst von sechs (ein Linien- und fünf Farbstöcke), später nur noch von vier Druckstöcken (ein Linien- und drei Farbstöcke) gedruckt.
Die „Schöne Maria“ von Regensburg"; Farbholzschnitt

Altar der „Schönen Maria von Regensburg“

Albrecht Altdorfer (um 1480–1538) Altar der „Schönen Maria von Regensburg“, um 1520 Holzschnitt Kupferstichkabinett, Staatliche Museen zu Berlin, Inv.-Nr. 498-4

Als Gegenstück zu dem Farbholzschnitt der Regensburger „Schönen Maria“ schuf Altdorfer diesen großen, einfarbigen Holzschnitt. Er zeigt einen italienischen Retabeltyp mit der stehenden ganzfigurigen „Schönen Maria“ im Zentrum und vier weiteren Heiligen in Seitennischen.
Altar der „Schönen Maria von Regensburg“ und vier Heiligen; Holzschnitt

Die „Schöne Maria“ auf der Mondsichel

Albrecht Altdorfer (um 1480–1538) Die „Schöne Maria“ auf der Mondsichel, 1518 Feder und Pinsel in Schwarz und Weiß, auf graugrün grundiertem Papier Kupferstichkabinett, Staatliche Museen zu Berlin, KdZ 11601

Im Jahr vor der Errichtung der Notkirche zur Kanalisierung der Wallfahrt zur Regensburger „Schönen Maria“ schuf Altdorfer bereits 1518 dieses Marienbild. Das Blatt ist Altdorfers letzte bekannte Hell-Dunkel-Zeichnung. Maria zeigt die typischen Attribute der byzantinisch-italienischen Ikone (Umhang mit Kapuze und Fransen an den Ärmeln). Dabei versetzte Altdorfer die Komposition aber in einen ganz neuen strahlenden Zusammenhang einer stehenden Marienfigur westlichen Zuschnitts, die im Typus des „apokalyptischen Weibes“ aus der Offenbarung des Johannes auf einer Mondsichel steht.
Die „Schöne Maria“ auf der Mondsichel; Feder und Pinsel in Schwarz und Weiß, auf graugrün grundiertem Papier

Die „Schöne Maria“ in der Kirche

Albrecht Altdorfer (um 1480–1538)
Die „Schöne Maria“ in der Kirche, um 1519
Holzschnitt
Kupferstichkabinett, Staatliche Museen zu Berlin, Inv.-Nr. 145-1891

Altdorfer hat die Regensburger „Schöne Maria“ in fünf Holzschnitten, mindestens zwei Kupferstichen und einer Zeichnung dargestellt. Dem byzantinischen Bild entsprechend trägt Maria einen Umhang mit fransenbesetzter Goldborte und Sternen an Stirn und Schulter. Der Strenge des eigentlich byzantinischen Bildtyps entrückt, wirkt das Madonnenbild hier jedoch geradezu mädchenhaft und volksnah.

Die „Schöne Maria“ in der Kirche; Holzschnitt

Die „Schöne Maria“ auf dem Thron

Albrecht Altdorfer (um 1480–1538) Die „Schöne Maria“ auf dem Thron, um 1519 Kupferstich Kupferstichkabinett, Staatliche Museen zu Berlin, Inv. Nr. 283-4

Die beiden letzten Kupferstiche der Ausstellung runden Altdorfers breite Palette von Andachtsbildern zur „Schönen Maria“ von Regensburg ab. Sie zeigen das Marienbild ganz befreit von der formalen Strenge einer byzantinischen Ikone. Der Zusammenhang mit dem Regensburger Gnadenbild ergibt sich wiederum durch die Kleidung der sitzenden bzw. thronenden Marienfiguren mit sternbesetztem Kopfschleier.

Das sehr kleinteilige Bild zeigt die in himmlischer Sphäre thronende „Schöne Maria“. Der von Säulen flankierte Thron erinnert an die Rahmungen des großen Holzschnitts der „Schönen Maria“.

Die „Schöne Maria“ auf dem Thron; Kupferstich

Die „Schöne Maria“ in der Landschaft

Albrecht Altdorfer (um 1480–1538)
Die „Schöne Maria“ in der Landschaft, um 1519
Kupferstich
Kupferstichkabinett, Staatliche Museen zu Berlin, Inv. Nr. 282-4

Auch dieses abschließend gezeigte Marienbild verzichtet auf die formale Strenge einer byzantinischen Ikone und zeigt die Muttergottes in liebevoller Zuwendung zum Kind in der Landschaft. Gleichwohl verweist ihre Kleidung mit sternbesetztem Kopfschleier fraglos auf den Zusammenhang mit dem Regensburger Gnadenbild. Das nur 5,7 x 3,5 cm messende Blatt erweckt durch seine enge Einfassung den Anschein eines geradezu monumentalen Marienbildes und weist Albrecht Altdorfer damit einmal mehr als großen Meister der kleinen Form aus.
Die „Schöne Maria“ in der Landschaft; Kupferstich