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von der Schwierigkeit Entscheidungen zu treffen.

Bethel im Nationalsozialismus

Eine virtuelle Ausstellung von

Eine Krise. Eine unerwartete Lage. Eine existenzielle Bedrohung. Entscheidungen sind gefordert.

Herbst 1939: Die Menschen in den v. Bodelschwinghschen Anstalten (heute Stiftungen) Bethel sind durch die nationalsozialistischen Kranken- und Behindertenmorde gefährdet. Jetzt gilt es zu entscheiden und zu handeln – abhängig von Hintergrundwissen, politischer Situation, Erfahrungen, der eigenen Persönlichkeit.

Die Ausstellung erzählt „von der Schwierigkeit Entscheidungen zu treffen“. Gehen Sie die Argumente, Strategien und Wege Bethels mit. Sie haben die Möglichkeit, sich in das Wissen der damaligen Zeit hineinzuversetzen, um heute die Entscheidungen der damals Verantwortlichen einschätzen und beurteilen zu können. Hier werden Sie selbst zu historisch Forschenden in den ausgestellten Dokumenten.

Liebe Besucherinnen und Besucher, wenn Sie der Ausstellung in senkrechter Linie folgen, sind Sie gut informiert. Möchten Sie mehr wissen, dann schauen Sie hinter die Kulissen: Klicken Sie nach rechts und Sie erfahren von Briefen und Gesprächen.

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Status quo

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Bodelschwingh setzt auf seine kommunikativen Fähigkeiten.

Zwei Wochen vor Eintreffen der Meldebögen in Bethel:

Bereits seit Monaten kursieren Gerüchte über Verlegungen und plötzliches Versterben von Patienten im Deutschen Reich. Bodelschwingh berät sich mit Pastor Paul Gerhard Braune, dem Leiter der Hoffnungstaler Anstalten in Lobetal bei Berlin. Seit Anfang April 1940 ist es für beide Gewissheit: Behinderte und psychisch kranke Menschen werden selektiert, in Tötungsanstalten gebracht und dort ermordet.

Was können sie dagegen unternehmen?

Wissen heute

Zu Abtransporten der 446 Menschen aus Bethel, die Opfer der „Euthanasie“ hätten werden können, ist es nicht gekommen. Die „Aktion T4“ wurde im August 1941 offiziell eingestellt, seit Oktober 1941 wusste man davon auch in Bethel.

Bodelschwinghs Handeln gegen die „Euthanasie“ wird in der historischen Forschung kontrovers diskutiert. War es – was die Vorkategorisierungen angeht – gar Kollaboration mit dem NS-Staat? War es verzögernder Widerstand? Hatte Bodelschwingh das Unrechtssystem des Nationalsozialismus nicht durchschaut? Wären offene Protestformen notwendig gewesen?

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Die schwierige Zeit prägt das Schicksal der Menschen.

Die Zeit des Nationalsozialismus wirkt sich auf die Menschen, für die die v. Bodelschwinghschen Anstalten Sorge zu tragen haben, ganz unterschiedlich aus.
Die meisten Bewohnerinnen und Bewohner Bethels haben eine Epilepsie oder psychische Erkrankung. Sie leben häufig mehrere Jahre oder Jahrzehnte in Bethel. Akutkranke Menschen aus Bielefeld und den umliegenden Regionen werden in den Betheler Allgemeinkrankenhäusern behandelt und bleiben nur wenige Tage oder Wochen.

Einen Einblick in die verschiedenen Schicksale geben Patientenakten. Sie sind in Archiven überliefert und beinhalten Einträge von Ärzten, Verwaltungsschriftverkehr, Briefe mit den Angehörigen und Behörden und manchmal auch Selbstzeugnisse der Patientinnen und Patienten. 

Was machen die Menschen in den Jahren 1939 bis 1945 durch?

Das * kennzeichnet die Anonymisierung der Namen der Patientinnen und Patienten.

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Ein folgenschwerer Erlass trifft die jüdischen Patienten und Patientinnen.

Wissen heute

Bis Ende der 1980er Jahre ging man davon aus, die jüdischen Patienten seien von Wunstorf in einem Sammeltransport in die Anstalt Cholm bei Lublin gekommen und dort verstorben.

Seit den historischen Forschungen der 1990er Jahre ist bekannt: Es handelte sich damals um eine Sonderaktion gegen jüdische Anstaltspatienten, die ihre Ermordung zum Ziel hatte. Die Anstalt Cholm bei Lublin war nur eine Tarnadresse für die Trostbriefe der „Aktion T4“. Die sieben Männer, Frauen und Kinder aus Bethel wurden am 24. September von Wunstorf nach Brandenburg Havel gebracht und dort ermordet.

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1941 werden Menschen in staatliche Anstalten verlegt.

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Bethel gedenkt der Opfer des Nationalsozialismus.

Forschungen zum Nationalsozialismus

Seit den 1980er Jahren ist die differenzierte Auseinandersetzung um Zwangssterilisationen, Kranken- und Behindertenmorde sowie das Verhalten der Ärzte und Theologen ein stetiges Thema in Bethel.

Zuvor wurde das Handeln Bethels im Nationalsozialismus oftmals verklärt dargestellt und als Beispiel heroischen Widerstands gegen die „Euthanasie“ stilisiert. Daraus entstand der Vorwurf, Bethel wolle sich nicht kritisch mit seiner Geschichte auseinandersetzen und verschweige die damaligen Geschehnisse: eine Auffassung, die sich teilweise bis heute in der Öffentlichkeit hält.

Doch seit fast 40 Jahren wird wissenschaftlich zur Bethel-Geschichte geforscht. Die Publikation von 1983 von Ernst Klee „Euthanasie im NS-Staat“ sowie eine Gedenkveranstaltung im Jahr 1989 gaben die notwendigen Impulse für die Aufarbeitung. Ende 1992 wurde der Stiftungslehrstuhl für Neuere Kirchengeschichte an der Kirchlichen Hochschule Bethel eigens zu diesem gesamten Themenkomplex besetzt. In dem Buch „Spurensuche. Eugenik, Sterilisation, Patientenmorde und die v. Bodelschwinghschen Anstalten Bethel 1929-1945“ aus dem Jahr 1997 findet sich bereits eine umfangreiche Literaturliste mit rund 80 Aufsätzen und Monografien. Seit 2016 gibt es online eine Bibliographie mit über 210 Titeln zur Geschichte Bethels, überwiegend zum Themenbereich Nationalsozialismus.