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von der Schwierigkeit Entscheidungen zu treffen.

Bethel im Nationalsozialismus

v. Bodelschwinghsche Stiftungen Bethel

Eine Krise. Eine unerwartete Lage. Eine existenzielle Bedrohung. Entscheidungen sind gefordert.

Herbst 1939: Die Menschen in den v. Bodelschwinghschen Anstalten (heute Stiftungen) Bethel sind durch die nationalsozialistischen Kranken- und Behindertenmorde gefährdet. Jetzt gilt es zu entscheiden und zu handeln – abhängig von Hintergrundwissen, politischer Situation, Erfahrungen, der eigenen Persönlichkeit.

Die Ausstellung erzählt „von der Schwierigkeit Entscheidungen zu treffen“. Gehen Sie die Argumente, Strategien und Wege Bethels mit. Sie haben die Möglichkeit, sich in das Wissen der damaligen Zeit hineinzuversetzen, um heute die Entscheidungen der damals Verantwortlichen einschätzen und beurteilen zu können. Hier werden Sie selbst zu historisch Forschenden in den ausgestellten Dokumenten.

Liebe Besucherinnen und Besucher, wenn Sie der Ausstellung in senkrechter Linie folgen, sind Sie gut informiert. Möchten Sie mehr wissen, dann schauen Sie hinter die Kulissen: Klicken Sie nach rechts und Sie erfahren von Briefen und Gesprächen.


01

Status quo



Meldebogen, "Aktion T4"

Aus der Sammlung von

Hauptarchiv Bethel

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Quelle

HAB

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Die Bedrohung

Im Juli 1940 treffen aus dem Reichsinnenministerium 3.000 von diesen Meldebögen in Bethel ein.

Monatelang hat es gedauert, bis man in Bethel wusste, was dahintersteckt: die systematische Tötung von Menschen mit Behinderungen und psychischen Erkrankungen.

Was im September 1939 unter höchster Geheimhaltung begonnen hatte, ist nun auch in Bethel angekommen.





Frauen im Pflegehaus Groß-Bethel, 1937

Aus der Sammlung von

Hauptarchiv Bethel

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HAB

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Das Leben dieser Menschen gilt nach nationalsozialistischer Rassenpolitik als „lebensunwert“. Sie sind von der „Euthanasie“ bedroht.
Auf einem Ermächtigungsschreiben von Adolf Hitler, datiert auf den 1. September 1939, basiert die sogenannte „Aktion T4“: In den Pflegeanstalten soll jeder einzelne Patient anhand eines Meldebogens erfasst werden. Diese Meldebögen sollen zurückgeschickt und von Gutachtern in Hinblick auf Diagnose und Arbeitsfähigkeit ausgewertet werden. Ohne den Menschen je gesehen zu haben, wird nur anhand eines Formulars über Leben und Tod entschieden. Die selektierten Menschen werden dann abgeholt und in Gasmordanstalten umgebracht.



Bettensaal der Männer im Haus Neu-Ebenezer, 1931
Speisesaal der Frauen im Haus Groß-Bethel, Ende der 1920er Jahre

Aus der Sammlung von

Hauptarchiv Bethel

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Quelle

HAB

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Der Ort

Ende der 1930er Jahre leben in rund 50 Betheler Pflegehäusern etwa 5.000 Menschen, die unter einer Epilepsie leiden, geistige Behinderungen haben, psychisch krank oder arbeits- und wohnungslos sind. Ein großes Allgemeinkrankenhaus, ein Kinderkrankenhaus, Handwerksbetriebe und Schulen gehören ebenfalls zu Bethel. Außerdem gibt es Zweiganstalten in Eckardtsheim, Freistatt und Lobetal.

Von der nationalsozialistischen „Euthanasie“ sind in Bethel über 3.500 epilepsiekranke, behinderte und psychisch kranke Bewohner und Bewohnerinnen bedroht.





Das Krankenhaus Nebo für Menschen mit Behinderungen, 1931

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Hauptarchiv Bethel

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Seit 1934 werden nach dem „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ Menschen zwangssterilisiert. Bethel hat die Genehmigung, in den eigenen Krankenhäusern Gilead, Nebo und Dothan Sterilisationen durchzuführen. Sowohl Männer und Frauen aus Bethel als auch aus dem Bielefelder Umkreis werden hier durch einen operativen Eingriff zwangsweise unfruchtbar gemacht.



Das zerstörte Pflegehaus Horeb, 1941

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Hauptarchiv Bethel

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Bei Luftangriffen auf die Stadt Bielefeld wird Bethel in der Nacht vom 18. auf den 19. September 1940 erstmals schwer getroffen. Trotz umfangreicher Luftschutzmaßnahmen verlieren zahlreiche Patienten und Patientinnen ihr Leben.
Die grausamen Auswirkungen des Krieges bekommen fortan auch die Menschen zu spüren, die in Bethel leben und betreut werden.

Die Akteure

Die „Euthanasie“ bedroht das Leben der Bewohnerinnen und Bewohner in der Anstalt Bethel.
Jetzt gilt es zu handeln.

Wer sind die Entscheidungsträger?




Friedrich von Bodelschwingh (1877-1946), 1933

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Hauptarchiv Bethel

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Der Anstaltsleiter

Die größte Entscheidungsgewalt in Bethel hat Pastor Friedrich von Bodelschwingh in seiner Funktion als Anstaltsleiter. Auf seinen Schultern lastet die Verantwortung für die Anstaltsbewohnerinnen und -bewohner.

Friedrich von Bodelschwingh ist 1877 in Bethel geboren und aufgewachsen. Nach dem Theologiestudium übernimmt er 1910 die Anstaltsleitung in Bethel, die zuvor sein Vater innehatte.



Gerhard Schorsch (1900-1992), Ende der 1950er Jahre

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Hauptarchiv Bethel

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Die Ärzte

Die Ärzte bestimmen über Aufnahme, Behandlung, Medikation und Entlassung. Mit dem Pflegepersonal stehen sie den Männern, Frauen und Kindern in Bethel am nächsten. Ihre Entscheidungen finden sich in den tausenden Krankenakten der Patientinnen und Patienten wieder, die heute im Hauptarchiv Bethel archiviert sind. Eine wichtige Rolle spielt der Chefarzt des Epilepsie- und Psychiatriebereichs Gerhard Schorsch.



Ende eines Briefes von Angehörigen an Bethel, 10.08.1940

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Hauptarchiv Bethel

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Die Angehörigen

Die Eltern, Verwandten oder Vormünder stehen meist im brieflichen Kontakt mit Bethel. Viele erkundigen sich regelmäßig nach dem Befinden des kranken Angehörigen, besuchen ihn oder holen ihn für einen Urlaub nach Hause. Nur bedingt können sie mitentscheiden, wenn es um Behandlungsmethoden, Verlegungen oder Entlassungen geht.



Bethelkanzlei, Ende der 1930er Jahre

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Hauptarchiv Bethel

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Der Kostenträger

Ein Pflegeplatz in Bethel wird in den meisten Fällen über die öffentliche Fürsorge finanziert und mit der Bethelkanzlei abgerechnet. Die Auswahl des Behandlungsortes obliegt somit dem jeweiligen Kostenträger. Nicht die Patienten und Patientinnen oder deren Familien entscheiden über den Ort der stationären Behandlung. Nur wenn die Angehörigen es sich leisten können, übernehmen sie selbst die Pflegekosten für die private Anstalt Bethel.

02

Bodelschwingh setzt auf seine kommunikativen Fähigkeiten.



Schreiben Friedrich von Bodelschwingh an Paul Gerhard Braune, 19.06.1940

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Hauptarchiv Bethel

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Zwei Wochen vor Eintreffen der Meldebögen in Bethel:

Bereits seit Monaten kursieren Gerüchte über Verlegungen und plötzliches Versterben von Patienten im Deutschen Reich. Bodelschwingh berät sich mit Pastor Paul Gerhard Braune, dem Leiter der Hoffnungstaler Anstalten in Lobetal bei Berlin. Seit Anfang April 1940 ist es für beide Gewissheit: Behinderte und psychisch kranke Menschen werden selektiert, in Tötungsanstalten gebracht und dort ermordet.

Was können sie dagegen unternehmen?




Schreiben Friedrich von Bodelschwingh an Hermann Göring, 06.01.1941

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Hauptarchiv Bethel

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Kurzbeschreibung

Das vollständige Schreiben finden Sie hier

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Kein lautstarker Protest

Friedrich von Bodelschwingh stellt sich aus christlichen Gründen gegen die „Euthanasie“. Er leistet keinen lautstarken Protest, sondern setzt auf seine kommunikativen Fähigkeiten.

Einer seiner vielen Briefe geht im Januar 1941 an Hermann Göring, einen der mächtigsten Männer in der NS-Führungsriege. Offen spricht Bodelschwingh die Morde an kranken und behinderten Menschen an. Nicht nur er weiß inzwischen davon. „Die Ängste und Tränen ungezählter Mütter, die um das Leben ihrer Kinder in den Anstalten bangen, haben schon jetzt viele Volksgenossen tief beunruhigt.“ Er konfrontiert Hermann Göring mit dem Wert jeden menschlichen Lebens.





Schreiben Friedrich von Bodelschwingh an Leonardo Conti, 05.07.1940

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Hauptarchiv Bethel

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In diesem Schreiben an Leonardo Conti betont Bodelschwingh seine Verantwortung „als Leiter der größten Anstalt der Inneren Mission“ für die Pflegebefohlenen Bethels.

Reichsgesundheits- und Reichsärzteführer Leonardo Conti, der stellvertretende Leiter der Kanzlei des Führers Viktor Brack, Chef der Reichskanzlei Heinrich Lammers, Reichsjustizminister Franz Gürtner, Reichsminister des Innern Wilhelm Frick, Reichsmarschall Hermann Göring und nicht zu vergessen Karl Brandt, der Euthanasiebevollmächtigte – das sind einige der Männer, über die Bodelschwingh versucht, etwas gegen die „Euthanasie“ zu erreichen.



Schreiben Friedrich von Bodelschwingh an Gerhard Schorsch, 16.07.1940

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Hauptarchiv Bethel

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Kurzbeschreibung

Das vollständige Schreiben finden Sie hier

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Bodelschwingh erläutert in einem Brief an seinen künftigen Chefarzt Gerhard Schorsch sein Wissen über die Krankenmorde. Seine Meinung über „Euthanasie“ steht fest: „Helfen wir dabei mit, so ist die ganze bisherige Geschichte von Bethel verleugnet.“ Von Schorsch erwartet Bodelschwingh, dass er „bereit sein müsse, manche Lasten mit uns zu tragen“.



Auszug aus dem Vorstandbeschluss der v. Bodelschwinghschen Anstalten Bethel, 25.07.1940

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Hauptarchiv Bethel

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Zu viel gewagt?

Der Vorstandsbeschluss am 25. Juli 1940 fällt eindeutig aus: Bethel wird die Meldebögen nicht ausfüllen!

Werden Konsequenzen folgen?




Schreiben Friedrich von Bodelschwingh an Otto Ohl, 05.08.1940

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Hauptarchiv Bethel

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Am 26. Juli 1940 kommen Ministerialrat Herbert Linden und Viktor Brack von der Kanzlei des Führers nach Bethel. Sie setzen Bodelschwingh unter Druck, die Meldebögen auszufüllen, drohen ihm mit der Schließung der Anstalt und teilen ihm mit, seine Verhaftung sei bereits beschlossene Sache.

Einige Tage später informiert Bodelschwingh Pastor Otto Ohl vom Rheinischen Provinzial-Ausschuss für Innere Mission, dass auf einer Sitzung des Reichsinnenministeriums entschieden wurde, Bethel nicht zu „schließen“.



Schreiben Hans Heinrich Lammers an Friedrich von Bodelschwingh, 19.10.1940

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HAB

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Im Auftrag der gesamten Inneren Mission hat Pastor Paul Gerhard Braune in enger Abstimmung mit Bodelschwingh eine Denkschrift gegen die „Euthanasie“ verfasst, die im Juli 1940 in der Reichskanzlei abgegeben wird. Kurze Zeit später wird Braune verhaftet und verbringt einige Monate in Gestapohaft in Berlin. Angeblich besteht kein Zusammenhang zwischen der Denkschrift und seiner Verhaftung.



Liste, handschriftlich von Friedrich von Bodelschwingh, [wahrscheinlich Ende Februar oder Anfang März 1941, nach dem 27.02.1941]

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Hauptarchiv Bethel

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Der richtige Weg?

Eine Liste mit Namen von Häusern aus Bethel. Zahlen dahinter. Die Gesamtzahl 446. Geschrieben von Friedrich von Bodelschwingh, wahrscheinlich im Februar 1941.

Kurz zuvor war eine staatliche Ärztekommission nach Bethel gekommen, um die Patientinnen und Patienten zu untersuchen und selbst Meldebögen anzulegen.

Was hat es mit dieser Liste auf sich?




Epikrise aus einer Patientenakte

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Hauptarchiv Bethel

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Solche Epikrisen über Diagnose und Zustand finden sich in den Patientenakten von Herbst 1940 bis Sommer 1941. Schon vor dem Besuch der Ärztekommission hatte sich Bethel, auf Vorschlag ihres Chefarztes Gerhard Schorsch, dazu entschlossen, alle Patienten von den eigenen Ärzten untersuchen und kategorisieren zu lassen.

Diese Patientin fällt in die Kategorie II, nach staatlicher Ärztekommission sogar in die Gruppe I. Somit ist sie eine von den 446 Menschen, die nun in der Gefahr stehen, Opfer der „Aktion T4“ zu werden – das ist Bodelschwingh und den Ärzten bewusst.



Internes Protokoll von Friedrich von Bodelschwingh zur Abschlussbesprechung der Ärztekommission, 27.02.1941

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Hauptarchiv Bethel

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In der Abschlussbesprechung mit der Ärztekommission erfährt Bethel die zu erwartenden Schritte: Die Meldebögen werden geprüft und daraufhin Transportlisten zugeschickt.

Von der eigenen Vorkategorisierung erhofft sich Bodelschwingh einen gewissen Schutz für die Bewohnerinnen und Bewohner: „In jedem Fall habe der leitende Arzt dann die Möglichkeit, bei einzelnen Namen Einspruch zu erheben.“ Aber nur wenn „es sich dabei um sachliche Einwendungen und nicht um den Versuch einer Hinausschiebung“ handelt, kann „der Fall zu nochmaliger Prüfung zurückgestellt“ werden.



Schreiben Friedrich von Bodelschwingh an Karl Brandt, 25.04.1941

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Hauptarchiv Bethel

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Kurzbeschreibung

Das vollständige Schreiben finden Sie hier

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„Dr. Schorsch hatte zwar aus den Gesprächen mit den hierher entsandten Psychiatern die Hoffnung geschöpft, daß man bei uns nur eine Auswahl aus seiner 1. und 2. Gruppe treffen würde. Nachträglich sind uns Zweifel gekommen, ob diese Erwartung sich erfüllen wird.“ So wendet sich Bodelschwingh nochmals mit Besorgnis an Karl Brandt, den Euthanasiebevollmächtigten, nachdem dieser Bethel persönlich besucht hatte.



Schreiben Friedrich von Bodelschwingh an Karl Brandt, 28.08.1941

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Zu wenig gewagt?

Bodelschwingh spricht auch vor dem Euthanasiebevollmächtigten Karl Brandt offen an, was in letzter Zeit vor sich ging: Einschränkung der Pressefreiheit, Unterbindung des christlichen Glaubens in der Öffentlichkeit und vor allem die Krankentötungen.

„Ich bin überzeugt, daß im Blick auf Stimmung und Haltung unseres Volkes der Kapitalverlust an öffentlichem Vertrauen in gar keinem Verhältnis steht zu dem ideellen und materiellen Gewinn, den man durch die Ausschaltung der Lebensunwerten zu erreichen sucht.“





Schreiben Ernst Wilm an Friedrich von Bodelschwingh, 18.10.1940

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Hauptarchiv Bethel

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Das vollständige Schreiben finden Sie hier

Brief Ernst Wilm 18.10.1940 1.jpg


Dennoch – einige können Bodelschwinghs stilles Handeln nicht nachvollziehen.

Der Gemeindepfarrer Ernst Wilm ist der Meinung, dass man über die Gottesdienste und die Kirche mehr erreichen könne. „Ist es denn wirklich so, daß zwar durch Verhandlungen von Mann zu Mann die Kranken vielleicht gerettet werden können, daß aber durch das Eintreten der Gemeinde ihr Leben nur gefährdet wird?“

Wissen heute

Zu Abtransporten der 446 Menschen aus Bethel, die Opfer der „Euthanasie“ hätten werden können, ist es nicht gekommen. Die „Aktion T4“ wurde im August 1941 offiziell eingestellt, seit Oktober 1941 wusste man davon auch in Bethel.

Bodelschwinghs Handeln gegen die „Euthanasie“ wird in der historischen Forschung kontrovers diskutiert. War es – was die Vorkategorisierungen angeht – gar Kollaboration mit dem NS-Staat? War es verzögernder Widerstand? Hatte Bodelschwingh das Unrechtssystem des Nationalsozialismus nicht durchschaut? Wären offene Protestformen notwendig gewesen?



03

Die schwierige Zeit prägt das Schicksal der Menschen.

Die Zeit des Nationalsozialismus wirkt sich auf die Menschen, für die die v. Bodelschwinghschen Anstalten Sorge zu tragen haben, ganz unterschiedlich aus.
Die meisten Bewohnerinnen und Bewohner Bethels haben eine Epilepsie oder psychische Erkrankung. Sie leben häufig mehrere Jahre oder Jahrzehnte in Bethel. Akutkranke Menschen aus Bielefeld und den umliegenden Regionen werden in den Betheler Allgemeinkrankenhäusern behandelt und bleiben nur wenige Tage oder Wochen.

Einen Einblick in die verschiedenen Schicksale geben Patientenakten. Sie sind in Archiven überliefert und beinhalten Einträge von Ärzten, Verwaltungsschriftverkehr, Briefe mit den Angehörigen und Behörden und manchmal auch Selbstzeugnisse der Patientinnen und Patienten. 

Was machen die Menschen in den Jahren 1939 bis 1945 durch?

Das * kennzeichnet die Anonymisierung der Namen der Patientinnen und Patienten.





Schreiben Landesfürsorgeverband Westfalen an die Bethelkanzlei, 14.02.1930

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Hauptarchiv Bethel

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Hedwig B.*

Die Finanzierung durch den Landesfürsorgeverband Westfalen ist genehmigt. Ende Februar 1930 kommt die 25-jährige Hedwig B.* aus ihrem Elternhaus im Ruhrgebiet nach Bethel. Schon als Kleinkind hatte sie epileptische Anfälle, die irgendwann ausblieben, aber mit 20 Jahren wieder auftraten, oft 15- bis 20-mal täglich.

Welche Auswirkungen haben Nationalsozialismus und Krieg auf ihr Leben?




Pflegehaus Adullam, 1930er Jahre

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Hauptarchiv Bethel

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In diesem Pflegehaus Adullam, erbaut 1898, lebt Hedwig B.*, zusammen mit mehr als 80 Frauen mit Epilepsie. In ihrer Patientenakte wird sie immer wieder als reizbar, weitschweifig, querulierend und erregt beschrieben. Diagnostiziert ist eine „epileptische Wesensänderung“, die zu herausforderndem Verhalten führt.



Krankengeschichtsvermerk in der Patientenakte

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Hauptarchiv Bethel

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Die Anzeige zur Zwangssterilisierung wird 1935 dem Amtsarzt mitgeteilt: „Unfruchtbarmachungsbedürftig, da fortpflanzungsfähig, Urlaub in Aussicht. Antrag wird in absehbarer Zeit gestellt.“ Dieser verzögert sich bis Januar 1944, da nicht ganz klar ist, ob die Epilepsie von Hedwig B.* erblich ist. Doch am 23. August 1944 ergeht am Erbgesundheitsgericht Bielefeld das Urteil auf Unfruchtbarmachung, die allerdings in den Wirren des Krieges nicht mehr durchgeführt wird.



Schreiben Vorstand Bethel an Vater, 22.02.1945

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Hauptarchiv Bethel

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Hedwig B.* gehört zu den mehr als 300 Frauen und Männern, die bei einem Luftangriff im Januar 1945 ihr Pflegehaus verlieren. Sie wird in die Betheler Zweiganstalt Freistatt bei Diepholz gebracht. Zwar bleibt ihre Hausmutter, Schwester Theodora, bei den Frauen, doch Hedwig B.* muss in einer ganz neuen Umgebung leben, in einem Pflegehaus, das nie für Menschen mit Epilepsie gebaut worden war, sondern für Jugendfürsorgezöglinge.



Frauen bei Näharbeiten im Haus Bersaba, Ende der 1950er Jahre

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Hauptarchiv Bethel

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Im September 1946 kann Hedwig B.* wieder nach Bethel zurückkehren, zunächst in das Haus Groß-Bethel, dann in das neu erbaute Haus Adullam. Ab Juli 1949 wird schließlich das Haus Bersaba ihr neues Zuhause. Auch Hedwig B.* wird hier, wie für Frauen üblich, mit Näharbeiten beschäftigt.



Arztbericht von Dr. Inge von Hedenström, 16.12.1964

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Hauptarchiv Bethel

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HAB EinzelKosiLa 19,134_16.12.1964.jpg


Die neuen Medikamente und Therapiemöglichkeiten wirken sich positiv auf ihre Epilepsie aus. Hedwig B.*, die sonst überwiegend Brom bekommen hatte, erhält nun Zentropil, Luminal und Megaphen, regelmäßig werden EEG Kontrolluntersuchungen durchgeführt.

41 Jahre lebt sie im Haus Bersaba, wo sie im April 1991 verstirbt.



Auszug aus der Patientenakte

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Hauptarchiv Bethel

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Johann R.*

Die ersten Tage in Bethel: „In Ophra aufgenommen, Station B. Muß gefüttert und angezogen werden, Spricht nicht. Näßt. Geht nie herum. 2 schwere Anfälle. Erhält zunächst 2 x 0,1 Luminal.“ So heißt es in der Patientenakte von Johann R.*

Wie geht es in Bethel mit ihm weiter?




Haus Ophra, 1931

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Hauptarchiv Bethel

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Hier, in diesem Haus, lebt Johann R.* seit Juni 1939, im Kreis von etwa 70 Jungen und jungen Männern. Bis dahin hatte er bei seinen Eltern im Ruhrgebiet gewohnt. Doch sein Vater war zu Beginn des Jahres verstorben und seine Mutter konnte die Pflege des 16-Jährigen nicht mehr alleine schaffen.

Das Haus Ophra liegt in der Betheler Zweiganstalt Eckardtsheim. Dort werden seit 1890 Jungen und junge Männer mit Epilepsie und schweren Behinderungen aufgenommen.



Krankengeschichtsvermerk in der Patientenakte

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Eine Zwangssterilisation bleibt dem jungen Mann erspart, da er „dauernd anstaltspflegebedürftig“ ist. 
Patienten, die einer dauerhaften Unterbringung in einer Pflegeanstalt bedürfen, müssen in der Regel nicht sterilisiert werden.



Epikrise aus der Patientenakte

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HAB BethKanzPat1 413,7070_ Epikrise 1940.jpg


Als Bethel ab Frühjahr 1941 mit dem Abtransport von 446 Menschen in Tötungsanstalten rechnen muss, wäre Johann R.* einer von ihnen gewesen: zusammen mit 38 Jungen aus dem Haus Ophra, die alle Kategorie I und II sind.



Sennekanzlei an Mutter, 15.07.1944

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Die Mutter bekommt am 15. Juli 1944 die Mitteilung, dass bei ihrem Sohn eine Knochentuberkulose festgestellt wurde. Johann R.* kommt in eine Spezialabteilung für Tbc, die im Haus Neu-Ebenezer eingerichtet worden war. In einem Auto des Roten Kreuzes wird er von Eckardtsheim nach Bethel gebracht.



Schreiben Haus Neu-Ebenzer an Bethelkanzlei, o.D.

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Hauptarchiv Bethel

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Das Haus Neu-Ebenezer berichtet über den Verlauf der Erkrankung an die Bethelkanzlei. Die Mutter wird regelmäßig informiert. Am 4. April 1945 verstirbt Johann R.* im Alter von 22 Jahren an Lungentuberkulose.



Schreiben Eduard Wörmann an Mutter, 17.04.1945

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HAB BethKanzPat1 413,7070_ 17.04.1945.jpg


Die Mutter erhält die Nachricht vom Tod ihres Sohnes erst am 17. April 1945. Die Kriegswirren lassen einen geordneten Ablauf kaum noch zu. Mit dem Psalm 23,4, auf den sich auch Pastor Wörmann in dem Brief an die Mutter bezieht, wurde Johann R.* am 11. April beerdigt.



Schreiben Hermann Pfannmüller an Gerhard Schorsch, 07.05.1942

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Peter N.*

Aus der Heil- und Pflegeanstalt Eglfing-Haar fordert der zuständige Arzt Dr. Pfannmüller die Krankenakte des Jungen Peter N.* aus Bethel an.
Der Vater möchte sein Kind „zur fachärztlichen Beobachtung in die Kinderfachabteilung“ Eglfing-Haar verlegen.

Welche Gründe führten zu dieser Entscheidung?




Pflegehaus Patmos, 1931

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Der fünfjährige Peter N.* aus der Nähe von Innsbruck befindet sich seit August 1941 zur Pflege im Haus Patmos in Bethel.

Patmos ist eines von vier Pflegehäusern in Bethel für Kinder und Jugendliche mit schweren Behinderungen und einer Epilepsie. Etwa 100 Jungen und Mädchen leben in Patmos zusammen und können in die dortige Schule gehen.



Schreiben Gerhard Schorsch an Vater, 16.12.1941

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Die Diagnose von Peter N.* lautet „Idiotie mit Krämpfen, wahrsch. exogen“.
Sein Vater steht in regem Austausch mit den behandelnden Ärzten und fragt nach den Ursachen für das Leiden seines Sohnes und seinem jetzigen Befinden.



Brief Vater an Bethel, 21.12.1941

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Der Vater erläutert, welche Belastung Peter N.* für die ganze Familie war. Er hatte sich sehr für die Aufnahme seines Sohnes in Bethel eingesetzt.
Auf Initiative des Vaters interessieren sich nun die Reichskanzlei und Gaukanzlei für Peter N.*s Fall. Er soll nach Eglfing-Haar verlegt und dort erneut untersucht werden. Der Vater weiß ganz genau, „sollten es tatsachen sein, daß er unheilbar ist, so will man Euthanasie anwenden“.



Brief Vater an Bethel, 03.03.1942

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Der Vater hat die Hoffnung, dass seinem Sohn in Eglfing-Haar geholfen werden kann. „Es wurde der Leibarzt vom Führer beauftragt mit hervorragenten Ärzten die Operation bei meinem Kinde durchzuführen, und darum wollen die das Kind in dieser Anstalt haben.“

Peter N.* wird am 8. Mai 1942 aus Bethel entlassen.



Aktendeckel

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Archiv des Bezirks Oberbayern, Heil- und Pflegeanstalt Eglfing-Haar

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Peter N.* verstirbt am 10. September 1942 in der Heil- und Pflegeanstalt Eglfing-Haar. Auf dem Aktendeckel ist ein großer Stempel „R.A.“ und die „Behandlungsermächtigung“. Peter wurde ein „Reichsausschusskind“ und Opfer der Kinder-„Euthanasie“.



Überweisungsbericht vom Kinderkrankenhaus 25.10.1943

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Archiv des Bezirks Oberbayern, Heil- und Pflegeanstalt Eglfing-Haar

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Kinderkrankenhaus 25.10.1943.jpg

Hannah K.*

Ein Bericht über die sieben Monate alte Hannah K.* aus dem Kinderkrankenhaus Bethel: Die angeborene Querschnittslähmung ist unklarer Genese, das Kind werde sich aber altersgerecht entwickeln. „Auf Wunsch des Vaters wird das Kind plötzlich schon morgen entlassen.“ Ende Oktober 1943 kommt Hannah K.* in die Heil- und Pflegeanstalt Eglfing-Haar.

Wie kommt es zu ihrer Entlassung?





Kinderkrankenhaus Sonnenschein, um 1930

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Zu den drei Allgemeinkrankenhäusern der v. Bodelschwinghschen Anstalten Bethel gehört auch das Kinderkrankenhaus Sonnenschein. Das 1929 gegründete Krankenhaus spezialisiert sich auf Frühgeburten und ist das einzige Fachkrankenhaus für akut erkrankte Kinder im gesamten Regierungsbezirk Minden.
Zur Untersuchung und kurzfristigen Behandlung werden auch Kinder mit einer Behinderung aus der Stadt Bielefeld und den umliegenden Regionen in das Kinderkrankenhaus überwiesen. Ihr Anteil liegt bei rund einem Prozent aller im Kinderkrankenhaus behandelten Kinder.



Schreiben Friedrich von Bernuth an Kopischke, 07.06.1943 (Abschrift)

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Hauptarchiv Bethel

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Archiv des Bezirks Oberbayern, Heil- und Pflegeanstalt Eglfing-Haar

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Bernuth an Kopischke 07.06.1943.jpg


Hannah K.* wird im Juni 1943 im Kinderkrankenhaus aufgenommen und zunächst gründlich untersucht, auch Röntgenaufnahmen werden gemacht. Doch der behandelnde Arzt Dr. von Bernuth kann keine Erklärung für die Querschnittslähmung finden. Zwar geht er davon aus, dass sich Hannah K.* geistig altersgerecht entwickeln würde, ihr Leiden allerdings nicht therapierbar sei. Er rät den Eltern, ihr „Kind vorläufig wieder nach Hause zu nehmen, da die Pflege in diesem Alter keine Schwierigkeiten macht“.



Brief Vater an Friedrich von Bernuth, 16.09.1943 (Abschrift)

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Hauptarchiv Bethel

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Archiv des Bezirks Oberbayern, Heil- und Pflegeanstalt Eglfing-Haar

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Vater an Bernuth 16.09.1943.jpg


Der Vater gibt zu verstehen, dass er beabsichtigt, seine Tochter Hannah K.* zeitnah in die Heil- und Pflegeanstalt Eglfing-Haar verlegen zu lassen. Er begründet seine Entscheidung mit dem Wunsch, sie auch weiterhin in ärztlicher Hand wissen zu wollen.

Obwohl Hannah K.* seit September an Keuchhusten leidet, holt der Vater sie am 26. Oktober 1943, um sie nach Eglfing-Haar zu bringen.

Am 27. Oktober 1943 wird Hannah K.* in Eglfing-Haar aufgenommen. Nur drei Wochen später, am 17. November, verstirbt Hannah.

Aus ihrer Krankenakte geht hervor, dass sie zwar beim „Reichsausschuss“ gemeldet wurde, der Vorgang lässt sich aber nicht weiter nachvollziehen. Es ist zu vermuten, dass Hannah K.*, entweder durch Vernachlässigung oder durch systematische Tötung, Opfer der Kinder-„Euthanasie“ wurde.





Aktendeckel der Patientenakte

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Hauptarchiv Bethel

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HAB

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Rudolf D.*

Rudolf D.* kommt im Januar 1932 nach Bethel. Der 7-jährige Junge, dessen Diagnose „Cerebrale Kinderlähmung und mäßiger Schwachsinn“ lautet, verbringt die ersten Jahre in Bethel im Haus Patmos. Aufgrund seiner Lähmung ist er nicht mobil und auf den Verbleib in einem Rollstuhl oder seinem Bett angewiesen. Nicht selten wird er in seiner Krankengeschichte als eigensinnig und unbeherrscht beschrieben. Auch kann er nicht, wie andere Patienten, beim Verrichten der üblichen Stationsarbeiten helfen.

Was erwartet ihn in Bethel?




Das Pflegehaus Neu-Ebenezer, 1945

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HAB

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1944 zieht Rudolf D.* in das Pflegehaus Neu-Ebenezer um. Hier leben Männer mit schwerer Epilepsie und schwerer Behinderung. Das Pflegehaus wurde 1906 gebaut.



Schreiben Gerhard Schorsch an Amtsarzt, 11.02.1941

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HAB

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In einem Schreiben an den Amtsarzt des Landkreises Bielefeld erklärt Gerhard Schorsch, warum es sich in Rudolf D.*s Fall nicht um ein Erbleiden im Sinne des Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses handelt. Die Ärzte haben eine exogene Hirnschädigung diagnostiziert.



Schreiben Walter Schulte an Landesfürsorgeamt, 07.05.1951

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HAB

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Im Jahr 1951 fragt das Landesfürsorgeamt an, ob Rudolf D.* nicht in häusliche Pflege entlassen werden könne. Bethel entgegnet entschieden, Rudolf D.* sei auch weiterhin auf fachgerechte Pflege und eine gute Betreuung angewiesen. Deshalb sei ihm eine Rückführung zu seinen Eltern nicht zuzumuten.



Pflegehaus Jabbok, 1988

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HAB

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In den 1970er Jahren findet ein tiefgreifender Wandel in der Anstalt statt. Rudolf D.* wird nun individuell und heilgymnastisch gefördert und bekommt im Sommer 1985 erstmals ein eigenes Zimmer im neuerbauten Pflegehaus Jabbok.

Dort verstirbt Rudolf D.* 1986 im Alter von 62 Jahren.

Wissen heute

Durch die historische Forschung ist bekannt, dass sich die stetig verschlechternde Versorgungslage, vor allem in der zweiten Kriegshälfte, auf viele der Menschen in Bethel auswirkte. Das gilt vor allem für die Zeit der Mangelernährung 1944 und 1945. Die Sterberate im Epilepsiebereich kletterte von 4 Prozent (1939) auf knapp 13 Prozent im Jahr 1945. Im Psychiatriebereich der Anstalt Bethel sogar von 5,8 Prozent (1939) auf 16,4 Prozent. Auf ein bewusstes Verhungern- oder Sterbenlassen der Patientinnen und Patienten in Bethel deuten die historischen Quellen jedoch nicht hin.
Wie sich Kriegsumstände auf den allgemeinmedizinischen Bereich ausgewirkt haben, ist für das Kinderkrankenhaus Sonnenschein inzwischen wissenschaftlich untersucht. Bei den akut schwer erkrankten Kindern und Frühgeborenen, die dort behandelt wurden, lag die Sterblichkeit ohnehin höher und stieg 1945 auf über 20 Prozent an (13,25 Prozent im Jahr 1939).





Das zerstörte Pflegehaus Adullam, 1945

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Nicht zuletzt durch die Luftangriffe 1944 und 1945 verschlechtern sich die Lebensbedingungen für die Betheler Patienten und Patientinnen. Mit dem zerstörten Halhof im Oktober 1944 fällt ein wichtiger landwirtschaftlicher Betrieb zur Lebensmittelversorgung weg. Am 29. Januar 1945 verlieren 300 Frauen und Männer ihre Pflegehäuser. Sie werden in anderen Pflegehäusern aufgenommen. Durch die Überbelegung breiten sich Infektionskrankheiten schneller aus.



Rundbrief an die Kirchengemeinden, September 1946

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Die Sorge um die desolate Ernährungslage in den Jahren zuvor ist den Verantwortlichen in Bethel auch 1946 noch deutlich anzumerken, wie dieser Rundbrief an die Kirchengemeinden vom September zeigt. Die Menschen mit Behinderungen waren davon betroffen und auch in die Krankenhäuser kamen zunehmend Menschen, die unterernährt waren. Im Betheler Epilepsie- und im Psychiatriebereich wird die Sterblichkeit erst im Jahr 1947 beziehungsweise 1948 wieder auf das Vorkriegsniveau sinken. Im Kinderkrankenhaus wird das erst gegen Ende des Jahrzehnts gelingen, wenn zunehmend Penicillin und Inkubatoren zum Einsatz kommen. 

04

Ein folgenschwerer Erlass trifft die jüdischen Patienten und Patientinnen.



Erlass zur Verlegung geisteskranker Juden, 30.08.1940 (Abschrift)

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Erlass

Dieser Erlass erreicht Anfang September 1940 Bethel. Demnach dürfen jüdische und nichtjüdische Menschen nicht mehr gemeinsam in Pflegeanstalten untergebracht sein. Am 21. September sollen alle jüdischen Patientinnen und Patienten in die Landesheil- und Pflegeanstalt Wunstorf gebracht werden. 

Betroffen sind 14 jüdische Frauen, Männer und Kinder aus der Anstalt Bethel und zwei Frauen jüdischer Herkunft aus der Anstalt Sarepta.

Wie reagiert Bethel auf diesen Erlass?




Schreiben Wunstorf an Bethel, 13.09.1940

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HAB BeKa 1, 38_13 September 1940.jpg


Während aus der Heil- und Pflegeanstalt Wunstorf schon nähere Anweisungen zur Verlegung kommen, beraten Anstaltsleitung, Ärzte und die Leitung der Bethelkanzlei über ihr Vorgehen. Auch wenn diese Gespräche nicht mehr rekonstruierbar sind, deuten die nächsten Schritte auf eine sorgfältig abgestimmte Planung hin.



Ärztlicher Bericht zu Kurt Simon, 12.09.1940

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Alle Betroffenen werden von den Ärzten untersucht, dann wird über den weiteren Verbleib entschieden. Ausschlaggebend ist dabei der Grad der Anstaltspflegebedürftigkeit und der noch vorhandenen Arbeitsfähigkeit. Ausgerechnet zwei Kriterien, die auch bei der „Aktion T4“ eine wesentliche Rolle spielen und die man hier in Bethel für das Auswahlverfahren übernimmt.

Einige jüdische Bewohner werden in ihre Familien oder eine anderweitige Betreuungsmöglichkeit entlassen.

Für sieben Kinder, Frauen und Männer in Bethel gibt es jedoch keine Chance: Sie werden am 21. September nach Wunstorf verlegt.



Brief Walter Beyth an Bethel, 18.09.1940

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Entscheidung eines Vaters

Walter Beyth bittet den "Vorstand Bethel", den Transport seines Sohnes Reinhard in ein Sammellager nach Wunstorf zu organisieren.

Blieb ihm eine andere Wahl?




Schreiben Bethel an Walter Beyth, 11.09.1940

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Berlin, September 1940, Walter Beyth erhält einen Brief aus Bethel. Sein 17-jähriger Sohn, der seit Jahren in Bethel lebt, soll in die Landesheil- und Pflegeanstalt Wunstorf gebracht werden. Er erfährt: Es geht um einen Erlass des Reichsinnenministeriums, dass „Juden nicht mehr mit Deutschen in Heil- und Pflegeanstalten gemeinsam untergebracht werden sollen“.



Reinhard Beyth

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HAB, von Felicitas Goldfarb an das Hauptarchiv nur zur eigenen Nutzung übergeben

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Reinhard Beyth ist am 11. Februar 1923 in Berlin geboren. Für seine Familie wurde es immer schwieriger, ein Kind mit einer Epilepsie und geistigen Behinderung selbst zu betreuen. Die Eltern sind geschieden. Reinhard lebte bei seinem blinden Vater.

Mit 11 Jahren kommt Reinhard nach Bethel. Er lebt in Mara, im Haus Ophra und zwischendurch auch wieder zu Hause. In Bethel kann Reinhard Beyth zur Schule gehen und lernt gerne. Seine Eltern stehen immer in brieflichem Kontakt mit seinem Arzt und erkundigen sich nach dem Wohlergehen ihres Sohnes.



Brief Walter Beyth an Bethel, 16.09.1940

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Der völlig verzweifelte Vater bittet doch noch zu prüfen, ob sein Sohn in Bethel bleiben kann.
Walter Beyth ist erschüttert über den Erlass zur Verlegung seines Sohnes: „denn ich weiß, daß mein Sohn Reinhard nur bei Ihnen gut aufgehoben war“. Sein Sohn machte doch Fortschritte in Bethel, warum muss er jetzt verlegt werden? Da der Vater selbst auf fremde Hilfe angewiesen ist, vertraut er Bethel die Entscheidung über die Verlegung seines Sohnes an.



Schreiben Bethel an Walter Beyth, 17.09.1940

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„Auch die Entscheidung, was aus Ihrem Sohn werden soll, können wir Ihnen nicht abnehmen“, schreibt Pastor Wörmann aus Bethel an den Vater. Es geht nicht anders, Walter Beyth soll den Transport seines Sohnes nach Wunstorf organisieren.



Aktendeckel Reinhard Beyth

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Hauptarcihv Bethel

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Das Schicksal der jüdischen Patienten und Patientinnen

Reinhard Beyth wird am 21. September 1940 von Bethel nach Wunstorf gebracht.

Mit ihm werden sechs weitere jüdische Patienten aus Bethel nach Wunstorf gebracht: Dorothea Ahrndt, Hermann Federmann, Heinrich Jansen, Olga Laubheim, Margot Reuter und Kurt Simon.

Zu diesem Zeitpunkt gehen die Angehörigen sowie Bethel davon aus, dass die jüdischen Patienten von Wunstorf in ein anderes Sammellager gebracht und dort gepflegt werden.





Brief Hanni-Lotte Reuter an Bethel, 08.02.1941

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Die Tochter von Margot Reuter schreibt am 8. Februar 1941 an Bethel und teilt mit, dass ihre Mutter in einer Anstalt in Lublin an einer Grippe gestorben sei.

Margot Reuter war eine der sieben Patienten und Patientinnen, die am 21. September 1940 nach Wunstorf gebracht wurden.

Wissen heute

Bis Ende der 1980er Jahre ging man davon aus, die jüdischen Patienten seien von Wunstorf in einem Sammeltransport in die Anstalt Cholm bei Lublin gekommen und dort verstorben.

Seit den historischen Forschungen der 1990er Jahre ist bekannt: Es handelte sich damals um eine Sonderaktion gegen jüdische Anstaltspatienten, die ihre Ermordung zum Ziel hatte. Die Anstalt Cholm bei Lublin war nur eine Tarnadresse für die Trostbriefe der „Aktion T4“. Die sieben Männer, Frauen und Kinder aus Bethel wurden am 24. September von Wunstorf nach Brandenburg Havel gebracht und dort ermordet.



05

1941 werden Menschen in staatliche Anstalten verlegt.



Schreiben Bethelkanzlei Eduard Wörmann an Schwester, 19.11.1941

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Anordnung

Im November 1941 erhalten rund 100 Angehörige oder Vormünder ein Schreiben aus Bethel.

Auch der Schwester von Erwin D.* wird mitgeteilt: „Der Herr Oberpräsident in Münster hat angeordnet, dass eine Anzahl der Kranken, die auf seine Kosten bei uns untergebracht sind, in die Prov. Anstalten Gütersloh und Lengerich verlegt werden."

Was steckt dahinter?




Schreiben Friedrich von Bodelschwingh an Karl Friedrich Kolbow, 13.03.1937

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Kurzbeschreibung

Das vollständige Schreiben finden Sie hier

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Schon immer waren Verlegungen zwischen staatlichen Anstalten und privaten Pflegeanstalten gängige Praxis. Die Kostenträger, die einen Pflegeplatz finanzieren, haben das Aufenthaltsbestimmungsrecht und entscheiden über den Behandlungsort der Patienten und Patientinnen.

Die letzte Verlegungsanordnung vom westfälischen Kostenträger lag gerade erst vier Jahre zurück. 1937 intervenierte Bodelschwingh schriftlich und mahnte auch die schlechteren Lebensbedingungen an, die Menschen mit Epilepsie in einer Psychiatrie vorfinden würden.



Schreiben Friedrich von Bodelschwingh an Eduard Fritsch, 24.07.1941

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Bodelschwingh verhandelt

1941 entscheidet Bodelschwingh sich für Gespräche. Am 23. Juli verhandelt er mit dem zuständigen Landesmedizinalrat Creutz in Düsseldorf wegen der zurückbeorderten Patienten und Patientinnen aus der Rheinprovinz. Mit dem verantwortlichen westfälischen Landesrat Pork findet das Treffen am 15. Oktober in Münster statt. Bodelschwinghs Argumentation ist nicht überliefert.

War es die gleiche wie schon 1937?




Schreiben Eduard Wörmann an einen Angehörigen, 18.10.1941

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Die Situation 1941 ist komplexer: Als Bodelschwingh im Juli im Rheinland verhandelt, ist die „Aktion T4“ noch im vollen Gange. Die betroffenen Betheler Patienten und Patientinnen könnten in das Räderwerk der „Euthanasie“ geraten.

Im Oktober bei den Verhandlungen in Westfalen ist es anders. Bethel weiß „dass die Massnahmen, die Sie und uns und viele Angehörige unserer Pflegebefohlenen in ständige Sorge versetzten, zur Zeit nicht mehr durchgeführt werden“. Die „Aktion T4“ wurde eingestellt. Nun muss man davon ausgehen: Es handelt sich um die gängige Verlegungspraxis.

Indirekt haben die Verlegungsanordnungen 1941 mit der vorangegangenen „Aktion T4“ zu tun: Die leerstehenden Betten in den staatlichen Heilanstalten, eine Folge der Krankenmorde, sollen nun wieder belegt werden – mit Patienten und Patientinnen aus privaten Anstalten. Im ganzen Deutschen Reich gibt es diese Verlegungen.





Schreiben Bethelkanzlei Eduard Wörmann an Bruder, 04.12.1941

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Gibt es Handlungsspielräume?

Die Gesetzeslage ist eindeutig.

Der Bruder von Anna S.* erfährt auf Nachfrage einige Einzelheiten. Bethel schreibt ihm von der üblichen Praxis solcher Verlegungen. Am Ende bleibt nur der Satz: „Es hat uns leid getan, dass wir Kranke abgeben mussten. Aber wir konnten nichts dagegen machen, da der Herr Oberpräsident als Zahler auch den Aufenthaltsort der Kranken bestimmen kann, die auf Kosten der öffentlichen Fürsorge untergebracht sind.“





Sennekanzlei Peter Frank an Diakonisse Anna, 12.12.1941

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HAB EinzelEcka, 4648_12.12.1941.jpg


Am 21. November werden 46 Männer und Frauen aus Bethel in die staatliche Heilanstalt Gütersloh verlegt.

Auch Arthur M.*, der Bruder einer Diakonisse der zu den v. Bodelschwinghschen Anstalten Bethel gehörenden Diakonissenanstalt Sarepta, wird verlegt. Die Diakonisse unternimmt alles, um privates Vermögen aufzubringen, damit ihr Bruder als Selbstzahler nach Bethel zurückkehren kann. Gegen solch eine Kostenersparnis für die öffentliche Fürsorge hat auch der Oberpräsident nichts mehr einzuwenden. Am 25. März 1942 kommt Arthur M.* zurück nach Bethel.



Schreiben Sennekanzlei Peter Frank an Vormund, 19.11.1941

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Handlungsspielräume bleiben nur denen, die auf privates Vermögen zurückgreifen können.

Aus Bethel erhält auch der Vormund von Oskar S.* die Mitteilung über die staatliche Verlegungsanordnung. Gleichzeitig gibt die Sennekanzlei ihm den Tipp, dass noch privates Vermögen vorhanden ist und der Pflegling somit als Selbstzahler nach Bethel zurückkehren kann. Bereits am 3. Dezember kommt Oskar S.* wieder zurück nach Bethel.

Wissen heute

Schon 1989 wurde mit der Gedenktafel an der Zionskirche auch der Menschen gedacht, die aus Bethel verlegt wurden.

Heute wissen wir um das Schicksal der Patienten und Patientinnen, die aus Bethel in staatliche Einrichtungen beordert wurden. Zu den Verlegungen ins Rheinland und auch nach Schleswig-Holstein ist es nicht gekommen. Die leeren Plätze in den dortigen staatlichen Anstalten wurden mit Patienten und Patientinnen aus anderen privaten Einrichtungen wieder belegt. Doch in die westfälische Provinzialheilanstalt Gütersloh werden am 21. November 1941 insgesamt 46 Menschen verlegt, 23 Frauen und 23 Männer. Von den Verlegungen am 2. Dezember 1941 in die Heilanstalt Lengerich sind 48 Menschen betroffen, 22 Frauen und 26 Männer.

Durch Recherchen in anderen Archiven konnte der weitere Weg der aus Bethel verlegten Patientinnen und Patienten nachverfolgt werden. Die Ergebnisse werden seit 2015 in einer Datenbank im Hauptarchiv Bethel erfasst.



Erwin D.* verstarb am 2. Februar 1942 in Gütersloh. Das Schicksal des 37-Jährigen steht stellvertretend für die 19 Menschen, die in der Heilanstalt Gütersloh oder nach Verschiebung in eine andere westfälische Heilanstalt das Kriegsende nicht erlebten. Von den Patienten und Patientinnen, die in die staatliche Einrichtung Lengerich gekommen waren, starben 29 während des Krieges, vier weitere in den unmittelbaren Nachkriegsmonaten.



Das Schicksal von Anna S.* steht stellvertretend für die 17 Männer und Frauen, die mehr als eineinhalb Jahre später in Räumungstransporte gerieten. Die staatlichen westfälischen Provinzialheilanstalten sollten ab 1943 geräumt und als Ausweichkrankenhäuser und Lazarette genutzt werden. Die Menschen kamen meist in Anstalten wie Warta, Meseritz-Obrawalde oder Eglfing-Haar. Es ist davon auszugehen, dass fast alle in die zweite Phase der „Euthanasie“ gerieten – wie auch Anna S.*, die am 12. November 1943 nach Warta weiterverlegt wurde.



Oskar S.* und Arthur M.* gehörten zu den drei Patienten und Patientinnen, die nach Bethel zurückkehren konnten.
Doch Oskar S.* überlebte die Kriegszeit nicht. Bei ihm wurde im Februar 1944 per Röntgenaufnahme eine Lungentuberkulose diagnostiziert, eine Nierenentzündung kam hinzu. Er starb neun Monate später an Kreislaufversagen.
Arthur M.* und eine weitere Frau überlebten das Kriegsende. Bis zu seinem Tod am 6. Juni 1963 blieb Arthur M.* in Bethel.



06

Bethel gedenkt der Opfer des Nationalsozialismus.



Gedenktafel an der Zionskirche, 1989

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Gedenktafel an der Zionskirche

Diese Gedenktafel an der Zionskirche in Bethel und ein Kreuz mit gleichnamigem Text an der Kirche in Eckardtsheim wurden im Jahr 1989 feierlich eingeweiht. Sie erinnert an die Opfer des Nationalsozialismus. Mit der Gedenktafel begann auch die stetige historische Forschung und Aufarbeitung.

Mit der Gedenktafel wird der Opfer der Zwangssterilisationen in Bethel gedacht, die in den eigenen Krankenhäusern durchgeführt wurden. Nach heutigem Stand weiß man, dass es über 1.660 Männer und Frauen waren, etwa 1.250 von ihnen waren Betheler Patienten und Patientinnen.



Mit der Gedenktafel wird auch der Menschen gedacht, für die 1941 die Verlegung aus der privaten Anstalt Bethel in eine staatliche westfälische Heilanstalt angeordnet wurde. Das Mahnmal dient sowohl der Erinnerung an die Menschen, die durch die spätere Räumungsverlegung nachweislich Opfer der „Euthanasie“ wurden, als auch derer, die aufgrund der nationalsozialistischen Gesundheitspolitik und den Folgen des Krieges den Tod fanden.



Mit der Gedenktafel wird der sieben jüdischen Opfer gedacht, die, wie wir heute wissen, im Rahmen einer Sonderaktion der „Aktion T4“ von Bethel nach Wunstorf und dann in die Tötungsanstalt Brandenburg Havel gebracht und ermordet wurden.





Gedenkstele für die Opfer der Zwangssterilisationen in Bethel

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Gedenkstele für die Opfer der Zwangssterilisationen in Bethel

Am 18. Juni 2000 wurde die Stele auf dem Bethelplatz, gestaltet von der Künstlerin Gabriele Undine Meyer, feierlich eingeweiht. Die Arbeitsgruppe TRIALOG – bestehend aus Psychiatrieerfahrenen, Angehörigen und Mitarbeitenden – entwickelte den Gedenktext, zusammen mit dem Betheler Vorstand. Der Text wurde insgesamt 1.176-mal per Hand abgeschrieben und in einem Glaskasten für jeden sichtbar ausgestellt.



Gedenkstele von oben

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Zwischen 1933 und 1945 sind in den v. Bodel-
schwinghschen Anstalten Bethel Sterilisationen
als rassenhygienische Maßnahmen gebilligt
worden. Mindestens 1.176 Frauen und Männer
wurden zwangssterilisiert.

Ich gedenke dieser Opfer.

Jeder Mensch ist gefordert,
- die menschliche Würde über die Freiheit
  von Forschung und Wissenschaft zu stellen.
- einem Denken entgegenzutreten, das den
  Wert eines Menschen von Eigenschaften
  abhängig macht.
- dem Geist eines wissenschaftlichen und
  technologischen Fortschritts zu wider-
  stehen, der menschlich gebotene Grenzen
  nicht erkennt.
- kritisches und unabhängiges Denken und
  Handeln einzuüben und sich nicht von
  politischen, weltanschaulichen und wissen-
  schaftlichen Autoritäten einschüchtern zu
  lassen.



Ergänzungstafel für die Opfer der Zwangssterilisationen, 2019

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Hauptarchiv Bethel

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Im Juni 2000 wurde dieses Mahnmal eingeweiht. Damals waren uns 1.176 Opfer der Zwangssterilisationen bekannt. Die geschichtlichen Nachforschungen sind weitergegangen. Inzwischen wissen wir von 1.665 Frauen und Männern, die nach dem „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ in Bethel sterilisiert wurden. Das Schicksal der Menschen in der Zeit des Nationalsozialismus zu erforschen, bleibt uns ein stetiges Anliegen.

Der Vorstand der v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel, 2019



Collage Stolpersteine

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Stolpersteine für die Opfer der „Sonderaktion“ gegen jüdische Anstaltspatienten in der „Aktion-T4“

In Bethel erinnern Stolpersteine an jüdische Patientinnen und Patienten, die in der NS-Zeit aus Bethel in die Heilanstalt Wunstorf verlegt und von dort wenige Tage später in die Tötungsanstalt Brandenburg Havel deportiert wurden.

2013 und 2019 haben Schüler und Schülerinnen des Gymnasiums Bethel die Geschichte und das Schicksal der jüdischen Patienten und Patientinnen in Bethel anhand der Akten im Hauptarchiv aufgearbeitet und die Stolperstein-Verlegung begleitet.

Bereits in den 1990er Jahren wurden zum Gedenken die Pflegehäuser „Reinhard-Beyth-Haus“ sowie „Hans-Lachmann-Haus“ und der „Grete-Reich-Weg“ nach jüdischen Menschen benannt. Bei den Überlegungen für die Namensnennung hieß es im Mai 1993: „Durch diese Namensgebung wollen wir unsere Verbundenheit mit dem Schicksal der in der Zeit des Nationalsozialismus umgebrachten, psychisch beeinträchtigten und behinderten Mitbürgern zum Ausdruck bringen.“



Forschungen zum Nationalsozialismus

Seit den 1980er Jahren ist die differenzierte Auseinandersetzung um Zwangssterilisationen, Kranken- und Behindertenmorde sowie das Verhalten der Ärzte und Theologen ein stetiges Thema in Bethel.

Zuvor wurde das Handeln Bethels im Nationalsozialismus oftmals verklärt dargestellt und als Beispiel heroischen Widerstands gegen die „Euthanasie“ stilisiert. Daraus entstand der Vorwurf, Bethel wolle sich nicht kritisch mit seiner Geschichte auseinandersetzen und verschweige die damaligen Geschehnisse: eine Auffassung, die sich teilweise bis heute in der Öffentlichkeit hält.

Doch seit fast 40 Jahren wird wissenschaftlich zur Bethel-Geschichte geforscht. Die Publikation von 1983 von Ernst Klee „Euthanasie im NS-Staat“ sowie eine Gedenkveranstaltung im Jahr 1989 gaben die notwendigen Impulse für die Aufarbeitung. Ende 1992 wurde der Stiftungslehrstuhl für Neuere Kirchengeschichte an der Kirchlichen Hochschule Bethel eigens zu diesem gesamten Themenkomplex besetzt. In dem Buch „Spurensuche. Eugenik, Sterilisation, Patientenmorde und die v. Bodelschwinghschen Anstalten Bethel 1929-1945“ aus dem Jahr 1997 findet sich bereits eine umfangreiche Literaturliste mit rund 80 Aufsätzen und Monografien. Seit 2016 gibt es online eine Bibliographie mit über 210 Titeln zur Geschichte Bethels, überwiegend zum Themenbereich Nationalsozialismus.



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Diese Ausstellung wurde am 09.04.2021 veröffentlicht.



Impressum

Die virtuelle Ausstellung von der Schwierigkeit Entscheidungen zu treffen. wird veröffentlicht von:

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