Die Welt der Nibelungen
Auf Schatzsuche mit der Badischen Landesbibliothek
Eine virtuelle Ausstellung von
Karlsruher Schatz
Das Nibelungenlied gehört zu den berühmtesten Werken der Weltliteratur. Fast jeder hat schon einmal von Siegfrieds Kampf mit dem Drachen oder von Richard Wagners Opernzyklus gehört. Mit der ältesten und bedeutendsten Handschrift des Nibelungenliedes bewahrt die Badische Landesbibliothek in Karlsruhe einen Schatz, so wertvoll wie der Hort der Nibelungen selbst. Als Fenster zur Vergangenheit ermöglicht uns die Handschrift aus dem 13. Jahrhundert einen Einblick in die Lebenswelt des Mittelalters – und ihre Lektüre verrät uns, was die Menschen bis heute an der Geschichte Siegfrieds und Kriemhilds fasziniert.
01
Eine Handschrift mit vielen Geheimnissen
Erzählen im Mittelalter
Moderne literarische Werke haben einen Autor und einen von ihm verfassten Text. Doch solche Vorstellungen von Autorschaft treffen auf das Mittelalter häufig nicht zu. Das gilt auch für die wohl berühmteste Erzählung in mittelhochdeutscher Sprache, das Nibelungenlied. Wir wissen nicht, wer es geschrieben hat. Wir wissen noch nicht einmal, wie die allererste Niederschrift der über Jahrhunderte hinweg nur mündlich überlieferten Sagentradition ausgesehen haben mag. ‚Das‘ Nibelungenlied gibt es also nicht. Was es jedoch gibt, sind 37 Handschriften, darunter Fragmentschnipsel von wenigen Zeilen Länge und Buchhandschriften (sog. Codices) von mehreren hundert Blatt. Die in der Badischen Landesbibliothek bewahrte Handschrift C ist die älteste und für die Überlieferungsgeschichte bedeutendste Handschrift des Nibelungenliedes. Keine Fassung des Textes war im Mittelalter verbreiteter als sie. Das liegt nicht zuletzt daran, dass sie logische Widersprüche in der Handlung und unklare Motivationen glättet und so die verständlichste und am besten lesbare Version der Geschichte präsentiert.
Drei Fassungen
Das Nibelungenlied ist in drei Haupthandschriften überliefert, sie werden mit den Buchstaben A, B und C bezeichnet. Die Unterteilung stammt von Karl Lachmann (1793-1851), dem Begründer der klassischen Textkritik. Er hielt den Karlsruher Codex für die jüngste Fassung der Geschichte und gab ihm deshalb die Sigle „C“. Er ging davon aus, dass die Münchener Handschrift A und die St. Galler Handschrift B dem verlorenen Original näher stünden und die Karlsruher Handschrift C ‚nur‘ eine Bearbeitung dieser beiden Versionen darstellt. Tatsächlich nimmt man heute eine Parallelüberlieferung von zwei Hauptfassungen an (A/B und C). Während Editionsphilologen im 19. Jahrhundert noch versuchten, die vermeintlich ursprüngliche Textgestalt zu rekonstruieren, wurden solche Bemühungen im 20. Jahrhundert aufgegeben. Auch die Frage, ob es einen solchen Urtext überhaupt gegeben hat, konnte nicht vollständig geklärt werden. Fest steht: Ein ‚Original‘ ist zumindest nicht überliefert.
Am 30. Juli 2009 wurden die drei vollständigen Handschriften des Nibelungenliedes aus dem 13. Jahrhundert zum UNESCO-Weltdokumentenerbe ernannt. In Karlsruhe ist die an der Badischen Landesbibliothek bewahrte Handschrift C, eine Dauerleihgabe von Bund und Landesbank Baden-Württemberg, bis heute das einzige von der UNESCO als Welterbe ausgezeichnete Kulturzeugnis.
Hoch-Edelgebohrner,
Hochzuehrender Herr Professor!
Hochwerthester Gönner!
Euer Hochedelgebohren habe gestern ein Billet, die Messiade betreffend, nach Zürich zuzusenden die Freyheit genommen, und jezo vernehme, daß dieselben auf der Reise nach dem Appenzell begriffen, welche höchst vergnügt zu seyn von Herzen wünsche. Eben gestern habe unvermuthete Gelegenheit bekommen, eine kurze Reise nach Hohen-Ems zu machen, woselbst heute unter andern die Bibliothek in Augenschein genommen, und so glücklich gewesen, daß ich fast unter den ersten Büchern, so in die Hände bekommen, 2 alte eingebundne pergamentene Codices von altschwäbischen Gedichten gefunden, davon der einte sehr schön deutl. geschrieben, einen mittelmässig dicken Quartband ausmacht, und ein aneinander hangend weitläuftig Heldengedichte zu enthalten scheint von einer Burgondischen Königin od[er] Prinzessin Criemhild, der Titel aber ist Adventure von den Gibelungen [sic!], und das ganze Buch ist in Adventuren als in Capitel oder vielmehr Sectionen eingetheilt. Dies Buch ist noch meist in recht gutem Stande. Das andre ist ...
(Jakob Hermann Obereit berichtet Johann Jacob Bodmer am 29. Juni 1755 von der Entdeckung der heutigen Nibelungenlied-Handschrift C; Transkription des Briefbeginns)
Ein unbekannter Dichter
Im Gegensatz zu anderen großen Erzählungen des Mittelalters, wie dem Parzival Wolframs von Eschenbach oder dem Tristan Gottfrieds von Straßburg, die ebenfalls zu Beginn des 13. Jahrhunderts entstanden sind, ist der Dichter des Nibelungenliedes unbekannt. Trotzdem wurde immer wieder spekuliert, wer es verfasst haben könnte. War es Walther von der Vogelweide, der um die gleiche Zeit lebte? War es ein unbekannter fahrender Sänger? Hat der Text überhaupt einen Autor im Sinne eines einzelnen Schöpfers? Wir wissen es bis heute nicht. Dass uns der Dichter des Nibelungenliedes seinen Namen verschweigt, entspricht den Konventionen der Heldenepik: Er inszeniert sich als Sprachrohr der mündlichen Überlieferung und lässt die „alten maeren“ für sich selber sprechen.
Uns ist in alten maeren wunders viel geseit,
von heleden lobebaeren, von grozer arebeit,
von freude und hochgeciten, von weinen unde klagen,
von küener recken striten muget ir nu wunder hoeren sagen.
Hören Sie mal
Die berühmte Eingangsstrophe des Nibelungenliedes weist auf die mündliche Sagentradition hin – und sie verrät, wie Literatur im Mittelalter aufgenommen und weiterverbreitet wurde, nämlich nach dem „hoeren sagen“: Zur damaligen Zeit konnten fast nur Kleriker lesen und schreiben, berufsmäßige Rezitatoren haben literarische Dichtungen auswendig gelernt und mündlich vorgetragen, häufig auch gesungen. Deshalb sind mittelhochdeutsche Texte, selbst lange Erzählungen wie das Nibelungenlied, in Versen geschrieben. Wie sich das angehört haben könnte?
Der Titel, unter dem wir das Nibelungenlied heute kennen, war im Mittelalter noch unbekannt. Er leitet sich aus dem Schlussvers der Handschrift C ab: hie hat daz maere ein ende. daz ist der Nibelunge liet. Was im Mittelhochdeutschen „liet“ genannt wurde, meint dabei nicht das, was wir heute unter einem Lied verstehen. Es bezeichnet nicht die singende Vortragsweise, sondern eine bestimmte literarische Gattung, nämlich eine volkssprachliche Erzählung in Versen. Dass der Text in Strophen gegliedert ist, offenbart sich nur bei genauem Hinsehen. In der Handschrift C selbst werden die Strophen nicht voneinander abgesetzt, sondern ihr Beginn lediglich manchmal durch rote Anfangsbuchstaben (sog. Lombarden) markiert. So wurde Platz und damit teures Pergament gespart.
02
Daz ist der Nibelunge liet
Zwei Geschichten
Das Nibelungenlied besteht nach der Handschrift C aus 38 Aventiuren, das heißt kapitelartigen Erzählabschnitten. Sie gliedern den Text in zwei etwa gleich große Teile: Die ersten 19 Aventiuren berichten vom Leben und der Ermordung Siegfrieds, die anderen 19 erzählen von Kriemhilds Rache und dem Untergang des burgundischen Königreiches. Die beiden Handlungsstränge gehen auf unterschiedliche Stoffkreise zurück, die im Nibelungenlied schriftlich zum ersten Mal miteinander verbunden werden. Während der Siegfried-Teil eine Sagengestalt aus der nordischen Mythologie in den Mittelpunkt stellt, enthält die Geschichte der Burgunden einen wahren historischen Kern, sodass sich für einige Figuren konkrete Vorbilder aus der Völkerwanderungszeit identifizieren lassen.
Und wer waren die Nibelungen?
Der Name ist im Nibelungenlied doppelt besetzt. Ursprünglich bezeichnet er ein märchenhaftes Königreich, in dem Siegfried durch List einen großen, vom Zwerg Alberich bewachten Schatz erbeutet, den berühmten Nibelungenhort. Später werden auch die Burgunden Nibelungen genannt. Sie haben zwar nie der „Nibelunge lant“ besucht, aber das Gold von Siegfried geraubt und im Rhein versenkt. Hier scheint der Name also auf die neuen Besitzer des Schatzes übergegangen zu sein.
Dunkle Träume
Das Nibelungenlied beginnt wie ein Märchen: Zwei Königskinder – das Mädchen schön und tugendhaft, der Junge stark und tapfer – scheinen seit ihrer Geburt füreinander bestimmt zu sein. Doch von Anfang an spielt der Erzähler mit Vorausdeutungen auf zukünftiges Unheil an. Berühmt ist Kriemhilds Falkentraum, der den Tod ihres späteren Gatten Siegfried vorwegnimmt.
In disen hohen eren troumte Chriemhilde,
wie sie züge einen valchen, starch, schoen und wilde,
dem ir zwene arn erchrummen. daz si daz muoste sehen,
ir enkunde in dirre werlde leider nimmer geschehen. (Str. 12)
Findige Forscher haben die Vorausdeutungen des Nibelungenliedes gezählt und etwa 100 Belegstellen entdeckt. Sie stellen eines der wichtigsten Gestaltungsmittel dar, indem sie Handlungsstränge miteinander verknüpfen und schicksalhafte Zusammenhänge aufdecken. Vor allem aber kündigen sie die bevorstehende Katastrophe an und erinnern die Zuhörer so beständig daran, dass das Geschehen unaufhaltsam auf den Untergang zusteuert.
Shrek lass nach
Mittelhochdeutsche Dichtungen folgen festen Erzählmustern. Zu den bekanntesten zählt das sog. Brautwerbungsschema. Es beeinflusst die Populärkultur bis heute. Besonders vorbildhaft ist es im Animationsfilm Shrek (2001) ausgestaltet: Der tollkühne Held zieht mit seinem Brautwerbungshelfer in ein fernes Land, besteht gefährliche Freierproben und erobert so die schöne Prinzessin (freilich ist der Werber im Mittelalter in der Regel kein Oger und der Helfer kein sprechender Esel). Im Nibelungenlied sind zwei Brautwerbungen miteinander verknüpft: Um Kriemhild zur Frau zu bekommen, muss Siegfried zunächst ihren Bruder Gunther dabei unterstützen, Brunhild zu gewinnen. In dieser Konstellation wird Siegfried zum Werbungshelfer degradiert, obwohl er eindeutig der passendere Kandidat für Brunhild wäre – im Gegensatz zu Gunther ist er ihr körperlich gewachsen und zeichnet sich wie sie durch außergewöhnliche magische Fähigkeiten aus. Damit ist das Schema der gefährlichen Brautwerbung im Nibelungenlied gestört: Es besagt, dass der stärkste Held die schönste Frau gewinnt. Doch in der Erzählung gibt es nur einen starken Helden, aber zwei schöne Frauen. Brunhild wird um einen ihr ebenbürtigen Ehemann gebracht und von Gunther (mit Siegfrieds Hilfe) vergewaltigt. Der Betrug an ihr bestimmt den gesamten weiteren Handlungsverlauf und erweist sich am Ende als tödlich.
Der Streit der Königinnen
Auf einem Kirchgang kommt es zehn Jahre später zum Eklat. Die beiden Königinnen geraten über die Frage, wer von ihnen als Erste das Münster betreten darf, in Streit. Kriemhild beschuldigt Brunhild, die „kebse“, also die Mätresse ihres Ehemanns zu sein. Der Vorwurf muss Brunhild empören, zumal sie wegen der Standeslüge bei der Brautwerbung immer noch davon ausgeht, dass Siegfried nur der Untergebene ihres Ehemanns ist. Dass Siegfried einen Eid auf seine Unschuld leistet, hilft am Ende wenig. Die Schande ist in der Welt und Hagen beschließt, die beleidigende Entehrung seiner Königin zu rächen und Siegfried umzubringen.
Der Königinnenstreit bildet den zentralen Wendepunkt im ersten Teil der Erzählung. Mehr noch als um Eifersucht geht es bei der Auseinandersetzung der beiden Frauen um Statusfragen. Kriemhild und Brunhild fordern voneinander die Anerkennung der Überlegenheit der jeweils anderen und daraus folgend die Unterordnung. Das Absurde: Trotz der Konfrontation werden die besonderen Umstände von Brunhilds Hochzeitsnacht nicht aufgeklärt. Das weitere Geschehen erscheint so als Folge eifersüchtigen Frauenzanks, nicht als Folge männlicher Intrigen.
Siegfrieds Tod
Unter dem Vorwand, Siegfried schützen zu wollen, entlockt Hagen Kriemhild das Geheimnis, wo Siegfried verwundbar ist: Eine Stelle auf seinem Rücken war bei seinem Bad im Drachenblut von einem Lindenblatt verdeckt gewesen, nur hier kann er getötet werden. Hagen ersticht Siegfried auf einem Jagdausflug, als dieser sich zum Trinken über eine Quelle beugt. Danach legt er den Leichnam vor Kriemhilds Kemenate. Obwohl sie Hagen durch eine mythische Bahrprobe als Mörder ihres Ehemannes überführen kann – Siegfrieds Wunde beginnt zu bluten, als Hagen zum aufgebahrten Körper tritt –, hat die Entdeckung keine Konsequenzen. Ihre Brüder stellen sich schützend vor den Schuldigen.
Kriemhilds Rache
Dreizehn Jahre trauert Kriemhild um ihren toten Ehemann, dann heiratet sie den Hunnenkönig Etzel. Weitere dreizehn Jahre später lädt sie ihre Brüder und Hagen zu einem Hoffest ein. Es kommt zum Blutbad.
Der zweite Teil des Nibelungenliedes steht ganz im Zeichen von Kriemhilds Rache. Sowohl in ihrer Makro- als auch Mikrostruktur folgt die Dichtung dabei einem zweiteiligen Kompositionsprinzip. Viele Erzählschemata finden sich doppelt und werden im zweiten Teil wiederholt oder variiert. Ein Beispiel ist die Brautwerbung, ein anderes das Motiv der trügerischen Einladung.
Das Nibelungenlied gipfelt in einem großen Gemetzel. Es dauert drei Tage und zwei Nächte. Am Ende sind nicht nur die Hauptfiguren auf qualvolle Art zu Tode gekommen, das gesamte, 9.000 Mann starke Heer der Burgunden ist ausgelöscht. Gestorben sind auch 2.000 Hunnen und die Gefolgsleute diverser Verbündeter.
Gemetzel bei Etzel
Die Beschreibung von martialischen Kampfhandlungen ist in der mittelhochdeutschen Literatur nichts Ungewöhnliches. Im Nibelungenlied sticht jedoch ihre Drastik hervor: So löschen die Burgunden, eingeschlossen im brennenden Königssaal, ihren Durst, indem sie das Blut der gefallenen Krieger trinken; Kriemhild, immerhin die mächtigste Herrscherin der erzählten Welt, wird von ihrem eigenen Verbündeten zerstückelt („ze stucken lac verhowen do daz edel wip“, Str. 2438). Bemerkenswert ist zudem, dass eine Frau aktiv in das Kampfgeschehen eingreift: Kriemhild schlägt Hagen eigenhändig den Kopf ab. Dass „der aller beste degen“ (Str. 2435), der allergrößte Held, durch Frauenhand sein Leben verliert, macht die umstehenden Männer fassungslos. Selbst Kriemhilds Ehemann Etzel verurteilt Hagens unehrenhaftes Ende, obwohl dieser zuvor ihren gemeinsamen Sohn umgebracht hat.
03
Mittelalterliche Lebenswelt
Das Nibelungenlied entsteht um 1200 auf dem Höhepunkt der höfischen Literatur. Inhaltlich geht es jedoch auf eine deutlich ältere Sagentradition zurück. Um die Erwartungen des zeitgenössischen Publikums nicht zu enttäuschen, gibt der Erzähler Szenen, die das Leben bei Hof beschreiben, viel Raum. Umgekehrt werden Handlungselemente, die die Zuhörer daran erinnern, dass das Geschehen in einer archaischen Vorzeit spielt, auf das Nötigste reduziert. So erfahren wir zum Beispiel kaum etwas darüber, wo das sagenhafte Land der Nibelungen liegt oder welche Abenteuer Siegfried dort erlebt, während wir in allen Details und mit dem Finger auf der Landkarte nachvollziehen können, wie Kriemhild mit ihrem höfischen Begleittross von Worms zu König Etzel zieht. Was dem Erzähler damals wichtig war, verrät uns heute etwas darüber, welche Dinge die Zuhörer um 1200 faszinierten – und es gibt uns einen Einblick in die mittelalterliche Lebenswelt.
Höfische Kultur
Die Aufmerksamkeit richtete sich im Hochmittelalter (ca. 1050-1250) ganz auf den Königs- oder Fürstenhof. Er war Herrschaftsmittelpunkt ebenso wie kulturelles Zentrum. Die höfische Kultur zielte vor allem auf Repräsentation ab, sie wurde von festen Ritualen und glanzvollen Zeremonien bestimmt.
Feiern und Feste
Hoffeste zählten zu den Höhepunkten des gesellschaftlichen Lebens. Auch das Nibelungenlied beschreibt solche prunkvollen Feierlichkeiten. Sie finden zu verschiedenen Anlässen wie Hochzeiten, Siegesfesten und Verwandtschaftsbesuchen statt und werden vom Erzähler dazu genutzt, das höfische Leben in all seiner Pracht darzustellen.
Königliche Herrschaft
Ein vorbildlicher Herrscher zeichnet sich im Mittelalter durch besondere Tugenden aus: Zu den wichtigsten gehörte milte (Freigiebigkeit), dicht gefolgt von mâze (Mäßigung) sowie barmecheit (Barmherzigkeit). So überliefern es zeitgenössische Verhaltensratgeber, etwa die sog. Fürstenspiegel, und so erzählt es auch das Nibelungenlied. Hier erscheint ausgerechnet der heidnische Regent Etzel, die literarische Version des Hunnenkönigs Attila (gest. 453), als idealer Herrscher. Ihm werden sogar Züge von König Artus zugeschrieben.
Rittertum
Was wäre das Mittelalter ohne Ritter? Sie gehören fest in unsere Vorstellung vom Leben um 1200. Das Rittertum entwickelte sich im Verlauf des Hochmittelalters von einem Berufsstand zu einer eigenen sozialen Schicht, die sich fast ausschließlich aus Adeligen zusammensetzte. Der heute allseits bekannte Ritterschlag war allerdings erst später üblich, davor wurde man durch die sog. Schwertleite in den Ritterstand erhoben.
Die Schwertleite
Die Schwertleite war ein Initiationsritus und wurde als großer Festakt zelebriert. Der junge Ritteranwärter erhielt das Schwert und die Sporen und wurde so wehrhaft gemacht. Doch zu einem tapferen recken gehörte mehr als nur die Ausstattung. Er musste auch besondere ritterliche Tugenden aufweisen: Neben hervorragenden Fähigkeiten im Kampf zählten hierzu ein Sinn für Gerechtigkeit, Verantwortungsgefühl und Ehrbewusstsein. Schon im Mittelalter wurde dieses Ritterbild zum Ideal verklärt. Im Nibelungenlied markiert Siegfrieds Schwertleite den Glanzpunkt seiner höfischen Erziehung.
Das Turnier
Turniere waren ein fester Bestandteil der ritterlichen Kultur und bildeten den Höhepunkt höfischer Feierlichkeiten. Ausgehend von Frankreich verbreitete sich das Turnierwesen im 12. Jahrhundert in ganz Europa. Anders als bei kriegerischen Auseinandersetzungen zielte das Lanzenstechen nicht auf die Tötung des Gegners ab (auch wenn es mitunter tödlich enden konnte). Stattdessen folgten Ritterspiele festen Regeln und dienten der Übung ebenso wie der Demonstration von Kraft und Geschicklichkeit. Sie fanden vor den Augen des gesamten Hofes statt und boten dem Ritter so eine Gelegenheit, die Aufmerksamkeit der Damenwelt auf sich zu ziehen.
Frauen „ze hove“
Frauen machen im Nibelungenlied die Attraktivität eines Hofes aus. Sie erfüllen eine wichtige Repräsentationsfunktion, werden aber auch als politisches Werkzeug instrumentalisiert. So muss Siegfried für Kriemhilds Brüder erst die Schlacht gegen die Sachsen gewinnen, bevor er die schöne Königstochter zum ersten Mal sehen darf. Ihr gruoz beim Siegesfest ist sein Lohn für den Kriegsdienst.
Do si den hochgemuoten vor ir stende sach,
do enzunde sich ir varwe. diu schoene magt sprach:
„sit willekomen, her Sivrit, ein edel ritter guot.“
do wart im von dem gruoze vil wol gehoehet der mout. (Str. 294)
Als sie den hocherfreuten Mann vor sich stehen sah, errötete sie. Das schöne Mädchen sagte: „Seid willkommen, Herr Siegfried, edler, tüchtiger Ritter.“ Der Gruß steigerte seine freudige Stimmung.
Adelige Frauen waren in einem eigenen Bereich der Burg untergebracht und dem allgemeinen Anblick entzogen – daher der Begriff vrouwenzimmer (Frauenzimmer). Ihr Rechtsstatus war an den der Männer gebunden: Auch zukünftige Königinnen standen so lange unter der munt (Vormundschaft) ihrer männlichen Verwandten, bis sie vermählt wurden. Dann traten sie in den Rechtsbereich des Ehemanns ein.
Minne
Siegfrieds Gefühle für Kriemhild werden mit Wörtern und Motiven beschrieben, wie wir sie aus der höfischen Liebeslyrik, dem sog. Minnesang kennen. Minne bedeutet im Mittelhochdeutschen so viel wie ‚Liebe‘. Siegfried tritt in der Rolle des werbenden Ritters auf, der die schöne Frau aus der Ferne bewundert und sich ihre Zuneigung durch heldenhafte Taten und entsagungsvolles Warten erst erwerben muss. Der Frauen- oder Minnedienst war ein zentraler Bestandteil der Hofkultur und folgte festen Ritualen.
Do gedaht uf hohe minne daz Sigelinde chint.
ez was ir aller werben wider in ein wint.
er mohte wol verdienen schoener frowen lip.
sit wart diu edel Chriemhilt des starchen Sivrides wip. (Str. 47)
Da dachte der Sohn Sieglindes an die Hohe Minne. Im Vergleich mit ihm verblassten alle anderen Bewerber. Er wusste genau, wie man schöne Damen für sich gewann. Später wurde die vornehme Kriemhild die Frau des starken Siegfried.
Weistû?
Die Redewendung „jemandem einen Korb geben“ stammt aus dem Mittelalter und wurde damals ganz wörtlich verstanden. Wollte die angebetete Dame ihren Bewerber abweisen, ließ sie einen Korb vom Fenster hinab. Statt den Mann jedoch zu sich hinaufzuziehen, lockerte sie den Korbboden, sodass dieser brach - und der Freier zu Boden fiel.
Prächtige Kleider
Kleidung war im Mittelalter ein wichtiges Statussymbol: Je prunkvoller der Stoff und je exotischer die Edelsteine, desto vornehmer der Träger oder die Trägerin. Diese Regel galt später auch noch in der Renaissance, wie man an diesem berühmten Porträt der englischen Königin Elisabeth I. aus dem 16. Jahrhundert sehen kann.
Schneiderstrophen
Auch im Nibelungenlied spielt Kleidung eine wichtige Rolle. So wird über 27 Strophen hinweg in allen Details erzählt, mit welchen Kleidern König Gunther für seine Brautfahrt ausgestattet wird (zum Vergleich: Kriemhilds und Siegfrieds Jugendgeschichte umfasst jeweils nur 19 bzw. 23 Strophen). Wegen ihres ungeheuren Ausmaßes haben diese Textpassagen sogar einen eigenen Namen erhalten: Man nennt sie Schneiderstrophen. Der heutige Leser mag sich bei ihrer Lektüre eher langweilen, für das zeitgenössische Publikum waren sie aber besonders spannend.
04
Eine alte Erzählung mit langer Wirkung
250 Jahre lang interessierte sich niemand für das Nibelungenlied. Dann entdeckte ein Lindauer Arzt die heutige Karlsruher Handschrift C am 29. Juni 1755 zufällig wieder – und damit begann die moderne Erfolgsgeschichte. Anfangs nur zögerlich aufgenommen, stieg die Dichtung im 19. Jahrhundert zum Nationalepos der Deutschen auf. Und obwohl das Nibelungenlied im 20. Jahrhundert auch für die NS-Ideologie instrumentalisiert wurde, fasziniert es die Menschen bis heute. Jedes Jahr pilgern sie zu den Nibelungen-Festspielen nach Worms oder auf den Grünen Hügel nach Bayreuth, um die alte Erzählung ganz neu zu erleben.
Was fasziniert mich so an den Nibelungen? Ihre Ferne und Unerreichbarkeit, die Unmöglichkeit, einen Stoff aufzufassen, der weit über 800 Jahre alt ist. Und der verquere Wunsch, ihn noch einmal ganz von vorn, bis hinein in die Gegenwart aufzurollen, jenseits von Aktualisierung und Kitsch ...
Keinen Schuss Pulver wert?
Das Nibelungenlied löste nicht von Anfang an Begeisterungsstürme aus. Nach der Wiederentdeckung der Handschrift C im Jahr 1755 wurde die erste Teiledition des Textes durch Johann Jakob Bodmer kaum wahrgenommen. Nur wenige Zeitgenossen waren überhaupt in der Lage, die alte mittelhochdeutsche Sprache zu verstehen. Auch die erste vollständige Ausgabe des Bodmer-Schülers Christoph Heinrich Myller von 1782 blieb weitgehend unbeachtet. Goethe ließ das Buch 20 Jahre ungelesen liegen. Erst die Übersetzung von Karl Simrock (1827) brachte den Durchbruch.
Myller hatte seine Edition des Nibelungenliedes Friedrich dem Großen gewidmet. Dessen bissiges Urteil, dass die Dichtung „nicht einen Schuß Pulver werth“ sei, ist als kuriose Anekdote in die Literaturgeschichte eingegangen. Dabei bezog sich der Ausspruch des Preußenkönigs gar nicht speziell auf das Nibelungenlied, sondern war vermutlich ganz allgemein auf die deutsche Literatur des Mittelalters gemünzt.
Euer Urtheil ist viel zu vortheilhaft von den Gedichten aus dem 12., 13. und 14. Säculo […]. Meiner Einsicht nach sind solche nicht einen Schuß Pulver werth und verdienen nicht aus dem Staube der Vergessenheit gezogen zu werden. In meiner Büchersammlung wenigstens würde ich dergleichen elendes Zeug nicht dulden, sondern es herausschmeißen.
Romantische Begeisterung
Populär wurde das Nibelungenlied erst im Zuge der Mittelalterbegeisterung der deutschen Romantik. Für Friedrich Schlegel war das Heldenepos „Grundlage und Eckstein unsrer Poesie“ (Brief an Ludwig Tieck vom 15. September 1803). Er machte es damit zum Ursprung der deutschen Dichtung. Denn der Krieg gegen Napoleon und vor allem sein Sieg über die preußischen Truppen bei Jena und Auerstedt (1806) hatten dazu geführt, dass sich die deutschen Schriftsteller von allen französischen Vorbildern abwandten. Stattdessen besannen sie sich auf die eigene Vergangenheit – auch das Nibelungenlied wurde so wieder wichtig und bestärkte das neuerwachte deutsche Nationalgefühl.
Ein deutscher Tugendkanon
Der Nationalismus der Romantiker wurde schließlich von Friedrich Heinrich von der Hagen (1780-1856), dem ersten Professor für deutsche Sprache und Literatur, auf die Spitze getrieben. Er stellte seiner Nibelungenlied-Übertragung von 1807 eine Einleitung voran, die die Dichtung zur „Nazionalpoesie“ verklärte und die Deutung des Textes für die nächsten anderthalb Jahrhunderte bestimmen sollte. Der Germanist verstand die Geschichte als Ausdruck ‚typisch deutscher‘ Tugenden, nämlich „Redlichkeit, Treue und Freundschaft bis in den Tod, Menschlichkeit, Milde und Großmuth in des Kampfes Noth, Heldensinn, unerschütterlicher Standmuth, übermenschliche Tapferkeit, Kühnheit und willige Opferung für Ehre, Pflicht und Recht“. Damit war der Schritt zur nationalistischen Vereinnahmung getan. Durch von der Hagens Lesart stieg das Nibelungenlied endgültig zum Nationalepos der Deutschen auf.
Richard Wagner und die Nibelungen
Keine Neugestaltung des Nibelungen-Stoffes hat eine größere Wirkung entfaltet als Richard Wagners Der Ring des Nibelungen (1876). Ja, man könnte sogar sagen, dass die Oper mehr zur Bekanntheit der Geschichte beigetragen hat als das Nibelungenlied selbst. Der Ring besteht aus vier Teilen: Das Rheingold, Die Walküre, Siegfried und Götterdämmerung. Die Aufführung dauert ohne Pausen etwa 16 Stunden.
Wagners Quellen
Mit dem Nibelungenlied hat Wagners Adaption nicht mehr viel gemein. Statt auf den mittelhochdeutschen Text stützte er sich auf nordische Quellen, etwa die Edda. In der Oper treten daher germanische Gottheiten und Fabelwesen wie die Rheintöchter auf, die im Nibelungenlied selbst nicht vorkommen. Eine zentrale Bedeutung erhält der im Rhein versenkte Schatz, der in der mittelhochdeutschen Erzählung nur eine untergeordnete Rolle spielt.
Die Uraufführung
Der Opernzyklus ist Wagners Hauptwerk. Er hat über Jahrzehnte hinweg am Ring gearbeitet, bevor dieser im August 1876 endlich den Weg auf die Bühne fand. Für die Uraufführung hat der Dichterkomponist ein eigenes Theater bauen lassen, das berühmte Bayreuther Festspielhaus. Zu den ersten Gästen zählten der deutsche Kaiser Wilhelm I., der bayerische „Märchenkönig“ Ludwig II. und der Philosoph Friedrich Nietzsche. Auch namhafte Komponisten wie Franz Liszt, Peter Tschaikowski oder Anton Bruckner besuchten die Aufführung, die mehrere Tage dauerte und als ein kulturelles Großereignis in die Musikgeschichte einging. Trotz vieler Pannen wurde das Stück begeistert aufgenommen.
Wenn man diese Musik wirklich so spielen könnte, wie Wagner sie hörte, müsste man sie verbieten – von Staats wegen; sie sprengt die Welt. Sie ist glühender Untergang. Und ich füge hinzu: Das ist die Aufgabe der Kunst.
Germanen aus dem Bilderbuch
Wagner selbst war mit der Uraufführung seines Lebenswerkes allerdings unzufrieden. Ihn störten vor allem die historisierende Kulisse und die altertümlichen Kostüme. Er hatte sich eine zeitlose Inszenierung gewünscht und bekam stattdessen Germanen wie aus dem Bilderbuch, die mit Flügel-Helmen und Bärenfellen ausgestattet waren. Doch auch wenn sich Wagner über den „Musketier-Hut“ Wotans beklagte (Cosima Wagner), setzte sich die germanisierende Tendenz durch und bestimmte lange Zeit die Aufführungspraxis in aller Welt.
Oh, Mylord, wie unerträglich werden doch diese Leute in Helm und Tierfellen am vierten Abend. Stellen Sie sich vor, daß sie nie ohne Begleitung ihres verdammten Leitmotivs erscheinen; manche singen es sogar! Sie gleichen gelinden Narren, die Ihnen eine Visitenkarte überreichen und gleichzeitig den Text wie ein Gedicht deklamieren!
Der französische Komponist Claude Debussy über eine Londoner Aufführung von Wagners Ring des Nibelungen. Zuerst abgedruckt in: Gil Blas vom 1. Juni 1903. Hier zitiert nach: Claude Debussy: Sämtliche Schriften und Interviews zur Musik. Stuttgart 2010, S. 183.
Das Unheil des Erfolges
Nicht zuletzt wegen des großen Erfolges von Wagners Oper und ihrer nationalistischen Ästhetik wurde das Nibelungenlied im 20. Jahrhundert für politische Zwecke instrumentalisiert. Der Reichskanzler Bernhard von Bülow prägte 1909 das berühmte Schlagwort von der Nibelungentreue, um die Bindung des Deutschen Kaiserreiches an Österreich-Ungarn zu beschwören. Was folgte, war die Katastrophe des Ersten Weltkrieges. Die Dolchstoßlegende sollte die Niederlage der Deutschen vertuschen und glorifizieren. Und auch hier wurde der Nibelungenmythos zur Analogiebildung genutzt.
Wie Siegfried unter dem hinterlistigen Speerwurf des grimmigen Hagen, so stürzte unsere ermattete Front; vergebens hatte sie versucht, aus dem versiegenden Quell der heimatlichen Kraft neues Leben zu trinken.
Das Nibelungenlied im Nationalsozialismus
Der glühende Wagner-Verehrer Adolf Hitler verglich den Sieg der Gegner im Ersten Weltkrieg in seiner ideologischen Programmschrift Mein Kampf ebenfalls mit Siegfrieds Meuchelmord. Besonders zynisch wirkt die Durchhalteparole, die Hermann Göring 1943 an die eingekesselten deutschen Soldaten in Stalingrad richtete: Wie die Helden des Nibelungenliedes, so fordert er sie auf, sollten sie bis zum Letzten kämpfen (wie wir wissen, überlebte kein einziger der Burgunden!).
Wir kennen ein gewaltiges Heldenlied von einem Kampf ohnegleichen, es heißt „Der Kampf der Nibelungen“. Auch sie standen in einer Halle voll Feuer und Brand, löschten den Durst mit dem eigenen Blut, aber sie kämpften bis zum letzten. Ein solcher Kampf tobt heute dort, und noch in tausend Jahren wird jeder Deutsche mit heiligem Schauer von diesem Kampf in Ehrfurcht sprechen und sich erinnern, daß dort trotz allem Deutschlands Sieg entschieden worden ist.
Neben Siegfried stiegen im Nationalsozialismus nun plötzlich auch die Burgunden, also Siegfrieds Verräter und Mörder, zum Vorbild auf. Das zeigt, wie beliebig auf einzelne Bilder des Nibelungenliedes zurückgegriffen wurde, um die Realität zu verklären und das Grauen des Krieges zu beschönigen.
Das Nibelungenlied im deutschen Film
Mit der Entstehung des Films wurde das Nibelungenlied auch für das Kino interessant. 1924 verfilmte der Star-Regisseur Fritz Lang die Geschichte in zwei Teilen, Siegfried und Kriemhilds Rache. Anders als Wagner hielt er sich bei seiner Adaption bewusst an die mittelhochdeutsche Vorlage. Der Stummfilm war die bis dahin teuerste Produktion der deutschen Filmgeschichte und wurde ein großer Erfolg. Auch Adolf Hitler war begeistert; die Bildästhetik sollte später zum Vorbild für die Massenaufmärsche der Nationalsozialisten werden. Joseph Goebbels umwarb Fritz Lang für die NS-Propaganda, doch dieser emigrierte 1934 in die USA.
Parodie und Porno
Langs Stummfilm ist der mit Abstand gewichtigste Beitrag zur Nibelungen-Rezeption im deutschen Film. Doch der Stoff wurde im Lauf der Jahre immer wieder neu auf die Leinwand gebracht – und wechselte dabei das Genre: Das Nibelungenlied gibt es u.a. als Fantasy-Film (Die Nibelungen, Regie: Uli Edel, 2004), als Sonntagskrimi (Die Jagd nach dem Schatz der Nibelungen, 2008), als klamaukige Parodie mit Tom Gerhardt (Siegfried, 2005) und als Softporno (Siegfried und das sagenhafte Liebesleben der Nibelungen, 1970).
Von „Herr der Ringe“ bis „Game of Thrones“
„Ein Ring, sie zu knechten, sie alle zu finden, ins Dunkel zu treiben und ewig zu binden.“ Klingelt da was? Richtig, auch in Richard Wagners Nibelungen-Bearbeitung geht es um einen magischen Ring, der seinem Träger übermäßige Macht verleiht. Der Herr der Ringe ist nachweislich von Wagners Musikdrama beeinflusst (auch wenn J.R.R. Tolkien der Vergleich nicht gefiel). In Tolkiens Nachlass hat man später sogar eine eigene Interpretation des Nibelungen-Stoffes entdeckt, sie wurde 2009 unter dem Titel Die Legende von Sigurd und Gudrún veröffentlicht.
Das Nibelungenlied in der Popkultur
Wann immer Filme mit Fantasy-Elementen spielen, finden sich häufig auch Anspielungen auf das Nibelungenlied. Das gilt für Harry Potter (Tarnmantel) genauso wie für Game of Thrones. Die erfolgreiche US-Fernsehserie nimmt nicht nur typische Mittelaltermotive wie Drachen und höfische Intrigen auf, es gibt auch Parallelen bei einzelnen Charakteren: So verfügt die walkürenhafte Jungfrau Brienne of Tarth ähnlich wie Brunhild über solch außergewöhnliche Kräfte, dass sie die besten Kämpfer niederstreckt. Die Idee der männergleichen Frau ist freilich schon älter: Amazonen begegnen uns bereits in der griechischen Mythologie, im Mittelalter wurden sie besonders gern literarisch gestaltet.
Doch auch dort, wo man es nicht vermutet, tauchen Erzählmuster aus dem Nibelungenlied auf: Quentin Tarantino hat das Schema der gefährlichen Brautwerbung in seinem Arthouse-Western Django Unchained neu gestaltet – hier versucht ein Sklave seine Frau Broomhilda (dt. Version: Brunhilde) aus den Fängen eines grausamen Plantagenbesitzers zu befreien.
Spuren des Nibelungenliedes im deutschen Südwesten
In Südwestdeutschland hat das Nibelungenlied eine ganz eigene Wirkung entfaltet, schließlich spielt das Epos über weite Strecken genau hier. Der Hof der Burgunden liegt in Worms und auch der Odenwald und das Elsass werden als Handlungsorte genannt. So haben sich auch viele mit Karlsruhe verbundene Künstler mit dem Stoff beschäftigt.
Der Heidelberger Maler Carl Philipp Fohr (1795-1818) entwarf 1818 ein Nibelungen-Triptychon. Es stellt den Abschied Kriemhilds vom aufgebahrten Siegfried ins Zentrum. Auf der linken Seite zeigt es die Ermordung Siegfrieds und rechts Kriemhild vor dem gefesselten Mörder ihres Ehemanns. Wegen seines plötzlichen Unfalltodes konnte Fohr den Entwurf nicht mehr ausführen.
Der Maler Hans Thoma (1839–1924), von 1899 bis 1920 Direktor der Kunsthalle Karlsruhe, schuf 1894 die Kostüme für die Aufführung von Wagners Ring des Nibelungen bei den Bayreuther Festspielen. Zuvor hatte er bereits einen fünfteiligen Bilderzyklus vollendet und Fresken im Treppenhaus einer Frankfurter Villa mit Nibelungen-Motiven gestaltet.
Die Freilichtbühne Ötigheim in der Nähe von Rastatt bietet bis zu 4.000 Besucherinnen und Besuchern Platz und gehört damit zu den größten Naturtheatern Deutschlands. Hier wurden 1935 Die Nibelungen von Friedrich Hebbel aufgeführt und im Lauf der Jahre wiederholt inszeniert. Wegen seiner Kampf- und Massenszenen hat der Nibelungen-Stoff Festspielcharakter und wird oft unter freiem Himmel gezeigt. Während der völkischen Freilichttheaterbewegung in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts fand das Nibelungenlied deshalb immer wieder den Weg auf die Bühne.
Hebbels Nibelungen standen auch bei anderen Freilichtbühnen in Baden-Württemberg auf dem Spielplan, wie hier im Naturtheater Heidenheim (1954).
Nibelungenlied-Faksimile in der Badischen Landesbibliothek
Als Aufbewahrungsort der Nibelungenlied-Handschrift C ist auch die Badische Landesbibliothek zum Zufluchtsort für Schatzsucher geworden. Aus konservatorischen Gründen wird das Original nur selten ausgestellt. Seit Juni 2020 haben Sie jedoch die Möglichkeit, im Lesesaal der Badischen Landesbibliothek in einem originalgetreuen Faksimile zu blättern. Kommen Sie vorbei und werfen Sie einen Blick in eines der berühmtesten Bücher der deutschen Literaturgeschichte!