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Bücher der Natur

Transkulturelle Ästhetik mittelalterlicher Naturkunden

Wie kommt die Natur ins Buch? Mittelalterliche Gelehrte schauen lieber in Bücher als aus dem Fenster. Mittelalterliche Naturkunden machen diese Naturwahrnehmung anschaulich. Sie  begegnen uns zudem als ästhetische Objekte, die dazu einladen, über die ‚Natur im Buch‘ nachzudenken. Aber sie ermöglichen uns auch eine Reflexion unserer eigenen Naturwahrnehmung, die ausbeuterische und zerstörerische Umgangsweisen mit der Natur begünstigt.

Diese virtuelle Ausstellung der Universität Tübingen wurde von den Teilnehmenden im Rahmen des interdisziplinären Seminars „Bücher der Natur. Transkulturelle Ästhetik mittelalterlicher Naturkunden“ unter der Leitung von Prof. Dr. Regula Forster und Dr. Jan Stellmann erarbeitet .

01
Naturenzyklopädien

Über diese Ausstellung

Diese Ausstellung widmet sich den Naturenzyklopädien als zentralem Medium der Wissensspeicherung. Im Mittelpunkt stehen mit der Durrat al-ġawwāṣ und dem Buch der Natur Werke des Mittelalters. Zugleich wird der Historia Naturalis des Plinius des Älteren auch der Bezug zur Antike hergestellt. Diese drei Texte unterscheiden sich zunächst durch die Sprachen, in denen sie verfasst wurde (Arabisch, Mittelhochdeutsch und Latein), zeigen inhaltlich jedoch viele Gemeinsamkeiten.

Die Vorstellung der Werke wird innerhalb dieser Ausstellung durch Interviews mit Forschenden ergänzt. Darüber hinaus gibt es Einblicke in die Arbeitsweise von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie Texte, die einen spezifischen Sachverhalt näher erleuchten.

Auf diese Weise lädt die Ausstellung dazu ein, die historischen Grundlagen naturwissenschaftlichen Wissens (neu) zu entdecken

02
Mittelalterliche Medizinbücher in Tübingen

Bagdad – Salerno – Tübingen - Stationen einer kosmopolitischen Heilkunst

Von Jessica Rischer und Eva Pauschel

Die arabischen Mediziner des Mittelalter kannten griechische medizinische Texte viel früher als ihre lateinisch sprechenden Kollegen in Europa. Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass eines der ersten medizinischen Handbücher aus dieser Region, genauer aus Bagdad, stammt. Das „Buch über die Ordnung der Körper“ (Kitāb Taqwīm al-ab-dān) entstand im 11. Jahrhundert. Es zählt zu denjenigen arabischen Texten, auf denen spätere europäische Werke teilweise aufbauten. Auch das auf Latein in Versen geschriebene Werk „Gesundheitsregeln aus Salerno“ (Regimen sanitatis Salernitanum) enthält medizinische Ratschläge mehrerer Gelehrter, die angeblich im 12. Jahrhundert in der Medizinschule von Salerno wirkten. Wie das arabische Handbuch ist es für die Praxis gedacht. Unterschiedliche Autoren haben den lateinischen Text im Lauf der Zeit immer wieder kommentiert und in mehrere Volkssprachen übersetzt. Daraus entstanden verschiedene Versionen des Textes. 

Der Text zeigt auch medizinischen Laien, wie sie durch die Beachtung von sechs Aspekten, den sogenannten „sechs nicht natürlichen Dingen“ (sex res non naturales), gesund bleiben können. Die Menschen sollen auf die Ausgewogenheit von Nahrung (1), Luft (2), Ruhe und Bewegung (3), Schlafen und Wachen (4), Ausscheidungen (5) und Gemütszustand (6) achten. Unter den hier ausgestellten Werken finden sich „Gesundheitsregeln“ in deutscher und eine in lateinischer Sprache. Die beiden Werke stammen von verschiedenen Autoren und enthalten erklärende Kommentare.

Vergleich der deutschen und lateinischen Ausgabe

Von Jessica Rischer und Eva Pauschel

Vergleicht man das deutsche und das lateinische Exemplar dieser Vitrine, lassen sich sowohl Gemeinsamkeiten als auch deutliche Unterschiede erkennen.

Beide Werke gehören zur Texttradition des Regimen sanitatis Salernitanum, eines medizinischen Lehr- und Ratgebertextes, der ursprünglich an der berühmten Medizinschule von Salerno entstand. Das Werk enthält in Versform verfasste Regeln zur gesunden Lebensführung. Es war eines der am meisten verbreiteten medizinischen Bücher des Mittelalters und wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt. 

Der folgende Vergleich beleuchtet die Unterschiede zwischen der deutschsprachigen und der lateinischen Ausgabe des Regimen sanitatis Salernitanum.

Deutsche Ausgabe

Die ältere deutschsprachige Ausgabe stammt aus dem Jahr 1476 und wurde von dem Drucker Johann Bämler in Augsburg veröffentlicht. Die deutsche Übersetzung half dabei, medizinisches Wissen auch für Menschen ohne Lateinkenntnisse zugänglich zu machen.

Die Ausgabe zeichnet sich durch einen schmalen Rand aus. Die medizinischen Ratschläge beziehungsweise die Überschriften, etwa Hinweise dazu; wie man essen soll, sind eingerückt in der Mitte. Darunter folgt jeweils eine Erklärung, die ohne Einrückung gesetzt ist. Ein Unterschied in der Schriftgröße besteht dabei nicht, die Gliederung des Textes erfolgt ausschließlich durch das Einrücken. Die Initialräume wurden mit roten Großbuchstaben ausgefüllt. Zudem sind einzelne Buchstaben rot hervorgehoben und wichtige Passagen mit dieser Farbe unterstrichen, was auf eine bewusste ästhetische Gestaltung des Buches hinweist.

Im Gegensatz dazu wirkt die jüngere lateinische Ausgabe aus dem Jahr 1491, gedruckt von Georg Husner in Straßburg, deutlich kleiner, schlichter und funktionaler. Straßburg war zu dieser Zeit ein bedeutendes Zentrum des frühen Buchdrucks, insbesondere für wissenschaftliche und medizinische Texte.

Die lateinische Ausgabe verfügt über keine ausgefüllten Initialräume und ist vollständig in schwarzer Farbe gehalten. Allerdings ist zu vermuten, dass es am Anfang durchaus die Bestrebung gab, die Initialen noch besonders hervorzuheben. Es gibt ebenfalls Unterstreichungen allerdings mit schwarzer Tinte. Einrückungen wie in der deutschen Ausgabe fehlen, stattdessen sind die lateinischen medizinischen Ratschläge in größerer Schrift gedruckt als der begleitende Kommentar von Arnoldus de Villa Nova. Auffällig ist außerdem der deutlich breitere Rand im Vergleich zur deutschen Ausgabe.

Lateinische Ausgabe

Der Vergleich der beiden Exemplare zeigt, dass die lateinische Ausgabe vor allem für den praktischen Gebrauch bestimmt war, beispielsweise für studierte Ärzte oder Mediziner auf Reisen. Die handliche Gestaltung spricht dafür, dass sie häufig auf Reisen mitgeführt wurde. Die aufwendig gestaltete deutsche Ausgabe hingegen dürfte eher als Lehrbuch gedient haben und sich im Besitz eines wohlhabenden Mediziners befunden haben, der es sich leisten konnte, das Buch mit roter Farbe aufwendig zu verzieren. Trotz der unterschiedlichen Nutzung sind in beiden Exemplaren Wasserschäden zu erkennen, diese lassen sich auf jahrelange Nutzung sowie schlechte Aufbewahrungsbedingungen zurückführen. 

03
Medizinverständnisse im Bestand der UB Tübingen

Zwischen Sternen, Gebeten und Anatomie - Medizinverständnisse im Bestand der UB Tübingen

Von Julius Schmid & Alicia Heider

Die drei Exemplare in dieser Vitrine haben zwei Dinge gemeinsam: Sie gehören zum Bestand der Tübinger Universitätsbibliothek und sie behandeln alle medizinische Themen. In ihrem Medizinverständnis und der Verwendung in Tübingen unterscheiden sie sich aber.

Der „Kanon der Medizin“ kommt dem, was wir heute unter einem akademisch-medizinischen Lehrbuch verstehen, am nächsten. Avicenna, der persische Autor des Werkes, hat ein naturwissenschaftliches Medizinverständnis und bezieht sich auf antike griechische Quellen. In seinem Text behandelt er Themen wie Diagnostik, Anatomie und die Herstellung von Heilmitteln. 

Die kleine arabische Sammelhandschrift „Die Barmherzigkeit in der Medizin und Weisheit“ (ar-Raḥma fī ṭ-ṭibb wa-l-ḥikma) ist ein eher grob organisiertes Handbuch mit „Rezept-Wissen“ aus verschiedensten Quellen. Inhaltlich übernimmt sie Teile von Avicennas medizinischem Wissen. Dazu kommen religiöse Elemente, die großen Fokus auf basale Therapiemethoden wie Diät, einfache Medikamente und einen frommen Lifestyle legen.

Durch das Verknüpfen von medizinischen Kenntnissen mit Astrologie, Astronomie und Wahrsagerei wirkt das Medizinverständnis im Tübinger Hausbuch heute am befremdlichsten. Das ist bemerkenswert, denn inhaltlich ist es das jüngste der drei Werke und das einzige aus Europa.

Dass uns die Inhalte der arabischen Werke heute näher sind, zeugt vom Wandel des europäischen Medizinverständnisses durch das in ihnen enthaltene Wissen. An der Universität Tübingen könnte das vorliegende Exemplar des „Kanons der Medizin“ dazu beigetragen haben. Das Tübinger Hausbuch hingegen war bei seiner Ankunft in der Bibliothek um 1752 medizinisch schon deutlich weniger relevant, ist aber bis heute kunsthistorisch interessant. „Die Barmherzigkeit in der Medizin und Weisheit“ hat sich wohl nie ein Tübinger Mediziner angeschaut. Sie wurde um 1860 für die Arabistik angeschafft, davor benutzte sie noch ein Augenarzt in Damaskus.

04
Von der Forschung vergessen? - Die wahren "Trendsetter" der Kräuterenzyklopädien

Der „meyster in der artzney“ und sein größtes Werk - „Gart der Gesundheit“

Von Benedikt Siebel

Gart der Gesundheit (1487) – Titelblatt

Gart der Gesundheit (1487) - Titelblatt

Der Ursprung des „Gart der Gesundheit“

Von Benedikt Siebel

Der Gart der Gesundheit wurde erstmals im Jahr 1485 in Mainz gedruckt. Johann Wonnecke von Kaub, ein meyster in der artzney, soll das Werk zusammengestellt haben. Im Gegensatz zur Erstausgabe erscheint der Text in den hier vorliegenden Exemplaren zweispaltig. Häufige Absätze und Titelblätter liefern eine lesefreundliche Struktur.

Gart der Gesundheit (1487) – Kapitel 4 (Die Farben des Harns)

Heilung durch Kräuter und Pflanzen

Von Benedikt Siebel

Der dritte Teil unterteilt die Kräuter in verschiedene Kategorien. Die „Farben des Harns“ bilden den vierten Abschnitt des Werkes und befassen sich mit der Harndiagnostik. Dabei handelt es sich um eine gängige medizinische Praxis des Mittelalters, bei der u. a. Farbe, Konsistenz und Geschmack des Urins analysiert werden. Der fünfte und letzte Teil listet menschliche Krankheiten auf und beschreibt heilsame Kräuter und Pflanzen.

Gart der Gesundheit (1487) – Kolophon

Medizin für die breite Bevölkerung

Von Benedikt Siebel

Im Gegensatz zu vielen anderen zeitgenössischen medizinischen Werken wurde das Werk auf Deutsch verfasst und nicht aus dem Lateinischen übersetzt. Es erreichte somit eine gänzlich neue Zielgruppe, die zuvor kaum Zugang zu medizinischem Wissen hatte. Aufgrund der sanitären Zustände – besonders in mittelalterlichen Großstädten – ergab sich eine beispiellose Nachfrage nach einsteigerfreundlicher Heilkunde in der breiten Bevölkerung. Das machte den Gart der Gesundheit zu einem der beliebtesten und auflagenstärksten Werke seiner Zeit.

Der Hortus Sanitatis - 530 Kräuter, 1 Werk, seit 1491

Von Lena Haas

Der Hortus Sanitatis wurde erstmals im Juni 1491 in Mainz gedruckt. Der Verfasser ist unbekannt. Die hier vorliegenden Exemplare entstammen beide der Straßburger Druckerwerkstatt des Johann Prüss. Der lateinische Text ist zweispaltig gesetzt und in sieben Teile gegliedert. Beschrieben werden neben Heilmitteln aus Kräutern auch Heilmittel aus Landtieren, Vögeln, Wasserwesen sowie aus Halbedelsteinen und Mineralien. Den Abschluss bildet eine Abhandlung zur Harnlehre.

Jedes Kapitel beginnt mit einer eigenen Abbildung und enthält eine kurze Erklärung des Mittels sowie die ihm zugeschriebenen Wirkungen. Insgesamt kommt das Werk dabei auf mehr als 1.000 Kapitel. So ist ein umfassendes Nachschlagewerk entstanden, das naturkundliche Beobachtung und medizinische Praxis miteinander verbindet.

Aktualität des Buches Gart der Gesundheit

Von Lena Haas

Der Themengarten der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz zeigt eine Auswahl von etwa 70 Pflanzenarten aus dem Kräuterbuch Gart der Gesundheit.


Im Mittelpunkt des Themengartens befinden sich Beete, die von großformatigen Natursteinplatten umrahmt werden, in welche ausgewählte Holzschnittmotive aus dem Kräuterbuch eingearbeitet sind.

05
Pflanzen, Kräuter, Tiere in der Medizin