Bücher der Natur
Transkulturelle Ästhetik mittelalterlicher Naturkunden
Wie kommt die Natur ins Buch? Mittelalterliche Gelehrte schauen lieber in Bücher als aus dem Fenster. Mittelalterliche Naturkunden machen diese Naturwahrnehmung anschaulich. Sie begegnen uns zudem als ästhetische Objekte, die dazu einladen, über die ‚Natur im Buch‘ nachzudenken. Aber sie ermöglichen uns auch eine Reflexion unserer eigenen Naturwahrnehmung, die ausbeuterische und zerstörerische Umgangsweisen mit der Natur begünstigt.
Diese virtuelle Ausstellung der Universität Tübingen wurde von den Teilnehmenden im Rahmen des interdisziplinären Seminars „Bücher der Natur. Transkulturelle Ästhetik mittelalterlicher Naturkunden“ unter der Leitung von Prof. Dr. Regula Forster und Dr. Jan Stellmann erarbeitet .
Zwischen Fakten und Fiktion – eine Zeitreise zu Bibliotheken, Büchern und Benutzern
Texte von Alicia Heider
Lust auf eine Zeitreise? Dann lesen Sie weiter und klicken sich rein! Warum Sie das tun sollten? Weil sich auch die Bücher in dieser Ausstellung auf dieses Wagnis eingelassen haben! Die allermeisten sind sehr weit gereist – durch Länder, Kulturen, die Zeit. Was sie nach ihrer Ankunft in Tübingen erwartet hat? Das ist eine gute Frage! Sie ist aber nur mit einer Reise in die Geschichte der Tübinger Universität und ihrer Bibliothek und einer angemessenen Portion Fantasie und Fiktion zu beantworten. Also, auf geht’s!
Hunger, Verwüstung, Tod – und Plinius? Tübingen im Dreißigjährigen Krieg
Tübingen 1647
Wachsam schleicht sie durch die dämmrigen Gassen zur Bibliothek des Stipendium Martianum. Viele Häuser, an denen sie vorbeikommt, stehen leer, einige haben deutliche Brandspuren. In den anderen Häusern sitzen Menschen. Zwar sieht sie kein Licht, hört keine Stimmen, doch sie spürt deren Angst durch das Mauerwerk hindurch. Besonders zu dieser Tageszeit will niemand den plündernden, mordenden französischen Besatzern auffallen. Und sie? Sie geht heimlich in die Bibliothek, um ihrem Vater seine drängendste Frage zu beantworten: Steht die Historia Naturalis von Plinius noch dort? „Jetzt ist er endgültig verrückt geworden!“, hatte ihre Mutter gerufen, als der Vater zum wiederholten Mal nach dem Buch gefragt hatte. Tatsächlich hatte sich ihr Vater in den letzten Jahren verändert. Krieg, Hunger, Zerstörung, Krankheiten und Tod hatten allen zugesetzt. Der Vater aber litt besonders unter den Schäden, die die Universität genommen hatte. Vor zehn Jahren war die Hälfte seiner Professorenkollegen an der Pest gestorben. Der Silberschatz der Universität war geraubt und eingeschmolzen worden, die Universitätsbibliothek zeitweise entführt gewesen. „Ist man verrückt, wenn man sich in solchen Zeiten, da die Menschen so viel Leid bringen, in die Naturlehre flüchten will?“, überlegt sie, während sie ihrem Ziel immer näherkommt. Plötzlich bleibt sie stehen. Ihr Herz beginnt schnell zu schlagen. Sie sieht den Eingang – und davor zwei französische Soldaten.
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Wie ein Phönix aus der Asche? – Die Universität im 18. Jahrhundert
Tübingen 1734
„Womit habe ich das verdient?“ Wütend knüllt er den Brief seines Cousins zusammen. Der studiert in Leipzig und berichtet ihm wieder einmal, wie elegant die Stadt, wie modern die Universität ist. Angeber! „Wie ergeht es Dir bei Deinem Medizinstudium in Tübingen?“, steht am Ende des Textes. Sadist! Wie gerne hätte auch er anderswo studiert! Sein Vater, dieser württembergische Patriot, hatte aber darauf bestanden, ihn in die Provinz zu schicken. Nach dem folgenreichen Dreißigjährigen Krieg sei die Universität nun dabei, „wie ein Phönix aus der Asche“ aufzuerstehen und dafür brauche sie Studenten. Das bekam er jedes Mal zu hören, wenn er sich bei seinem Vater beschwerte. Studenten gab es mittlerweile fast 400. Die meisten waren allerdings Theologen. Medizinstudenten gab es nur zehn. Da fiel man auf.
„Verdammt!“, entfährt es ihm. Durch den Brief hat er ganz vergessen, dass er zur Vorlesung muss. Jetzt ist er spät dran. Lustlos stapft er los. Als er am Botanischen Garten vorbeikommt, hellt sich seine Stimmung etwas auf. Hier ist er gerne, denn die Botanik interessiert ihn an seinem Studium am meisten. Er ist froh, dass es den Garten gibt. Nach dem Dreißigjährigen Krieg, hat er gehört, war von ihm nämlich nichts als die Abbildungen im New Kreüterbuch von Professor Fuchs übrig. Wie gerne würde er hier verweilen! Doch die Anatomie ruft. Er weiß schon, wie der Professor sie am Ende der Vorlesung in die Bibliothek schicken wird, um das Gelernte zu vertiefen. Schon beim Gedanken daran kocht Wut in ihm hoch. Unwillkürlich ballt er seine Hände zu Fäusten. „Was soll ich da lesen?!“, will er dem Professor jedes Mal entgegenbrüllen. Es gibt viel zu wenig Bücher, zu wenig Geld, um neue anzuschaffen, zu wenige Stunden, die der Lesesaal geöffnet ist. Er merkt, wie sein Puls steigt. Jetzt hat er sich richtig in Rage gebracht. Wenn er so in die Vorlesung geht, wird das kein gutes Ende nehmen. Also macht er auf dem Absatz kehrt und setzt sich in den Botanischen Garten. Er schließt die Augen, atmet tief durch und merkt, wie seine große Wut immer kleiner wird und schließlich ganz verschwindet. „Du und dein Temperament!“, pflegt sein Vater nach solchen Wutanfällen kopfschüttelnd zu sagen. „Temperament…“, überlegt er. Hat sein Professor nicht letzte Woche von der Temperamentenlehre Avicennas gesprochen? Und hat er nicht neulich in der Bibliothek von der Anschaffung eines weiteren Exemplars von Avicennas Kanon der Medizin gehört? Das muss er sich unbedingt einmal ansehen! „Ein neues Buch! Es geht also doch leicht bergauf. Mein Vater hat recht. Wer weiß, vielleicht beneidet mich mein Cousin irgendwann darum, dass ich in Tübingen studiert habe“, denkt er und muss schmunzeln.
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Was man will, das hat man nicht – Wie die Universitätsbibliothek an Bücher kam
Tübingen 1817
„Es ist doch ein Faszinosum in dieser Bibliothek: Was man will, das hat man nicht, und was man hat, das will man nicht!“, stellt Unterbibliothekar Clossius fest und lacht bitter. „Da haben Sie Unrecht, Clossius!“ Oberbibliothekar Prof. Dresch kommt durch die vielen Kisten voller Bücher auf seinen neuen Kollegen zu. „Aber es ist doch bewiesen“, entgegnet dieser forsch, „dass der Universitätsbibliothek etliche wichtige Werke fehlen! Nur die Juristerei und die Geschichte sind gut aufgestellt. Mit den 45 Titeln, die pro Jahr gekauft werden, wird diese Lücke nie zu schließen sein!“ Dresch lächelt: „Ich muss Ihnen doch nicht erklären, dass wir mehr kaufen würden, wäre genügend Geld da. Nach dem Dreißigjährigen Krieg wurden hier ein halbes Jahrhundert lang gar keine Bücher angeschafft. Wir hingegen haben durch den Umzug der Katholischen Landesuniversität Ellwangen nach Tübingen nun rund 22.000 neue Bände auf einmal bekommen. Da können wir uns glücklich schätzen!“ Er lächelt Clossius an, doch dieser fährt unbeirrt und trocken fort: „Ja, großartig! Nun haben wir eine Bibliothek von 60.000 Büchern. Bücher über Bücher!“ Er breitet die Arme aus und lässt seinen Blick durch den Raum voller Kisten und Bücher schweifen. „Bis hier Ordnung herrscht, beginnt schon der Umzug der Bibliothek aufs Schloss. Was für ein Potential für absolute Confusion!“ Nun wirkt er ein wenig panisch. „Beruhigen Sie sich, Kollege!“ Dresch klopft dem Jüngeren aufmunternd auf die Schulter. „Das ist der Lauf der Dinge in einer Universitätsbibliothek. Wir bekommen einzelne Bücher oder ganze Bibliotheken geschenkt – von Ministerien, Professoren, aus Nachlässen. Wenn genügend Geld da ist, kaufen wir Bücher, und manchmal ziehen 22.000 neue Exemplare aus Ellwangen zu uns um. Wir müssen alle Bücher freundlich empfangen, denn die Bibliothek soll wachsen und wird von so vielen Menschen gebraucht – jetzt und in Zukunft!“ Dresch macht eine kurze Pause. Dann fügt er hinzu: „Aber das wissen Sie ja alles, Clossius.“ Der neue Unterbibliothekar nickt langsam. Sein Vorgesetzter schaut ihn freundlich an und sagt dann: „Sie hatten übrigens doch recht mit Ihrem ‚Was man hat, das will man nicht’. Ich hätte gerne einen Unterbibliothekar, der etwas gefasster und optimistischer in die Zukunft blickt. Und nun lassen Sie uns diesen Raum verlassen. Wir haben genug gesehen. Das Auspacken der Kisten ist nicht unsere Aufgabe und Sie könnten einen Spaziergang durch den Botanischen Garten vertragen.“
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173 auf einen Streich – Wie zwei Freunde viele arabische Manuskripte nach Tübingen brachten
Rottweil 1865
Philipp Wolff ist erschöpft – erschöpft und zufrieden. Die Heimreise aus Tübingen hat ihn angestrengt, doch der Besuch der Universitätsbibliothek hat sich gelohnt. Es war höchste Zeit gewesen, sich die arabischen Handschriften, die auch durch seine Bemühungen im Februar dort angekommen waren, einmal anzusehen. Er war sehr beeindruckt gewesen – und stolz auf seinen Einsatz. Nun müssen Forscher gewonnen werden, die sich der Handschriften annehmen. Sofort hat er da an einen alten Studienkameraden gedacht, der seine Begeisterung für den Orient, seine Kulturen und Sprachen schon immer geteilt hat. Jetzt, da er endlich zu Hause im Pfarrhaus ist, will er ihm trotz der späten Stunde unbedingt noch schreiben. Er greift zu Briefpapier und Feder:
Rottweil, den 27. April 1865
Mein werter Freund,
heute darf ich Dir erfreuliche Nachrichten von unserer Alma Mater überbringen! Seit wenigen Wochen ist sie um 173 arabische Manuskripte reicher. Die Universität hat sie von meinem Freund Johann Gottfried Wetzstein erworben. Bis 1862 war er preußischer Konsul in Damaskus, wo er die Handschriften gesammelt hat. In seinen Briefen an mich hat er immer davon berichtet. Von der Idee, die Sammlung nach Tübingen zu bringen, war ich direkt begeistert. Fast wäre das Unternehmen aber an den Finanzen gescheitert. Glücklicherweise konnte das Kultusministerium in Stuttgart einspringen! Für die Lehrer und Studenten der Orientalistik ist es wahrlich ein Glücksfall! Nun können sie sich den schriftkundlichen Untersuchungen, der Korankritik und vielem mehr ganz ausgiebig widmen. Wenn ich daran denke, dass die gesamte Orientalistik zur Zeit unseres Studienabschlusses 1832 lediglich im Besitz von fünf Büchern war! Das waren beinahe schandhafte Zustände, bedenkt man, dass die erste orientalische Abhandlung in Tübingen schon 1622 erschien. Hätte ich im Theologiestudium Arabisch nicht des Hebräischen wegen lernen müssen, ich wäre wohl nie zur Orientalistik gekommen.
Nun geht es aber voran! Die Themen der Manuskripte zeigen eine große Vielfalt – von Religion über Philosophie, Poetik und Geschichte bis hin zu Naturlehren und Medizin – und sind zum Teil schön anzusehen. Davon konnte ich mich bei einem Besuch in Tübingen selbst überzeugen. Einige Exemplare sind sicher auch für Deine Forschung interessant, beispielsweise ein Werk mit dem Titel ar-Raḥma. Vielleicht erweist Du der Bibliothek unserer Alma Mater ja die Ehre, wenn Du einmal wieder im Lande bist.
Dein treuer Freund
Philipp Wolff
Er verschließt den Brief und legt ihn bereit, um ihn gleich morgen früh abzuschicken. Nun muss er aber endlich ins Bett. Philipp Wolff ist erschöpft – erschöpft und zufrieden.
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Großer Auftritt für die „Bücher der Natur“ – Die digitale Ausstellung
Tübingen 2026
Die letzten Besucherinnen und Besucher verlassen den Raum, das Licht wird ausgeschaltet. Die Handschriften und Drucke, die „Bücher der Natur“, die an diesem Abend des 28. Januars 2026 in fünf Vitrinen liegen, werden nur noch vom schwachen Schimmer der Straßenlaternen erhellt, der von draußen hereinfällt.
„Das war’s dann wohl“, seufzt die Historia Naturalis, „Die Ausstellung ist vorbei. Jetzt wandern wir wieder zurück an unsere sicheren Plätze in der Bibliothek und keiner wird sich mehr an uns erinnern.“ „Jetzt sei doch nicht so pessimistisch!“, ruft das Tübinger Hausbuch aus seiner Vitrine herüber. „Ich bin mir sicher, dass wir nicht in Vergessenheit geraten werden.“ „Du hast leicht reden!“, schallt es aus einer anderen Vitrine. „Über dich und deine komischen Illustrationen werden die Leute noch lange lachen!“ Einige Bücher kichern. „Hört auf!“, ruft die Perle des Tauchers. „Anstatt Trübsal zu blasen und einander zu beleidigen, könnten wir uns auch an die schöne Zeit erinnern, die hinter uns liegt.“ „Au ja!“ Das Buch der Natur ist von der Idee ganz begeistert: „Wisst ihr noch, wie die Studierenden der Germanistik und Islamwissenschaft, ihre Dozierenden und die Bibliotheksmitarbeiterinnen gekommen sind, uns angeschaut und dann in Szene gesetzt haben?“ Ein glückliches Seufzen geht durch die Vitrinen. „Und dann die Ausstellung heute! So viele Besucherinnen und Besucher, die uns bewundert haben!“, ergänzt die Handschrift Kitāb Taqwīm al-abdān. „Es ist doch sehr schade, dass jetzt alles vorbei ist.“
„Aber, aber…“, leise ertönt das sanfte Stimmchen der Handschrift ar-Raḥma. „Wisst ihr denn gar nicht, dass die Ausstellung weiter geht?“, fragt sie vorsichtig. Ein Raunen geht durch die Büchermenge. „Die Ausstellung wird digital. Sie kommt ins Internet“, fährt die Handschrift fort. „Wie toll!“ „Ein technisches Meisterwerk!“ „Unser großer Auftritt!“ „Zauberei!“ Jetzt reden alle Bücher durcheinander. „Dann können noch viel mehr Menschen unsere Abbildungen und Schriftarten bewundern“, bemerkt die Handschrift Kitāb al-Ǧāmiʿ, „und wir können noch viel mehr von der Natur, unserer Herkunft, verschiedenen Kulturen, von unseren Benutzern und Besitzern, von der Bibliothek und ihren Schätzen erzählen!“ Nun haben die Bücher ganz viele Ideen für die digitale Ausstellung: „Ich möchte meinen Goldschmuck präsentieren“, sagt die Handschrift Ḥayāt al-ḥayawān. „Mir macht vielleicht jemand ein Kompliment für meine Illustrationen, denn in letzter Zeit wurden sie ja gelegentlich als schlecht bezeichnet,“ hofft das Tübinger Hausbuch und schaut ein bisschen beleidigt zu den anderen Büchern. „Wir wollen“, verkünden die Exemplare des Hortus sanitatis, „noch einmal zeigen, wie unterschiedlich wir eigentlich sind.“ „Und ich“, erklärt das deutsche Exemplar des Regimen sanitatisaufgeregt, „will über meinen Vorbesitzer Autenrieth, den Gründer der Uniklinik, berichten!“
So reden die Bücher die ganze Nacht weiter. Als sie am nächsten Morgen wieder verpackt und ins Magazin der Bibliothek gebracht werden, sind sie alle ganz zufrieden, denn in der digitalen Ausstellung haben sie als Digitalisate weiterhin ihren großen Auftritt. Das ist ein großes Glück, denn sie haben noch so viel von sich erzählen!
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Creator: Claus Tews ,Copyright: Spessart Tourismus und Marketing GmbH, https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/
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Über diese Ausstellung
Diese Ausstellung widmet sich den Naturenzyklopädien als zentralem Medium der Wissensspeicherung. Im Mittelpunkt stehen mit der Durrat al-ġawwāṣ und dem Buch der Natur Werke des Mittelalters. Zugleich wird der Historia Naturalis des Plinius des Älteren auch der Bezug zur Antike hergestellt. Diese drei Texte unterscheiden sich zunächst durch die Sprachen, in denen sie verfasst wurde (Arabisch, Mittelhochdeutsch und Latein), zeigen inhaltlich jedoch viele Gemeinsamkeiten.
Die Vorstellung der Werke wird innerhalb dieser Ausstellung durch Interviews mit Forschenden ergänzt. Darüber hinaus gibt es Einblicke in die Arbeitsweise von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie Texte, die einen spezifischen Sachverhalt näher erleuchten.
Auf diese Weise lädt die Ausstellung dazu ein, die historischen Grundlagen naturwissenschaftlichen Wissens (neu) zu entdecken
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Enzyklopädien – Wissen sammeln von der Antike bis heute
Von Maren Rasch
Die Geschichte und Entwicklung der Enzyklopädien ist ein jahrtausendelanger Prozess der Strukturierung menschlichen Wissens. Schon im antiken Griechenland um 400 v. Chr. existiert die Vorstellung eines geschlossenen Kreises des Wissens, den sich ein gebildeter Mensch aneignen soll (altgriechisch enkýklios paideía). In der römischen Antike entstehen daraufhin erste umfangreiche Werke, wobei insbesondere die Naturalis historia von Plinius dem Älteren als frühe Enzyklopädie über Jahrhunderte hinweg maßgeblichen Einfluss ausübt.
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Im Mittelalter bildet der Kanon der „sieben freien Künste“ das fundamentale Gerüst der Organisation von Wissen. Die sieben freien Künste Grammatik, Rhetorik, Dialektik, Arithmetik, Geometrie, Musik und Astronomie prägen die mittelalterliche Bildung. An Bildungsvorstellungen des antiken Griechenlands angelehnt, finden sich diese Konzepte in umfangreichen Sammelwerken wieder, die sich häufig systematisch nach dem Vorbild einer hierarchischen Baumstruktur ordnen.
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Da die Menge des verfügbaren Wissens wächst und sich immer schwerer in starre systematische Ordnungen fügen lässt, setzt sich ab dem 13. Jahrhundert allmählich die alphabetische Anordnung der Themen durch, ergänzt durch die Einführung von Querverweisen. Mit dem Aufkommen des Buchdrucks in der Frühen Neuzeit verbreitet sich die Enzyklopädie zunehmend.
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Im 18. Jahrhundert, dem Zeitalter der Aufklärung, gilt es, Wissen für die Allgemeinheit zugänglich zu machen. In dieser Epoche entstehen prägende Werke wie Zedlers Universal-Lexicon. Im 19. Jahrhundert gewinnen Konversationslexika wie der Brockhaus an Popularität, da sie sich an die Bedürfnisse des Bürgertums anpassen und Informationen schneller und handlicher liefern.
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Am Ende des 20. Jahrhunderts stoßen Universalenzyklopädien aufgrund der stark zunehmenden Informationsmenge an ihre Grenzen. Das digitale Zeitalter und das Internet eröffnen schließlich neue Formen der einfachen und schnellen Wissenssammlung: Prominente Webseiten wie Wikipedia nutzen heute das World Wide Web, um Informationen in Echtzeit zu aktualisieren, und heben dabei oft auch die Grenzen zwischen Verfassenden und Lesenden auf.
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Das Buch der Natur im Mittelalter
Enzyklopädische Werke spielten im Mittelalter eine zentrale Rolle bei der Ordnung und Vermittlung von Wissen, das als Teil der göttlichen Schöpfung verstanden wurde. Das hier präsentierte Buch der Natur veranschaulicht diesen Anspruch eindrucksvoll, indem es naturkundliches und gelehrtes Wissen systematisch zusammenführt. Es erlaubt einen vertieften Einblick in die mittelalterliche Weltordnung und bildet zugleich eine wichtige Verbindung zwischen antiker Tradition und modernem Wissensverständnis, aber auch der Verbindung zwischen westlichem und östlichem Wissen, einem global geteilten Wissen.
Plinius der Ältere – Ein Leben für die Wissenschaft?
Von Frederic Heselschwerdt
Plinius der Ältere, dessen vollständiger Name Gaius Plinius Secundus Maior lautet, ist einer der wichtigsten römischen Wissenschaftler. Über sein privates Leben ist uns heute bis auf die Tatsache, dass er sein gesamtes Leben unverheiratet und kinderlos blieb, wenig bekannt. Neben seiner schriftstellerischen Arbeit verfolgte Plinius der Ältere auch eine politische und militärische Karriere, welche ihm Ämter in den verschiedensten Teilen des römischen Reiches einbrachten. Die heute noch erhaltenen Informationen über sein Leben verdanken wir zu großen Teilen seinem Neffen, Adoptivsohn und Erben Plinius dem Jüngeren. Unter diese Informationen fällt auch die Erzählung über den Tod des Wissenschaftlers: Plinius der Ältere beobachtete aus wissenschaftlichem Interesse den Ausbruch des Vesuvs im Jahr 79 nach Christus von einem Boot aus. Er erkannte allerdings schnell den Ernst der Lage und beteiligte sich an der Rettung der Zivilbevölkerung. Er verstarb vermutlich an den Folgen einer Rauchvergiftung. Im weitesten Sinne führte sein Wissensdrang also auch seinen Tod herbei.
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Plinius der Ältere
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Plinus dem Jüngeren haben wir es auch zu verdanken, heute eine ausführliche Übersicht über die Werke Plinius des Älteren zu besitzen: Mit den Bella Germaniae und A fine Aufidii Bassi verfasste er ausführliche historische Schriften. Seine Werke behandelten ansonsten überwiegend rhetorische-literaturgeschichtliche Fragen. Leider sind uns diese Werke heute, wenn überhaupt, nur fragmentarisch überliefert.
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Plinius der Ältere – Ein Leben für die Wissenschaft?
Die Historia naturalis, das mit Abstand bekannteste Werk von Plinius dem Älteren, nimmt in seinem Werk eine Sonderstellung ein: Alle 37 Bände sind uns heute in einer Vielzahl von Textzeugen erhalten. Es handelt sich bei der Historia naturalis um ein naturwissenschaftliches Werk, welches auch im auslaufenden 15. Jahrhundert noch relevant war. Sie ist eine gigantische Enzyklopädie, welche etwas 40.000 Gegenstände behandelt und ein riesiges Themenspektrum abdeckt: Kosmologie, Geographie, Anthropologie, Zoologie, Botanik, Meteorologie, Gartenbau, Medizin sowie Mineralogie und bildende Kunst – ein wahrlich interdisziplinäres Werk.
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Historia Naturalis (Druck)
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Plinius der Ältere – Ein Leben für die Wissenschaft?
Plinius selbst schreibt im Vorwort zu seinem Werk, dass er die vielen „Gegenstände […] durch das Lesen von etwa zweitausend Büchern [gesammelt hat] […], aber noch vieles [dazu]gefügt [hat], wovon entweder unsere Vorfahren nichts wussten oder was das Leben erst später ermittelt hat.“ Plinius war also nicht nur sehr belesen und versammelte das Wissen anderer Autoren, er fügte auch eigene Ergänzungen hinzu.
Die Tübinger Plinius-Ausgabe
Die Universitätsbibliothek Tübingen besitzt einen venezianischen Druck der Historia Naturalis, welcher aus dem Jahr 1491 stammt. Dieser befindet sich seit mindestens 400 Jahren im Besitz der Universität Tübingen, was sich anhand Benutzereinträge von Martinus Irschlinger feststellen lässt. Dieser studierte seit 1603 in Tübingen und arbeitete mit dem Werk.
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Ce 518.2 - C. Plinii Secvndi Natvralis historiae (bb8v)
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Der Frühdruck lässt noch deutlich die Verwandtschaft zu Handschriften erkennen: Dort, wo Handschriften große, kunstvolle Initialen zeigen, steht hier nur ein kleiner Buchstabe. Diese Leerstellen sollten von einem Künstler oder vom Käufer selbst ausgestaltet werden. Sie blieben in diesem Exemplar jedoch leer. Bemwerkenswert sind die vielen Randbemerkungen, die sich über das gesamte Werk verteilt, finden lassen – ein Zeichen dafür das intensiv mit dieser Ausgabe gearbeitet wurde. Insgesamt handelt es sich bei der vorliegenden Historia Naturalis um ein schlichtes, aber funktionales Exemplar.
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Ce 518.2 - C. Plinii Secvndi Natvralis historiae (b6v)
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„Die Perle des Tauchers“ - Zauberbuch oder Naturenzyklopädie?
Von Hannes Scheffel
Das vorliegende Werk trägt den Titel „Die Perle des Tauchers“ (Durrat al-ġauwāṣ) und entstand im 14. Jahrhundert. Der Autor heißt al-Ǧildakī. Er stammte vermutlich aus Ägypten und ist vor allem als Alchemist bekannt. Hauptthema der „Perle des Tauchers“ sind die spezifischen Eigenschaften von Dingen: So ist ein Magnet wie andere Objekte schwer und schwarz; er zieht jedoch Eisen an, was kein anderes Objekt kann, das ist seine „spezifische“ Eigenschaft. Diese Eigenschaften sind für magische Handlungen relevant, beispielsweise für das Herstellen von Amuletten. Das Werk teilt sich in zwei Abschnitte mit je sechs Kapiteln: Der erste Teil umfasst Lebewesen wie Menschen oder Fische, der zweite Teil enthält „Unbelebtes“ wie Bäume oder Arzneien. Die „Perle des Tauchers“ ist in vielen Handschriften erhalten, was ihre Bedeutung nochmals hervorhebt.
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Einband Durrat al-ġauwāṣ - Ausgabe Beirut 2012
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Die Edition in dieser Ausstellung stammt aus dem Jahr 2012, die zugrunde liegende Handschrift aus dem Jahr 1766. Der Einband des Buches zeigt u. a. einen schwebenden Mann. Er betont besonders die magischen Abschnitte des Werkes. Magische Eigenschaften von Objekten und geheimes Wissen sind jedoch nur ein untergeordnetes Thema im Gesamtwerk. Somit verschiebt der Einband die Gewichtung. Der Verlag zielt dadurch auf eine neue Kundschaft ab, die besonders an Spiritualität und Magie interessiert ist. So wandelt sich eine mittelalterliche Naturenzyklopädie in moderner Rezeption zu einem Buch über spirituelles Wissen.
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Muhammad Muhammadi
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Muhammad Muhammadi
Ein Interview mit Muhammad Muhammadi über die Durrat al-ġawwāṣ (Die Perle des Tauchers) von al-Ǧildakī
Geführt von Frederic Heselschwerdt
Muhammad Muhammadi ist Islamwissenschaftler und wissenschaftlicher Mitarbeiter des Sonderforschungsbereichs „Andere Ästhetik“ der Universität Tübingen. Er untersucht ästhetische Strategien zur Wissensvermittlung in al-Ǧildakīs Durrat al-ġawwāṣ.
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al-Ǧildakī: Durrat al-ġawwāṣ, Berlin, Staatsbibliothek, Landberg 157 (datiert 1763), fol. 1v (Beginn des Vorworts)
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- Worum geht es in der Durrat al-ġawwāṣ von al-Ǧildakī, wie würdest du das Werk kurz beschreiben?
Die Durrat al-ġawwāṣ ist eine naturwissenschaftliche Enzyklopädie aus dem 14. Jahrhundert. Der Autor ordnet das Werk selbst dem Genre ʿilm al-ḫawāṣṣ, der Wissenschaft von den spezifischen Eigenschaften, zu. Diese Wissenschaft beschäftigt sich mit den Wirkungen und Eigenschaften der Dinge. So beschreibt al-Ǧildakī in seinem Werk die Eigenschaften von Pflanzen, Heilmitteln und Steinen, aber auch von Talismanen, magischen Zeichen und sogar von Buchstaben mit besonderen Kräften.
- Wer war al-Ǧildakī und welche Rolle spielte er in der Wissenslandschaft seiner Zeit (auch in Europa)?
Über al-Ǧildakī zu sprechen ist nicht einfach, da wir sehr wenig über sein Leben wissen. Sicher ist, dass er Alchemist war. Wahrscheinlich stammte er aus Ägypten, manche halten ihn aber auch für einen Iraner. Er ist vor allem durch seine alchemistischen Schriften bekannt. Darüber hinaus wissen wir, dass er viel reiste und Zugang zu Büchern hatte, die heute verloren sind. Das macht seine Rolle besonders wichtig. Seine Hauptbedeutung liegt also in dem Wissen, welches er weitergegeben hat. Einerseits sammelte und vermittelte er das Wissen früherer Gelehrter, andererseits versuchte er in einigen Werken, Wissen einem breiteren Publikum zugänglich zu machen. Das geschah unter anderem durch das Schreiben seiner naturwissenschaftlichen Enzyklopädie, der Durrat al-ġawwāṣ. Dies geschieht in einem größeren historischen Kontext, in welchem das Schreiben von Enzyklopädien in der islamischen Welt – parallel zu ähnlichen Entwicklungen im Europa des 14. Jahrhunderts – verbreitet war. Anders als die Werke anderer Alchemisten sind die al-Ǧildakīs aber nicht ins Lateinische oder in die europäischen Volkssprachen übersetzt worden.
- Wie bist du auf das Werk Durrat al-ġawwāṣ aufmerksam geworden?
Ich bin durch Professorin Regula Forster und Dr. Jan Stellmann auf dieses Werk aufmerksam geworden. Sie haben innerhalb des SFB 1391 Andere Ästhetik ein Forschungsvorhaben entwickelt, in dem zwei mittelalterliche naturwissenschaftliche Enzyklopädien – eine aus dem arabischen und eine aus dem europäischen Raum – vergleichend unter ästhetischen Gesichtspunkten untersucht werden. Eine dieser Enzyklopädien ist die Durrat al-ġawwāṣ, an der ich als Doktorand arbeite. Die andere ist das Buch der Natur von Konrad von Megenberg, zu dem mein Kollege Bastian Böttcher forscht.
- Was bedeutet der Titel des Werks?
Der Titel Durrat al-ġawwāṣ wa-kanz al-iḫtiṣāṣ bedeutet etwa: Die Perle des Tauchers und der Schatz der Auserwählten. Der Autor hat seine Naturenzyklopädie auf einer Metapher aufgebaut. Diese Metapher erklärt er selbst im Vorwort des Buches: Die „Wissenschaft der Eigenschaften“ ist wie ein Meer, die Werke der früheren Gelehrten, auf denen er sein Buch aufgebaut hat, sind wie Muscheln, und das, was der Autor aus diesen Büchern ausgewählt und in sein eigenes Werk aufgenommen hat, ist wie eine Perle. Der Autor ist dabei wie ein Taucher, der diese Perle zu den Auserwählten bringt, die am Ufer des Meeres stehen – eine Metapher für die Leser des Buches.
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Talisman, der größte Name Gottes, Al-Ǧildakī, Durrat al-ġawwāṣ
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- Welche Rolle spielt das Magische im Durrat al-ġawwāṣ?
Das ist ein sehr wichtiger Punkt. Ein heutiger Leser könnte beim Durchblättern des Buches denken, dass es sich um ein Buch über Magie handelt. Man findet darin magische Buchstaben, schützende Talismane und Zahlenquadrate. Aus der Sicht des Autors gehören diese Dinge jedoch nicht zum Übernatürlichen. Für ihn sind auch diese Zeichen und ihre Wirkungen Teil der Natur und werden den Naturwissenschaften zugeordnet.
- Wer las oder nutzte die Durrat al-ġawwāṣ?
Die große Zahl der erhaltenen Handschriften und die enzyklopädische Form des Buches zeigen, dass das Werk vermutlich viele Leser hatte. Das steht allerdings im Gegensatz zur Selbstdarstellung des Autors. In der Einleitung und an vielen Stellen betont er, dass dieses Wissen nur für Auserwählte bestimmt sei. Wahrscheinlich handelt es sich dabei weniger um eine Realität als um eine rhetorische Strategie.
- Unterscheidet sich das Werk von westlichen Naturenzyklopädien?
Ich kenne westliche Enzyklopädien nicht gut genug, um große Unterschiede zu benennen. Was die Gemeinsamkeiten betrifft, kann man aber sagen, dass sowohl die Durrat al-ġawwāṣ als auch das Werk von Konrad von Megenberg in einem aristotelischen Weltbild verankert sind. Aristotelische Ideen lassen sich in beiden Texten deutlich erkennen.
- Wie viele Handschriften des Durrat al-ġawwāṣ sind heute bekannt?
Bis heute sind mehr als 35 Handschriften der Durrat al-ġawwāṣ bekannt. Sie befinden sich heute an verschiedenen Orten der Welt, zum Beispiel in Jerusalem, Islamabad, Teheran, Istanbul, Paris, Berlin, London und Washington.
- Gibt es besondere Versionen?
Leider haben wir bisher die Handschrift des Autors nicht gefunden; sie ist vermutlich verloren. Die vorhandenen Handschriften haben jedoch jeweils interessante Besonderheiten. Einige wurden eindeutig in Nordafrika geschrieben, andere vermutlich zur gleichen Zeit in Iran kopiert. Besonders spannend ist, dass der Text in verschiedenen Regionen fast gleichzeitig abgeschrieben wurde. Sehr auffällig sind außerdem die großen Unterschiede in der Darstellung der Talismane: Obwohl sie inhaltlich dasselbe zeigen sollen, sehen sie in den einzelnen Handschriften oft sehr unterschiedlich aus.
- Welche Herausforderung tritt bei der Arbeit mit Manuskripten auf?
Die größte Herausforderung ist die systematische Ordnung der Handschriften. Die große Zahl der Manuskripte macht eine systematische Gegenüberstellung sehr zeitaufwendig. Hinzu kommt, dass viele Handschriften zahlreiche Fehler oder Beschädigungen enthalten, sodass deren richtige Lesart oft schwer zu bestimmen ist.
- Wie wird das Werk heute wahrgenommen? Was kann man heute noch aus dem Text lernen?
Diese Frage ist Teil unserer aktuellen Forschungsarbeit. Wir versuchen zu zeigen, wie in einem mittelalterlichen naturwissenschaftlichen Text ästhetische Elemente eine Rolle spielen und welche Funktion Ästhetik im Mittelalter überhaupt hatte. Für mich zeigt das Werk vor allem, dass man Ästhetik auch in Texten finden und analysieren kann, die auf den ersten Blick nichts mit Kunst zu tun haben.
- Gibt es einen Bezug des Werkes zu Tübingen?
In Tübingen muss man vor allem Manfred Ullmann und sein Buch "Die Natur- und Geheimwissenschaften im Islam", erwähnen. In verschiedenen Teilen dieses Werkes hat er über al-Ǧildakī und das Buch ad Durra gesprochen, jedoch hat er niemals ein eigenständiges Buch oder einen selbständigen Aufsatz ausschließlich über al-Ǧildakī verfasst. In neuerer Zeit wurde die Forschung zu al-Ǧildakī von Regula Forster mit größerer Konzentration und stärkerem Fokus weitergeführt. Ihre Untersuchungen waren vor allem auf alchemistische Texte im Islam ausgerichtet, was dazu führte, dass sie im Verlauf ihrer Forschung auf al-Ǧildakī stieß. Die Ergebnisse ihrer Bemühungen zu al-Ǧildakī lassen sich in zahlreichen Vorträgen, Konferenzen und Workshops erkennen, in denen sie sich mit ihm befasst hat, sowie insbesondere in dem Artikel, den sie gemeinsam mit Juliana Müller für die "Encyclopaedia of Islam" verfasst hat.
- Wie lange forschst du schon an dem Werk?
Ich arbeite seit zwei Jahren an meiner Dissertation mit dem Titel Die ästhetischen Strategien al-Ǧildakīs in der Durrat al-ġawwāṣ. Bisher sind daraus zwei Artikel und drei Konferenzbeiträge entstanden. Die Dissertation wird voraussichtlich noch etwa ein Jahr dauern. Parallel dazu arbeite ich an einer kritischen Edition des Textes, die ich hoffentlich bald abschließen und veröffentlichen kann.
- Hast du eine Lieblingsstelle in der Durrat al-ġawwāṣ?
Meine Lieblingsstellen sind die Teile, die ich auch in meiner Dissertation analysiere. Besonders interessiert mich jedoch das letzte Kapitel des Buches. Dort präsentiert der Autor eine lange Liste sogenannter magischer Buchstaben und erklärt, wie man Talismane liest und schreibt.
- Wenn Sie al-Ǧildakī eine Frage stellen könnten – welche wäre das?
In einem Interview wurde Jacques Derrida einmal gefragt, welchen Teil aus dem Leben seines Lieblingsphilosophen er in einem Dokumentarfilm sehen möchte. Er antwortete: das Sexualleben. Meine Antwort fällt hier etwas sittlicher aus: Leider wissen wir über al-Ǧildakīs Leben wenig, deshalb würde ich ihn einfach fragen, ob er nun wirklich in Ägypten oder doch in Iran geboren wurde 😊.
Welt – Weisheit – Werk: Konrads Buch der Natur und Bämlers Druckausgabe
Von Lisbeth Ahrend
Mit dem um 1350 entstandenen Buch der Natur schuf Konrad von Megenberg ein Werk, dessen Reichweite und Wirkung in den ca. 150 Jahren nach seiner Entstehung kaum zu überschätzen war. In einer Epoche tiefgreifender gesellschaftlicher, religiöser und epistemischer Umbrüche, in der sich städtische Bildungsräume erweiterten und der Zugang zu Wissen allmählich aus den engen Grenzen lateinischer Gelehrsamkeit heraustrat, reagierte Konrads Buch auf ein wachsendes Bedürfnis nach Ordnung, Erklärung und Vermittlung der Welt. Die außerordentlich dichte Überlieferungslage verleiht dem Werk in der Forschung zu Recht den Rang eines „Bestsellers“ der spätmittelalterlichen Literatur in der Volkssprache: Es lassen sich über 173 Textzeugen nachweisen, darunter 74 vollständig überlieferte Handschriften; ergänzt werden diese durch Fragmente sowie mehrere Drucke aus dem späten 15. und frühen 16. Jahrhundert. Diese Zahlen machen deutlich, dass es sich nicht um ein randständiges Gelehrtenbuch handelt, sondern um ein über Jahrhunderte hinweg rezipiertes, abgeschriebenes, gedrucktes und weiterverarbeitetes Kompendium, das immer wieder an neue historische, mediale und kulturelle Kontexte angepasst wurde.
Das Buch der Natur ist keineswegs als bloße Übersetzung zu verstehen. Zwar bildet der Liber de natura rerum des flämischen Dominikaners und Albertus-Magnus-Schülers Thomas Cantimpratensis die zentrale Grundlage, doch handelt es sich bei Konrads Werk nicht lediglich um eine ins Mittelhochdeutsche übersetzte Übernahme des lateinischen Textes, sondern um eine Bearbeitung, Erweiterung und Neuordnung desselben. Zusätzliche Quellen wie die Etymologien des Isidor von Sevilla, der Canon des Avicenna, das Circa instans sowie der Physiologus und De vegetabilibus des Albertus Magnus werden integriert, miteinander verschränkt und in einen neuen argumentativen Zusammenhang gestellt. Dabei reflektiert Konrad die Überlieferung kritisch, gleicht unterschiedliche Traditionen ab und greift an mehreren Stellen korrigierend oder kommentierend ein. So entsteht ein eigenständiges Werk, das naturkundliches Wissen, theologische Reflexion und moralisch-allegorische Deutung systematisch verbindet und zugleich die Vielschichtigkeit der zugrunde liegenden Wissensbestände sichtbar macht.
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Mikrofiche Der Mensch
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Charakteristisch für Konrads Konzeption ist die enge Verbindung von Natur- und Gotteserkenntnis. Wissen über Tiere, Pflanzen, Steine, Metalle, kosmologische Zusammenhänge und physikalische Phänomene wird nicht als rein empirischer Fakt präsentiert, sondern stets in einen größeren Sinnzusammenhang eingebettet, der auf die göttliche Schöpfungsordnung verweist. Natur erscheint als ein sinnvoll geordneter, bedeutungstragender Bereich, in dem sich das göttliche Wirken offenbart. Damit steht diese Naturauffassung in der augustinischen Tradition, die davon ausgeht, dass Gott sich nicht allein in der Heiligen Schrift, sondern auch in einem zweiten „Buch“, dem Liber naturae („Buch der Natur“), zu erkennen gibt. Naturdinge sind Zeichen göttlicher Wirkmacht; ihre Betrachtung und Deutung vermittelt nicht nur Wissen, sondern dient auch moralischer Orientierung und Gotteserkenntnis. Dieses Prinzip zieht sich durch das gesamte Werk, das bewusst naturkundliche Präzision und ethisch-theologische Reflexion verbindet und den Leser stets sowohl die beobachtbaren Phänomene als auch ihre metaphysische Dimension erfassen lässt.
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Digitalisat Der Mensch
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Der Aufbau des Buches folgt dieser Konzeption konsequent. Ausgangspunkt ist der Mensch, der als Mikrokosmos die gesamte Welt in sich trägt. Auf die Ausführungen zum Menschen folgen Himmel und Planeten – das ptolemäische Weltbild von Saturn, Jupiter, Mars, Sonne, Venus, Merkur und Mond, die sich um die Erde im Zentrum bewegen, bildet den hierarchisch gegliederten Kosmos. Anschließend behandelt Konrad die Tiere von Land, Luft und Wasser, die Pflanzenwelt und schließlich die unbelebte Natur wie Edelsteine, Metalle und wundertätige Brunnen. Diese Reihenfolge spiegelt eine Weltordnung wider, in der der Mensch als vermittelnde Instanz zwischen Himmel und Erde fungiert, und unterstreicht den enzyklopädischen Anspruch, Wissen über Gott, Natur, Geschichte, Medizin und Kosmologie in einer für ein volkssprachliches Publikum zugänglichen Form zu bündeln. Die Gliederung in Bücher und Kapitel unterstützt diese Systematik und dient der didaktischen Vermittlung: Wissen soll nachvollziehbar und memorierbar werden.
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Mikrofiche Register
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Über den Adressatenkreis gibt Konrad selbst nur vage Auskunft, wenn er von seinen gar guot frevnd spricht, die ihn zur Abfassung und Übersetzung ins Deutsche bewegt hätten. Die Forschung geht heute davon aus, dass die frühen Druckausgaben im 15. und 16. Jahrhundert vor allem von lateinunkundigen adligen und patrizischen Laien rezipiert wurden, während illustrierte Handschriften häufiger im klerikalen Umfeld nachweisbar sind. Konrads Werk vermittelt damit bewusst zwischen verschiedenen Wissenskulturen: gelehrter Tradition und volkssprachlicher Aneignung, schulischer Bildung und privater Lektüre, theologischer Reflexion und praktischer Naturkunde.
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Digitalisat Register
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Mit dem Aufkommen des Buchdrucks in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts veränderte sich die Überlieferung des Buchs der Natur grundlegend. Zwischen 1475 und 1499 entstehen sechs Druckausgaben, darunter die erste Ausgabe von Johann Bämler 1475 in Augsburg. Innerhalb weniger Jahre folgen weitere Auflagen, was sowohl die anhaltend hohe Nachfrage als auch das wirtschaftliche Potenzial des Werkes auf dem frühneuzeitlichen Buchmarkt verdeutlicht. Bämlers Druck liegt in einem großzügigen, lesefreundlichen Folioformat von etwa 21 × 29 Zentimetern vor und umfasst 292 Blätter. Die Gestaltung der Ausgabe macht deutlich, dass Bämler nicht nur den Text verbreiten, sondern auch die Lesbarkeit und Orientierung innerhalb des Werkes verbessern wollte.
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Mikrofiche Regenbogen
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Die Druckausgabe unterscheidet sich in mehreren Punkten von der handschriftlichen Überlieferung. So entfällt der Reimprolog und -epilog der Handschriften, während das Kapitelregister in ein neues Register mit zwölf Kapiteln überführt wird, das den Stoff besser strukturiert und leichter zugänglich macht. Bämler kennzeichnet in der Einleitung bewusst beide Zählweisen, indem er von „Capitel oder Stuck“ spricht, sodass Leser die historische Textgliederung neben der neuen Druckgliederung nachvollziehen können.
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Digitalisat Regenbogen
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Ein zentrales Gestaltungsmittel sind die zwölf Holzschnitte, die jeweils den Beginn eines Kapitels markieren. Sie erfüllen eine doppelte Funktion: Sie strukturieren den Text visuell und dienen zugleich als Orientierungshilfe in einem Druck, der auf durchgehende Paginierung verzichtet. Die rechteckigen Felder der Holzschnitte nehmen exakt die Höhe des gegenüberliegenden Textblocks ein, wodurch eine harmonische Balance zwischen Text und Bild entsteht. Ergänzt werden die Holzschnitte durch rubrizierte Initialen in kräftigem Rot, die die Kapitelanfänge auf einen Blick erkennbar machen und die Gliederung des Werkes zusätzlich verdeutlichen.
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Digitalisat Der Mensch
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Digitalisat Register
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Zugleich zeigt Bämlers Ausgabe, wie der Druck als Medium die Leserschaft beeinflusst. Durch die gezielte visuelle Strukturierung erleichtert Bämler nicht nur die Orientierung, sondern verstärkt auch die didaktische Wirkung des Werkes: Leser werden Schritt für Schritt durch die Inhalte geführt, die Kombination von Text und Bild erleichtert das Verständnis komplexer naturkundlicher Zusammenhänge, und die Aufbereitung in Kapitel, Register und Holzschnitte erzeugt ein Gefühl geordneter Wissensvermittlung. Diese Gestaltung macht deutlich, dass das Werk nicht nur als Text, sondern als umfassendes, visuell und inhaltlich strukturiertes Wissenskompendium konzipiert war, das sich flexibel an verschiedene Lesergruppen anpassen ließ: von gelehrten Lesern über städtische Laien bis hin zu adligen Rezipienten.
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Mikrofiche Regenbogen
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Mikrofiche Register
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Mikrofiche Der Mensch
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Mikrofiches
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Über die Arbeit mit Mikrofiches
Von Lisbeth Ahrend
Ein besonders anschauliches Beispiel dafür, wie die Auseinandersetzung mit mittelalterlichen Texten methodische Kompetenzen vermittelt, bietet die Arbeit mit der Mikrofiche-Version der Erstausgabe Bämlers von 1475. Schon beim Blick in das Buch der Natur wird deutlich, wie sehr Überlieferung und mediale Form die Art und Weise prägen, wie ein Text verstanden wird. Ein Mikrofiche macht diese Dimension erfahrbar: Die stark verkleinerten Seiten, das eingeschränkte Sichtfeld auf Rubrizierungen, Initialen und Holzschnitte sowie das fragmentierte Blättern zeigen direkt die Distanz zwischen der originalen Druckausgabe und moderner Rezeption.
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Für mich persönlich war die Arbeit mit Mikrofiches anfangs ungewohnt und teilweise mühsam. Das Lesen der stark verkleinerten Seiten erforderte hohe Konzentration, die Orientierung im Text war langsamer und vieles, zum Beispiel farbige Initialen oder Details der Holzschnitte, ließ sich nur eingeschränkt wahrnehmen. So konnte ich zum Beispiel beim Betrachten einzelner Initialen ausmachen, dass manche vermutlich aus Geld- und Zeitgründen nicht so auffällig farbig unterlegt und verziert waren wie andere; die genauen Unterschiede ließen sich allerdings nicht erkennen, da die Abbildungen nur schwarzweiß sind und zudem nur ein Teil des Drucks auf dem Mikrofiche abgebildet ist. Mögliche Unterschiede in der Ausgestaltung des Textes lassen sich also nicht in Gänze vergleichen. Gleichzeitig hat genau diese Einschränkung dazu geführt, ein viel genaueres Bewusstsein dafür zu entwickeln, wie das Buch ursprünglich aufgebaut ist und welche Rolle paratextuelle Elemente wie Register oder Illustrationen für die Orientierung spielten. Es war eine entschleunigte, sehr präzise Form des Lesens, die bei digitalen oder gedruckten Ausgaben kaum möglich ist.
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Auffällig war zudem, dass ich zu Beginn des Mikrofiche-Films einige wenige Abbildungen eines lateinischen eucharistisch-theologischen Textes erkennen konnte, die auf den ersten Blick nicht zum deutschen Bämler-Druck zu gehören schienen. Diese Beobachtung war zunächst irritierend und machte deutlich, wie wichtig eine kritische Auseinandersetzung mit dem jeweiligen Überlieferungsmedium ist. Es lässt sich vermuten, dass es sich um einen Fehler der Mikrofiche-Edition handelt. Das physische Exemplar, von dem der Mikrofiche angefertigt wurde, weist den gleichen Umfang auf wie andere überlieferte Exemplare des Drucks, sodass der lateinische Text nicht als Bestandteil des Bämler-Drucks anzusehen ist, sondern vermutlich versehentlich mitverfilmt wurde. Gerade diese Unstimmigkeit macht deutlich, dass auch Mikrofiche selbst kritisch als mediale und editorische Produkte zu hinterfragen sind.
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Die Mikrofiche-Arbeit zeigt außerdem, dass mittelalterliche Texte nicht nur aus Worten bestehen, sondern dass ihre Materialität, ihr Layout und ihre visuellen Elemente zentrale Bestandteile der Informationsvermittlung sind. Korrekturen, Randbemerkungen oder Varianten in einzelnen Exemplaren werden dadurch dauerhaft sichtbar, ohne zu verblassen oder anderweitig beschädigt zu werden, und machen die Überlieferungsgeschichte greifbar. Für das Germanistikstudium bedeutet das, dass nicht nur der Inhalt eines Textes analysiert wird, sondern auch seine Form, seine Entstehung und die Bedingungen seiner Rezeption verstanden werden.
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Insgesamt hat mir die Arbeit auf Mikrofiche gezeigt, dass solche formalen Einschränkungen kein Nachteil, sondern eine Chance sein können. Sie zwingen dazu, genau hinzuschauen, den Text aktiv zu erschließen und sich bewusst mit der Struktur und den Besonderheiten eines historischen Werkes auseinanderzusetzen. Gerade für Studierende, die lernen sollen, kritisch und reflektiert mit Texten umzugehen, ist dies eine wertvolle Erfahrung. Sie verbindet die Analyse von Sprache, Inhalt und Wissensstruktur mit einer praktischen Auseinandersetzung mit der materiellen Überlieferung – Kompetenzen, die auch heute noch zentral für das Germanistikstudium sind.
Ein Wissenswunder des Mittelalters – und ein Problemfall der Moderne
Von Maren Rasch und Sara Jemina Van Rompaey
Konrad von Megenbergs Buch der Natur (um 1350) zählt mit über 150 überlieferten Handschriften zu den erfolgreichsten Enzyklopädien des Mittelalters. Es erschließt die gesamte Schöpfung – von Mensch und Tier bis zu den „wunderlichen Leuten“ ferner Länder.
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Konrad von Megenberg: Hye nach volget das puch der natur, Druck Hans Bämler
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Franz Pfeiffer machte das Werk 1861 erstmals in moderner Form zugänglich. Er stützte sich auf die Münchner Handschrift und erläuterte in einer ausführlichen Einleitung die Wahl und Bedeutung der Handschrift, die er wegen ihrer Vollständigkeit, sprachlichen Klarheit und geschlossenen Überlieferung auswählte. Pfeiffer betrachtete sie als besonders zuverlässig und dem ursprünglichen Text nahe stehend. Damit folgte er dem philologischen Ideal des 19. Jahrhunderts, einen möglichst einheitlichen und autorennahen Text zu rekonstruieren. Dadurch rückt die Quelle klar in den Mittelpunkt der Edition.
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Franz Pfeiffer - Das Buch der Natur (1861)
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Robert Luff und Georg Steer nutzen ebenfalls die Münchner Handschrift als Leithandschrift, liefern jedoch keine Angabe zur Orientierung an den oder der Arbeit mit den Handschriften, kein Register und keine einleitende Erläuterung. Diese Unterschiede machen deutlich, wie schwierig es bleibt, mittelalterliche Texte für die Gegenwart lesbar zu machen, und dass jede Edition nur eine Annäherung an die ursprüngliche Überlieferung darstellt, geprägt von editorischen Entscheidungen, methodischen Prämissen und dem jeweiligen wissenschaftlichen Anspruch ihrer Zeit.
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BSB Cgm 38 - Konrad, von Megenberg: Buch der Natur
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„Wunderliche Leute“ – Zwischen Weltbild und enzyklopädischem Wissen
Von Sara Jemina Van Rompaey
In seinem Buch der Natur ordnet Konrad von Megenberg die gesamte Schöpfung. Neben dem Wissen zu Tieren, Pflanzen und dem Menschen tauchen auch die „wunderlichen Leute“ auf. Sie werden an den Rändern der bekannten Welt verortet. Zu ihnen zählen z.B. Riesen und Kleinwüchsige, Kentauren und Kannibalen, Hundsköpfige und Einäugige oder Amazonen. Für Konrad von Megenberg sind diese Wesen keine Fantasiegestalten, sondern „mirabilia“ – außergewöhnliche, aber natürliche Phänomene. Er erklärt sie durch Ursachen wie den Einfluss der Sterne oder Störungen bei der Zeugung.
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Cgm 38 - Konrad, von Megenberg: Buch der Natur
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Aus heutiger Perspektive ist dieses Ordnungssystem befremdlich, nicht zuletzt problematisch. Konrad unterscheidet zwischen körperlichen Abweichungen und fremden Sitten wie Kannibalismus. Durch diese Kategorisierung koppelt er die physische Erscheinung direkt an den sozialen und moralischen Wert eines Wesens. Dieser Wissensbestand etablierte also eine biokulturelle Logik der Differenz: Ein „anderer“ Körper galt zugleich als Zeichen für moralische oder gesellschaftliche Minderwertigkeit. Besonders kritisch war die mittelalterliche Debatte über die Zugehörigkeit zur Menschheit. Während der Kirchenvater Augustinus noch betonte, dass alle Menschen von Adam abstammen, stuften die späteren Scholastiker bestimmte Gruppen als vernunftlos ein und sprachen diesen die Menschlichkeit ab. Solche Ideen zur „somatischen Reproduktion von Differenz“ konnten durch späteres Rassendenken wieder aufgegriffen werden, weil sie kulturelle Identität an die biologische Abstammung banden.
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2 Inc.c.a. 347 - Konrad, von Megenberg: Hye nach volget das puch der natur (284v)
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Ein Interview mit Bastian Böttcher über das Buch der Natur von Konrad von Megenberg.
Geführt von Frederic Heselschwerdt
Bastian Böttcher ist Germanist und wissenschaftlicher Mitarbeiter des Sonderforschungsbereichs „Andere Ästhetik“ der Universität Tübingen und untersucht das ästhetische Potenzial von Konrads von Megenberg Buch der Natur.
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Bild während des Interviews, privat
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Frederic Heselschwerdt
- Zunächst einmal: Was ist das Buch der Natur eigentlich? Worum geht es darin?
Das Buch der Natur von Konrad von Megenberg ist eine Enzyklopädie. Unter einer Enzyklopädie verstehen wir – mit Christel Meier – ein Weltbuch und zugleich einen Bibliotheksersatz, das heißt: ein großes Buch, in dem unser Wissen über die natürlichen Dinge, von der Seele bis zum Aal, alles gesammelt, beschrieben und geordnet wird. Im Falle von Konrads Naturbuch handelt es sich um die Übersetzung einer mittellateinischen Enzyklopädie von Thomas von Cantimpré, eines Schülers des Albertus Magnus. Es ist allerdings nicht nur eine Übersetzung, sondern auch eine Bearbeitung. Konrad übersetzt größtenteils, fügt aber auch immer wieder einzelne Textteile hinzu. Diese Textteile kompiliert er entweder aus anderen Texten oder schreibt sie selbst, das Kapitel über Erdbeben etwa. Heraus kommt dabei eine neue eigenständige Enzyklopädie.
- Und wer war Konrad von Megenberg? War er eher ein Übersetzer oder ein Wissenschaftler? Und was hat er selbst mit Natur zu tun?
Wir sprechen in diesem Zeitraum noch nicht von Naturwissenschaft, denn es ist noch nicht ausgebildet, was wir heute zur Bedingung von Wissenschaft machen. Es gibt noch keine streng methodische Wahrheitsfindung im heutigen Sinne. Konrad von Megenberg ist aus unserer Sicht natürlich zunächst ein Theologe, er studiert an den Universitäten in Erfurt und Paris. Und er ist sehr gut vertraut mit den Schriften von Albertus Magnus, die einen proto-empirischen Ansatz erkennen lassen. Dies deutet bereits auf das voraus, was wir später Wissenschaft nennen werden. Da sind einzelne, allerdings nicht methodisch kontrollierte Erfahrungsberichte eingebunden, die sich auch bei Konrad von Megenberg wiederfinden. Wir würden Konrad daher als einen Naturkundler begreifen, auch wenn dieser Begriff irreführend ist, da es sich nicht um jemand handelt, der in der Natur umherwandelt und systematisch verzeichnet. Wir haben viel mehr mit jemandem zu tun, der Texte über Natur und natürliche Phänomene liest und weiterverarbeitet. Und das alles unter dem ideologischen Oberbau des Christentums, versteht sich.
- Nun eine etwas persönlichere Frage: Wie bist du zum Buch der Natur gekommen und was fasziniert dich an diesem Text?
Ich bin über den Sonderforschungsbereich „Andere Ästhetik“ zum Buch der Natur gekommen. Was mich daran fasziniert ist, dass es sich um eine große Abfolge von kleinen Prosaminiaturen handelt, die ein Netzwerk bilden: Innerhalb des Textes und mit anderen Texten. Man kann sich das wie Pipelines vorstellen, in denen Wissen transportiert wird: Die immer wieder neu übersetzten und komplimentierten Texten bilden so zusammen ein Netzwerk. Es ist interessant zu sehen, was sich dann über die Zeit verändert, wenn man Konrad von Megenberg neben Thomas von Cantimpré, Isidor von Sevilla, Ambrosius oder Plinius den Älteren stellt. Wie Wissen immer wieder umgefüllt wird, variiert wird, ergänzt wird und sich Traditionslinien herausbilden, die bis zu uns heute weiterlaufen.
- Sie haben gerade auch Plinius den Älteren angesprochen, dessen Historia Naturalis auch Teil unserer Ausstellung ist. Welche Verbindung besteht hier zu Konrad von Megenberg?
Wir betrachten seinen riesigen Text als Prototyp der Naturenzyklopädie. Er wird von Konrad häufig zitiert. Ohne die Historia Naturalis hätte es Konrads Naturbuch so nicht gegeben.
- Gibt es besonders ausführlich behandelte oder gar überraschende Themen in Konrad von Megensbergs Werk?
Die dominanteste Eigenschaft dieses Textes ist vielmehr, dass er in die Breite geht. Verblüffend ist dabei eher, dass manche Sachen zwar abgehandelt werden, aber relativ kurz kommen. Es geht Konrad nicht um Ausführlichkeit, sondern um Vollständigkeit.
Eine durchgängige Tendenz innerhalb des Werkes ist die Vermehrung von Allegoresen, wobei er die Gegenstände, die Pflanzen und vor allen Dingen die Tiere, die er beschreibt, christlich auslegt werden – die Goldwolle zum Beispiel steht für Maria. Was dabei wiederum interessant ist, ist, dass er – zum Beispiel bei der Nachtigall – Allegoresen hinzusetzt, die in seinem Vorlagentext gekürzt wurden. Das heißt, er setzt Sachen hinzu, die ein früherer Redaktor weggenommen hat.
Auch hat er manchmal Zuordnungsprobleme und es kommt dann zu Verwechslungen. Beim „Alches-Tier“ zum Beispiel kommt Konrad durcheinander. Ist das nun ein Rentier? Ein Elch? Ein Hirsch? Diese Verwirrung führt dazu, dass er nicht mehr schreibt, als dass das Tier rückwärts auf die Weide geht. In der Edition von Luff & Steer lautet es: Alches ist ein tier, sam Plinius spricht vnd auch Solinus, daz hinder sich get, wanne ez sein waid suchet an den chrautern. Interessanterweise lässt es sich bis Plinius zurückverfolgen, wie es zu dieser merkwürdigen Beschreibung gekommen ist.
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Inhaltsverzeichnis, Frankfurter Ausgabe, Ms Carm. 1
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- Wie wichtig war das Buch der Natur im Mittelalter? Wie weit war es verbreitet? Wer hatte Zugang zu diesem Werk?
Es war weit verbreitet, wir haben um die 133 Handschriften. Besonders verbreitet war es im süddeutschen Raum. Das hat vermutlich auch mit der Verbreitung der Vorlage des Thomas von Cantimpré zu tun. Die Analyse der Textträgerverbreitung zeigt nämlich, dass die großen Enzyklopädien des Vinzenz von Beauvais, Bartholomäus Anglicus und Thomas von Cantimpré jeweils in verschiedenen Gebieten dominierten. Das lässt sich leicht plausibilisieren: Wenn man bereits das Speculum maius in den Beständen führt, ist die Anschaffung, wenn nicht Herstellung von Thomas‘ Naturbuch nicht so dringend nötig.
Wir wissen nicht genau, wer das Werk gelesen hat. Klar ist, es wurde im geistlichen Milieu gelesen, denn wir finden das Werk in Klosterbibliotheken. Es gibt Handschriften, die lateinische Marginalien enthalten. Das ist interessant, weil es unser Verständnis von geistlicher und Laienbildung herausfordert. Konrad selbst sagt, er schreibt sein Werk für seine Freunde. Wen genau er damit meint, sagt er nicht, und das haben wir bisher auch nicht klären können. Wer brauchte eine deutschsprachige Enzyklopädie in dieser Zeit? Schüler? An den höheren Schulen war es sogar verboten, auf Deutsch zu unterrichten oder deutsche Texte zu lesen. Also Geistliche mit schwachen Lateinkenntnissen? Laienbrüder? Bürger? Vor allem wohl Adlige mit Wissensdurst. Es gibt viele Hypothesen.
- Was sagt das Werk über das Weltbild und den Wissensstand des 14. Jahrhunderts aus?
Hier zeigt sich vor allem, dass sich zu dieser Zeit etwas ändert. Ein Gemssprung: Proto-empirische Tendenzen erstarken gewissermaßen unter der Ägide von Albertus Magnus. Ich sage ‚proto-empirisch‘, da es sich noch nicht zu einer Methode mit Kontrollgruppen, Widerholbarkeit und einem eindeutigen Versuchsaufbau entwickelt – und dennoch haben wir mit Albertus Magnus jemanden, der das Empirische stark aufwertet oder mindestens funktionalisiert. Dieser Ansatz macht Schule, wie man auch bei den Kollegen und Nachfolgern von Albertus Magnus sehen kann, also bei Thomas von Cantimpré und Konrad von Megenberg.
Besonders interessant ist diese Entwicklung im Bereich der Enzyklopädien und des Kompilierens. Schwierigkeiten entstehen an den Stellen, an denen sich Autoritäten widersprechen, sodass Kompilatoren wie Konrad von Megenberg unter Entscheidungs- oder Handlungsdruck kommen. Es gibt verschiedene Methoden damit umzugehen: Entweder man stellt diese unvereinbaren Lehrmeinungen nebeneinander, lässt welche weg oder man versucht, sie durch Umdeutung, Spezifikation und Einschränkungen in Einklang zu bringen. Bei Albertus Magnus, Thomas von Cantimpré und Konrad von Megenberg kommt dieses empirische Moment hinzu. Sie sagen: „Auf Grundlage meiner eigenen Erfahrung kann ich dies nur so oder so einordnen“ und erweitern so den Spielraum des Wissensmanagements.
- Wie viele Handschriften oder frühe Drucke des Buchs der Natur sind heute bekannt und wie unterscheiden diese sich? Gibt es besondere Versionen?
Bekannt sind heute 133 handschriftliche Überlieferungsträger, das ist sehr viel. Dazu kommt eine Reihe von Drucken. Das heißt, es handelt sich beim Buch der Natur um einen weit rezipierten Text und das nicht nur kurzfristig. Konrad verfertigt sein Werk Mitte des 14. Jahrhundert und wir haben bis in die Inkunabelzeit, also bis zum Ende des 15. Jahrhunderts, Überlieferungen – sogar Drucke. Das heißt, das Werk war sehr gefragt.
Es gibt verschiedenste Ausgaben, darunter auch Prachtausgaben, die sehr groß sind und mit aufwendigen Illustrationen versehen ist. Die Frankfurter Handschrift ist hierfür das beste Beispiel. Meine Kollegin Talea Kreienbrock sagt, dass man sich die Benutzung dieses Buches wie eine Art Lesekino vorstellen kann. Alle versammeln sich um das großformatige Buch und betrachten gemeinsam die prächtigen Illustrationen.
Gleichzeitig gibt es verschiedenste einfache und kleinere Handschriften. Es war unglaublich aufwendig, diese Bücher herzustellen. Das erklärt auch die kompakten Handschriften und die Kürzungen in den Redaktionen.
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Initiale (3r)
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- Wie arbeitet man mit mittelalterlichen Handschriften und Drucken?
Um ganz ehrlich zu sein: Wir arbeiten vor allen Dingen mit den Digitalisaten, da die Originale so kostbar sind, nicht so oft ans Licht geholt und bewegt werden sollen. Dies bedeutet, dass wir uns die Digitalisate zunächst besorgen müssen. Hierfür müssen wir Verzeichnisse darüber anlegen, wo die Handschriften liegen und gegebenenfalls veranlassen, dass sie digitalisiert werden. Der Text von Konrad liegt bereits in zwei Editionen vor und wir können dann sehen, welche Handschriften dafür berücksichtigt wurden. Es gibt zum Beispiel Konrad-Handschriften, bei denen der Hase seine Haken bergauf schlägt und in einer anderen Handschrift schlägt er seine Haken bergab. Wir entscheiden dann: Sind das sinnerhebliche oder -unerhebliche Unterschiede? Hat der Schreiber einen Fehler gemacht? Oder hat ein Redaktor bewusst eingegriffen? Anschließend machen wir diese Unterschiede für unsere Forschungen fruchtbar.
Im Falle Konrads gibt es ganze Bücher über die Illustrationen, die sich in den verschiedenen Handschriften finden. Dort werden Text-Bild-Verhältnisse betrachtet: Gibt es zusätzliche oder widersprüchliche Informationen, die das Bild bereitstellt? Gleichzeitig helfen die Bilder bei der Einordnung des Gebrauchszusammenhangs, denn wir wissen nicht genau, für was Konrads Werk verwendet wurde: als Predigerhandbuch oder als allgemeines Nachschlagewerk? Potenzial bietet es allemal für beides. Von den Handschriften lassen sich also Rückschlüsse auf den Raum und das Milieu ziehen, in dem die Werke gelesen wurden. Das Lesekino der Frankfurter Handschrift wäre jedenfalls nur etwas für Wohlhabende gewesen.
- Was können wir heute noch aus dem Buch der Natur lernen?
Zunächst handelt es sich bei dem Buch der Natur aus kulturwissenschaftlicher Sicht um ein wichtiges Dokument. Wenn man die Kategorie der Alterität ernst nimmt, haben wir es im Mittelalter mit anderen Weltbildern zu tun. Den Niederschlag dieser Weltbilder kann man an wenigen Texten so gut ersehen wie an Konrads von Megenberg Buch der Natur – das liegt in der Natur der Enzyklopädie als Weltbuch.
Als Nachschlagewerk für den täglichen Bedarf eignet sich Konrads Buch heute freilich nicht mehr. Die eigentliche Lektion, die wir heute noch aus dem Buch ziehen können, ist eine andere, und sie ist erschütternd: Wenn wir die mittelalterlichen Texte lesen, dann laufen wir Gefahr diese Menschen dafür zu belächeln, dass sie Wissen aus der Antike unkritisch übernehmen – etwa, dass aus einem in Wasser eingelegten Pferdehaar ein Wurm hervorwächst. Wir sind uns sicher, dass daraus kein Wurm wächst und haben gleichzeitig nie ein Pferdehaar in Wasser gelegt. Was wir also wirklich lernen können, ist ‚Vorsicht‘ mit solchen Urteilen. Denn auf welchen Füßen steht eigentlich unser eigenes Weltverständnis?
- Wie unterscheidet sich die mittelalterliche Naturbeschreibung beziehungsweise das Weltverständnis von der modernen Naturwissenschaft?
Der große Unterschied ist der Vorzug, den die Tradition der Naturbeschreibung gegenüber der Naturanschauung genießt. Eine gute Beschreibung von Naturphänomenen zeichnet sich im Mittelalter dadurch aus, dass sie sich mit den Beschreibungen von Autoritäten wie Aristoteles, Plinius oder Ambrosius deckt und im Rahmen des christlichen Welt- und Heilsverständnisses Sinn ergibt. Welt und Natur werden hier als gottgeschaffen begriffen. Heute hingegen verlangen wir eine möglichst präzise und teilnahmslose Beschreibung natürlicher Phänomene.
- Gibt es Stellen, die heute besonders kurios oder amüsant wirken?
Wir raufen uns allenthalben die Haare über die Beschreibungen, die uns bei Konrad begegnen. Da gibt es allen Ernstes Stellen über Wundertiere wie beispielsweise Einhorn, Drache, Phönix. Manche überraschen, da sie gar nicht so beschrieben werden, wie wir es erwarten würden. Das Einhorn als klein, schwarz und ziegenartig, während der Drache mit einem winzigen Kopf und ohne die Fähigkeit, Feuer zu speien, beschrieben wird. Der Phönix wiederum wird überblendet mit der Flucht der Heiligen Familie nach Ägypten und verbrennt sich selbst über einem jüdischen Altar. Im Prinzip zeigt der Phönix also die Verbindung verschiedener Religionen: Der ägyptische Benuvogel fliegt über Christus hinweg in einen jüdischen Tempel.
Andere Merkwürdigkeiten finden sich bei den Fischen wie zum Beispiel bei der Goldwolle. Davon sagt Ambrosius, dass sie eine der Kostbarkeiten sei, die das Meer birgt. Er hält das Glitzern auf dem Wasser für einen Fisch.
Was eigentlich schockierend ist, ist die Einleitung zum Meereswunderkapitel, wo Konrad über das Wunderliche reflektiert und sagt: Das eigentliche Wunder, das uns erstaunen macht, sind wir selbst – wir müssen gar nicht im Meer suchen. An dieser Stelle wird es also auch abgründig und man kommt ins Nachdenken und Grübeln darüber, welchen Status die Glaubensgewissheit für die Menschen des Mittelalters hatte. Gerade für jemanden, der bereits proto-empirisch arbeitete.
- Gibt es einen Bezug des Werkes zu Tübingen?
Die Edition des Buchs der Natur von Luff & Steer wurde hier in Tübingen vom heute nicht mehr existierenden Niemeyer-Verlag herausgegeben. Aktuell versucht unser hiesiges Forschungsprojekt eine kleine Forschungszentrale für Konrads Naturbuch zu sein.
- Wie lange forscht du schon an dem Werk? Wie viel wurde allgemein schon an dem Werk geforscht?
Es liegen über 200 Forschungsbeiträge zum Buch der Natur vor und es kommen laufend welche hinzu, es ist also ein sehr gut untersuchtes Buch. Dies hängt auch damit zusammen, dass es eine der ersten deutschen und vor allem die prominenteste dieser frühen volkssprachigen Enzyklopädien ist.
Ich forsche seit April 2024 daran. Da Wissenschaft immer rekursiv arbeitet, bin ich immerfort dabei, all diese Beiträge zu sichten und dann eine Positionierung vorzunehmen. Man konnte lange nicht einschätzen, wie viel Konrad selbst zu seinem Werk beigetragen hat, erst später wurde klar, dass dieser Teil kleiner ist als zunächst angenommen. Hierdurch kann die Spezifik dieser Eingriffe und vor allen Dingen die besondere Qualität der Textverarbeitung herausgestellt werden. Dies ist ein Gebiet, das wir uns ganz besonders genau anschauen.
- Welches ist deine Lieblingsstelle/Lieblingskapitel?
Die Hyäne. Sie steht als Sinnbild der Wiederverwendung genau für den angesprochenen Bereich der Textverarbeitung, mit der wir uns ausführlich beschäftigen.
[In der Übersetzung von Gerhard Sollbach :]
„(H)IENA kann man auf deutsch ein Grabtier nennen, denn das Tier wohnt, wie sowohl Plinius als auch Solinus sagen, in den Gräbern verstorbener Menschen […]. Es geht in den Fußstapfen eines jeden Tieres, das es fangen will. […] Es ist so groß wie ein Wolf und hat am Hals hartes Haar wie ein Pferd und hat einen sehr harten Rücken, wie Plinius sagt. Aristoteles und Jacobus sagen, daß es in die Pferdeställe geht und die Namen und die Stimme der Menschen lernt, und zwar zu dem Zweck, den Menschen durch regelrechte Täuschung bei seinem Namen zu sich zu rufen und ihn dann zu töten.“
- Wenn sie Konrad von Megenberg eine Frage stellen könnten, welche wäre das?
Wollen wir mal draußen spazieren gehen?
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Lorenz Leins
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Ma VI 242 - Kitab Taqwim al-abdan
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Bagdad – Salerno – Tübingen - Stationen einer kosmopolitischen Heilkunst
Von Jessica Rischer und Eva Pauschel
Die arabischen Mediziner des Mittelalter kannten griechische medizinische Texte viel früher als ihre lateinisch sprechenden Kollegen in Europa. Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass eines der ersten medizinischen Handbücher aus dieser Region, genauer aus Bagdad, stammt. Das „Buch über die Ordnung der Körper“ (Kitāb Taqwīm al-ab-dān) entstand im 11. Jahrhundert. Es zählt zu denjenigen arabischen Texten, auf denen spätere europäische Werke teilweise aufbauten. Auch das auf Latein in Versen geschriebene Werk „Gesundheitsregeln aus Salerno“ (Regimen sanitatis Salernitanum) enthält medizinische Ratschläge mehrerer Gelehrter, die angeblich im 12. Jahrhundert in der Medizinschule von Salerno wirkten. Wie das arabische Handbuch ist es für die Praxis gedacht. Unterschiedliche Autoren haben den lateinischen Text im Lauf der Zeit immer wieder kommentiert und in mehrere Volkssprachen übersetzt. Daraus entstanden verschiedene Versionen des Textes.
Der Text zeigt auch medizinischen Laien, wie sie durch die Beachtung von sechs Aspekten, den sogenannten „sechs nicht natürlichen Dingen“ (sex res non naturales), gesund bleiben können. Die Menschen sollen auf die Ausgewogenheit von Nahrung (1), Luft (2), Ruhe und Bewegung (3), Schlafen und Wachen (4), Ausscheidungen (5) und Gemütszustand (6) achten. Unter den hier ausgestellten Werken finden sich „Gesundheitsregeln“ in deutscher und eine in lateinischer Sprache. Die beiden Werke stammen von verschiedenen Autoren und enthalten erklärende Kommentare.
Regimen sanitatis Salernitanum
Von Jessica Rischer und Eva Pauschel
Das Regimen sanitatis Salernitanum ist eines der bekanntesten und bedeutendsten medizinischen Lehrwerke des europäischen Mittelalters. Es entstand im Umfeld der Medizinschule von Salerno und verbreitete medizinisches Wissen in einer leicht memorierbaren Form: gereimte lateinische Verse mit praktischen Anweisungen zur täglichen Lebensführung. Die Versform verdichtet das Wissen in wenigen Zeilen und führt dazu, dass die einzelnen Strophen leicht einzuprägen sind. Zu den einzelnen Versen gab es unterschiedlich lange Kommentare und Erläuterungen von Gelehrten. Ziel des Werkes ist nicht die Behandlung akuter Krankheiten, sondern vor allem die Erhaltung der Gesundheit durch richtiges Verhalten im Alltag.
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Jc 79 - Regimen sanitatis (24v/25r)
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Zentral hierfür ist die Lehre der sex res non naturales, den „sechs nicht natürlichen Dingen“. Darunter verstand man die Verhaltensweisen des Menschen, die nicht angeboren und unveränderlich, sondern steuerbar sind, und Umweltbedingungen, welche auf den Körper einwirken und deshalb bewusst reguliert werden können. Gerade diese Beeinflussbarkeit machte sie in der mittelalterlichen Medizin zu einem entscheidenden Instrument der Prävention, das nicht nur für Mediziner, sondern für Laien wichtig ist.
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Jc 79 - Regimen sanitatis (24v/25r)
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Medizinschule von Salerno
Von Jessica Rischer und Eva Pauschel
Die Medizinschule von Salerno gilt als Geburtsstätte der europäischen Hochschulmedizin. Sie wurde 1057 unter dem Namen „Civitas Hippocratica“ gegründet. Laut eines Gründungsmythos kamen vier Reisende mit Wissen aus der griechischen, arabischen, jüdischen sowie der westlich-lateinischen Medizin in Salerno zusammen und vereinten ihr Wissen. Aus diesem Zusammentreffen soll die salernitanische Medizinschule hervorgegangen sein. Dank der salernitanischen Medizinschule bekam die Medizin in Europa wieder einen Aufschwung. Dieser wurde vor allem durch medizinische Schriften verbreitet. Auch im Tübinger Exemplar des lateinischen Regimen sanitatis findet sich direkt zu Beginn ein Verweis auf die Medizinschule in Salerno, wie auf der abgebildeten Seite zu sehen ist.
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Jc 79 - Regimen sanitatis (2r)
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In der historischen Entwicklung Salernos lassen sich drei Phasen erkennen: Frühsalerno, Hochsalerno und Spätsalerno. Aus der Zeit des Frühsalerno, welches bis Ende des 11. Jahrhunderts ging, sind nur wenige Autorennamen bekannt. In dieser Phase wurde überwiegend antikes medizinisches Wissen erhalten, Rezepte gesammelt und einfache Leitfäden von Krankheitserkenntnisse aufbewahrt.
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Jc 79 - Regimen sanitatis (26v/27r)
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Mit Constantinus Africanus (1020–1087) begann die Phase des Hochsalerno. Der in Karthago Geborene genoss seine Ausbildung in Bagdad und kam 1065 als Kaufmann, Heilmittelhändler und Wanderarzt nach Salerno. Aufgrund seiner Reisen brachte er eine umfangreiche Sammlung von medizinischen Schriften mit. Er konnte Arabisch, Griechisch und Latein. Deshalb konnte er zahlreiche arabische und griechische Texte ins Lateinische übersetzen. Daraus entstand eine Lehrsammlung der wichtigsten medizinischen Schriften dieser Zeit. Durch die lateinische Sprache waren die Texte für ein breiteres Publikum zugänglich und das Wissen verbreitete sich. Trotz seiner zentralen Rolle wurde Constantinus Africanus bereits zu seiner Zeit von anderen Ärzten und Wissenschaftlern kritisiert. Ihm wurde vorgeworfen, dass er häufig nicht genau übersetzt, medizinische Fachbegriffe falsch wiedergegeben und die Namen der antiken Autoren durch seinen eigenen ersetzt habe.
Die Spätphase der Medizinschule begann zu Beginn des 14. Jahrhunderts. Das Ansehen der salernitanischen Schule nahm ab, da sich immer mehr medizinische Hochschulen etablierten. Das Wissen von Salerno war nicht an die Schule gebunden, sondern wurde von den Ärzten an andere Schulen weitergegeben.
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Jc 79 - Regimen sanitatis (76r)
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Im Gegensatz zu vielen anderen mittelalterlichen Bildungsstätten ermöglichte die Medizinschule von Salerno auch Frauen, medizinisches Wissen zu erwerben, und sie waren zu medizinischen Lehrtätigkeiten zugelassen. Vor allem in dem Bereich der Gynäkologie waren überwiegend Frauen vertreten, da diese Themen von Hebammen gelehrt wurden. Die vermutlich bekannteste Frau, die in Salerno studierte, war Trota de Ruggiero. Sie verfasste Schriften über die Entbindung, Frauenkrankheiten und die Erziehung der Kinder. Ihre bekannteste Schrift ist Trotula major, eine Abhandlung über die Krankheiten von Frauen vor, während und nach der Geburt (De Mulierum Passionibus ante, in et postpartum).
Die medizinische Hochschule von Salerno war eines der bedeutendsten medizinischen Zentren des Mittelalters. Sie zeigt, dass wissenschaftlicher Fortschritt bereits im Mittelalter möglich war. Ihre Offenheit gegenüber unterschiedlichen Traditionen und Geschlechtern macht sie historisch bedeutsam.
Die sex res non naturales im Regimen sanitatis Salernitanum
Von Jessica Rischer und Eva Pauschel
Die sex res non naturales beruhen auf der humoralpathologischen Lehre. Diese besagt, dass die Gesundheit vom Gleichgewicht der vier Körpersäfte – Blut, Schleim, gelbe und schwarze Galle – abhängt. Krankheit entsteht, wenn dieses Gleichgewicht gestört ist.
Das Regimen sanitatis setzt diese Theorie voraus, erläutert sie jedoch nicht ausführlich, sondern zeigt, wie das Gleichgewicht durch alltägliche Lebensführung bewahrt werden kann. Durch diese praxisnahen und einfachen Erklärungen richtet sich dieses Buch nicht nur an Ärzte, sondern auch an Laien. Im Folgenden werden die sechs verschiedenen nicht natürlichen Dinge erklärt.
1. Speise und Trank (cibus et potus)
Als erstes nimmt die Ernährung eine wichtige Stellung ein. Es werden Angaben über die Genießbarkeit von verschiedenen Getränken und Nahrungsmitteln gemacht, so sollte man vom Brot nicht die Rinde essen, da diese nicht gut verträglich sei. Das Regimen sanitatis behandelt nicht nur einzelne Nahrungsmittel, sondern auch Menge, Zeitpunkt und Reihenfolge der Mahlzeiten. Übermäßiges Essen wird als schädlich beschrieben, da es den Magen belastet und schlechte Säfte erzeugt, während mäßiger Hunger als gesund gilt. Es wird empfohlen, die eigenen Essgewohnheiten nach der Jahreszeit anzupassen: Im Frühling und im Sommer sollte wenig gegessen werden, und die Gerichte sollen nicht erhitzt werden. Im Herbst sollen keine frischen Früchte gegessen werden und im Winter könne man so viel essen, wie man möchte. Allgemein wird bei allen Lebensmitteln betont, dass diese „rein“ sein sollen, denn nur reine Lebensmittel seien gesund für den Körper.
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Jc 3.2 - Regimen sanitatis, deutsch (12v)
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Ein weiterer wichtiger Punkt ist die angemessene Verbindung von Speis und Trank, da bestimmte Kombinationen – wie Schweinefleisch mit Wein – eine heilende Wirkung entfalten sollen.
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Jc 3.2 - Regimen sanitatis, deutsch (13r)
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Auch beim Trinken gilt es das Maß zu halten. Wein kann in angemessener Menge nützlich sein, während übermäßiger Konsum oder das Trinken von Wasser während des Essens die Verdauung stört.
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Jc 3.2 - Regimen sanitatis, deutsch (13v)
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Nach dem Aufzählen der alltäglichen Lebensmittel werden verschiedene Pflanzen in einzelnen Merkversen aufgezählt und dabei erklärt, gegen welches Leiden diese helfen. Ein Beispiel lautet, dass Safran gegen eine kranke Leber helfen soll. Die genaue Betrachtung der verschiedenen Lebensmittel und Heilpflanzen nimmt ca. drei Viertel des Werkes ein. All das zeigt, wie eng Ernährung und Medizin im Mittelalter miteinander verbunden waren.
Die anderen fünf Bereiche werden ebenfalls als wichtig angesehen, vergleichsweise aber nur kurz behandelt.
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Jc 3.2 - Regimen sanitatis, deutsch (16r)
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Jc 3.2 - Regimen sanitatis, deutsch (31r)
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2. Luft (aer)
Die Qualität der Luft gilt als wichtiger Gesundheitsfaktor, da sie durch das Atmen ständig in den Körper eindringt. Reine, klare und gut bewegte Luft fördert die richtige Mischung der Körpersäfte, während verdorbene oder übelriechende Luft Krankheiten verursacht. Das Regimen sanitatis fordert deshalb saubere, helle Wohnräume und warnt vor fauliger oder verunreinigter Luft. Diese Vorstellung entspricht der mittelalterlichen Miasmenlehre, nach der Krankheiten durch „Verderbnis der Luft“ entstehen können.
Um sich von schlechter Luft zu erholen, gab es bereits im Mittelalter Kurorte wie Baden-Baden oder Vichy. Durch Badekuren und andere Anwendungen sollten die Atemwege wieder befreit werden, und so die Patientinnen und Patienten schneller genesen.
3. Bewegung und Ruhe (motus et quies)
Bewegung wird als notwendig angesehen, um die Körpersäfte in Umlauf zu bringen. Besonders empfohlen wird leichte Bewegung nach dem Essen, etwa Gehen statt Ruhen. Gesundheit entsteht aus dem richtigen Maß zwischen Aktivität und Ruhe – ein zentrales Ideal der mittelalterlichen Diätetik. Bewegung über den Tag verteilt und Ruhen während der Nacht führen zu einem gesunden und produktiven Alltag.
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Jc 79 - Regimen sanitatis (3r)
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Jc 79 - Regimen sanitatis (4r)
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4. Schlaf und Wachen (somnus et vigilia)
Erholsamer Schlaf gilt als Voraussetzung für ein gesundes Leben, doch in falschem Maß oder zur falschen Zeit kann er der Gesundheit ebenso schaden. Besonders kritisch bewertet das Regimen sanitatis den Mittagsschlaf, da er die Verdauung beeinträchtige und die Säfte verderbe, lediglich ein kurzer Mittagsschlaf aufgrund von Fieber ist empfohlen. Der erholende Schlaf in der Nacht gilt hingegen als gesundheitsfördernd, sofern er nicht übermäßig ausgedehnt wird.
Diese Differenzierung zeigt, dass Schlaf im Mittelalter nicht nur als Erholung, sondern als aktiver medizinischer Faktor verstanden wurde und eng mit Bewegung am Tag und der Ruhe in der Nacht verknüpft ist.
5. Leere und Völle des Körpers (repletio et evacuatio)
Ein gesunder Körper muss Stoffe aufnehmen und ausscheiden können. Das Zurückhalten natürlicher Ausscheidungen – etwa von Urin oder Darmgasen – wird ausdrücklich als krankheitsfördernd bezeichnet. Auch therapeutische Maßnahmen wie Aderlass oder Abführmittel gehören in diesen Bereich und werden im Regimen sanitatis mehrfach thematisiert. Aderlass wird im Mittelalter als wichtiges Mittel angesehen, um die Körpersäfte wieder ins Gleichgewicht zu bringen. In dem Werk wird genau erklärt, ab welchem Alter Aderlass gefahrlos zur Anwendung kommen kann und welche Monate dafür als geeignet erachtet werden und welche nicht. Ein Mensch kann mit 18 Jahren in den Monaten April, Mai und September (nicht aber am 30. April, 1. Mai und 30. September!) gefahrlos zur Ader gelassen werden. Interessant ist, wie spezifisch hier vor einzelnen Tagen gewarnt wird, denn ansonsten wird nur erwähnt, dass in der kalten Jahreszeit Aderlass zu unterlassen sei.
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Jc 79 (73v) und (69r)
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Ein Gleichgewicht der Körpersäfte ist entscheidend für ein gesundes Leben, die Körpersäfte können von der Gemütsverfassung des Menschen oder durch Krankheiten beeinträchtigt werden, weshalb dann der Aderlass angewendet wird, um das Gleichgewicht wiederherzustellen.
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Jc 79 (70r) und (72v) sowie Jc 3.2 (38r)
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Jc 79 - Regimen sanitatis (2v)
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6. Seelische Gemütsverfassung (accidentia animae)
Wie schon erwähnt, kann die seelische Verfassung Einfluss auf die Gesundheit nehmen. Zorn, Trauer und Angst wirken schädlich auf den Körper, während Frohsinn und innere Ruhe gesundheitsfördernd sind. Das Regimen sanitatis fasst dies gleich am Anfang zusammen: Si tibi deficiant medici, medici tibi fiant / haec tria, mens laeta, requies, moderata diaeta („Falls dir mal Ärzte fehlen, / kann ich dir erzählen: / Frohsinn, Ruhe und Mäßigkeit / sind die besten Ärzte zu jeder Zeit“). Dort auch die Übersetzung, wobei anzumerken ist, dass diese versucht hat, zumindest das lateinische Reimschema wiederzugeben, weshalb aus den zwei Versen im Original vier in der Übersetzung werden und moderata diaeta, also ausgewogene Ernährung, aufgrund des Reimzwangs zu Mäßigkeit wird.
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Jc 79 - Regimen sanitatis (67v)
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Diese enge Verbindung von Körper und Seele ist ein grundlegendes Merkmal mittelalterlicher Medizin.
Die sex res non naturales bilden das inhaltliche Fundament des Regimen sanitatis Salernitanum. Die Lehre von den sex res non naturales verbindet Ernährung, Luft, Bewegung, Schlaf, Ausscheidungen und seelische Verfassung zu einem umfassenden Konzept von Gesundheit, das nicht erst im Krankheitsfall einsetzt, sondern auf vorbeugende Fürsorge im Alltag zielt.
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Ma VI 242 - Kitāb Taqwīm al-abdān (3v)
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Das Excel des 11. Jahrhunderts – Heilwissen in Tabellen aus Bagdad
Von Charlotte Behrens und Alexia Hardt
Das vorliegende Buch ist eine Handschrift des „Buchs über die Ordnung der Körper“ (Kitāb Taqwīm al-abdān). Dabei handelt es sich um ein arabisches medizinisches Handbuch in Tabellenform, entstanden in der irakischen Stadt Bagdad kurz nach 1074 n. Chr. Sein Autor ist Abū ʿAlī Yaḥyā ibn ʿĪsā Ibn Ǧazla. Die Biografie von Ibn Ǧazla belegt die religiöse Vielfalt im Bagdad der Zeit: Er wurde als Christ geboren und konvertierte im Jahr 1074 zum Islam. Daraufhin verfasste er eine gelehrte Widerlegung seines früheren Glaubens. Er hatte eine öffentliche Position als Sekretär eines Richters inne. Vor allem aber praktizierte er als Arzt: Ibn Ǧazla war der Hofarzt des Kalifen al-Muqtadī bi-Amr Allāh, dem er das vorliegende Werk widmete.
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Ma VI 242 - Kitāb Taqwīm al-abdān (6v)
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Das „Buch über die Ordnung der Körper“ zeichnet sich durch seine neuartige Form der Wissensorganisation aus. Ibn Ǧazla nutzte als einer der ersten Gelehrten die tabellarische Gliederung zur medizinischen Klassifikation. Der volle Titel dieses Werks lautet auf Arabisch Kitāb Taqwīm al-abdān fī tadbīr al-insān („Buch über die Ordnung der Körper und die Lenkung des Menschen“); auf Latein Dispositio corporum de constitutione hominis, tacuin agritudinum, was übersetzt heißt: „Ordnung der Körper von der Konstitution des Menschen, Tacuin der Krankheiten“. Das Handbuch umfasst 44 Tabellen, deren Anordnung an die zeitgenössische Astronomie angelehnt ist. In diesen Tabellen werden über 350 Krankheiten beschrieben und Behandlungsmethoden dieser Krankheiten erläutert.
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Ma VI 242 - Kitāb Taqwīm al-abdān (Einband)
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Der Einband dieses Exemplars der „Ordnung der Körper“ ist mit einem Muster verziert. Überschriften und wichtige Wörter sind in Rot hervorgehoben. Das Tübinger Exemplar lässt sich bis nach Ägypten zurückverfolgen. Franz Pruner aus Kairo schickte es 1845 an Dr. Joseph von Sontheimer. Dessen Schwiegersohn, der Jurist und Politiker Rudolf Probst, schenkte die Handschrift der Universität Tübingen.
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Ma VI 242 - Kitāb Taqwīm al-abdān (5v/6r)
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Heilwissen in Tabellen: Die Medizin im mittelalterlichen Bagdad
Von Charlotte Behrens
Das „Buch über die Ordnung der Körper" von Ibn Ǧazla ist ein herausragendes Zeugnis der hochentwickelten arabischen Medizin, die im mittelalterlichen Bagdad ihre Blütezeit erlebte. Die Stadt war im 11. Jahrhundert ein globales Zentrum der Gelehrsamkeit, in dem das medizinische Wissen der Antike gesammelt, übersetzt und erweitert wurde.
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Ma VI 242 - Kitāb Taqwīm al-abdān (5v/6r)
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Die Medizin dieser Zeit war praktisch und systematisch zugleich. Sie wurde in öffentlichen Krankenhäusern gelehrt und ausgeübt, die als Orte der Behandlung, Lehre und Forschung dienten. Die Diagnose folgte einer genauen Methode, die etwa die Untersuchung von Puls und Urin einschloss. Die Behandlung begann stets mit schonenden Maßnahmen, bevor zu Arzneimitteln oder, als letztes Mittel, zu Eingriffen gegriffen wurde. Dieses abgestufte Vorgehen war ebenso zentral wie die hohe Kunst der Pharmazie, die auf einem breiten Wissen über Heilpflanzen und Substanzen aus der ganzen Welt basierte.
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Ma VI 242 - Kitāb Taqwīm al-abdān (5v/6r)
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Ibn Ǧazlas Werk mit seinen 44 Tabellen steht in dieser Tradition der praxisnahen Systematik. Es fasst das Wissen über über 350 Krankheiten und ihre Therapien in einer neuartigen, klaren Form zusammen, eine tabellarische Wissensordnung, die man als „Excel des 11. Jahrhunderts" bezeichnen könnte.
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Ma VI 242 - Kitāb Taqwīm al-abdān (5v/6r)
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Die Wirkung dieser medizinischen Schule war epochal. Über Spanien und Sizilien gelangte ihr Wissen nach Europa und wurde an den frühen Universitäten, wie auch später in Tübingen, über Jahrhunderte gelehrt. Die Prinzipien einer systematischen Krankheitsklassifikation, einer gestuften Therapie und der Trennung von ärztlicher und apothekerlicher Tätigkeit wurden hier grundgelegt.
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Ma VI 242 - Kitāb Taqwīm al-abdān (5v/6r)
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Auch in der heutigen Medizin sind Spuren dieses Erbes lebendig. Die strukturierte Herangehensweise von Diagnose und Therapie, wie sie in modernen Leitlinien festgehalten ist, oder das Krankenhaus als Zentrum für Behandlung und Forschung setzen diese alte Tradition in neuem Gewande fort. Das Tübinger Exemplar dieser besonderen Handschrift ist somit ein faszinierender Beleg für einen wesentlichen Beitrag zur globalen Wissenschaftsgeschichte, dessen strukturelle Ideen bis in unsere Zeit wirken.
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Jc 79 - Regimen sanitatis (3v/4r)
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Zwischen Diagnose und Druckerschwärze – Einblick in ein Ärztehandbuch
Von Jessica Rischer und Eva Pauschel
Im Jahr 1491 fertigte der Straßburger Buchdrucker Georg Husner die hier ausgestellte lateinische Ausgabe der „Gesundheitsregeln aus Salerno“ an. Am Ende des 15. Jahrhunderts verbreitete sich das Werk zunehmend und gewann dadurch an Bedeutung. Auffällig ist das Layout des Drucks: Auf jeden groß gedruckten lateinischen Ratschlag folgt ein seitenlanger Kommentar. Diese Kommentare wurden vom einflussreichen Arzt Arnoldus de Villanova, der 1311 verstarb, auf Latein verfasst. Arnoldus de Villanova lehrte als Professor für Medizin und wirkte zudem als Leibarzt mehrerer Könige und Päpste seiner Zeit.
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Jc 79 - Regimen sanitatis (3v/4r)
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Das hier gezeigte Exemplar wurde von Ärzten als Handbuch für den täglichen Gebrauch genutzt oder auf Reisen mitgeführt, worauf die handliche Größe des Buches schließen lässt. Auch die zahlreichen mit Tinte unterstrichenen Stellen im Kommentar sowie Wasserschäden auf einigen Seiten belegen eine intensive Nutzung. Auf ausgeschmückte Anfangsbuchstaben zu Beginn neuer Abschnitte wurde bewusst verzichtet, was unterstreicht, dass das Buch nicht für repräsentative Zwecke, sondern für den praktischen Gebrauch bestimmt war. Besonders gut erkennbar ist dies auf der aufgeschlagenen Seite des mittleren Objekts dieser Vitrine. Im Vergleich zur deutschen Fassung sowie zu anderen lateinischen Exemplaren wirkt dieses Objekt insgesamt besonders schlicht und unauffällig.
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Jc 3.2 (51r) und Jc 79 (80r)
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Vergleich der deutschen und lateinischen Ausgabe
Von Jessica Rischer und Eva Pauschel
Vergleicht man das deutsche und das lateinische Exemplar dieser Vitrine, lassen sich sowohl Gemeinsamkeiten als auch deutliche Unterschiede erkennen.
Beide Werke gehören zur Texttradition des Regimen sanitatis Salernitanum, eines medizinischen Lehr- und Ratgebertextes, der ursprünglich an der berühmten Medizinschule von Salerno entstand. Das Werk enthält in Versform verfasste Regeln zur gesunden Lebensführung. Es war eines der am meisten verbreiteten medizinischen Bücher des Mittelalters und wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt.
Der folgende Vergleich beleuchtet die Unterschiede zwischen der deutschsprachigen und der lateinischen Ausgabe des Regimen sanitatis Salernitanum.
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Jc 3.2 - Regimen sanitatis, deutsch (0f)
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Die ältere deutschsprachige Ausgabe stammt aus dem Jahr 1476 und wurde von dem Drucker Johann Bämler in Augsburg veröffentlicht. Die deutsche Übersetzung half dabei, medizinisches Wissen auch für Menschen ohne Lateinkenntnisse zugänglich zu machen.
Die Ausgabe zeichnet sich durch einen schmalen Rand aus. Die medizinischen Ratschläge beziehungsweise die Überschriften, etwa Hinweise dazu; wie man essen soll, sind eingerückt in der Mitte. Darunter folgt jeweils eine Erklärung, die ohne Einrückung gesetzt ist. Ein Unterschied in der Schriftgröße besteht dabei nicht, die Gliederung des Textes erfolgt ausschließlich durch das Einrücken. Die Initialräume wurden mit roten Großbuchstaben ausgefüllt. Zudem sind einzelne Buchstaben rot hervorgehoben und wichtige Passagen mit dieser Farbe unterstrichen, was auf eine bewusste ästhetische Gestaltung des Buches hinweist.
Im Gegensatz dazu wirkt die jüngere lateinische Ausgabe aus dem Jahr 1491, gedruckt von Georg Husner in Straßburg, deutlich kleiner, schlichter und funktionaler. Straßburg war zu dieser Zeit ein bedeutendes Zentrum des frühen Buchdrucks, insbesondere für wissenschaftliche und medizinische Texte.
Die lateinische Ausgabe verfügt über keine ausgefüllten Initialräume und ist vollständig in schwarzer Farbe gehalten. Allerdings ist zu vermuten, dass es am Anfang durchaus die Bestrebung gab, die Initialen noch besonders hervorzuheben. Es gibt ebenfalls Unterstreichungen allerdings mit schwarzer Tinte. Einrückungen wie in der deutschen Ausgabe fehlen, stattdessen sind die lateinischen medizinischen Ratschläge in größerer Schrift gedruckt als der begleitende Kommentar von Arnoldus de Villa Nova. Auffällig ist außerdem der deutlich breitere Rand im Vergleich zur deutschen Ausgabe.
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Jc 79 - Regimen sanitatis (2r)
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Jc 3.2 (51r) und Jc 79 (80r)
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Der Vergleich der beiden Exemplare zeigt, dass die lateinische Ausgabe vor allem für den praktischen Gebrauch bestimmt war, beispielsweise für studierte Ärzte oder Mediziner auf Reisen. Die handliche Gestaltung spricht dafür, dass sie häufig auf Reisen mitgeführt wurde. Die aufwendig gestaltete deutsche Ausgabe hingegen dürfte eher als Lehrbuch gedient haben und sich im Besitz eines wohlhabenden Mediziners befunden haben, der es sich leisten konnte, das Buch mit roter Farbe aufwendig zu verzieren. Trotz der unterschiedlichen Nutzung sind in beiden Exemplaren Wasserschäden zu erkennen, diese lassen sich auf jahrelange Nutzung sowie schlechte Aufbewahrungsbedingungen zurückführen.
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Jc 3.2 - Regimen sanitatis, deutsch (4v/5r)
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(K)eine Behandlung für Hölderlin: Autenrieths medizinische Praxis und Klinikgründung
Von Franziska Boger und Maja Reimann
Das vorliegende Exemplar der Ordnung der Gesundheit entstand im Jahr 1476. Im frühen 19. Jahrhundert befand es sich im Besitz von Dr. Johann Heinrich Ferdinand von Autenrieth, dem Gründer des Tübinger Universitätsklinikums, der zudem einer der behandelnden Ärzte des Dichters Friedrich Hölderlin war. Es ist daher anzunehmen, dass das Buch Autenrieth in seiner täglichen medizinischen Praxis diente. Inhaltlich knüpft das Werk an die Tradition der Gesundheitsregeln, der sogenannten Regimina sanitatis, an und stützt sich zudem auf arabische medizinische Quellen. Ein zentraler Bestandteil sind die „sechs nicht natürlichen Dinge“ (sex res non naturales), die als grundlegende Faktoren für die Erhaltung der Gesundheit galten.
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Jc 3.2 - Regimen sanitatis, deutsch (4v/5r)
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Gedruckt wurde der Text 1476 von Johann Bämler in Augsburg, womit einer der frühesten deutschsprachigen Drucke einer Gesundheitsregel entstand. Der deutsche Text geht dabei auf unbekannte Bearbeiter zurück. Das Buch beginnt mit einem Register, auf das einzelne Kapitel zu den Lebensregeln folgen. Unter anderem enthalten die sogenannten Monatskapitel Hinweise darauf, wie der Mensch in den einzelnen Monaten gesund leben soll.
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Jc 3.2 - Regimen sanitatis, deutsch (4v/5r)
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Fraßlöcher im Papier verweisen auf das hohe Alter des ausgestellten Exemplars. Der gut erhaltene Einband lässt darauf schließen, dass der ursprüngliche Einband stark abgenutzt war und später von Bibliotheksmitarbeitern ersetzt wurde. Für Autenrieths prominentesten Patienten jedoch bot das Werk keine Therapie an, da Friedrich Hölderlin zu jener Zeit als unheilbar galt.
Johann Bämler (um 1425–1503)
Von Maja Reimann und Franziska Boger
Johann Bämler zählt zu den prägenden Figuren des frühen Buchwesens in Augsburg. Er erscheint 1448 erstmals in den Augsburger Steuerlisten. Zwischen 1453 und 1476 ist er dort als Schreiber nachweisbar, später auch als Drucker.
Er arbeitete als Schreiber, Buchhändler und Buchmaler. Als Buchmaler gehörte er der Zunft der Maler, Glaser, Bildschnitzer und Goldschläger an und übernahm dort das Amt des „Zwölfer“, eines gewählten Zunftvertreters. In den 1460er Jahren zählte er zu den wichtigsten Buchmalern seiner Zeit. Er arbeitete vor allem an Straßburger Frühdrucken, aber auch an Handschriften.
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Jc 3.2 - Regimen sanitatis, deutsch (51v)
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1472 richtete er eine eigene Druckerei in Augsburg ein und war vor allem als Drucker tätig. Bis 1495 entstanden über 130 Drucke, davon etwa 100 in deutscher Sprache.
Damit gehört Bämler zu den produktivsten Augsburger Druckern des 15. Jahrhunderts. Sein erstes Druckwerk, die Ordnung zu reden, stellte er vermutlich selbst zusammen. Der Schwerpunkt seiner Arbeit lag meist auf deutschsprachigen und volkstümlichen Texten. Viele seiner Drucke sind zudem mit Holzschnitten ausgestattet, die zu den bedeutendsten Beispielen der Augsburger Formschneidekunst zählen. Zwischen 1483 und 1487 betrieb er zudem eine eigene Papiermühle. Neben seiner Arbeit als Drucker war Bämler auch als Autor und Bearbeiter tätig.
Auch innerhalb seiner Familie spielte das Drucken eine wichtige Rolle. Seine
Stieftochter Anna Rüdiger war ebenfalls als Buchdruckerin tätig und mit dem Drucker Peter Berger verheiratet.
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Jc 3.2 - Regimen sanitatis, deutsch (51v)
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Vitrine 3
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Rechteinformation
Lorenz Leins
Zwischen Sternen, Gebeten und Anatomie - Medizinverständnisse im Bestand der UB Tübingen
Von Julius Schmid & Alicia Heider
Die drei Exemplare in dieser Vitrine haben zwei Dinge gemeinsam: Sie gehören zum Bestand der Tübinger Universitätsbibliothek und sie behandeln alle medizinische Themen. In ihrem Medizinverständnis und der Verwendung in Tübingen unterscheiden sie sich aber.
Der „Kanon der Medizin“ kommt dem, was wir heute unter einem akademisch-medizinischen Lehrbuch verstehen, am nächsten. Avicenna, der persische Autor des Werkes, hat ein naturwissenschaftliches Medizinverständnis und bezieht sich auf antike griechische Quellen. In seinem Text behandelt er Themen wie Diagnostik, Anatomie und die Herstellung von Heilmitteln.
Die kleine arabische Sammelhandschrift „Die Barmherzigkeit in der Medizin und Weisheit“ (ar-Raḥma fī ṭ-ṭibb wa-l-ḥikma) ist ein eher grob organisiertes Handbuch mit „Rezept-Wissen“ aus verschiedensten Quellen. Inhaltlich übernimmt sie Teile von Avicennas medizinischem Wissen. Dazu kommen religiöse Elemente, die großen Fokus auf basale Therapiemethoden wie Diät, einfache Medikamente und einen frommen Lifestyle legen.
Durch das Verknüpfen von medizinischen Kenntnissen mit Astrologie, Astronomie und Wahrsagerei wirkt das Medizinverständnis im Tübinger Hausbuch heute am befremdlichsten. Das ist bemerkenswert, denn inhaltlich ist es das jüngste der drei Werke und das einzige aus Europa.
Dass uns die Inhalte der arabischen Werke heute näher sind, zeugt vom Wandel des europäischen Medizinverständnisses durch das in ihnen enthaltene Wissen. An der Universität Tübingen könnte das vorliegende Exemplar des „Kanons der Medizin“ dazu beigetragen haben. Das Tübinger Hausbuch hingegen war bei seiner Ankunft in der Bibliothek um 1752 medizinisch schon deutlich weniger relevant, ist aber bis heute kunsthistorisch interessant. „Die Barmherzigkeit in der Medizin und Weisheit“ hat sich wohl nie ein Tübinger Mediziner angeschaut. Sie wurde um 1860 für die Arabistik angeschafft, davor benutzte sie noch ein Augenarzt in Damaskus.
Avicenna - Der Super-Mediziner
Von Aida Krasniqi und Alicia Heider
Der persische Tausendsassa Avicenna (arab. Ibn Sīnā, 980–1037) war ein Super-Mediziner. Darin waren sich arabische und europäische Gelehrte einig. Anders als die Werke anderer Mediziner fand Avicennas „Kanon der Medizin“ nämlich in Europa und im Orient Verbreitung. In seinem „Kanon“ hatte er all sein Wissen über Anatomie, Behandlungsmethoden und Heilmittel gebündelt. Um das umfangreiche Lehrwerk für Mediziner jeglicher Herkunft und Zeit zugänglich zu machen, wurde es vielfach übersetzt, überarbeitet und kommentiert.
Bei dem vorliegenden Exemplar des „Kanons“ handelt es sich um einen lateinischen Druck. Die Druckerei Giunti hat ihn 1608 in Venedig angefertigt. Fabius Paulinus, ein Arzt aus Udine, hat den Text herausgegeben. Auch die Macher dieses Drucks hielten Avicenna für einen Super-Mediziner. Denn sie betitelten den Druck mit Avicennae Arabum Medicorum Principis Canon Medicinae („Avicennas, des Fürsten der arabischen Mediziner, ‚Kanon der Medizin‘“). Zudem ergänzten sie das eigentliche Werk um fast 50 Seiten Einführungstexte, in denen sich unter anderem die Biografie Avicennas und ein Gedicht über ihn finden. Wie viele verschiedene Leute Einfluss auf das vorliegende Exemplar genommen haben, ist auf dem ausgestellten zweiten Titelblatt zu sehen. Von noch deutlich mehr Menschen wurde das Exemplar seit seiner Ankunft in der Tübinger Universitätsbibliothek im 18. Jahrhundert benutzt – vielfach mit dem Ziel, selbst ein Super-Mediziner zu werden.
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Ci IX 13.2 - Avicennae Arabvm Medicorvm Principis, Canon Medicinae (Einband Vorderansicht)
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Der persische Tausendsassa Avicenna (arab. Ibn Sīnā, 980–1037) war ein Super-Mediziner. Darin waren sich arabische und europäische Gelehrte einig. Anders als die Werke anderer Mediziner fand Avicennas „Kanon der Medizin“ nämlich in Europa und im Orient Verbreitung. In seinem „Kanon“ hatte er all sein Wissen über Anatomie, Behandlungsmethoden und Heilmittel gebündelt. Um das umfangreiche Lehrwerk für Mediziner jeglicher Herkunft und Zeit zugänglich zu machen, wurde es vielfach übersetzt, überarbeitet und kommentiert.
Bei dem vorliegenden Exemplar des „Kanons“ handelt es sich um einen lateinischen Druck. Die Druckerei Giunti hat ihn 1608 in Venedig angefertigt. Fabius Paulinus, ein Arzt aus Udine, hat den Text herausgegeben. Auch die Macher dieses Drucks hielten Avicenna für einen Super-Mediziner. Denn sie betitelten den Druck mit Avicennae Arabum Medicorum Principis Canon Medicinae („Avicennas, des Fürsten der arabischen Mediziner, ‚Kanon der Medizin‘“). Zudem ergänzten sie das eigentliche Werk um fast 50 Seiten Einführungstexte, in denen sich unter anderem die Biografie Avicennas und ein Gedicht über ihn finden. Wie viele verschiedene Leute Einfluss auf das vorliegende Exemplar genommen haben, ist auf dem ausgestellten zweiten Titelblatt zu sehen. Von noch deutlich mehr Menschen wurde das Exemplar seit seiner Ankunft in der Tübinger Universitätsbibliothek im 18. Jahrhundert benutzt – vielfach mit dem Ziel, selbst ein Super-Mediziner zu werden.
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Ci IX 13.2 - Avicennae Arabvm Medicorvm Principis, Canon Medicinae (1. Titelblatt)
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Der persische Tausendsassa Avicenna (arab. Ibn Sīnā, 980–1037) war ein Super-Mediziner. Darin waren sich arabische und europäische Gelehrte einig. Anders als die Werke anderer Mediziner fand Avicennas „Kanon der Medizin“ nämlich in Europa und im Orient Verbreitung. In seinem „Kanon“ hatte er all sein Wissen über Anatomie, Behandlungsmethoden und Heilmittel gebündelt. Um das umfangreiche Lehrwerk für Mediziner jeglicher Herkunft und Zeit zugänglich zu machen, wurde es vielfach übersetzt, überarbeitet und kommentiert.
Bei dem vorliegenden Exemplar des „Kanons“ handelt es sich um einen lateinischen Druck. Die Druckerei Giunti hat ihn 1608 in Venedig angefertigt. Fabius Paulinus, ein Arzt aus Udine, hat den Text herausgegeben. Auch die Macher dieses Drucks hielten Avicenna für einen Super-Mediziner. Denn sie betitelten den Druck mit Avicennae Arabum Medicorum Principis Canon Medicinae („Avicennas, des Fürsten der arabischen Mediziner, ‚Kanon der Medizin‘“). Zudem ergänzten sie das eigentliche Werk um fast 50 Seiten Einführungstexte, in denen sich unter anderem die Biografie Avicennas und ein Gedicht über ihn finden. Wie viele verschiedene Leute Einfluss auf das vorliegende Exemplar genommen haben, ist auf dem ausgestellten zweiten Titelblatt zu sehen. Von noch deutlich mehr Menschen wurde das Exemplar seit seiner Ankunft in der Tübinger Universitätsbibliothek im 18. Jahrhundert benutzt – vielfach mit dem Ziel, selbst ein Super-Mediziner zu werden.
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Ci IX 13.2 - Avicennae Arabvm Medicorvm Principis, Canon Medicinae (2. Titelblatt)
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Der persische Tausendsassa Avicenna (arab. Ibn Sīnā, 980–1037) war ein Super-Mediziner. Darin waren sich arabische und europäische Gelehrte einig. Anders als die Werke anderer Mediziner fand Avicennas „Kanon der Medizin“ nämlich in Europa und im Orient Verbreitung. In seinem „Kanon“ hatte er all sein Wissen über Anatomie, Behandlungsmethoden und Heilmittel gebündelt. Um das umfangreiche Lehrwerk für Mediziner jeglicher Herkunft und Zeit zugänglich zu machen, wurde es vielfach übersetzt, überarbeitet und kommentiert.
Bei dem vorliegenden Exemplar des „Kanons“ handelt es sich um einen lateinischen Druck. Die Druckerei Giunti hat ihn 1608 in Venedig angefertigt. Fabius Paulinus, ein Arzt aus Udine, hat den Text herausgegeben. Auch die Macher dieses Drucks hielten Avicenna für einen Super-Mediziner. Denn sie betitelten den Druck mit Avicennae Arabum Medicorum Principis Canon Medicinae („Avicennas, des Fürsten der arabischen Mediziner, ‚Kanon der Medizin‘“). Zudem ergänzten sie das eigentliche Werk um fast 50 Seiten Einführungstexte, in denen sich unter anderem die Biografie Avicennas und ein Gedicht über ihn finden. Wie viele verschiedene Leute Einfluss auf das vorliegende Exemplar genommen haben, ist auf dem ausgestellten zweiten Titelblatt zu sehen. Von noch deutlich mehr Menschen wurde das Exemplar seit seiner Ankunft in der Tübinger Universitätsbibliothek im 18. Jahrhundert benutzt – vielfach mit dem Ziel, selbst ein Super-Mediziner zu werden.
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Ci IX 13.2 - Avicennae Arabvm Medicorvm Principis, Canon Medicinae (1r)
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Der persische Tausendsassa Avicenna (arab. Ibn Sīnā, 980–1037) war ein Super-Mediziner. Darin waren sich arabische und europäische Gelehrte einig. Anders als die Werke anderer Mediziner fand Avicennas „Kanon der Medizin“ nämlich in Europa und im Orient Verbreitung. In seinem „Kanon“ hatte er all sein Wissen über Anatomie, Behandlungsmethoden und Heilmittel gebündelt. Um das umfangreiche Lehrwerk für Mediziner jeglicher Herkunft und Zeit zugänglich zu machen, wurde es vielfach übersetzt, überarbeitet und kommentiert.
Bei dem vorliegenden Exemplar des „Kanons“ handelt es sich um einen lateinischen Druck. Die Druckerei Giunti hat ihn 1608 in Venedig angefertigt. Fabius Paulinus, ein Arzt aus Udine, hat den Text herausgegeben. Auch die Macher dieses Drucks hielten Avicenna für einen Super-Mediziner. Denn sie betitelten den Druck mit Avicennae Arabum Medicorum Principis Canon Medicinae („Avicennas, des Fürsten der arabischen Mediziner, ‚Kanon der Medizin‘“). Zudem ergänzten sie das eigentliche Werk um fast 50 Seiten Einführungstexte, in denen sich unter anderem die Biografie Avicennas und ein Gedicht über ihn finden. Wie viele verschiedene Leute Einfluss auf das vorliegende Exemplar genommen haben, ist auf dem ausgestellten zweiten Titelblatt zu sehen. Von noch deutlich mehr Menschen wurde das Exemplar seit seiner Ankunft in der Tübinger Universitätsbibliothek im 18. Jahrhundert benutzt – vielfach mit dem Ziel, selbst ein Super-Mediziner zu werden.
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Ci IX 13.2 - Avicennae Arabvm Medicorvm Principis, Canon Medicinae (Einband hinten)
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Ma VI 76 - Medizinisches Handbuch. Therapeutisches Kompendium. (1r)
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Aderlassen leicht gemacht – die „Barmherzigkeit in der Medizin und Weisheit“
Von Seval Atan und Julius Schmid
Diese arabische Handschrift wurde zwischen dem 17. und 18. Jahrhundert angefertigt und enthält zwei medizinische Texte.
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Ma VI 76 - Medizinisches Handbuch. Therapeutisches Kompendium. (1v)
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Der erste Text ist das Handbuch „Die Barmherzigkeit in der Medizin und Weisheit“ (ar-Raḥma fī ṭ-ṭibb wa-l-ḥikma) von Muḥammad Ibn ʿAlī aṣ-Ṣanaubarī aus dem 14. oder 15. Jahrhundert. Das Werk vereint medizinische und religiöse Anleitungen für den praktischen Gebrauch und die Behandlung von Patienten. Seine Inhalte stützen sich sowohl auf klassische medizinische Schriften als auch auf überlieferte Aussagen und Handlungen des Propheten Mohammed.
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Ma VI 76 - Therapeutisches Kompendium. (45v)
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Der zweite Text ist ein therapeutisches Kompendium unbekannter Herkunft. Im Text wird unter anderem auf Avicenna Bezug genommen, einen der bedeutendsten Ärzte des Mittelalters. Fast alle Kapitel sind nicht nummeriert.
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Ma VI 76 - Medizinisches Handbuch. (43v)
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Die einzigen zwei Kapitelzählungen, die in der Mitte des Textes stehen, sind falsch. Daraus lässt sich schließen, dass der Text aus einem größeren Werk stammt. Auch eine Einleitung fehlt, es geht direkt mit Anleitungen für die Behandlung los.
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Ma VI 76 - Medizinisches Handbuch. Therapeutisches Kompendium. (1r)
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Die Handschrift umfasst 85 Blätter. Überschriften und Stichwörter sind teilweise in Rot hervorgehoben. Die unvokalisierte, mittelgroße und deutliche Schrift deutet auf eine praktische Nutzung hin. Klare Gebrauchsspuren, Flecken und zahlreiche Randnotizen belegen, dass das Buch tatsächlich intensiv genutzt wurde. Am Anfang finden sich Besitzvermerke zweier Augenärzte aus Damaskus aus den Jahren 1838 und 1858, die zeigen, dass das Werk bis ins 19. Jahrhundert in Gebrauch war. Der schlichte Einband, zum Teil aus Leder und mit Klappe, dient eher dem Schutz der Handschrift als der Dekoration.
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Ma VI 76 - Medizinisches Handbuch. (43v)
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Die Handschrift ist damit in Form und Inhalt auf eine Sache ausgelegt: die medizinische Praxis.
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Ma VI 76 - Medizinisches Handbuch. Therapeutisches Kompendium. (21r)
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Ein 400 Jahre altes Handbuch beim Augenarzt? Das Buch über Barmherzigkeit in der Medizin und Weisheit und seine Überlieferungsgeschichte
Von Julius Schmid
Das Werk Barmherzigkeit in der Medizin und Weisheit, das in dieser Sammelhandschrift zu sehen ist, wurde vermutlich im 14. oder 15. Jahrhundert verfasst. Mehr als 400 Jahre später wird immer noch in einer Augenarztpraxis in diesem Werk nachgeschlagen. In den 1930er-Jahren wird es dann in Kairo gedruckt, heutzutage sind immer noch Ausgaben im Umlauf. Bei den großen Klassikern, wie dem Kanon der Medizin von Avicenna macht das ja noch Sinn, aber wieso hält sich dieses kleine Handbuch so lange?
Gebrauchstexte brauchbar halten
Der Originaltext der Barmherzigkeit in der Medizin und Weisheit war als einfacher Medizintext für den Hausgebrauch gedacht.
Neben grundlegenden Erklärungen des Körpers nach der Vorstellung der Säftelehre fokussiert sich der Text auf die Rolle von Nahrung und einfachen Medikamenten und Behandlungen für die Heilung von Patienten. Dazu kommen religiöse Elemente, nämlich überlieferte Aussagen und Taten des Propheten Mohammed zum Thema Medizin.
Diese erste Version war sehr populär und wurde lange weiter so produziert, sie blieb aber nicht lange die einzige Version des Buches.
Ein bisschen später taucht eine zweite Version des Textes auf, die sich offensichtlich an der ersten orientiert. In Handschriften der zweiten Version wird oft as-Suyūṭī, ein berühmter Universalgelehrter, als Verfasser genannt, diese Zuschreibung ist allerdings unsicher. Während der Inhalt der ersten Version hier fast ganz zu finden ist, ist noch einiges hinzugefügt worden. Statt 5 Kapiteln gibt es jetzt 195, mitunter über die medizinische Nutzung von Nahrungsmitteln und mit neuen Rezepten, unter anderem auch für die Herstellung von Talismanen oder anderen magischen Gegenständen. Auch wenn heutzutage die Barmherzigkeit gedruckt wird, orientiert man sich meistens an dieser Fassung.
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Petermann II 207 - Kitāb ar- Raḥma fi 'ṭ-ṭibb wa-'l-ḥikma (3v)
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Aber auch danach wurden die Texte über die Zeit hinweg verändert. Handschriften werden von Schreibern oder Kopisten per Hand (ab)geschrieben, hier können Teile des Textes verändert oder angepasst werden. Auch die Nutzer der jeweiligen Handschrift beschränken sich nicht nur auf Randnotizen. In einer Handschrift ist zum Beispiel eine Anleitung für die Herstellung eines Amuletts hinzugefügt worden, obwohl das eigentliche Werk diese gar nicht erwähnt. Teilweise wandern auch Randnotizen beim Abschreiben in den Fließtext, Rezepte für Behandlungen werden oft ergänzt oder abgeändert.
Einmal wird das Werk sogar in Versform umgedichtet, Gedichte kann man sich ja leichter merken als Prosawerke.
Die einzelnen Handschriften sind also nicht einfach mehr oder weniger genaue Kopien eines Originaltextes, als Gebrauchsgegenstände verändern sie sich mit den Anforderungen und Vorlieben ihrer Nutzer.
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Ma VI 76 - Medizinisches Handbuch. Therapeutisches Kompendium (45v)
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Noch ein ganzes Buch im Anhang?
Auch in der in Tübingen vorliegenden Handschrift hat der Schreiber eine markante Entscheidung getroffen. Auf den Text der Barmherzigkeit in der Medizin und Weisheit folgt noch ein Text. Ohne Seitenumbruch, ohne Vorwort und ohne den Titel des Werkes anzugeben folgt ein weiteres therapeutisches Handbuch.
Die meisten Kapitel dieses Textes sind zwar nicht nummeriert, aber bei denen mit Nummer stimmt diese nicht. Daraus kann man schließen, dass der Text vermutlich aus einem größeren Werk kommt und ohne genauere Angaben einfach übernommen wurde. An der Schrift kann man keine Unterschiede erkennen. Die Entscheidung, hier einen unvollständigen weiteren Text anzuhängen, kam also vom originalen Schreiber der Handschrift.
Diese aus heutiger Copyright-Perspektive sehr verwunderliche Entscheidung deutet auf eine Sache hin: Handschriften wurden nicht nur zum Verstauben in Bibliotheken geschrieben, als Gebrauchsgegenstände können sie verblüffend komplexe Eigenleben entwickeln.
Die Langlebigkeit des Werkes lässt sich also unter anderem durch seine Flexibilität erklären. Indem es praktisch genutzt und mit Fußnoten, Anhängen und Zusätzen versehen wurde, wurde es wieder an die praktische Nutzung angepasst.
Auch durch die aktive Veränderung des Textes, sowohl durch Schreiber als auch durch Lesende, hat sich das Werk an die jeweiligen Bedürfnisse der Zeit oder der Nutzerschaft anpassen können.
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Md 2 - Tübinger Hausbuch (266v)
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Zwischen „schlecht gemaltem, uraltem Kalender“ und kulturellem Schatz: Das Tübinger Hausbuch
Von Anastasia Leonov und Marius Funk
Einst von Forschern als „schlecht gemalter, uralter Kalender“ bezeichnet, gilt das Tübinger Hausbuch heute als eine der wertvollsten Handschriften, die die Universität Tübingen ihr Eigen nennen darf. Die Handschrift entstand gegen Ende des 15. Jahrhunderts. Sie wurde auf Papier geschrieben und ist mit zahlreichen Zeichnungen von Planetenbildern, Sternzeichen sowie Figuren versehen, mit deren Hilfe man die Zukunft vorherzusagen hoffte. Neben astrologischen Grundkenntnissen gibt die 324-seitige Handschrift auch Aufschluss darüber, wie man ein gutes und gesundes Leben führt. Darüber hinaus wird der Aufbau von Erde und Weltall erläutert.
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Md 2 - Tübinger Hausbuch (267r)
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Das Kalendarium zeigt beispielsweise farbenfrohe Federzeichnungen von Mond und Sonne. Die Tabellen stellen astronomisch-astrologische Berechnungen dar. Zusätzlich werden die Wirkung von Aderlass, von Figuren für die Wahrsagerei (hier: rote Kreise) sowie den zugehörigen Planeten auf den Körper illustriert. Figuren, die im Mittelalter zum Vorhersagen der Zukunft genutzt wurden inklusive Deutung und Beschreibung, nehmen allgemein einen großen Teil der Handschrift ein. Sie werden nicht nur dem Menschen zugeordnet, sondern auch den Sternzeichen.
Kunsthistorische Bekanntheit erlangte das Hausbuch hauptsächlich durch die Darstellung der Planeten und ihrer Kinder wie beispielsweise Venus und deren Einfluss auf Musiker und das Sternzeichen Waage.
Das Tübinger Hausbuch – zwischen spätmittelalterlicher Astrologie und Gender
Von Anastasia Leonov
Laien werden den Begriff ‚Gender‘, vor allem in Kombination mit Astrologie, als Forschungsfelder der (Post-)Moderne abstempeln. Teilweise stimmt dies auch; die Wissenschaft der Gender Studies entwickelte sich in den 1980er Jahren aus der Frauenforschung heraus und befasste sich mit vorher vernachlässigten soziokulturellen Perspektiven, welche es ermöglichten, Literatur, Kultur wie auch Politik durch einen neugewonnenen Blickwinkel zu betrachten und zu analysieren. Infolgedessen ist auch eine nachträgliche Analyse von Werken, welche den Gender Studies vorausgingen, möglich.
Tatsächlich liegt ein Gender-Ansatz aufgrund von thematischen Überschneidungen nahe. Vor allem das Tübinger Hausbuch ist hier einschlägig; diese lokale Berühmtheit erreichte vor allem durch ihre Federzeichnungen der Planetenkinder auch kunsthistorisches Ansehen.
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Md 2 - Tübinger Hausbuch (270r)
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Md 2 - Tübinger Hausbuch (272r)
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Diese Zeichnungen verbinden Astrologie mit gegenderten Darstellungen von Menschen und Planeten. So sind z.B. die Planeten bereits durch ihre jeweilige Personifikation als antike Gottheiten vergeschlechtlicht. Dem Mond, Luna, wird traditionell das weibliche Geschlecht zugewiesen – erkennbar an der Illustration eines nackten Frauenkörpers, der Luna, der die Gottheit vergeschlechtlicht (Tübinger Hausbuch, fol. 272r).
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Md 2 - Tübinger Hausbuch (270r)
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Auch die Venus wird als nackte Frau dargestellt (fol. 270r). Diese Übernahme des Geschlechts der jeweiligen Gottheit ist bei einer spätmittelalterlichen Planetendarstellung üblich – Venus und Luna sind daher fast ausnahmslos Frauen, während die restlichen, nach männlichen Gottheiten benannten Planeten auch als Männer dargestellt sind.
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Md 2 - Tübinger Hausbuch (41r)
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Zusätzlich dazu bietet die Tübinger Handschrift durch ihre zahlreichen Federzeichnungen etliche Beispiele, in denen Sonne und Mond geschlechtlich markiert sind, ohne dass dabei eine menschliche Figur (Frau oder Mann) explizit illustriert wird. So trägt z.B. die Sonne (lat. männlich: Sol) auf fol. 41r einen Vollbart, während der Mond (lat. feminin: Luna) mit einer Haube ausgeschmückt ist. Auch wenn es darum geht, die Herrschaft einzelner Planeten über Gesichtsteile zu bestimmen, wird vergeschlechtlicht; so regiert die Sonne über das rechte Auge, während der Mond über das linke, im Tübinger Hausbuch als schwächer beschriebene herrscht. Daraus ergibt sich eine Gegenüberstellung von ‚männlich aktiv-rechts-Kraft‘ und ‚weiblich-passiv-links-weniger Kraft.‘ Daraus lässt sich auf damalige (und ironischerweise auch noch auf zeitgenössische) Rollenbilder schließen.
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Md 2 - Tübinger Hausbuch (272r)
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Dieser soziokulturelle Aspekt lässt sich weiterhin dadurch belegen, dass die Planetenkindertexte und -bilder als schematische Darstellung der gesamten Gesellschaft des 15. Jh.s galten. So werden den Planeten konkrete Personen- und Berufsgruppen zugeschrieben, aber auch verschiedene Tierkreiszeichen. Zusätzlich dazu werden auch verschiedene soziale Milieus aufgezeigt; Planeten wie Jupiter oder Sol (die Sonne) illustrieren beispielsweise das Milieu der Mächtigen, während Saturn im Gegensatz dazu das Milieu der Armen und Bettler darstellt. Luna (der Mond) illustriert hier die Beherrschten, Mars die Krieger und Merkur das bürgerliche Handwerk. Alle sozialen Milieus sind durch die Zuschreibung an einzelne Planeten streng voneinander separiert – das heißt, die Zugehörigkeit zu einem Planeten wird nicht nur durch den Geburtszeitpunkt und das Tierkreiszeichen bestimmt, sondern genauso durch den sozialen Stand, der auf eine gespaltene Gesellschaft schließen lässt.
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Md 2 - Tübinger Hausbuch (271r)
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Den einzelnen Milieus werden durch die Planetenkindertexte Eigenschaften zugeschrieben, die sich auf damalige Körperdarstellungen und -vorstellungen gründen. Es ist daher ersichtlich, dass eine Verbindung zwischen Körper und Gesellschaft entsteht. Nicht zuletzt deshalb ist die Analyse von körperlicher Geschlechterdifferenz in den Planetenkindermotiven ein weiterführender Ansatz; denn die Motive bilden sowohl weibliche als auch männliche Figuren ab, obwohl anzunehmen ist, dass die Planetenkindertexte, d.h. die Textvorlage, überwiegend als auf Männer bezogen gelesen wurden. Dies erkennt man vor allem an jenen Illustrationen, die nur männliche Figuren zeigen, aber auch an der Tätigkeitsverteilung in Zeichnungen, die männliche und weibliche Figuren zeigen.
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Md 2 - Tübinger Hausbuch (270r)
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Obwohl es im Tübinger Hausbuch oft zur Darstellung von Planetentöchtern kommt, werden Frauen kaum als selbsthandelnde Akteurinnen dargestellt. Vor allem in der Venusdarstellung werden sie auf ein Objekt der gegengeschlechtlichen Liebe reduziert. Während Venustöchter lediglich als Tanz-, Bade- und Sexualpartnerinnen gesehen werden, sind Venussöhne, wenn sie in keinem Paarkontext stehen, oft auch als Musiker und bei kreativen Tätigkeiten dargestellt. Dadurch wird hier, trotz zahlreicher Darstellungen von Venustöchtern, das Bild einer von Männern dominierten Gesellschaft verstärkt – Männer haben Handlungsmöglichkeiten, während Frauen hier ein agencyloser Gegenstand sind, der nicht einmal in der Liebe handeln darf. Jedoch gibt es im Tübinger Hausbuch auch eine Ausnahme in der Venusdarstellung; so zeigt es z.B. eine Textilhandwerkerin – solche differenzierten Darstellungen sind jedoch selten. Hinzukommt, dass sich hier die Planetentöchter nicht einfach mit den Planetensöhnen austauschen lassen, da sich, wie oben beschrieben, ihr Verhalten geschlechtsspezifisch unterscheidet und in passiv und aktiv aufteilen lässt.
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Md 2 - Tübinger Hausbuch (269r)
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Hauptsächlich aber werden in solchen Handschriften durch die Planetenkindermotive männliche Handlungsräume erschaffen und verstärkt. Auch fördern sie, erstaunlicherweise, kapitalistisches und klassistisches Denken in einer vorkapitalistischen Zeit; so zeigt Saturn, wie oben bereits erwähnt, das Milieu der Armen auf. Es ist daher nicht verwunderlich, dass in Saturnkinderdarstellungen oft Kriminelle wie auch Landwirte vertreten sind. Die soziale Differenz von anderen Planetendarstellungen und Saturn springt beim Vergleich dadurch direkt ins Auge. Es handelt sich daher weder um eine geschlechts- noch um eine klassenneutrale Darstellung der Gesellschaft. Viel eher wird hier ein spätmittelalterliches Patriarchat dargestellt, dass von Klassismus geprägt ist. Planetentöchterdarstellungen sind daher, auch wenn sie z.B. unter dem Einfluss von Mars stehen und einem höheren Milieu angehören, trotzdem von Passivität und niederem Ansehen gezeichnet. So bildet die Tübinger Handschrift die Marstochter (fol. 269r) nicht als Teil des aktiven Geschehens ab, sondern als dessen Opfer.
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Md 2 - Tübinger Hausbuch (269r)
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Man kann also sagen, dass Planetenkinderdarstellungen folgende Aussagen zur Geschlechterdifferenz treffen: Während zum einen Gesellschaft als ein überwiegend männlicher Handlungsraum konstruiert wird, werden zum anderen aber auch Planetentöchter in die Darstellungen miteingebunden. Obwohl das Tübinger Hausbuch über weniger Frauendarstellungen verfügt als andere, vergleichbare Handschriften, lässt dies auf ein Interesse schließen, auch Frauen genauer in den verschiedenen Milieus darzustellen. Durch die oft unterordnende Darstellung von weiblichen Figuren wird es ermöglicht, Aussagen über geschlechterspezifische Tätigkeiten und Rollen zu machen. So werden z.B. bei der Marsabbildung lediglich Männer als bewaffnet dargestellt, während die einzige Marstochter als ein Opfer dieser Gewalt illustriert ist.
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Md 2 - Tübinger Hausbuch (43r)
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Uneindeutige, nicht-binäre und intersexuelle Geschlechter
Das Tübinger Hausbuch verfügt aber auch über Zeichnungen, bei welchen keine eindeutige geschlechtliche Zuschreibung getätigt werden kann, und gibt daher Auskunft über nicht-binäre bzw. intersexuelle Geschlechtsidentitäten und den Umgang mit ihnen. Intersexuelle Menschen wurden im Mittelalter oft mit sogenannten Wundervölkern, d.h. Zentauren, Antipoden etc., in Verbindung gebracht und galten daher selbst als außergewöhnlichen Wesen. Andererseits wurde Intersexualität auch oft in einem Zusammenhang mit Zeugung und dem Uterus behandelt – dies deutet auf einen ambivalenten Umgang mit intersexuellen Identitäten hin, die einerseits mit sonderbaren, marginalisierten Völkern in Verbindung gebracht und andererseits – wie andere, heteronormativere Identitäten auch – lediglich als ein biologisches Phänomen gedeutet werden. Intersexuelle Identitäten hat man sich damals als ein vollkommenes Gleichgewicht von weiblichen und männlichen Einflüssen bei der Zeugung erklärt.
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Md 2 - Tübinger Hausbuch (64v)
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Das Tübinger Hausbuch erklärt die Existenz von intersexuellen Identitäten durch Astrologie; so sind die ungewöhnlichsten Gestalten oft unter dem dritten Dekan eines Tierkreiszeichens geboren – ein Grenzraum zwischen zwei Tierkreiszeichen, der vermutlich allegorisch für die an zwei Geschlechter grenzende Identität ist. Die Abbildung des Mönchs auf fol. 64v fungiert als ein Beispiel einer solchen geschlechtlichen Uneinheitlichkeit. Der vorausgehende Textabschnitt führt diese Uneinheitlichkeit, wie bereits erwähnt, auf die Geburt unter dem letzten Dekan des Tierkreiszeichens Stier zurück. Im Allgemeinen sind im Tübinger Hausbuch vor allem die Zeichen Stier und Skorpion als am weiblichsten (im Vergleich zu den anderen Zeichen) beschrieben. Die Kombination von letztem Dekan und weiblichem Tierkreiszeichen kann daher zur Zeugung und Entstehung von uneindeutigen Geschlechtsidentitäten führen. Solche Identitäten werden oft mit Lügnern, Ehebrechern, Selbstmördern und Menschen mit fremdem Aussehen über einen Kamm geschert, da sie alle die Geburt unter dem letzten Dekan gemeinsam haben. Dies lässt auf die niedrige gesellschaftliche Position von nicht-binären bzw. intersexuellen Menschen schließen.
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Aderlassmann - Tübinger Hausbuch, Md 2, 12v
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Fazit
Die Analyse nach Geschlecht ermöglicht in astrologischen Handschriften einen tiefgreifenderen Einblick in die spätmittelalterliche Gesellschaft, samt Rollenbildern und Stand. Es wird offensichtlich, dass Astrologie und Geschlecht in einem engen Zusammenhang miteinander stehen und einander weitgehend beeinflussen; sei es bei Gesundheitsfragen, Gesellschaftskonzeptionen oder bei Begründungen von uneindeutigem Geschlecht bzw. durch Planeten markierte Geschlechtseigenschaften. Es wird klar, dass auch in Planetenkinderdarstellungen Frauen damals eine untergeordnete Rolle spielten. Dies liegt daran, dass die spätmittelalterliche Gesellschaft patriarchale Züge hatte, welche Frauen vergegenständlichte auf Objekte des Begehrens reduzierte. Selbst in höheren Milieus, wie z.B. bei der Venus- oder Marsdarstellung, wurde vergeschlechtlicht; weibliche Figuren fehlten entweder komplett in der Illustration oder waren trotzdem ihrem männlichen Gegenstück untergeordnet. Auch Intersexuelle wurden marginalisiert und galten als niedrig, was an ihrer Assoziierung mit Menschen, die nicht dem Ideal entsprachen und sozusagen das Böse verkörperten, erkennbar ist. Der Umgang mit ihnen als außergewöhnlichen Wesen verstärkt diesen Aspekt nur – trotz Bemühungen einer biologischen Erklärung, die im Einklang mit damaligen medizinisch-naturphilosophischen Diskussionen stand.
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Md 2 - Tübinger Hausbuch (43r)
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Man kann also sagen, dass im Tübinger Hausbuch, vor allem bei den Planetenkinderdarstellungen, Geschlechterdifferenz als soziales Phänomen behandelt wird. Es werden verschiedene Handlungsmöglichkeiten für Männer und Frauen konzipiert, wobei Frauen immer deutlich weniger handlungsmächtig dargestellt und sozial niedriger eingestuft werden als Männer. Hierbei zeigen die Planetenkinderdarstellungen die starke gesellschaftsstrukturierende Funktion von Geschlechterdifferenz auf. Dies geschieht, wie ersichtlich, sowohl durch verkörpernde und vergeschlechtliche Darstellungen von Planeten und deren Einfluss bzw. Herrschaft über soziale Milieus als auch durch Darstellungen von Berufs- und Personengruppen.
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Ji I 7 c.2 - Hortus sanitatis (1v)
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Von der Forschung vergessen? - Die wahren "Trendsetter" der Kräuterenzyklopädien
Von Ronny Bether und Vanessa Fehrenbach
Die frühen Kräuterbuchdrucke Gart der Gesundheit und Hortus sanitatis („Garten der Gesundheit“) gehören zu den wichtigsten naturkundlichen Publikationen des späten 15. Jahrhunderts. Als reich illustrierte Frühdrucke vereinen sie botanisches und medizinisches Wissen. Sie bieten dieses in eigener Form, nicht lediglich als Übersetzung. So wird es leichter zugänglich.
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Bi 224.2 und Ji I 7 c.2 (Einband)
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Zusammen mit dem Herbarius Moguntinus („Mainzer Kräuterbuch“) bilden sie die Gruppe der sogenannten „Mainzer Kräuterbuch-Frühdrucke“. Als Kräuter-enzyklopädien ähneln sie einander in ihrem Aufbau stark: in der Darstellung, Beschreibung und den medizinischen Anwendungsmöglichkeiten der verschiedenen Pflanzen, Mineralien und tierischen Stoffe.
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Inc. 8° 2348 a (Einband und 5r)
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Bi 1 a.2:2 - NEw Kreüterbůch (1v)
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Die Forschung hielt das erstmals 1543 publizierte New Kräuterbuch des Tübinger Mediziners Leonhart Fuchs lange Zeit für die erste gedruckte Kräuterbuchenzyklopädie. Tatsächlich erschienen die hier gezeigten Werke jedoch lange vor dem Werk von Fuchs. Erst vor kurzem hat sich die Einschätzung der älteren Drucke gewandelt, deren Bilder auch kunsthistorisch gewürdigt werden. Es handelt sich bei den vorliegenden Werken um die tatsächlich ersten gedruckten Kräuterbücher – wahre „Trendsetter“, wie sich herausstellen sollte.
Mit ihrem umfassenden Wissen über diverse Themenbereiche, Pflanzen, Gegenstände und ihre Anwendungsformen sowie mit ihren naturgetreuen Pflanzen-darstellungen setzten sie neue Maßstäbe für ihre Textgattung, die sich großer Beliebtheit erfreute und erfreut – damals in der Allgemeinheit, heute unter Sammlern und Naturheilkundlern.
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Bi 224.2 (5v) und Ji I 7 c.2 (3v)
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Bi 224.2 - Hortus sanitatis, deutsch (1v)
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Der „meyster in der artzney“ und sein größtes Werk - „Gart der Gesundheit“
Von Benedikt Siebel
Gart der Gesundheit (1487) – Titelblatt
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Bi 224.2 - Hortus sanitatis, deutsch (1v)
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Der Ursprung des „Gart der Gesundheit“
Von Benedikt Siebel
Der Gart der Gesundheit wurde erstmals im Jahr 1485 in Mainz gedruckt. Johann Wonnecke von Kaub, ein meyster in der artzney, soll das Werk zusammengestellt haben. Im Gegensatz zur Erstausgabe erscheint der Text in den hier vorliegenden Exemplaren zweispaltig. Häufige Absätze und Titelblätter liefern eine lesefreundliche Struktur.
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Bi 224.2 - Gart der Gesundheit (3v)
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435 verschiedene Pflanzen
Von Benedikt Siebel
Das Werk ist in fünf verschiedene Teile gegliedert. Nach einer Vorrede, die den ersten Teil bildet, folgt der zweite und wichtigste Abschnitt des Buches. Er informiert in insgesamt 435 Kapiteln über eine Vielzahl an Pflanzen. Hinzu kommen Mineralien und tierische Stoffe wie Elfenbein. In den Kapiteln werden Aussehen, Herkunft, medizinische Heilwirkung, Anwendung und Zubereitung der verschiedenen Naturstoffe erläutert. Geschmückt werden die Ausführungen durch nachträglich kolorierte Holzschnitte des jeweils beschriebenen Heilmittels.
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Bi 224.2 - Gart der Gesundheit (64r)
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Bi 224.2 - Gart der Gesundheit (105r)
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Bi 224.2 - Gart der Gesundheit (173r)
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Bi 224.2 - Gart der Gesundheit (222r)
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Hortus Sanitatis, Bi 224.2, 224r
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Heilung durch Kräuter und Pflanzen
Von Benedikt Siebel
Der dritte Teil unterteilt die Kräuter in verschiedene Kategorien. Die „Farben des Harns“ bilden den vierten Abschnitt des Werkes und befassen sich mit der Harndiagnostik. Dabei handelt es sich um eine gängige medizinische Praxis des Mittelalters, bei der u. a. Farbe, Konsistenz und Geschmack des Urins analysiert werden. Der fünfte und letzte Teil listet menschliche Krankheiten auf und beschreibt heilsame Kräuter und Pflanzen.
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Bi 224.2 - Gart der Gesundheit (247r)
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Medizin für die breite Bevölkerung
Von Benedikt Siebel
Im Gegensatz zu vielen anderen zeitgenössischen medizinischen Werken wurde das Werk auf Deutsch verfasst und nicht aus dem Lateinischen übersetzt. Es erreichte somit eine gänzlich neue Zielgruppe, die zuvor kaum Zugang zu medizinischem Wissen hatte. Aufgrund der sanitären Zustände – besonders in mittelalterlichen Großstädten – ergab sich eine beispiellose Nachfrage nach einsteigerfreundlicher Heilkunde in der breiten Bevölkerung. Das machte den Gart der Gesundheit zu einem der beliebtesten und auflagenstärksten Werke seiner Zeit.
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Bi 224.2 - Hortus sanitatis, deutsch (1v)
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Ob Ulm, Straßburg oder Tübingen: Heilkunde bleibt unverändert
Medizinisches Wissen im Buchformat
Der lateinische Hortus sanitatis und der deutschsprachige Gart der Gesundheit gehören zu den bedeutendsten naturkundlich-medizinischen Werken des Spätmittelalters. Sie vermitteln Wissen über Pflanzen, Tiere und Heilmittel und verbinden lehrreiches Wissen in Textform mit anschaulichen Holzschnitten.
Zwei Drucke, zwei Geschichten
Auch wenn die hier gezeigten Exemplare des Gart der Gesundheit sich optisch sehr ähneln, stammen sie aus unterschiedlichen Druckwerkstätten. Das linke Exemplar wurde zwischen den Jahren 1485 und 1486 in Straßburg gedruckt, während das rechte Exemplar 1487 in Ulm veröffentlicht wurde. Der Vergleich zeigt, wie spätmittelalterliches Wissen trotz regionaler Unterschiede standartisiert, aber zugleich lokal angepasst wurde.
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2 Inc.s.a. 600 - Gart der Gesundheit (2r)
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Bi 224.2 - Hortus sanitatis, deutsch (2r)
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Bilder im Wandel: Holzschnitt und Farbe
Besonders spannend ist die Bildgestaltung in den genannten Werken. In beiden Exemplaren wurden identische Holzschnittvorlagen verwendet – trotz unterschiedlicher Druckorte. Nur im Ulmer Druck von 1487 wurden die Abbildungen nachträglich koloriert.
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2 Inc.s.a. 600 - Gart der Gesundheit (14r)
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Bi 224.2 - Hortus sanitatis, deutsch (15r)
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Ji I 7 d.2 - Gart der Gesundheit (Vorsatz und Spiegel)
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Das Exemplar von 1487 nennt nur einen Vorbesitzer: Dr. Karl von Schäffer. Er war ein deutscher Arzt, der in Tübingen studierte. Seine gesammelten Bücher vermachte er nach seinem Tod im Jahr 1836 der Universitätsbibliothek Tübingen. Das Exemplar befand sich im Besitz einer Reihe von verschiedenen Institutionen, u. a. dem Benediktinerkloster Weingarten und der Königlichen Handbibliothek in Stuttgart. Die Vielzahl an Nutzern hat das Material des Exemplars sichtlich belastet. Um es vor weiteren Schäden zu schützen, kann es leider nicht voll-ständig geöffnet werden. Darüber hin-aus finden sich in diesem Exemplar zahlreiche handschriftliche Eintragungen und Notizen, mit denen die verschiedenen Nutzer das Werk über die Jahrhunderte erweiterten.
Der Hortus Sanitatis - 530 Kräuter, 1 Werk, seit 1491
Von Lena Haas
Der Hortus Sanitatis wurde erstmals im Juni 1491 in Mainz gedruckt. Der Verfasser ist unbekannt. Die hier vorliegenden Exemplare entstammen beide der Straßburger Druckerwerkstatt des Johann Prüss. Der lateinische Text ist zweispaltig gesetzt und in sieben Teile gegliedert. Beschrieben werden neben Heilmitteln aus Kräutern auch Heilmittel aus Landtieren, Vögeln, Wasserwesen sowie aus Halbedelsteinen und Mineralien. Den Abschluss bildet eine Abhandlung zur Harnlehre.
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Ji I 7 c.2 - Hortus sanitatis (1v)
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Jedes Kapitel beginnt mit einer eigenen Abbildung und enthält eine kurze Erklärung des Mittels sowie die ihm zugeschriebenen Wirkungen. Insgesamt kommt das Werk dabei auf mehr als 1.000 Kapitel. So ist ein umfassendes Nachschlagewerk entstanden, das naturkundliche Beobachtung und medizinische Praxis miteinander verbindet.
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Ji I 7 c.2 - Hortus sanitatis (1r)
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Ji I 7 c.2 - Hortus sanitatis (2v)
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Ji I 7 c.2 - Hortus sanitatis (213v)
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Ji I 7 c.2 - Hortus sanitatis (245r)
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Ji I 7 c.2 - Hortus sanitatis (272v)
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Ji I 7 c.2 - Hortus sanitatis (297r)
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Ji I 7 c.2 - Hortus sanitatis (332r)
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Aktualität des Buches Gart der Gesundheit
Von Lena Haas
Der Themengarten der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz zeigt eine Auswahl von etwa 70 Pflanzenarten aus dem Kräuterbuch Gart der Gesundheit.
Im Mittelpunkt des Themengartens befinden sich Beete, die von großformatigen Natursteinplatten umrahmt werden, in welche ausgewählte Holzschnittmotive aus dem Kräuterbuch eingearbeitet sind.
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Apothekergarten Kressbronn
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Andreas Praefcke
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Zeitlose Klassiker
Von Ronny Bether
Weder der vor 1497 noch der 1507 oder später angefertigte Hortus sanitatis-Druck gibt selbst einen Hinweis auf das Jahr seiner Entstehung. Auf den ersten Blick kann dieser nur anhand der vereinzelt voneinander abweichenden Abbildungen bestimmt werden. Doch die verwendeten Drucktypen, das heißt die Buchstaben aus Blei, mit denen man druckte, geben näheren Aufschluss: Der Vergleich mit datierbaren Büchern aus der Druckerei von Prüss zeigt, dass Prüss die Typen des einen Buches nach 1497 nicht mehr verwendet hat; die des zweiten nutzte er erst ab 1507.
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Ji I 7.2 (246r) und Ji I 7 c.2 (245r)
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Ji I 7.2 (42v) und Ji I 7 c.2 (42v)
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Trotz der weit auseinanderliegenden Entstehungsjahre weichen die Drucke sowohl im Layout als auch im Inhalt kaum voneinander ab. Im Kapitel der Wassertiere weist das untere Buch eine Ergänzung um 42 Einträge auf. Größere Unterschiede finden sich in der Illustration und dem Zustand der beiden Bücher. So erscheint das obere lediglich in schwarz-weiß, während das untere zumindest teilweise in verschiedenen Farben erstrahlt.
Auch die Initialen der Kapitel sind unterschiedlich ausgestaltet: In der älteren Fassung sind nur kleine Buchstaben vorgedruckt, die händisch hätten nach-getragen werden sollen. Die Vorbesitzer dieses Buchs, welche sich auf der ausgestellten Seite verewigten, verfügten allem Anschein nach nicht über die Mittel, um ihr Exemplar aufwändig künstlerisch nachzugestalten. Später wurden die Initialen, wie im jüngeren Druck stellenweise zu sehen ist, direkt mitgedruckt.
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Ji I 7 c.2 (208r) und Ji I 7.2 (209r)
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Die vereinzelten Löcher, die man auf den Seiten des älteren Buches erkennen kann, sind das Resultat eines Buchwurms, der sich an über 100 Seiten des Buches sattfressen konnte. Auch von einem Schimmelbefall blieb dieses Buch nicht verschont, wenngleich die Rückstände hiervon aufgrund kürzlicher Res-taurationsarbeiten kaum noch erkennbar sind.
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Ji I 7.2 - Ortus sanitatis (360r)
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Der UB liegen somit zwei Auflagen desselben Werkes vor, die sich trotz aller Gemeinsamkeiten nicht nur in ihrer Qualität, sondern auch in ihrer eigenen Ge-schichte deutlich voneinander unterscheiden.
Über die Geschichte der Datierung von Inkunabeln
Von Ronny Bether
Es ist ein Ereignis derartigen Ausmaßes, dass die Geschichtswissenschaft hierbei immer wieder von einer Epochenzäsur spricht. Nach dieser Ansicht steht es in Bezug auf seinen Einfluss auf die gesellschaftlichen Dynamiken der Zeit auf einer ähnlichen Stufe wie der Fall des Weströmischen Reiches, die Völkerwanderung oder die Entdeckung Amerikas. Doch sogar das erscheint bei genauerer Betrachtung als eine maßlose Untertreibung. Man stelle sich einmal vor: Innerhalb weniger Jahrzehnte erwerben weitreichende Teile der Bevölkerung Europas Lese- und Schreibfähigkeiten, die zuvor nur durch bestimme kirchliche und bürokratische Milieus erreicht werden konnten. Es wirft eine über Jahrhunderte hinweg etablierte gesellschaftliche Ordnung über den Haufen und all dies lässt sich auf eine kleine Druckerwerkstatt in Mainz zurückverfolgen. Die Rede ist hierbei vom Buchdruck mit beweglichen Typen.
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Buchdruck mit beweglichen Lettern
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Willi Heidelbach
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Jc 3.2 - Regimen sanitatis, deutsch (51v)
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Führt man sich dessen Entwicklung einmal vor Augen, wird einem schnell schwindelig. Schon im 16. Jahrhundert erscheinen über 106.000 Titel allein im deutschen Sprachbereich. Für das 17. Jahrhundert sind bisher über 303.000 Titel in über 804.000 Exemplaren bekannt. Bevor einem hierbei nun schwarz vor Augen wird, bewegt man sich lieber schnell in die andere Richtung. Der britische Incunabula Short Title Catalogue (ISTC) schätzt, in allen Jahren vor 1500 gerade einmal 28.000 Werke gedruckt wurden. Doch wie weit lässt sich dies zurückverfolgen?
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Bi 1 a.2:2 - NEw Kreüterbůch (1r)
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Diese Frage soll hier jedoch nicht geklärt werden. Heutzutage kann sie sich jeder mit ein paar Klicks im Internet selbst beantworten lassen. Die Erfindung des Buchdrucks steht der des Internets in vielerlei Hinsicht parallel gegenüber. Die Zugänglichkeit von Wissen ist vermutlich die wichtigste Grundlage für den Bildungsgrad einer Gesellschaft und fußt stets darauf, dass es schon zuvor Menschen gab, die versucht haben, sich der Antwort eben jener Fragen entsprechend ihrer Möglichkeiten zu nähern. Gerade in Bezug auf den Buchdruck entstanden dabei schon früh Ergebnisse, die angesichts der damaligen Möglichkeiten nicht nur höchst beeindruckend sind, sondern auch aus heutiger Perspektive noch große Bedeutsamkeit tragen.
Im Folgenden soll die Arbeit einiger der Menschen gezeigt werden, die sich schon vor der Zeit des ISTC, des Gesamtkataloges der Wiegendrucke oder des Inkunabelkataloges mit den ersten gedruckten Werken befasst haben.
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Ce 518.2 - C. Plinii Secvndi Natvralis historiae (II4r)
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Erste Versuche und Probleme
Orientiert man sich an der zuvor aufgeworfenen Frage, wie weit man Drucke zurückdatieren kann, liegt ein zentraler Aspekt zugrunde: Inwiefern lassen sich Werke überhaupt datieren?
Einen ersten Ansatz der Katalogisierung lieferte der Philologe Michael Maittaire bereits im Jahre 1719. Sein Ansatz liegt somit zeitlich näher an den ersten europäischen Drucken als wir heute an ihm. Die Annales typographici listen in fünf Bänden alle dem Autor bekannten Drucke in erstmals chronologischer Reihenfolge auf. Für den Zeitraum von 1457 bis 1664 schafft Maitairre es schon damals auf eine beeindruckende Gesamtzahl von über 5.500 Werken.4 Die nötigen Informationen hierfür bezieht er aus den Angaben der Drucke selbst.
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Jc 79 - Regimen sanitatis (80r)
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Die meisten Datierungen lassen sich dabei im sogenannten Kolophon finden. Hierbei handelt es sich um einen Textabschnitt am Ende eines Werkes, der Ort, Name des Druckers und das vermeintliche Datum der Fertigstellung des Werkes aufführt. Zunächst scheint die Aufgabe der Datierung folglich recht leicht zu sein, doch begegnen einem recht bald einige Probleme: Zum einen können diese Datierungen je nach Entstehungsort und Zeitraum schnell unterschiedlichen Zeitrechnungen zum Opfer fallen, die lokal potenziell vorgeherrscht haben könnten.
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Jc 3.2 - Regimen sanitatis, deutsch (51v)
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Unterschiedliche Kalendersysteme oder Jahresanfänge führen zu divergierenden Angaben über den tatsächlichen Fertigstellungzeitraum. Zum anderen übernehmen viele Nachdrucke die Angaben ihrer vorangegangenen Originale direkt, was auch hier zu falschen Datierungen führt. Auch Druckfehler schleichen sich immer wieder in die Jahresangaben ein. Darüber hinaus passiert es nicht selten, dass Drucker bei der genauen Angabe schummeln, um die Fertigstellung auf einen besonderen, meist religiös bedeutsamen Tag zu legen, wobei eine genaue Datumsangabe allgemein selten zu finden ist. Allein auf Angaben dieser Art kann man sich folglich nicht verlassen, zumal bei weitem nicht alle Werke aus der Frühzeit des Drucks so entgegenkommend sind. Viele geben selbst keine Auskunft über ihren Entstehungszeitraum. Bereits zu diesem Zeitpunkt benötigt man also weitere Methoden zeitlicher Eingrenzung.
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Bi 1 a.2:2 - NEw Kreüterbůch (1r)
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Erste Methodische Ansätze
Weniger als ein Jahrhundert später schaffte der Nürnberger Bibliograf Georg Wolfgang Franz Panzer die Grundlage aller systematischen Erfassungen an Frühdrucken. Die 1788 veröffentlichten Annalen der älteren deutschen Literatur listeten vorrangig deutschsprachige Schriftzeugnisse chronologisch auf. Erstmalig verwies man hier auf die typologische Beschaffenheit der Texte wie den Zustand der Typen und zog aus dem Schriftbild und dem Vergleich dieser oberflächliche Rückschlüsse auf Druckverfahren und Entstehungszeitraum. In seinem 1793 erschienen elfbändigen Werk, das ebenfalls den Namen Annales typographici trug, katalogisierte er anschließend 16.151 Drucke chronologisch innerhalb ihrer Herkunftsländer und legte somit den Grundstein analytischer Forschung zu Inkunabeln.
Kurze Zeit später schloss Ludwig Friedrich Theodor Hain an die Arbeit Panzers an. In dem 1826 veröffentlichten Werk Repertorium bibliographicum finden erste typographische Untersuchungen ihren Ursprung. Material und Textbeschaffenheit werden hier ausführlich beschrieben und undatierte Werke anhand dessen zeitlich grob verortet.
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Jc 79 - Regimen sanitatis (80r)
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Bradshaw und Proctor
Die Erkenntnis, dass eine wissenschaftliche „Klassifizierung aller in der Inkunabelzeit verwendeten Typen ein unentbehrliches Hilfsmittel für die Zuordnung von unfirmierten Wiegendrucken“ darstellt, entsprang schließlich dem britischen Philologen Henry Bradshaw in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Sein Ziel war es dabei, literarische Werke nach naturwissenschaftlichem Vorbild zu untersuchen. Er legte somit erstmalig einen genauen Fokus auf Buchstabenformen, Zeilenhöhe und Abstände. Auch das Schreibmaterial wurde untersucht, um Rückschlüsse auf Drucker, Werkstatt und Entstehungszeitraum zu schaffen. Seine Systematik präsentierte er erstmals in seinem 1870 erschienenen Werk A classified index to the XVth century books, bei dessen Aufbau er sich an der geografisch-chronologischen Sortierung Panzers orientierte.
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Bi 224.2 - Gart der Gesundheit (247r)
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Größere Bekanntheit erlangte diese Herangehensweise jedoch erst durch Robert Proctor, der die Methodik Bradshaws aufgriff und das 20-Zeilen-Maß als typometrisches Prinzip etablierte, um verschiedene Schriftarten möglichst genau bestimmen und die verwendeten Typen den unterschiedlichen Druckerwerkstätten zuschreiben zu können. Sein Werk Index of the early printed books in the British Museum and in the Bodleian Library of Oxford erlangte dank der umfangreichen Ausstattung der beiden Bibliotheken große Bekanntheit.
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Ce 518.2 - C. Plinii Secvndi Natvralis historiae (II4r)
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Die M-Form
Das Werk Proctors war in seiner Methode erstmals ungemein nachprüfbar angelegt, sodass Konrad Haebler nur kurze Zeit später einige Unstimmigkeiten in den Schlussfolgerungen Proctors ausmachen konnte. So habe Proctor gelegentlich deutlich voneinander unterscheidbare Typen als gleich und gleiche Typen als unterschiedlich bewertet. Den Ursprung sah Haebler in den Unzulänglichkeiten des 20-Zeilen-Maßes, das „Ober- und Unterlängen der Buchstaben nicht miteinbezog“. Haebler schlug vor, von nun an die M-Form des Typensatzes als definierendes Merkmal zu ergänzen und stieß somit die erste typologische Diagnostik anhand einzelner Buchstaben an.
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Jc 79 - Regimen sanitatis (80r)
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Heutiger Stand
Mit dem Typenrepertorium der Wiegendrucke Haeblers entstand somit schon 1905 der Leitfaden, der die typographische Arbeit an Frühdrucken noch heute grundlegend definiert. Besonders die M- und die etwas später untersuchte Q-Form für Antiquaschriften sind in Verbindung mit dem durch Proctor etablierten 20-Zeilen-Maß, das durch Haebler später zu einem 21-Zeilen-Maß ergänzt wurde, dazu in der Lage, die meisten Frühdruck-Typensätze zu erkennen, zu klassifizieren und entsprechend zeitlich zu verorten. Besonders in der chemischen Untersuchung der Schreibstoffe gab es fundamentale Fortschritte, die jedoch dank der methodischen Herangehensweise der hier genannten Personen nur selten angewendet werden muss, um einen Entstehungszeitraum näher zu bestimmen.
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Vitrine 5
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Lorenz Leins
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Ma VI 241-1 - Kitāb al-Ǧāmiʿ (I)
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Von Málaga über Damaskus nach Tübingen: Eine reisende Naturapotheke
Von Ilkay Eker und Nilay Eker
Mehr als 1.400 Heilmittel vereinte Ibn al-Bayṭār im 13. Jahrhundert in seinem „Umfassenden Buch“ (Kitāb al-Ǧāmiʿ). Der andalusisch-arabische Gelehrte gehörte zu den bedeutendsten Botanikern und Pharmakologen des Mittelalters.
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Ma VI 241 - Kitāb al-Ǧāmiʿ (143)
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Das arabische Werk enthält alphabetisch geordnet die Namen, das Aussehen, die Wirkung und die Dosierung der Heilmittel. Mehr als 300 Substanzen beschrieb Ibn al-Bayṭār erstmals auf Grundlage eigener Beobachtungen. Seine Forschungswege führten ihn durch Andalusien, Nordafrika, Anatolien und den östlichen Mittelmeerraum.
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Ma VI 241 - Kitāb al-Ǧāmiʿ (143)
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Das in Tübingen aufbewahrte Exemplar erzählt eine eigene Geschichte. Dr. Joseph von Sontheimer fertigte zwischen 1832 und 1839 eine vollständige Abschrift des Werkes in zwei Bänden an. Als Vorlage diente ihm eine Handschrift aus Hamburg. Die Abschrift konzentriert sich auf den Text und verzichtet auf Verzierungen oder Abbildungen. Auf dieser Grundlage erstellte Sontheimer eine deutsche Übersetzung des Werkes. Dadurch machte er das Wissen Ibn al-Bayṭārs auch im deutschsprachigen Raum zugänglich. Über Sontheimers Tochter gelangten die arabischen Bände an ihren Ehemann Rudolf Probst. Zum 400-jährigen Jubiläum der Universität Tübingen schenkte Probst die beiden Bände der Universitätsbibliothek, wo sie bis heute aufbewahrt werden. So fand das Wissen Ibn al-Bayṭārs nach einer langen Reise von Málaga über Damaskus schließlich in Tübingen eine neue Heimat.
Biografische Untersuchungen – Der Weg des Kitāb al-Ǧāmiʿ nach Tübingen
Von Nilay Eker
Das Tübinger Exemplar des Kitāb al-Ǧāmiʿ hat seinen Weg nach Tübingen mithilfe zweier Persönlichkeiten gefunden. Zwei Männer, Schwiegervater und Schwiegersohn, sorgten dafür, dass die Universitätsbibliothek mit dem Kitāb al-Ǧāmiʿ bereichert wurde. Während Dr. Joseph von Sontheimer die arabische Abschrift anfertigte, war es sein Schwiegersohn Rudolf Probst, durch den das Werk nach Tübingen gelangte. Nun soll ein Blick in das Leben beider Persönlichkeiten geworfen werden.
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Sausan - Die Lilie - Lilium
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Nilay Eker
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Tawus - Der Pfau - Pavo cristatus
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Nilay Eker
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Warda - Die Rose - Rosa
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Nilay Eker
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Karanful - Gewürznelke - Caryophyllus aromaticus
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Nilay Eker
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Summaq - Sumach - Rhus Coriaria
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Nilay Eker
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Ayhqan - Eruca - Die Senfrauke
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Nilay Eker
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Kitāb al-Ǧāmiʿ
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Nilay Eker
Dr. Joseph von Sontheimer
Von Nilay Eker
Dr. Joseph von Sontheimer wurde im Jahre 1787 am 16. März geboren. Sein Geburtsort ist Allmendingen, eine Gemeinde bei Ehingen im Alb-Donau-Kreis in Baden-Württemberg. Sontheimers Vater Johannes Sontheimer hatte die Mutter, Maria Anna, am 8. November 1784 geheiratet. Die Eheleute Sontheimer hatten insgesamt vier Kinder, wobei Joseph von Sontheimer das zweite Kind war. Bereits im Alter von sechs Jahren verlor er seine Mutter. Dr. Joseph von Sontheimer war katholischen Glaubens, so wie der Großteil der damaligen Bevölkerung in Großallmendingen. In einem anderen Artikel wird Dr. Joseph von Sontheimer als Sohn eines Landwirts bezeichnet. Der Großvater väterlicherseits Joseph von Sontheimers war auch Landwirt.
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Kitāb al-Ǧāmiʿ
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Nilay Eker
Über den Werdegang von Dr. Joseph von Sontheimer wird man ebenfalls fündig. Zunächst begann er seine Ausbildung auf Wunsch der Familie mit einem Studium der Theologie an der Universität Tübingen. Dennoch war seine Leidenschaft die Medizin, weshalb er sich um eine Zulassung zum Medizinstudium bemühte. Ganz interessant ist hierbei, dass jedoch keine offizielle Immatrikulation für ein Medizinstudium von Sontheimer an der Universität Tübingen nachweisbar ist. Sontheimer besuchte also Vorlesungen lediglich im Gasthörerstatus. An der Universität Freiburg im Breisgau war Sontheimer hingegen für ein Medizinstudium eingeschrieben. Dort beschäftigte er sich auch mit der arabischen Sprache, welche später in seiner Laufbahn eine wichtige Rolle spielte. Weder an der Universität Tübingen noch in Freiburg erhielt er die Zulassung zur Promotion. Diese erfolgte stattdessen 1813 an der Universität Heidelberg.
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Kitāb al-Ǧāmiʿ
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Nilay Eker
Recherchiert man tiefer in seine Laufbahn, wird man in militärischen Unterlagen über Sontheimer fündig. Zunächst war er im Januar 1813 als Unterarzt beim Infanterieregiment Nr. 9 tätig. Mithilfe der Stammesliste der gedienten Offiziere und Militärbeamten kann rekonstruiert werden, dass Sontheimer im April desselben Jahres weiterhin als Arzt eingesetzt war. In diesem Zusammenhang kann entschlüsselt werden, dass auf dem Dokument vom Infanterieregiment Nr. 2 „Herzog Wilhelm“ die Rede ist. Im Verlauf seiner militärischen Laufbahn fand erfolgte schließlich seine Beförderung vom Unterarzt zum Bataillonsarzt. Im Rahmen der Befreiungskriege nahm Sontheimer als Militärarzt an der Schlacht von Bautzen teil, die vom 20. Mai bis zum 21. Mai 1813 stattfand. Nach der Schlacht wurde er, laut Spitzmüller, nach Dresden geschickt, um ein Spital zu errichten. Es folgten einige weitere Einsätze bei den Truppen. In der militärischen Personalakte findet man im Eintrag für Sontheimer die Vermerke „10. August 1813 Ritter des Zivilverdienstordens“ und dass er am 31. März 1814 beim neu formierten 1. Infanterieregiment als Regimentsarzt eingeteilt war. Mit dieser Auszeichnung erhielt Sontheimer den Adelszusatz „von“ vor seinem Nachnamen. Erst im Jahre 1814 konnte er nach Württemberg zurückkehren und führte fortan den Adelstitel. Bis zum Jahre 1828 war Sontheimer in der Stuttgarter Garnison tätig und konnte Karriere machen. Dort stieg er zum Chef der militärärztlichen Einrichtungen auf. Des Weiteren übernahm er neben dem Dienst als Arzt pädagogische Tätigkeiten. Er unterrichtete zwei Prinzen aus dem Hause Oldenburg. Der Unterricht fokussierte sich insbesondere auf das Fach Naturgeschichte. Diese Prinzen begleitete er auf mehrere Reisen. Während dieser Aufenthalte widmete er sich gemeinsam mit seinen Schülern botanischen Untersuchungen, was sein ausgeprägtes Interesse an der Pflanzenkunde verdeutlicht. Nach den Reisen war er wieder im Dienst in Stuttgart.
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Kitāb al-Ǧāmiʿ
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Nilay Eker
Sontheimer heiratete am 22. Mai 1821 die in Stuttgart geborene Christiane Sophie Ißler, die evangelischen Glaubens war. Im November 1821 kam das erste Kind, Maria Wilhelmine, zur Welt. Das zweite Kind, Julius Joseph Sontheimer, kam 1823 auf die Welt, verstarb jedoch fast zwei Wochen nach der Geburt. Am 19. Juli 1828 erfolgte die Ernennung Sontheimers zum Generalstabsarzt und die Berufung in den Königlichen Kriegsrat. Über Sontheimer ist außerdem die Begleitung von König Wilhelm I. auf den Reisen nach England und Italien bekannt.
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Kitāb al-Ǧāmiʿ
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Nilay Eker
Dr. Joseph von Sontheimer verstarb am 22. Juli 1846 wohl an einer Lungenlähmung. Er wurde 58 Jahre alt. In einem Artikel wird erwähnt, dass er schon zuvor krank und schwach gewesen sei. Beigesetzt wurde er auf dem Hoppenlaufriedhof in Stuttgart. Seine Ehefrau Christiane starb im Jahre 1854 an einem Schlaganfall und wurde neben ihm bestattet. Im Andenken an Dr. Joseph von Sontheimer steht eine Gedenktafel im Rathaus seines Geburtsortes Allmendingen. Auch eine Straße in Allmendingen ist nach ihm benannt.
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Kitāb al-Ǧāmiʿ
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Nilay Eker
Neben seinen ärztlichen und militärischen Tätigkeiten wurde Dr. Joseph von Sontheimer auch für seine Übersetzungen bekannt. Unter anderem übersetzte er ein Werk von Wilson Philipp aus dem Englischen ins Deutsche. Weiterhin finden sich zahlreiche Übersetzungen Sontheimers aus dem Arabischen. Überregionale Bedeutung erlangte Sontheimer jedoch vor allem durch seine wissenschaftliche Arbeit auf dem Gebiet der arabisch-islamischen Medizingeschichte. Denn er veröffentlichte zahlreiche Übersetzungen arabischer medizinischer Texte. Bereits 1834 erschien eine Übersetzung zum medizinischen Gebrauch des Kaffees. Sein größtes Werk in diesem Zusammenhang scheint die Arbeit mit dem Kitāb al-Ǧāmiʿ zu sein. Er fertigte davon nicht nur eine arabische Abschrift in zwei Bänden an, sondern übersetzte diese auch ins Deutsche unter dem Titel „Grosse Zusammenstellung über die Kräfte der bekannten einfachen Heil- und Nahrungsmittel“. Die arabische Abschrift fertigte er zwischen den Jahren 1832 und 1839 an. Womöglich fing er mit der Übersetzung ins Deutsche zur gleichen Zeit oder direkt im Anschluss an, denn die deutsche Übersetzung ist auf das Jahr 1840 datiert. Des Weiteren kam 1845 eine Übersetzung des Kapitels über die zusammengesetzten Heilmittel aus dem fünften Buch des Kanons der Medizin von Ibn Sīnā (Avicenna) heraus.
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Portraitfoto Rudolf Probst
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Rudolf Probst
Von Nilay Eker
Rudolf Probst wurde am 9. März 1817 in Ludwigsburg geboren. Mit vollem Namen hieß er Johann Jakob Georg Franz Rudolf Probst. Er entstammte einer Familie mit juristischem Hintergrund. Sein Vater Frank von Probst war Gerichtsaktuar, d.h. zweiter Amtsrichter, in Ludwigsburg, danach Oberamtsrichter in Biberach und schließlich Obertribunalrat, d.h. Richter der höchsten Instanz, in Stuttgart. Auch der Großvater von Rudolf Probst väterlicherseits war schon juristisch tätig gewesen. Die Mutter von Rudolf Probst, Caroline Probst, geborene Koch, war die Tochter des Oberamtmanns Ludwig Koch aus Ravensburg. Der Großvater mütterlicherseits von Rudolf Probst war als Syndikus ebenfalls juristisch tätig.
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Ma VI 241-1 - Kitāb al-Ǧāmiʿ (252)
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Durch diese familiäre Beziehung zu sowohl staatlichen als auch juristischen Ämtern scheint seine eigene Laufbahn geprägt worden zu sein. Seine schulische Ausbildung begann mit dem Besuch des Gymnasiums in Biberach und Esslingen. Anschließend studierte er in Tübingen und Heidelberg Rechtswissenschaften. Von 1839 bis 1851 war er im Staatsdienst. Er war Oberjustizassessor und arbeitete in Esslingen als Staatsanwalt. Doch den Dienst musste er im Jahre 1851 aufgrund seiner politischen Haltung während der Revolutionsjahre 1848/49 verlassen. Aufgrund dessen arbeitete er danach in Stuttgart als Rechtsanwalt. Von 1865 bis 1887 war er Direktor der Lebensversicherung- und Ersparnisbank.
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Ma VI 241-1 - Kitāb al-Ǧāmiʿ (252)
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Politisch motiviert trat Rudolf Probst dem Esslinger Volksverein bei und auch der Volkspartei. Für den Wahlbezirk Biberach nahm er an drei Landesversammlungen teil und war schließlich Mitglied des württembergischen Landtags. Zwischen 1868 und 1870 war er dort sogar Vizepräsident. In der Zweiten Kammer wirkte er als Ausschussmitglied und als Berichterstatter. Er hat sich im württembergischen Landtag nicht nur der Justiz gewidmet, sondern auch den Staatsfinanzen und dem Staatsschuldenwesen. Probst gehörte auch dem Zollparlament an, in dem er den Kreis Riedlingen vertrat.
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Ma VI 241-1 - Kitāb al-Ǧāmiʿ (252)
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Politisch setzte sich Rudolf Probst des Weiteren für den Umgang zwischen dem Staat und Kirche ein. Als Katholik wurde er in der Gemeinde Stuttgarts anerkannt. Seine Religionszugehörigkeit hatte auch einen Einfluss auf seine politischen Ansichten. Engagiert gründete er mehrere Vereine. 1871 gründete er das sogenannte „Casino“. Dennoch stand Probst der Idee einer Gründung einer katholischen Partei, der Zentrumspartei, als Mitglied der Linken, zunächst ablehnend gegenüber. Nach der Verschärfung der Krise zwischen dem Staat und der katholischen Kirche kam es bei Probst zu einem Meinungswandel. In diesem Kontext gehörte Rudolf Probst 1894 zu den Unterzeichnern des Gründungsaufrufs der württembergisch-katholischen Zentrumspartei.
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Ma VI 241-1 - Kitāb al-Ǧāmiʿ (252)
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Bereits in jungen Jahren lernten sich Rudolf Probst und Maria Sontheimer kennen, da ihre Väter bereits in ihrer Studienzeit befreundet waren. Es folgten eine Phase von Unternehmungen mit der Familie und Briefwechsel. Durch das junge Alter und Probsts Wunsch nach Reisen und Bildung vor der Hochzeit wurde die Entscheidung später zu heiraten getroffen. Schließlich heirateten sie im Jahre 1843 in Esslingen. Gemeinsam bekamen sie 1844 den Sohn Albert Josef Franz Probst. Vier Jahre später bekamen sie die Tochter Anna Christine Maria Probst.Am 15. April 1899 starb Rudolf Probst in Stuttgart und wurde auf dem Pragfriedhof beigesetzt.
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Ma VI 241-1 - Kitāb al-Ǧāmiʿ (252)
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Anlässlich des 400-jährigen Jubiläums der Universität Tübingen übergab Rudolf Probst die beiden Bände der Universitätsbibliothek. Somit verbinden sich rückblickend die Lebenswege beider Persönlichkeiten, durch die die arabische Abschrift des Kitāb al-Ǧāmiʿ nach Tübingen gelangte.
Der größte Meilenstein in der Naturheilkunde? Das New Kreüterbuch des Tübinger Mediziners Leonhart Fuchs
Von Désirée Remmy
Das New Kreüterbuch von 1543 ist ein Meilenstein für die Naturheilkunde. Der Tübinger Mediziner Leonhart Fuchs legt im Buch einen hohen Wert darauf, dass der Inhalt auch für Laien verständlich und anwendbar ist. Die behandelten Pflanzen sind zu Beginn in ein Kräuterregister sowie auch in ein Krankheitenregister unterteilt. Auf diese Weise findet man das gesuchte Pflanzenheilmittel schnell und einfach.
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Bi 1 a.2:2 - NEw Kreüterbůch (34r)
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Fuchs beschreibt im New Kreüterbuch Namen, Gestalt, Ort und Zeit des Wachstums der Pflanze sowie ihre Heilkraft und ihre Wirkung. Neben der Beschreibung gibt es zudem zu jeder Pflanze eine lebensechte Illustration. Diese kann man hier beispielsweise für das Wegerichgewächs sehen.
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Zwei Maler haben dazu echte Pflanzen abgezeichnet. Die 517 Pflanzendarstellungen hat der Holzschnitt-Schnitzer Veyt Speckle auf Holzplatten für den Druck vorbereitet. Auf diese Weise konnten die Zeichnungen vervielfältigt werden. Noch heute ist das Museum der Universität Tübingen im Besitz von 23 dieser Druckvorlagen aus Birnbaumholz.
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Bi 1 a.2:2 - NEw Kreüterbůch (34r)
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Die Zeichnungen im vorliegenden Tübinger Exemplar sind nicht eingefärbt. Das Ulmer Exemplar hingegen ist koloriert. Gerade zur damaligen Zeit handelt es sich bei Einfärbungen um eine – kostspielige – Besonderheit.
Leonhart Fuchs und sein „New Kreüterbuch“
Ein Einblick in das Leben des Tübinger Mediziners und in sein Buch zur Naturheilkunde
Von Désirée Remmy
Das Leben von Leonhart Fuchs
Im Jahre 1501 wurde Leonhart Fuchs in Wemding geboren. Im Alter von 10 Jahren nahm er bereits an der Universität Erfurt eine höhere Ausbildung auf. Diese schloss er im Jahr 1517/1518 erfolgreich ab.
Ca. eineinhalb Jahre später begann er an der Universität in Ingolstadt ein erneutes Studium in den Fächern Griechisch, Latein und Medizin. Er promovierte im Jahr 1524 und wurde im Jahr 1526 Professor für Medizin an der Universität Ingolstadt.
Fuchs selbst war ein Lutheraner und es zog ihn im Jahr 1535 nach Tübingen. Dort hatte er bis zu seinem Tod im Jahr 1566 den Lehrstuhl für Medizin inne.
Leonhart Fuchs war ein geschätzter Wissenschaftler, der für seine herausragenden Arbeiten von Kaiser Karl V. geadelt wurde. Als akademischer Lehrer war er sehr angesehen. Er war der erste Mediziner, der mit seinen Studenten die sogenannte Feldarbeit betrieb. Er ging mit ihnen in die Natur und erforschte deren Pflanzen. Auf der rechten Seite sieht man eine Abbildung von Leonhart Fuchs. Es handelt sich hierbei um eine Zeichnung aus dem Ulmer Exemplar des „New Kreüterbuch“ (zu finden auf der Rückseite des Titelblatts).
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Portrait Leonhart Fuchs
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Das „New Kreüterbuch“
Im Jahr 1542 erschien in Tübingen das berühmte Arzneipflanzenbuch von Leonhart Fuchs zunächst in lateinischer Sprache. Dieses Buch hatte Fuchs zunächst nur für Mediziner geschrieben, aber bereits ein Jahr später hat er es ins Deutsche übersetzten lassen und für Laien verständlich umgeschrieben.
Die Besonderheit seines „New Kreüterbuch“ liegt darin, dass die beiden Maler Heinrich Füllmaurer und Albrecht Meyer lebensechte Pflanzen, die im botanischen Garten am Nonnenhaus in Tübingen wuchsen, abzeichneten. Dabei war es Fuchs wichtig, dass stets die gesamte Pflanze mit ihren Wurzeln und den möglichen Blüten dargestellt wurde. Gerade die Abzeichnung des Wurzelwerks war zur damaligen Zeit eine Besonderheit, da dieses normalerweise nicht sichtbar ist.
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Heinrich Füllmaurer und Albrecht Meyer
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Beschreibung
Die Abbildung zeigt die beiden Maler Heinrich Füllmaurer und Albrecht Meyer beim Abzeichnen der von Leonhart Fuchs gesammelten Pflanzen.
Man findet dieses von den Malern gezeichnete Selbstportrait auf einer der letzten Seiten des „New Kreüterbuch“ (hier des Basler Exemplars).
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Die später aquarellierten Zeichnungen dienten dem Holzschnitzer Veyt Rodolff Speckle als Vorlage. Die Pflanzen schnitzte er nach den Vorlagen aus dem Birnbaumholz heraus. Diese blieben fühlbar erhaben auf der Holztafel stehen. Durch diese Holzdruckstöcke konnten die Zeichnungen so im Hochdruckverfahren vervielfältigt werden. Noch heute ist die Uni Tübingen im Besitz von 20 Druckstöcken.
Zwei Holzdruckstöcke sind dabei dem Stadtmuseum Tübingen überlassen worden. Diese können dort auch angesehen werden.
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Veyt Rodolff Speckle
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Tübinger Kräuterbuch-Tafeln: Strauchglasschmalz
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Tübinger und Ulmer Exemplar
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Aufgrund der Möglichkeit des Hochdruckverfahrens konnten in kürzester Zeit viele verschiedene Exemplare des „New Kreüterbuch“ entstehen. Man sieht hier das Titelblatt im direkten Vergleich.
Während das Ulmer Exemplar, welches sich in der Stadtbibliothek Ulm befindet, vollständig koloriert ist, gibt es diese nachträglichen Einfärbungen im Tübinger Exemplar nicht. Bei einer Koloration handelte es sich in der damaligen Zeit um eine sehr kostspielige Angelegenheit, die deshalb nicht immer ausgeführt wurde.
Leonhart Fuchs hat das „New Kreüterbuch“ in Kapitel eingeteilt. Jeder Pflanze ordnet er ein Kapitel zu. Hierdurch kann der Laie die gesuchte Pflanze entweder im Kräuterregister oder auch im Krankheitenregister finden.
Hier am Beispiel des Wegerichgewächses lässt sich nachvollziehen, wie jedes Kapitel eingeteilt ist. Auf der einen Seite kann man die explizite Zeichnung der jeweiligen Pflanze sehen.
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Wegerich (Ulmer Exemplar)
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Auf der anderen Seite beschreibt Fuchs den Namen, die Gestalt, das Wachstum (Ort und Blütezeit) sowie, hier vor allem für den medizinischen Teil wichtig, die Kraft und Wirkung der Pflanze.
Hierdurch konnten Laien auf einfache Weise sehr schnell herausfinden, welche Pflanze gegen ihr Leiden helfen könnte und wie sie dieses behandeln können. Fuchs empfiehlt hier beispielsweise die Herstellung von Tees, Tinkturen und ähnlichem.
Er schafft so die Grundlage für eine von Laien anwendbare Naturheilkunde.
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Bi 1 a.2:2 - NEw Kreüterbůch (32v)
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Bi 1 a.2:2 - NEw Kreüterbůch (34v)
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Interview Thomas Gross
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Désirée Remmy
Naturheilkunde in der heutigen Zeit
Naturheilkunde spielte vor fast 500 Jahren eine große Rolle in der Medizin. Pflanzen waren häufig die Grundlage für Heilmittel gegen verschiedenste Krankheiten.
Doch welche Rolle spielt die Naturheilkunde in der heutigen Zeit? Hören Sie sich hierzu das Interview mit dem Apotheker Dr. Gross aus der Eulen-Apotheke in Baiersbronn an.
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Ma VI 216 - Ḥayāt al-Ḥayawān (2r)
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Mehr Schein als Sein: Das nicht ganz so große Buch vom Leben der Tiere
Von Emma Lieder und Rosalie Strlek
Im späten 14. Jahrhundert entstand eines der berühmtesten zoologischen Werke der arabischen Welt: Ḥayāt al-Ḥayawān – „Das Leben der Tiere“. Sein Verfasser, der Ge-lehrte ad-Damīrī, führte dafür hunderte Quellen und Dichterzitate zusammen.
Die Tiere sind alphabetisch geordnet, nur der Löwe darf als „König der Tiere“ den ersten Platz einnehmen. Jeder Eintrag beleuchtet die Tiere aus sieben Blickwinkeln: von der Erklärung des Tiernamens über religiöse Vorschriften bis hin zur Deutung von Träumen, in denen das Tier vorkommt.
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20230616_0935511.jpg
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Prof. Dr. Regula Forster
„Das Leben der Tiere“ existiert in einer kleinen, einer mittleren und einer großen Fassung, die jeweils unterschiedlichen Bedürfnissen dienen. So eignete sich zum Beispiel die kleine Fassung besonders für Reisen.
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Ma VI 216 - Ḥayāt al-Ḥayawān (2v)
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Das Tübinger Manuskript entstand im 15. Jahrhundert. Wer es schrieb und wo, bleibt ein Rätsel. Sicher ist, 1841 gelangte es aus einem Nachlass in die Universitätsbibliothek. Obwohl die Aufschrift auf dem Buchschnitt die große Fassung verspricht, zeigt der Vergleich mit anderen Handschriften: Es handelt sich um die mittlere Version.
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Ma VI 216 - Ḥayāt al-Ḥayawān (Einband)
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Ein rotbrauner Ledereinband mit Goldprägung umschließt das Exemplar, die Schutzklappe zum Verschließen des Buches fehlt jedoch. Das Papier ist dick und glatt, an den Rändern aber ausgebessert. Die Schrift ist anfangs sorgfältig, später jedoch wird sie flüchtiger. Das Titelblatt ist kunstvoll gestaltet und mit Gold geschmückt. Mehrere Besitzvermerke und handschriftliche Notizen zeugen von der langen Nutzungsgeschichte des Manuskripts. Im Vergleich zu anderen Handschriften, die reich illustriert sind, wirkt das Tübinger Exemplar trotz seiner schönen Gestaltung eher schlicht.
Friedrich Eduard Schulz
Von Emma Lieder
Friedrich Eduard Schulz wurde am 12. Juli 1799 in Gießen geboren. Bereits in jungen Jahren begann seine akademische Laufbahn an der Universität Gießen. Nach seiner Promotion und Habilitation erfolgte 1822 die Ernennung zum außerordentlichen Professor für Philosophie. Noch vor Antritt seiner Lehrtätigkeit wurde ihm die Möglichkeit eingeräumt, seine sprachwissenschaftlichen Studien in Paris fortzusetzen, wo er sich intensiv mit dem Arabischen, Persischen, Türkischen und Chinesischen beschäftigte.
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Ma VI 216 - Ḥayāt al-Ḥayawān (2r)
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In Paris etablierte sich Schulz als herausragender Sprachgelehrter und stand in engem Austausch mit bedeutenden Gelehrten seiner Zeit. Seine Arbeiten zur orientalischen Philologie sowie seine Studien zu persischen und altorientalischen Texten begründeten seinen wissenschaftlichen Ruf. Besonders hervorzuheben ist seine Beschäftigung mit einer persischen Übersetzung des Mahābhārata.
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Von der französischen Regierung wurde Schulz ab 1826 mit einer mehrjährigen wissenschaftlichen Forschungsreise in das Osmanische Reich und nach Persien betraut. Ziel dieser Mission war die Sammlung orientalischer Handschriften, die Untersuchung antiker Monumente sowie die Erfassung von Inschriften.
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Ma VI 216 - Ḥayāt al-Ḥayawān (2r)
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Die letzte Phase seines Lebens war von ausgedehnten Reisen durch Anatolien, den Kaukasus und Persien geprägt. Im Jahr 1829 wurde Schulz während einer Forschungsreise im Hakkari-Gebiet (in der heutigen Südosttürkei) unter bis heute nicht vollständig geklärten Umständen ermordet. Sein früher Tod beendete eine außergewöhnlich produktive wissenschaftliche Laufbahn, deren nachhaltige Bedeutung insbesondere in der Erforschung des Alten Orients und der Entwicklung der Orientalistik liegt.
Eine virtuelle Ausstellung von
Diese virtuelle Ausstellung der Universität Tübingen entstand im Rahmen des interdisziplinären Seminars „Bücher der Natur. Transkulturelle Ästhetik mittelalterlicher Naturkunden“ unter der Leitung von Prof. Dr. Regula Forster und Dr. Jan Stellmann. Die Texte wurden verfasst von Lisbeth Ahrend, Seval Atan, Charlotte Behrens, Ronny Bether, Franziska Boger, Ilkay Eker, Nilay Eker, Vanessa Fehrenbach, Marius Funk, Lena Haas, Alexia Hardt, Alicia Heider, Frederic Heselschwerdt, Aida Krasniqi, Anastasia Leonov, Emma Lieder, Layla Milutinovic, Eva Pauschel, Maren Rasch, Maja Reimann, Désirée Remmy, Jessica Rischer, Hannes Scheffel, Julius Schmid, Benedikt Siebel, Rosalie Strlek und Jemina Van Rompaey.
Team
Prof. Dr. Regula Forster
Dr. Jan Stellmann
Dorothee Huff
Michelle Schmuck
Lisbeth Ahrend
Seval Atan
Charlotte Behrens
Ronny Bether
Franziska Boger
Ilkay Eker
Nilay Eker
Vanessa Fehrenbach
Marius Funk
Lena Haas
Alexia Hardt
Alicia Heider
Frederic Heselschwerdt
Aida Krasniqi
Anastasia Leonov
Emma Lieder
Layla Milutinovic
Eva Pauschel
Maren Rasch
Maja Reimann
Désirée Remmy
Jessica Rischer
Hannes Scheffel
Julius Schmid
Benedikt Siebel
Rosalie Strlek
Jemina Van Rompaey
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