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Zur Handhabung der Disziplin

Der Marburger Karzer

Archiv der Philipps-Universität Marburg


Karzerszene um 1900

Hermann Bauer, um 1900, Marburg

Aus der Sammlung von

Bildarchiv Foto Marburg

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Bildarchiv Foto Marburg

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Kurzbeschreibung
Besuch im Karzer. Die Aufnahme ist gestellt, denn Besuch war im Karzer nicht gestattet. Auch der Verzehr alkoholischer Getränke war auf eine Flasche Bier oder eine halbe Flasche Wein beschränkt. Bildarchiv Foto Marburg - fm419119
fm419119 - Karzerfenster.jpg
Für eine Postkarte gestellte Karzerszene. Bildarchiv Foto Marburg - fm419119


"Ein kleines niedliches Gemach..."

Der Karzer (Arrestzelle) hat seine Wurzeln in den Universitäten des Mittelalters und der Frühen Neuzeit. Die Universität war in dieser Zeit ein eigener Rechtsraum. Professoren, Studenten und Universitätsbedienstete galten als akademische Bürger, deren Gerichtsstand der Rektor war. In allen Streit- und Rechtsfällen unterhalb der Halsgerichtsbarkeit war der Rektor ihr Richter. Zur Ausübung seiner Strafgewalt bedurfte er auch eines Arrestlokals. Dessen Name leitete sich von dem Lateinischen Wort für Kerker "carcer" ab.

Im Laufe der Zeit wurden die rechtlichen Kompetenzen des Rektors zunehmend beschnitten. Das Gerichtsverfassungsgesetz vom 27. Januar 1877 hob schließlich alle Ausnahmegerichte auf. Der Universität verblieb nur die Disziplinargewalt. Ein Instrument zu ihrer Ausübung blieb der Karzer.



Marburg um 1900

Fotografie, um 1900, Marburg

Aus der Sammlung von

Hessisches Staatsarchiv Marburg

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Hessisches Staatsarchiv Marburg

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Kurzbeschreibung
Marburg um 1900 von Süden gesehen. HStA MR Slg. 7 c Nr. 432

Der letzte Karzer der Universität

Nach der Annexion und späteren Einverleibung des Kurfürstentums Hessen-Kassel durch Preußen 1866 begann die preußische Kultusverwaltung umgehend mit der baulichen Modernisierung und dem Ausbau der Universität Marburg. In diesem Zusammenhang wurde auch das Auditoriengebäude (heute "Alte Universität") errichtet. In dessen 1879 fertiggestellten Südflügel zog auch der Karzer wieder ein, der dort bereits im Vorgängerbau beheimatet war.



Südseite des Auditoriengebäudes

Druckgrafik, 1879, Marburg

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Archiv der Philipps-Universität Marburg

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Archiv der Philipps-Universität Marburg

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Kurzbeschreibung
Architekturzeichnung der Südseite des Auditoriengebäudes. UniA MR 310 Nr. 9731.

Aufrisszeichnung des Südflügels des neuen Auditoriengebäudes von 1879. Die Karzerräume befanden sich hinter der zweiten und dritten Dachgaube von links.



Grundriß des Südflügels des Auditoriengebäudes

Druckgrafik, 1879, Marburg

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Archiv der Philipps-Universität Marburg

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Archiv der Philipps-Universität Marburg

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Kurzbeschreibung
Grundriß des Südflügels des Auditoriengebäudes. UniA MR 310 Nr. 9731.

Auf dem Grundriss des Dachgeschosses ist die Lage der Karzer in der Wohnung des Kastellans, der zugleich Karzerwärter war, gut zu erkennen. Die zwei Karzerräume waren noch einmal durch eine Korridortür von den Wohnräumen abgetrennt. Das von der Familie des Kastellans und den Arrestanten benutzte moderne Wasserclosett befand sich am Ende des Ganges auf der Nordseite.



Vorschriften für die Studierenden - Titel

Drucksache, 1879, Berlin

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Archiv der Philipps-Universität Marburg

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Archiv der Philipps-Universität Marburg

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Kurzbeschreibung
Titelblatt der Vorschriften für die Studierenden der preußischen Hochschulen vom 1. Oktober 1879. UniA MR 305a Nr. 8314.
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Vorschriften für die Studierenden der preußischen Hochschule vom 1. Oktober 1879, UniA MR 305a Nr. 8314.


Akademische Disziplin

Grundlage für die Verhängung von Karzerstrafen waren das Gesetz über die Rechtsverhältnisse der Studierenden vom 29. Mai 1879 und die Vorschriften für die Studierenden vom 1. Oktober 1879.

Darin waren die strafwürdigen Delikte definiert sowie Verfahrensweise und Strafen geregelt.



Vorschriften für die Studierenden - §§25-28

Drucksache, 1879, Berlin

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Archiv der Philipps-Universität Marburg

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Archiv der Philipps-Universität Marburg

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Kurzbeschreibung
Vorschriften für die Studierenden der preußischen Hochschulen vom 1. Oktober 1879. UniA MR 305a Nr. 8314.
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Vorschriften für die Studierenden vom 1. Oktober 1879. UniA MR 305a Nr. 8314


Vorschriften für die Studierenden - §§29-33

Drucksache, 1879, Berlin

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Archiv der Philipps-Universität Marburg

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Kurzbeschreibung
Vorschriften für die Studierenden der preußischen Hochschulen vom 1. Oktober 1879. UniA MR 305a Nr. 8314.
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Vorschriften für die Studierenden vom 1. Oktober 1879. UniA MR 305a Nr. 8314


Vorschriften für die Studierenden - §§34-37

Drucksache, 1879, Berlin

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Archiv der Philipps-Universität Marburg

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Kurzbeschreibung
Vorschriften für die Studierenden der preußischen Hochschulen vom 1. Oktober 1879. UniA MR 305a Nr. 8314.
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Vorschriften für die Studierenden vom 1. Oktober 1879. UniA MR 305a Nr. 8314


Quittiertes Urteil gegen den Studenten Richard Schmincke

Akte, 1898, Marburg

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Archiv der Philipps-Universität Marburg

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Archiv der Philipps-Universität Marburg

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Kurzbeschreibung
Quittiertes Urteil gegen den Studenten Richard Schmincke von 1898. UniA MR 305a Nr. 8542.
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Urteil gegen den Studenten Richard Schmincke aus dem Jahr 1892. UniA MR 305a Nr. 8542

Karzerhaft

Der Student der Medizin Richard Schmincke bestätigt mit seiner Unterschrift, dass ihm Urteil und Strafmaß in seiner Disziplinarsache verkündet wurden. Neben der Androhung der Entfernung von der Universität erhielt er eine vierzehntägige Karzerhaft.

Er hatte einen Studenten, von dem er sich provoziert glaubte, auf offener Straße geohrfeigt. Der Hintergrund war ein Zwist zweier Studentenverbindungen.

Betreten wir nun mit dem Delinquenten das Arrestlokal ...





Karzer - Blick zum Fenster

Thomas Scheidt, Fotografie, 2020, Marburg

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Philipps-Universität Marburg

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Bildarchiv Foto Marburg / Thomas Scheidt

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Kurzbeschreibung
Blick zum vergitterten Fenster des Karzers. Sein Zweck war vermutlich nicht das Verhindern von Ausbruchsversuchen, sondern den "Warenverkehr" in den Karzer zu unterbinden.
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Blick zum Fenster. Bildarchiv Foto Marburg / Thomas Scheidt - fmd10018627


Karzer - linke Seitenwand

Thomas Scheidt, Fotografie, 2020, Marburg

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Philipps-Universität Marburg

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Bildarchiv Foto Marburg / Thomas Scheidt

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Kurzbeschreibung
Blick auf die linke Seitenwand des Karzers (von der Tür aus gesehen).
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Linke Seitenwand. Bildarchiv Foto Marburg / Thomas Scheidt - fmd 10018620


Karzer - rechte Seitenwand

Thomas Scheidt, Fotografie, 2020, Marburg

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Philipps-Universität Marburg

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Bildarchiv Foto Marburg / Thomas Scheidt

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Kurzbeschreibung
Blick auf die rechte Seitenwand des Karzers (von der Tür aus gesehen).
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Rechte Karzerwand. Bildarchiv Foto Marburg / Thomas Scheidt - fmd 10018632


Blick zur Tür

Thomas Scheidt, Fotografie, 2020, Marburg

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Philipps-Universität Marburg

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Bildarchiv Foto Marburg / Thomas Scheidt

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Kurzbeschreibung
Blick zur Tür des Karzers.
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Blick zur Karzertür. Bildarchiv Foto Marburg / Thomas Scheidt - fmd 10018613


Karzer - rechte Seitenwand

Thomas Scheidt, Fotografie, 2020, Marburg

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Philipps-Universität Marburg

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Bildarchiv Foto Marburg / Thomas Scheidt

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Kurzbeschreibung
Blick auf die rechte Seitenwand des Karzers (von der Tür aus gesehen).

Wandmalerei nach "alter Sitte"

"Die Wände mit guten Bildern und Versen zu zieren, erscheint mir alter Sitte entsprechend und kein Delict." So kommentierte der Jurist Prof. Dr. Ludwig Enneccerus im Jahr 1879 das Ansinnen, das "Bemalen und Beschreiben der Wände und Mobilien" im Karzer verbieten zu lassen.

Seine Kollegen waren mehrheitlich auch dieser Ansicht. So kam es dazu, dass sich die einsitzenden Studenten die Zeit im Karzer mit mehr oder minder qualitätsvollen Bemalungen und Beschriftungen der Wände verkürzten.

Einige der häufiger vorkommenden Motive und Themen werden in der Folge vorgestellt.

Wappen

In der Zeit des Kaiserreichs war die weit überwiegende Mehrheit der Studierenden in Verbindungen und studentischen Vereinen organisiert. Auch während der Weimarer Republik stellten Korporierte immer noch die Mehrheit unter den Studenten (Wintersemester 1930/31 63% an der Universität Marburg).

Es wundert daher nicht, dass Wappen und Zeichen (sogenannte Zirkel) der Verbindungen sehr prominent an den Wänden des Karzers vertreten sind.





Wappen der katholischen Studentenverbindung "Rhenania"

N.N. (Zeichner), Thomas Scheidt (Fotograf), Fotografie, Zeichnung um 1900, Fotografie 2020, Marburg

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Philipps-Universität Marburg

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Bildarchiv Foto Marburg / Thomas Scheidt

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Kurzbeschreibung
Wappen der 1879 gegründeten katholischen Studentenverbindung "Rhenania".
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Wappen der katholischen Studentenverbindung "Rhenania". Bildarchiv Foto Marburg / Thomas Scheidt - fmd 10018618 (Ausschnitt)


Wappen der Burschenschaft "Germania"

Heins (Zeichner), Thomas Scheidt (Fotograf), Fotografie, Zeichnung 1929, Fotografie 2020, Marburg

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Philipps-Universität Marburg

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Bildarchiv Foto Marburg / Thomas Scheidt

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Kurzbeschreibung
Wappen der 1868 gegründeten Burschenschaft "Germania" an der Decke des Karzers.
Germania_Decke.jpg
Wappen der Burschenschaft "Germania". Bildarchiv Foto Marburg / Thomas Scheidt - fmd10018638 (Ausschnitt)


Wappen der Erlanger Studentenverbindung "Bubenruthia"

N.N. (Urheber), Thomas Scheidt (Fotograf), Fotografie, Zeichnung um 1900, Fotografie 2020, Marburg

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Philipps-Universität Marburg

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Bildarchiv Foto Marburg / Thomas Scheidt

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Kurzbeschreibung
Wappen der 1817 in Erlangen gründeten Studentenverbindung "Bubenruthia". Bildarchiv Foto Marburg / Thomas Scheidt - fmd10018621 (Ausschnitt)
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Wappen der Erlanger Studentenverbindung "Bubenruthia". Bildarchiv Foto Marburg / Thomas Scheidt - fmd10018621 (Ausschnitt)


Zirkel des Medizinisch -Naturwissenschaftlichen Vereins

N.N. (Zeichner), Thomas Scheidt (Fotograf), Fotografie, Zeichnung um 1900, Fotografie 2020, Marburg

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Philipps-Universität Marburg

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Bildarchiv Foto Marburg / Thomas Scheidt

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Kurzbeschreibung
Zirkel des Medizinisch -Naturwissenschaftlichen Vereins. Bildarchiv Foto Marburg / Thomas Scheidt - fmd10018614 (Ausschnitt)
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Zirkel des Medizinisch -Naturwissenschaftlichen Vereins. Bildarchiv Foto Marburg / Thomas Scheidt - fmd10018614

Der "natürliche Feind"

Die Polizei war ein häufiges Objekt studentischen Spotts, denn sie ging den studentischen Ordnungswidrigkeiten (nächtliches Singen und Lärmen, Sachbeschädigungen u.Ä.m.) nach und brachte sie nach Möglichkeit zur Anzeige. Auch die Universität wurde über die Verfehlungen informiert und reagierte nicht selten mit der Verhängung von Karzerhaft.

Das zeitgenössische Schimpfwort für Polizist war "Polyp". Vertreter dieses Berufsstandes begegnen uns vielfach auf den Wänden des Karzers.





Polizeiliche Ermahnung

N.N. (Zeichner), Thomas Scheidt (Fotograf), Fotografie, Zeichnung um 1900, Fotografie 2020, Marburg

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Philipps-Universität Marburg

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Bildarchiv Foto Marburg / Thomas Scheidt

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Kurzbeschreibung
Ein Polizist in Uniform und mit der bis 1918 üblichen Pickelhaube ermahnt mit gezücktem Notizbuch einen Studenten.
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Ein Wachtmeister ermahnt mit gezücktem Notizbuch einen Studierenden. Bildarchiv Foto Marburg / Thomas Scheidt - fmd10018614 (Ausschnitt)


Karikatur zweier Marburger Polizisten

N.N. (Zeichner), Thomas Scheidt (Fotograf), Fotografie, Zeichnung um 1900, Fotografie 2020, Marburg

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Philipps-Universität Marburg

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Kurzbeschreibung
"Auge und Fettauge des Gesetzes" Karikatur zweier Marburger Polizisten von unbekannter Hand.
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Karikatur zweier Marburger Polizisten "Auge und Fettauge des Gesetzes". Bildarchiv Foto Marburg / Thomas Scheidt - fmd10018614 (Ausschnitt)


Karikatur eines Polizisten

Wolfgang Wolff (Zeichner), Thomas Scheidt (Fotograf), Zeichnung 1929, Fotografie 2020, Marburg

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Philipps-Universität Marburg

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Bildarchiv Foto Marburg / Thomas Scheidt

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Kurzbeschreibung
Zeichnung des Studenten Wolfgang Wolff. Karikatur eines Polizisten mit der damals (und bis in die sechziger Jahre) üblichen Kopfbedeckung (Tschako).
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Karikatur eines Polizisten aus der Zeit der Weimarer Republik. Bildarchiv Foto Marburg / Thomas Scheidt - fmd10018613 (Ausschnitt)

Sündenstolz

Mit einem gewissen "Sündenstolz" teilten die zeitweiligen Karzerbewohner auf den Wänden auch das Delikt mit, das sie in den Karzer geführt hatte. Meist lagen den Strafen Delikte zugrunde, die sich als grober Unfug bezeichnen lassen.





Delikt 1

B. Thon (Verfasser), Thomas Scheidt (Fotograf), Fotografie, Text 1890, Fotografie 2020, Marburg

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Philipps-Universität Marburg

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Bildarchiv Foto Marburg / Thomas Scheidt

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Kurzbeschreibung
Der Student Thon verkündet hier mit "Sündenstolz" Anlass und Dauer seiner Karzerhaft.
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Bildarchiv Foto Marburg / Thomas Scheidt - fmd10018632 (Ausschnitt)


Delikt 2

Krummheuer (Verfasser), Thomas Scheidt (Fotograf), Fotografie, Text 1903, Fotografie 2020, Marburg

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Philipps-Universität Marburg

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Bildarchiv Foto Marburg / Thomas Scheidt

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Kurzbeschreibung
Der Student Krummheuer teilt mit, dass er im November 1903 wegen Beamtenbeleidigung in den Karzer einziehen musste.
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Bildarchiv Foto Marburg / Thomas Scheidt - fmd10018632 (Ausschnitt)


Nachthemd

Siefart (Wandmalerei), Thomas Scheidt (Fotografie), Zeichnung 1909, Fotografie 2020, Marburg

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Philipps-Universität Marburg

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Kurzbeschreibung
Die Studenten Hasselbach und Siefart zeichneten ihr Delikt sogar an die Wand. Sie hatten im Rahmen einer Wette die Marburger Oberstadt im Oktober 1909 nächtens im Nachthemd durchschritten.
Nachthemd.jpg
Bildarchiv Foto Marburg / Thomas Scheidt - fmd10018632 (Ausschnitt)


In diesem Fall wurde das inkriminierte Verhalten sogar gemalt. Im Rahmen einer Wette hatten die Studenten Siefart und Hasselbach im Jahr 1909 einen Spaziergang im Nachthemd durch das nächtliche Marburg unternommen. Dieses Verhalten wurde von Rektor Prof. Mirbt, der ebenfalls in dem Bild dargestellt ist, mit Karzer bestraft.

"Das Ewig-Weibliche"

Auch wenn Frauen erst ab dem Jahr 1908 an der Universität zum regulären Studium zugelassen wurden und auch in der Zeit der Weimarer Republik bei steigendem Anteil unter den Studierenden deutlich unterrepräsentiert waren, beschäftigten sie doch das Gemüt der (ausschließlich) männlichen Karzerinsassen.

Allerdings fanden sie den Weg auf die Karzerwand nur in mythologischer Gestalt oder in korrekter Bekleidung, denn "unsittliche" Darstellungen hätten wieder entfernt werden müssen.





Alraune

N.N. (Zeichnung), Thomas Scheidt (Fotograf), Zeichnung um 1900, Fotografie 2020, Marburg

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Philipps-Universität Marburg

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Kurzbeschreibung
Zeichnung einer nackten Frau. Die Bildunterschrift bezeichnet sie als mythische Alraune.
Alraune.jpg
"Alraune". Bildarchiv Foto Marburg /Thomas Scheidt - fmd10018622 (Ausschnitt)


Die nackte Frauenfigur eines wenig begnadeten Künstlers wurde mit "Alrunae" untertitelt. Dieser Untertitel konterkarierte die Nacktheit der Dargestellten durch Verschiebung ins Reich der Mythologie bzw. "veredelt" die Nackte zur germanischen Zauberin.



Dame mit Hut - wilhelminisch

N.N. (Zeichner), Thomas Scheidt (Fotograf), Zeichnung um 1910, Fotografie 2020, Marburg

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Philipps-Universität Marburg

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Bildarchiv Foto Marburg / Thomas Scheidt

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Kurzbeschreibung
Zeichnung von unbekannter Hand. Die dargestellte Dame trägt einen Hut, der typisch ist für die Hutmode um 1910.
Hutmode_wilhelminisch.jpg
Bildarchiv Foto Marburg /Thomas Scheidt - fmd10018631 (Ausschnitt)

Sogar die weibliche Hutmode fand ihren Platz auf der Karzerwand. Hier ein Modell aus den Jahren um 1910.





Frau mit Hut 1929

Wolfgang Wolff (Zeichner), Thomas Scheidt (Fotograf), Fotografie, Zeichnung 1929, Fotografie 2020, Marburg

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Philipps-Universität Marburg

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Bildarchiv Foto Marburg / Thomas Scheidt

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Kurzbeschreibung
Zeichnung des Studenten Wolfgang Wolff. Die Frau trägt einen Hut in einer für die Zeit typischen Form. Der Haarschnitt zeigt die beliebte "burschikose" Form der Zwanziger Jahre.
Hutmode_republikanisch.jpg
Bildarchiv Foto Marburg /Thomas Scheidt - fmd10018614 (Ausschnitt)


Hier ein Hutmodell des Jahres 1929.



Die Studeuse

Wolfgang Wolff (Zeichnung), Thomas Scheidt (Fotografie), Zeichnung 1929, Fotografie 2020, Marburg

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Philipps-Universität Marburg

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Bildarchiv Foto Marburg / Thomas Scheidt

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Kurzbeschreibung
Zeichnung des Studenten Wolfgang Wolff, die in humoristischer Weise weibliche Studierende in die Typen "Studeuse" und "Studentin" einordnet.
Ausschnitt Studeuse.jpg
Bildarchiv Foto Marburg / Thomas Scheidt - fmd10018624 (Ausschnitt)


Die zunehmende Zahl der Kommilitoninnen regte den zeichnerisch begabten Studenten Wolfgang Wolff zu einer Typologie der Studentin an. Die eine Gruppe wird dargestellt durch eine Studentin mit strenger Frisur und konservativer Kleidung, die eifrig zum Kolleg eilt, die andere Gruppe wird repräsentiert von einer jungen Frau in modernem Habit, die an einem Kaffeehaustisch Platz genommen hat. Diesem eher mondänen Typ hat Wolff die Bezeichnung "Studeuse" gegeben.

Studentischer Antisemitismus

Marburg war in den 1890er Jahren eine Hochburg des politischen Antisemitismus. Der an der Universität Marburg zum Dr. phil. promovierte und an der dortigen Universitätsbibliothek beschäftigte Otto Böckel konnte ab 1890 für mehrere Legislaturperioden als Vertreter seiner "Antisemitischen Volkspartei" in den Reichstag einziehen.

Unter den Studierenden war der Antisemitismus ebenfalls ein weitverbreitetes, gesellschaftlich akzeptiertes Phänomen. Er hinterließ auch auf den Karzerwänden hässliche Spuren. Antisemitische Parolen wären von der Universitätsleitung vermutlich nicht geduldet worden, aber Darstellungen im Gewand der Karikatur oder des "Humors" wurden toleriert.





Antisemitische Karikatur eines Juden mit Kippa

N.N. (Zeichner), Thomas Scheidt (Fotograf), Zeichnung undatiert, Fotografie 2020, Marburg

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Philipps-Universität Marburg

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Bildarchiv Foto Marburg / Thomas Scheidt

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Kurzbeschreibung
Zeichnung von unbekannter Hand. Antisemitische Karikatur eines Juden mit Kippa.
Antisemitismus1.jpg
Bildarchiv Foto Marburg / Thomas Scheidt - fmd10018632 (Ausschnitt)


Karikatur eines jüdischen Mannes mit Kippa aus der Zeit um 1890.



Antisemitische Karikatur eines jüdischen Studenten (?)

N.N. (Zeichner), Thomas Scheidt (Fotograf), Zeichnung undatiert, Fotografie 2020, Marburg

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Philipps-Universität Marburg

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Kurzbeschreibung
Zeichnung von unbekannter Hand. Antisemitische Karikatur eines jüdischen Studierenden.
Antisemitismus2.jpg
Bildarchiv Foto Marburg / Thomas Scheidt - fmd10018632 (Ausschnitt)

Antisemitische Karikatur aus der Zeit um 1900, die auf die antisemitischen Hetzschriften der Nationalsozialisten vorauszuweisen scheint.





"Verleitung eines Hundes zum Antisemitismus"

Harry Finking (Verfasser), Thomas Scheidt (Fotograf), Text 1895, Fotografie 2020, Marburg

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Philipps-Universität Marburg

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Kurzbeschreibung
Zeichnung von unbekannter Hand. Der Student Harry Finking brüstet sich des Deliktes der "Verleitung eines Hundes zum Antisemitismus".
Antisemitismus3.jpg
Bildarchiv Foto Marburg / Thomas Scheidt - fmd10018627 (Ausschnitt)


Scheinbar humoristische Angabe eines Haftgrundes im Jahr 1895. Grundlage der Karzerstrafe war eine Tätlichkeit. Die Angabe "Verleitung eines Hundes zum Antisemitismus" hielt der Student offensichtlich für eine gelungene Pointe.



Karzer 1905

Fotografie, 1905, Marburg

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Hessisches Staatsarchiv Marburg

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Hessisches Staatsarchiv Marburg

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Kurzbeschreibung
Innenansicht des Karzers. Postkarte aus dem Jahr 1905. HStA MR Slg. 7 c Nr. 428

Vom Arrestlokal zur Sehenswürdigkeit

Bereits im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts kam der Karzer außer Gebrauch. Seine Wirksamkeit und die Angemessenheit von Freiheitsstrafen im akademischen Umfeld waren fragwürdig geworden. Im Jahr 1907 verließ daher der vorerst letzte Arrestant das "Loch".

Siebzehn Jahre später, im Jahr 1924, griff die Universität wieder auf die Verhängung von Karzerstrafen zurück. Obwohl das preußische Kultusministerium bereits 1928 in einem Runderlass die Karzerstrafe als durch "die Entwicklung der Zeitverhältnisse für überholt" ansah, währte diese "Renaissance" bis zum Jahr 1931. Seitdem hat niemand mehr den Komfort des Raumes genossen.

Weiterführende Literatur

Hans Günther Bickert, Norbert Nail, Marburger Karzer-Buch, Marburg 2013

Dietrich Heither, Michael Lemling, Marburg, O Marburg... Ein "Antikorporierter Stadtrundgang". Marburg (Marburger Beiträge zur Geschichte und Gegenwart studentischer Verbindungen; 3), Marburg 1996.

Margret Lemberg, Es begann vor hundert Jahren. Die ersten Frauen an der Universität Marburg und die Studentinnenvereinigungen bis zur "Gleichschaltung" im Jahre 1934. Eine Ausstellung der Universitätsbibliothek Marburg vom 21. Januar bis 23. Februar 1997 (Schriften der Universitätsbibliothek Marburg; 76), Marburg 1997.

Peter Woeste, Akademische Väter als Richter. Zur Geschichte der akademischen Gerichtsbarkeit der Philipps-Universität unter besonderer Berücksichtigung von Gerichtsverfahren des 18. und 19. Jahrhunderts (Marburger Stadtschriften zur Geschichte und Kultur; 22), Marburg 1987.



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Diese Ausstellung wurde am 11.09.2020 veröffentlicht.



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