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Ankunft auf Zeit

Die Cottbuser Kriegsgefangenenlager von 1914 bis 1924

Gefangen im Ersten Weltkrieg

Während des Ersten Weltkriegs (1914-18) geraten mehr als 7 Millionen Männer in feindliche Kriegsgefangenschaft, davon allein 2,4 Millionen in Deutschland. In den Gefangenenlagern treffen Menschen aus allen fünf Kontinenten aufeinander. Der Lageralltag ist bestimmt von Hunger und Heimweh, Vorurteilen und Gewalt aber auch kulturellem und religiösem Leben, trotziger Selbstbehauptung und freundschaftlichen Kontakten zu Deutschen. Die Gefangenen waren ein sichtbarer und alltäglicher Teil der Kriegsgesellschaft. Zwei der heute weitgehend in Vergessenheit geratenen Lager befanden sich in Cottbus.

Cottbus am Vorabend des Ersten Weltkrieges

Cottbus erlebte seit dem 19. Jahrhundert eine enorme Entwicklung hin zu einer modernen Stadt mit über 40.000 Einwohnern. Besucherinnen und Besucher werden von zahlreichen Fabrikbauten, neuen Wohnhäusern und kommunalen Bauten wie Stadttheater und Krankenhaus begrüßt. Straßenbahnen fahren die Straßen entlang, Parkanlagen zieren das Bild der Stadt. Doch es entstehen auch Kasernen. Der Krieg wirft seinen Schatten voraus. 

Oberbürgermeister Dreifert erfährt am 31. Juli 1914 durch ein Telegramm von der Kriegsgefahr. Für die Stadt und ihre Einwohner beginnt der Krieg.

Ankunft der Kriegsgefangenen

Vollkommen unerwartet treffen am 4. September 1914 die ersten 5.000 russischen Kriegsgefangenen in Cottbus ein. Der Oberbürgermeister, erst einen Tag vorher informiert, veranlasst ihre Unterbringung auf der alten Pferderennbahn im Norden der Stadt. Sieben Tage später sind es bereits 10.000. Die Ankunft der Gefangenen am Bahnhof und ihr Abmarsch zum Lager zieht Scharen von Neugierigen an. Erschöpft, ausgehungert, zerlumpt und zum Teil verletzt bieten die Neuankömmlinge ein Bild des Elends. Aus der Menge ergießen sich Spott, Hohn und Drohungen über sie. Dies bleibt aber nicht unwidersprochen.

Am 4. September 1914 treffen circa 5.000 russische Kriegsgefangene in Cottbus ein, wenige Tage später sind es doppelt so viel.

Die Ankunft der Kriegsgefangenen erregte natürlich lebhaftes Interesse bei jung und alt. Sie alle schienen großen Hunger zu haben. "Acht Tage nichts gegessen", so kam es von den Lippen eines Gefangenen, der eine Bemerkung aus dem Publikum über ihr schlechtes Aussehen gehört hatte. Überhaupt ist man mit Spott und Schmähreden gegen die Gefangenen nicht sparsam. Anzuerkennen ist aber auch, daß gefühllosen Leuten, die von "Bande totschießen", "vergiften" usw. faseln, aus dem Publikum heraus mit gehörigen Zurechtweisungen geantwortet wird. Wir hörten einige Frauen, die sich ritterlich für menschliche Behandlung der Gefangenen ins Zeug legten und so einige Maulaufreißer beschämt abziehen ließen.

Auszug aus dem Zeitungsartikel “Gefangene Russen in Cottbus”. In: Märkische Volksstimme vom 6. September 1914

Das improvisierte Lager

Die russischen Kriegsgefangenen werden unter katastrophalen Verhältnissen auf der alten Pferderennbahn untergebracht. Sie schlafen zum Teil unter freiem Himmel, Versorgung und Hygiene sind unzureichend. Dem russischen Oberarzt Krivotorov zufolge können die Kriegsgefangenen im Januar 1915 das erste Mal ein Bad nehmen.

Erst zwei Wochen nach der Ankunft der ersten Kriegsgefangenen beginnt der Aufbau von Baracken. Das Leben in Erdlöchern und Zelten weicht Wohnbaracken von 100 x 12 Metern. In jede dieser Baracken sollen 1.200 Mann untergebracht werden, das heißt, dass jeder Kriegsgefangene ca. einen Quadratmeter zur Verfügung hat.

Eine tödliche Seuche

Die Unterbringung tausender hungernder und frierender Gefangener auf engstem Raum, ohne angemessene Waschmöglichkeiten und Toiletten, begünstigt die Ausbreitung von Krankheiten. Im Dezember 1914 kommt es zu einem Ausbruch von Fleckfieber.  Die gefürchtete Seuche wird durch die Kleiderlaus übertragen, einem ständigen Begleiter vieler Soldaten. Binnen weniger Monate sterben fast 500 Kriegsgefangene und einige Angehörige des Wachpersonals. Das Lager wird komplett abgeriegelt, die Leitung an russische Ärzte übergeben.

Diese Postkarte schickt der Cottbuser Sanitäts-Sergeant Luban an seine Familie. Kurz darauf stirbt er an den Folgen einer Fleckfieber-Erkrankung.

Im Lager "Cottbus" befanden sich etwa 10.000 Gefangene, die hauptsächlich im August mit der Samsonov-Armee gefangen genommen wurden. Das erste Mal, dass sie ins Bad kamen (als es arrangiert wurde), war im Monat Januar! Infolgedessen gab es eine solche Masse von Läusen auf den Menschen, dass, wenn eine Person, die sich hinlegte, von ihrer Uniform entfernt wurde, es schien, als würde sie sich bewegen, als wäre sie am Leben.

Übersetzter Auszug aus den Erinnerungen des russischen Oberarztes Konstantin Vasiljevich Krivorotov

Internationale Forschung

Die in Deutschland fast unbekannte Krankheit weckt das Interesse der Forschung. Noch im Dezember 1914 treffen zwei international bekannte Wissenschaftler im Cottbuser Lager ein: Der Brasilianer Henrique da Rocha Lima und sein tschechisch-österreichischer Kollege Stanislaus von Prowazek. Wie viele der im Cottbuser Lager tätigen Ärzte erkranken sie selbst am Fleckfieber. Prowazek stirbt im Februar 1915, da Rocha Lima kommt mit dem Leben davon. Durch ihre Forschungen entdeckt er den Erreger der Krankheit – und benennt ihn nach seinem verstorbenen Freund Rickettsia prowazeki.

Stanislaus von Prowazek ist einer der hochrangigen Forscher, die sich der Fleckfieberepidemie im Cottbuser Lager widmeten.

Ein neues Lager

Als Antwort auf die Epidemie entsteht in Cottbus-Merzdorf ein Quarantänelager. Unter der Leitung des Architekten Paul Kruchen bauen über 200 Kriegsgefangene bis zum Juni 1915 ein Lager für 10.000 Internierte. Zu Kruchens Planungsteam gehört auch der junge Hans Scharoun, der später einmal Präsident der Akademie der Künste werden wird.

Das Lager setzt neue hygienische Maßstäbe, ist in acht Kompaniehöfe unterteilt und kann nur durch eine Bade- und Desinfektionsschleuse betreten werden. Doch aus dem eigentlichen Quarantänelager wird  ein eigenständiges Gefangenenlager. Cottbus, eine Kleinstadt mit 45.000 Einwohnern, hat nun zwei Lager für 22.000 Kriegsgefangene.

Propagandist und Dokumentar - der Lagerphotograph Paul Tharan

Das Leben in den Kriegsgefangenenlagern stößt auf großes öffentliches Interesse. Regierungen betreiben damit Propaganda, die örtliche Bevölkerung ist neugierig, Angehörige sehnen sich nach Lebenszeichen der Gefangenen. Deshalb entstehen in vielen Lagern Fotografien. Der Cottbuser Fotograf Paul Tharan entwickelt sich zu einem ungewöhnlich engagierten Chronisten der örtlichen Lager: Über Tausend seiner Bilder haben sich erhalten! Auffällig ist, dass sie fast nur die positiven Seiten des Lagerlebens zeigen. Einige von Tharans Fotografien dienen als Postkartenmotive für Deutsche, aber auch für englische, französische und russische Gefangene. Bei ihrer Herstellung arbeiten Insassen des Lagers mit.

Das Wachpersonal

Während hunderte Cottbuser in den Krieg Richtung West- und Ostfront ziehen, verbleiben einige in Cottbus. Als Angehörige des Landsturm-Infanterie-Bataillons werden sie zur Bewachung der Kriegsgefangenenlager herangezogen. Doch auch ortsfremde Soldaten werden eingesetzt und teilweise bei Einwohnern der Stadt untergebracht.

Über das Wachpersonal ist nur sehr wenig bekannt. Einige von ihnen sind den Gefangenen gegenüber freundlich eingestellt. Das dürfte auch für den Arzt Dr. B. (der richtige Name ist unbekannt) gelten, der, als es 1918 zur Auseinandersetzung zwischen Gefangenen kommt, zwei russischen Internierten das Leben rettet. Andere hingegen scheinen ihre Ablehnung Fremden gegenüber auszuleben und greifen selbst bei kleinsten Verstößen direkt zur Waffe.

In den Wachbaracken befanden sich neben den deutschen Soldaten auch die zugehörigen Schusswaffen.

Kriegsgefangene aus der ganzen Welt

Große Teile der Welt sind von den europäischen Kolonialmächten unterworfen worden. Nun werden die Kolonialisierten auf die europäischen Schlachtfelder gezwungen. Für einige endet dies in den Cottbuser Gefangenenlagern. So kommt es, dass hier tausende Menschen aus allen Erdteilen auf engstem Raum zusammenleben. Oft bleiben Gruppen mit derselben Muttersprache und Kultur unter sich. Ihre Situation unterscheidet sich deutlich. Viele westeuropäische Gefangene erhalten lebenswichtige Hilfspakete von ihren Regierungen und Hilfsorganisationen. Den russischen Gefangenen fehlte diese Unterstützung.

Heute sind die meisten Namen der Gefangenen in Vergessenheit geraten. Doch rund um die Welt leben ihre Nachkommen und können durch Ahnenforschung ein Licht auf ihre Vorfahren und die Cottbuser Lager werfen.

Arbeit im Lager

Fast alle Arbeiten, die für die Aufrechterhaltung der Lager und zur Versorgung ihrer Insassen nötig sind, werden von den Kriegsgefangenen selbst erledigt. Die meisten waren vor dem Krieg Arbeiter oder Handwerker, einige erhalten so die Gelegenheit, gegen einen geringen Lohn ihren Beruf auszuüben. Der Fotograf Paul Tharan dokumentierte unter anderem die Arbeit von Schuhmachern, Schneidern, Tischlern, Kunstschlossern, Korbflechtern und Gärtnern.

Arbeit außerhalb der Lager

Mit dem Gang der deutschen Soldaten an die Front gehen zahlreiche Arbeitskräfte in der Heimat verloren. Ab 1915 übernehmen immer mehr Kriegsgefangene ihre Arbeiten. Anfangs werden nur große Gruppen z.B. in der Landwirtschaft und den Braunkohlegruben eingesetzt. Später arbeiten sie auch einzeln oder in kleineren Gruppen für zahlreiche mittelständische Betriebe in Cottbus. Obwohl die Gefangenen als Zwangsarbeiter weitgehend rechtlos sind, ist die Arbeit außerhalb des Lagers eine begehrte Möglichkeit, die eigenen Lebensbedingungen zu verbessern. Manche werden sogar bei ihren Arbeitgebern einquartiert.

Ein Großteil der russischen Kriegsgefangenen wird in der Landwirtschaft und in der Landschaftspflege (u.a. zur Melioration von Gräben) eingesetzt.

Freizeit - Raum für Kreativität und Ablenkung

Mit Billigung der Lagerleitung organisierten die Gefangenen vielfältige Freizeitbeschäftigungen. Neben Bildungskursen, Bibliotheken, Theater und Musik-Kapellen sind eine Vielzahl sportlicher Aktivitäten belegt. Erhaltene Fotografien zeigen unter anderem Fußball, Akrobatik und Wettkämpfe, wie die "Französischen Spiele“. Diese Bilder erzeugen den Eindruck einer “heilen” Welt. Doch Sport und Kultur waren für die Gefangenen oft eine Ablenkung von den schwer erträglichen Lebensumständen im Lager. 

Vielfalt der Religionen

Die Vielfalt der Gefangenen zeigt sich auch in deren religiösen Haltungen. Ein zentraler Ort im Sielower Gefangenenlager ist die Lagerkirche, die von verschiedenen christlichen Konfessionen gemeinsam genutzt wird. Auch im Merzdorfer Lager gibt eine christliche Kapelle, dort hat sich außerdem ein Teil des Lagerfriedhofs bis heute erhalten. Doch neben Christen und Konfessionslosen leben in den Cottbuser Lagern auch gläubige Juden und Muslime. Auch sie haben die Möglichkeit, in der Gefangenschaft ihre Religion zu praktizieren.

Heimweh

Tausende Kilometer entfernt von der Heimat, gefangen im Feindesland. Die Gedanken sind bei den Familien daheim, das Heimweh ein steter Begleiter, besonders an Geburts- und Feiertagen. Auch die Situation der Angehörigen ist schmerzhaft. Oft leiden sie selbst unter den Schrecken des Krieges, lesen Tag für Tag von Siegen und Niederlagen. Und es bleiben über Jahre die Stühle der Väter und Söhne leer.

Soweit die Gefangenen und ihre Familien lesen und schreiben können, besteht die Möglichkeit, über Feldpost in Kontakt zu bleiben. Doch ist ihre Ankunft ungewiss, der Inhalt streng überwacht. Bleibt der Brief aus, gibt es viele mögliche Gründe. Die ständige Angst bleibt, dass es der letzte war.

Sehnsüchtig blickt der Vater zu seiner Familie in der Ferne. Eine Postkarte, entstanden im Cottbuser Kriegsgefangenenlager, zum Weihnachtsfest 1917.

Bestrafungen

Trotz kleiner Freiheiten und Erleichterungen befinden sich die Soldaten in Gefangenschaft, von ihrer Heimat entfernt, in den Händen einer feindlichen Armee. Sie sind im Alltag Übergriffen durch die Wachmannschaften ausgesetzt und werden für Verstöße gegen die Lagerordnung streng bestraft. Rassistische Haltungen gegenüber den russischen Gefangen führen dazu, dass diese besonders oft Gewalt erfahren und härter bestraft werden.  Gerechtfertigt wird dies mit dem Vorurteil, sie würden nur Gewalt verstehen. “In Russland ist nichts anderes bekannt [...] und diese Bestrafung erscheint den Gefangenen ganz natürlich”, so verteidigt es ein Unteroffizier gegenüber den Delegierten des Roten Kreuzes 1915.

Ein großes Repertoire an Bestrafungen drohte den Gefangenen, dazu gehörten Peitschenhiebe, geringere Essenszuweisungen, Arrest oder das "Anbinden".

Der Verfall der Lager

Die Berichte des Komitees des Internationalen Roten Kreuzes bieten uns heute einen Einblick in den Wandel der Lager im Verlauf des Krieges. Das einstige Vorzeigelager Merzdorf mit “komfortablen Baracken” (Bericht vom 11. Mai 1915) wird 1916 bereits als “unbefriedigend” bezeichnet. Am 18. Dezember 1918 werden dem Lager katastrophale Zustände attestiert. Fenster, Dächer und Wände seien undicht. Viele Gefangene schlafen auf dem Boden, ohne Unterlage oder auf Holzwolle. Im Lager Merzdorf, über das die Visitatoren 1915 noch schrieben, dass man es aus hygienischer Sicht nicht besser machen könne, grassiert eine Influenza-Epidemie - Medikamente gibt es keine.

Der Zustand der "Erdbaracken" im Merzdorfer Lager verschlechterte sich recht schnell.
In den Wohnbaracken des Kriegsgefangenenlagers Cottbus-Sielow sollten bis zu 1.000 Kriegsgefangene Platz finden.

Auflösung der Lager

Im November 1918 schweigen die Waffen, doch das Kriegsende bedeutet nicht für alle ein Ende der Gefangenschaft. Während die westeuropäischen Kriegsgefangenen bereits im Winter 1918/19 in die Heimat zurückkehren, gestaltet sich dies für die russischen Gefangenen angesichts von Revolution und Bürgerkrieg als zum Teil unmöglich. Das Lager in Sielow bleibt mit tausenden Internierten bestehen, während das Lager in Merzdorf „gemäß der Absicht der Regierung, den russischen Kriegsgefangenen den Aufenthalt in Deutschland nach Möglichkeit zu erleichtern, im Februar 1920 aufgelöst worden ist, weil der Aufenthalt in den dortigen Erdhütten nicht mehr menschenwürdig genannt werden kann“. (Auszug aus dem Schreiben des Abwicklungsamtes an den Magistrat der Stadt Cottbus vom 11. Februar 1920)

Endloses Lagerleben und revolutionärer Aufbruch

Obwohl der Krieg vorbei ist und einige Vorschriften gelockert wurden, scheinen die russischen Gefangenen zu endlosem Lagerleben verdammt zu sein. Viele haben Sympathien für die sozialistische Revolution und die neue russische Regierung. So kommt es, dass die Einweihung eines Denkmals für die hier verstorbenen Kameraden symbolträchtig auf den 1. Mai 1920 gelegt wird. Beim Rückweg durch die Stadt sind rote Fahnen zu sehen, das konservative Bürgertum ist entsetzt. Als dann Anfang Oktober des Jahres ein gewählter Vertreter der Gefangenen inhaftiert wird, kommt es im Lager zum offenen Aufstand, der durch auswärtiges Militär niedergeschlagen wird. Anfang 1921 können die letzten Russen in ihre Heimat zurückkehren.

Am 1. Mai 1920 weihen ehemalige Kriegsgefangene und Einwohner der Stadt Cottbus dieses Denkmal zu Ehren der gefallenen Soldaten ein.
Zahlreiche leere Arbeitsstellen werden nach dem Krieg von einstigen Kriegsgefangenen besetzt. Unter ihnen ist auch Uhrmachergeselle Michail Simanow.

Das Interniertenlager in Sielow

In Oberschlesien, nicht weit von Cottbus entfernt, führt die umstrittene neue Grenzziehung zwischen Deutschland und Polen seit Kriegsende mehrfach zu Aufständen. In dem ehemaligen Kriegsgefangenenlager in Cottbus-Sielow werden ab Mai 1921 Gefangene aus dem Aufstandsgebiet interniert, auf dem Höhepunkt sind hier wieder über 1.200 Menschen zusammengepfercht. Einige Cottbuser empfangen sie mit Steinen und Eisenstangen, die Polizei ist mit ihrem Schutz überfordert. Und auch die Behandlung im Lager ist von Hass und Gewalt geprägt. Im Laufe des Jahres werden die Vorwürfe überprüft und die Gefangenen entlassen – scheinbar waren viele von ihnen willkürlich nach Cottbus verschleppt worden.

Durch Misshandlungen auf dem Weg zu Lager stirbt der Internierte Bruno Stein. Der abgebildete Artikel verharmlost das Geschehen.

Ich lasse gleich auf euch schießen, sobald mir Ungehörigkeiten bekannt werden. Gleichzeitig habe ich 1.000 Russen im Lager, die ich auf euch hetze, ihr polnischen Schweine, daß euch Hören und Sehen vergeht.

Diese Aussage des Lagerinspektors Kuckuk ist dem Bericht von Hubert Kühne vom 15. Juni 1921 entnommen. Kühne ist einer der oberschlesischen Internierten und zeigt damit deutlich die physische und psychische Gewalt im Lager. (aus StACB / A.II.3a Nr. 31)

Das Abschiebelager

Ab 1921 werden in Cottbus-Sielow sogenannte „lästige Ausländer“ aus ganz Preußen inhaftiert. Es handelt sich um osteuropäische Flüchtlinge, die sich vor Krieg, Armut und religiöser Verfolgung nach Deutschland gerettet hatten. Unter ihnen befinden sich auch Mütter mit ihren Kindern. Aufgrund oftmals kleinerer Vergehen, die nicht selten aus der Not heraus entstanden, droht ihnen die Abschiebung in ihre Heimat.

Schwere Gewalttaten von und an Internierten, eine Einbrecherbande und ein Konflikt um die Freigabe des einstigen Rennbahn-Grundstücks sorgen für eine erhebliche Ablehnung gegenüber den Internierten und dem Lager selbst.

Für viele führte der Weg ins Lager über den Cottbuser Bahnhof. Fast 10 Jahre lang fuhren hier Internierte ein und wurden in die Lager gebracht.

Die Klage der Internierten über zu enge Belegung ist nach dem Augenschein des Kommandos zutreffend. In einer für höchstens 100 Personen bestimmten Baracke lagen vor wenigen Tagen 225 Internierte, sodass der größte Teil auf dem Fußboden schlafen musste. Die Verschmutzung eines großen Teils von Internierten durch Läuse ist gleichfalls zutreffend.

Auszug aus einem Schreiben des Kommandos der Schutzpolizei vom 14. März 1923 an den Regierungspräsidenten - Abteilung Schutzpolizei (aus Akte betreffend Schutzmaßnahmen gegen die Errichtung des Interniertenlagers in Sielow bei Cottbus - StACB / A.II.3a Nr. 31)

Das erste Konzentrationslager in Deutschland?

Der preußische Innenminister Severing benennt das Cottbuser Lager als “Konzentrationslager”. Gemeint war damit, dass hier alle im Land straffällig gewordenen Ausländer an einem Ort konzentriert wurden. Das viele von ihnen Juden waren, war für die Haltung einiger Cottbuser gegenüber den Flüchtlingen sicher nicht folgenlos. Denn in der Weimarer Republik erreichte der Antisemitismus ein neuartiges Niveau. Und er richtete sich besonders gegen osteuropäische Juden, die großteils vor blutigen Pogromen im eigenen Land geflohen waren. Doch es gibt in Cottbus keine Hinweise darauf, dass hier Menschen festgehalten wurden, weil sie Juden waren. Und obwohl die Zustände in dem Lager alles andere als human waren, hatten sie wenig mit den KZ der Nationalsozialisten gemeinsam – und noch weniger mit den Todesfabriken des Holocaust.

Aus dem Kriegsgefangenenlager Sielow wurde binnen weniger Jahre ein Internierungslager für "lästige Ausländer". Wie es 1923 aussah, das ist unklar

Das Ende der Lager

Was im September 1914 mit dem Eintreffen der ersten Kriegsgefangenen plötzlich begann, das endet im Juli 1923 fast ähnlich unerwartet. Seit dem Ende des Krieges ringt der Magistrat mit den unterschiedlichen Ministerien um ein Ende der Cottbuser Lager. Am 19. Juli 1923 erhält der Magistrat ein Telegramm mit dem Inhalt “rennbahnlager cottbus geraeumt = preuszischer innenminister”.

Im Dezember 1923 berichtet der “Cottbuser Anzeiger” über eine Antwort des Innenministers: “Was die Konzentrationslager angeht, so hört das einzige Lager das seit langem besteht und zur Aufnahme von Ausländern bestimmt war, das Lager in Cottbus-Sielow, mit dem 31. Dezember des Jahres auf.”

Am 19. Juli 1923 erhält der Oberbürgermeister der Stadt Cottbus die Nachricht, dass das Internierungslager geräumt wurde.

Wie geht es weiter?

Zehntausende Männer aus zahlreichen Regionen der gesamten Welt befinden sich über Jahre in den beiden Cottbuser Kriegsgefangenenlagern. Später sind es auch Frauen und Kinder, die hier interniert sind. Sie leben hier, werden geprägt von dieser Zeit und prägen auch die Stadt Cottbus.

Und so bleibt die Frage nach dem, was davon eigentlich bleibt? Die Erinnerungen, die uns der Lagerphotograph Paul Tharan in seinen Fotografien erhalten hat, sind nur ein Blitzlicht in das Leben und Sterben der hier lebenden Gefangenen und jener Menschen, die sie umgaben. Und in diesen Erinnerungen gibt es noch viel zu entdecken. Unterstützen Sie uns gerne mit Ihrem Wissen, Ihren Anregungen und Ihren Meinungen.

Im Bereich der künftigen Seevorstadt blieb ein Teil des Merzdorfer Lagerfriedhofes erhalten. Es ist die letzte städtebauliche Erinnerung an diese Zeit

Danksagung

An erster Stelle danken wir der Brandenburgischen Landeszentrale für Politische Bildung für ihre Förderung des Projektes. Darüber hinaus danken wir den Angehörigen früherer Kriegsgefangener, die uns unerwartete Einblicke in das Leben ihrer Groß- bzw. Urgroßväter gegeben haben.

Für Anregungen und Unterstützung danken wir außerdem Michael Max, Harald Großstück, Dirk Seemann, Christoph Polster und Alexander Miller. Abschließend möchten wir dem gesamten Team des Stadtmuseums und des Stadtarchivs Cottbus danken. Ohne die unkomplizierte Bereitstellung von Wissen, Akten und Objekten wäre das Projekt nie denkbar gewesen.

Das digitale Ausstellungsprojekt "Ankunft auf Zeit" wurde gefördert durch die Brandenburgische Landeszentrale für Politische Bildung.