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1918: Zwischen Weltkrieg und Revolution

Ein Entscheidungsjahr für Deutschland

Ein Entscheidungsjahr für Deutschland

Das letzte Jahr des Ersten Weltkriegs war für die Deutschen gekennzeichnet von Hoffnungen, Enttäuschungen, Niederlage und Revolution. Sah es zu Beginn des Jahres so aus, als könnte Deutschland den Krieg doch noch gewinnen, zeichnete sich im Laufe des Sommers die drohende Niederlage ab. Im Herbst bat das Deutsche Reich um die Einstellung der Kampfhandlungen. Die Novemberrevolution fegte schließlich die Monarchie hinweg. Nun begann der Kampf um die Grenzen und die Demokratisierung Deutschlands – Auseinandersetzungen, die das 20. Jahrhundert bestimmen sollten.

Voraussetzungen: Russische Revolution

In Russland griff seit 1916 eine zunehmende Kriegsmüdigkeit um sich. Dennoch führte die Provisorische Regierung, die nach dem Sturz des Zaren im März 1917 die Geschicke Russlands lenkte, den Krieg gegen Deutschland und seine Verbündeten fort. Die Bolschewiki, im November 1917 durch die Oktoberrevolution an die Macht gekommen, schlossen hingegen umgehend einen Waffenstillstand mit den Mittelmächten. Die anschließenden Friedensverhandlungen in Brest-Litowsk sollten aus deutscher Sicht dafür sorgen, dass möglichst viele deutsche Soldaten aus dem Osten abgezogen und an die Westfront verlegt werden konnten. Zudem zielte der dem Russischen Reich aufgebürdete „Gewaltfrieden“ auf Gebietsaneignung und wirtschaftliche Ausbeutung. Der „Durchbruch“ in Nordfrankreich war als eine letzte Entscheidungsschlacht gegen die Franzosen und Briten geplant, um auch im Westen den Krieg mit einem Sieg zu beenden. Tatsächlich blieb jedoch weiterhin ca. eine Million deutsche Soldaten zur Durchsetzung imperialer Ziele an der Ostfront stationiert. Diese Truppen fehlten 1918 bei der Offensive im Westen.
Zaem svobody (Freiheitsanleihe). Werbeplakat für die Kriegsanleihe der russischen Provisorischen Regierung. Nach einem Entwurf von Boris M. Kustodiev, Petrograd 1917.
Verbrüderung deutscher und russischer Soldaten nach dem Waffenstillstand an der Ostfront. Deutsches Pressefoto, Dezember 1917.
Mitglieder der russischen Delegation, u.a. Leo Trotzki (hintere Reihe, 2. v. r.), bei den deutsch-russischen Friedensverhandlungen in Brest-Litowsk. Pressefoto in einem Fotoalbum, 1918.
Amtliche Veröffentlichung des deutsch-russischen Friedensvertrags vom 3. März 1918.

Voraussetzungen: Kriegseintritt der USA

Um Großbritannien von seiner überseeischen Versorgung abzuschneiden, ging das Deutsche Reich am 1. Februar 1917 zum „uneingeschränkten“ U-Boot-Krieg über. Fortan versenkten deutsche U-Boote Handels- und Passagierschiffe ohne jede Warnung, auch wenn sie unter neutraler Flagge fuhren. Eine Kriegserklärung der USA, die ausdrücklich vor diesem Schritt gewarnt hatten, wurde billigend in Kauf genommen, da der amerikanischen Armee keine große Schlagkraft zugemessen wurde. Im Laufe des Jahres 1918 landeten jedoch immer mehr amerikanische Soldaten auf dem europäischen Kriegsschauplatz; gegen Kriegsende waren es ca. 2 Millionen. Dadurch verschob sich das Kräfteverhältnis deutlich zuungunsten Deutschlands.
Liste der Rekrutierungsbüros des US Marine Corps, 1. Juni 1917.

Informationsblatt des Bürgermeisters von New York für Kriegsfreiwillige, New York 1917.

Die USA schufen zwischen Mai und September 1917 aus den wenigen bestehenden militärischen Verbänden eine Massenarmee.

Broschüre der Vereinigung der Freunde der deutschen Demokratie/Friends of German Democracy, New York 1918.


Die Vereinigung von Deutsch-Amerikanern befürwortete die Kriegführung gegen Deutschland. Ziel des amerikanischen Kampfes sei die Einführung der Demokratie in Deutschland.
Das Titelbild verweist auf die Bedrohung der Freiheit Amerikas durch den deutschen U-Boot-Krieg.

Amerikanische Matrosen bei der Einschiffung nach Europa. Italienisches Pressefoto, 1917.

Amerikanische Soldaten in Frankreich, vermutlich 1918.


Die ersten US-amerikanischen Truppen trafen im Juni 1917 an der Westfront ein, zu Kämpfen wurden sie erst 1918 eingesetzt, als sich bereits eine Million amerikanische Soldaten in Frankreich befand.

Aufruf der United States Food Administration zur Einsparung von Weizen. Plakat nach einem Entwurf von Steele, Washington, D.C. 1917.


Der Sieg über den Deutschen Kaiser, so das Argument, hängt davon ab, ob die Weizenvorräte Amerikas ausreichen. Als Bedrohung ist die Versenkung eines Schiffs durch ein U-Boot dargestellt.

Kriegsschauplatz

Nach vier Jahren festgefahrenem Stellungskrieg setzte die von Paul von Hindenburg und Erich Ludendorff geführte Dritte Oberste Heeresleitung alles auf eine Karte: Mit den im Osten frei gewordenen Soldaten wollte sie den entscheidenden „Durchbruch“ an der Westfront erzwingen, um den Krieg doch noch siegreich für Deutschland zu beenden. So begann am 21. März 1918 die „Michaelsoffensive“, ein gigantischer Angriff auf einer Breite von 70 Kilometern. Zunächst ging es voran, doch schon bald blieb der Vormarsch stecken. Im Sommer formierten sich die Alliierten zum erfolgreichen Gegenschlag, der schließlich die deutsche Niederlage im Herbst einleitete. Zum Symbol der alliierten Kriegführung an der Westfront avancierte der „Tank“. Die deutsche Armeeführung hatte die Panzerwaffe unterschätzt und deren Entwicklung weitgehend verschlafen.

Luftaufnahme des durch Artilleriebeschuss zerstörten Dorfs Terhand in Flandern, 1918

Frontverlauf an der Westfront 1918
Aufmarschierende Soldaten an der Westfront. Pressefoto zur „Großen Schlacht in Frankreich“, März 1918.

Deutscher Soldat in der Ausrüstung der Sturmtruppen. Postkarte des Verlags Trenkler, Berlin 1918.


Zur Ausrüstung der Soldaten der Sturmtruppen gehörten die mit Handgranaten gefüllten Säcke. Auf diese Weise sollten kleine Kampfgruppen, unterstützt von der Artillerie, die gegnerischen Gräben erobern.

Feldzeitung der Armee-Abteilung A, 12. Mai 1918.


Die Armeezeitung erschien seit 1917. Die Taktik der in kleinen Gruppen agierenden „Stoßtrupps“ wurde zum Sinnbild der Kämpfe des letzten Kriegsjahrs.

Seiten aus: "Bilder unserer Offensive im Westen 1918", Berlin: Francken und Lang, 1918.

Feuerstellung des Bataillons beim Sturm auf den „Bapaume Riegel“ (3. englische Stellung), südlich Morchies am 24. März 1918, Seite aus einem privaten Fotoalbum.


Im Ersten Weltkrieg konnten die Soldaten erstmals mit privaten Kameras der offiziellen Kriegsfotografie eigene Bilder entgegenstellen.

Verleihungsurkunde zum Verwundetenabzeichen des Fliegers Ernst Fischer, Malergeselle aus Stuttgart, 16. August 1918.


Seit die Amerikaner in die Luftkämpfe eingriffen, waren die alliierten den deutschen Fliegern zahlenmäßig weit überlegen.

English Tanks, Berlin: Karl Curtius Verlag, um 1918.

Die Broschüre enthält Fotografien mit Untertiteln in englischer, französischer, deutscher, niederländischer, schwedischer und dänischer Sprache.

Britischer Tank in einem zerstörten Ort an der Westfront. Britisches Pressefoto, undatiert

Feldzeitung vom 9. April 1918.


Die Titelzeichnung von Rudolf Eberle wirbt für die 8. Kriegsanleihe, durch die nochmals 15 Milliarden Reichsmark in die Kriegskasse kamen.

Kriegsanleihen

Der Erste Weltkrieg wurde in Deutschland zu großen Teilen durch Anleihen finanziert. Um die Bevölkerung zur Zeichnung der Kriegsanleihe zu bewegen, startete die Reichsleitung große Werbekampagnen. Als neues Medium kamen hierbei ab 1917 auch Bildplakate zum Einsatz. Besonders erfolgreich verlief die 8. Kriegsanleihe vom März 1918, als nach dem Ende der Kampfhandlungen im Osten neuer Optimismus aufkam und viele den vermeintlich „letzten Hieb“ der deutschen Armee an der Westfront unterstützen wollten. Die deutsche Niederlage machte die Einlagen wertlos und brachte zahlreiche Bürger um ihre Ersparnisse.
Werbeplakat für die 8. Kriegsanleihe. Nach einem Entwurf von Paul Neumann, 1918.
Werbeplakat für die 8. Kriegsanleihe. Nach einem Entwurf von Louis Oppenheim, 1918.
Werbeplakat für die 8. Kriegsanleihe. Nach einem Entwurf von Martin Lehmann, 1918.

Versorgungslage

Aufgrund einer britischen Seeblockade war Deutschland seit Kriegsbeginn 1914 zunehmend vom Überseehandel abgeschnitten. Es begann eine harte Zeit des Mangels, der immer größer wurde, je länger der Krieg dauerte. Bei Kriegsende litten große Teile der Bevölkerung an Unterernährung, ca. 800.000 Menschen starben während des Kriegs in Deutschland an Hunger. Durch die Rationierung von Lebensmitteln, Brennstoffen, Seife und anderen Mangelwaren versuchte der Staat die Not zu lindern. An die Bevölkerung wurde appelliert, sparsam zu haushalten. „Kriegskochbücher“ gaben Tipps für die Verwendung der noch verfügbaren, häufig minderwertigen Lebensmittel. Die Behörden waren befugt, Materialien zu erfassen, zu beschlagnahmen oder sogar zu enteignen. Im Rahmen von Sammel- und Spendenaktionen sollten vor allem Frauen und Schulkinder mobilisiert werden. Dies alles war aber wenig effektiv und verschlechterte die Stimmung in der Heimat.

Merkblatt der Reichsregierung, undatiert.


„Kriegsbrot“ bestand aus einer Mischung minderwertiger Mehlsorten, denen Bohnen und Gräser beigemengt wurden.

Broschüre von 1916.


Die Kaninchenzucht wurde gefördert, um den Mangel an Fetten, Fleisch und Fellen zu beheben.

Kriegskochbuch. Karlsruhe: G. Braunsche Hofbuchdruckerei und Verlag, 1917.

Hat man noch was Wurst von Muttern,
Ei dann kann man feste futtern.
Postkarte aus dem Album eines sechsjährigen Mädchens.


Zwischen Front und Heimat wurden, wenn möglich, Waren ausgetauscht. 1918 herrschte auf beiden Seiten großer Mangel.

Kuchen, Kaffee und auch Bier,
Gibt es stets in Fülle hier!
Postkarte aus dem Album eines sechsjährigen Mädchens.

Zahlkarte der Badischen Ludendorff-Spende für Kriegsbeschädigte, Karlsruhe 1918.


In Deutschland überlebten rund 2,7 Millionen Männer aller Altersstufen den Krieg mit einer physischen oder psychischen Beschädigung.

Postkarte der Ludendorff-Spende für Kriegsbeschädigte. Nach einem Entwurf von Fritz Grotemeyer, Berlin 1918 .
Kinder und Jugendliche mussten beim Einsammeln von Ersatzstoffen mithelfen.

Sammelaktionen

Schon vor dem Ersten Weltkrieg war das Deutsche Reich auf Importe von Rohstoffen und landwirtschaftlichen Erzeugnissen angewiesen. Den Erfordernissen der industriellen Kriegsproduktion waren daher auf Dauer weder die Vorräte noch die heimischen Ersatzprodukte gewachsen. Alternative Materialien sollten fehlende Rohstoffe ersetzen. Brennnessel- und Torffasern dienten zur Herstellung von Stoffen. Eicheln fanden Verwendung als Viehfutter und Ersatz für Kaffeebohnen. Laub wurde als „Laubheu“ oder „Waldheu“ für den Winter gesammelt und ersetzte Futtergetreide. Stroh konnte zur Wärmeisolierung eingesetzt werden, wurde aber auch an Tiere als „Kraftstroh“ verfüttert.
Auf die Kriegführung an der Westfront wirkte sich 1918, neben den hohen Menschenverlusten, vor allem der Mangel an Rüstungsgütern und Transportmitteln aus; hier sollte die Bevölkerung in der Heimat Abhilfe schaffen.
Plakat zur Beschlagnahmung von Metallgegenständen. Nach einem Entwurf von Louis Oppenheim, 1918.

Durchhalten oder Frieden schließen?

Mit zunehmender Dauer des Krieges mehrten sich die Rufe nach einem Ende des Blutbads. Am 19. Juli 1917 forderte der Reichstag in einer Resolution die Einleitung eines Verständigungsfriedens. Die Oberste Heeresleitung verfolgte jedoch weiterhin einen „Siegfrieden“ und setzte sich mit dieser Position durch. So lautete die Botschaft an das Volk, dass ein Friede nur durch eine erfolgreiche letzte Entscheidungsschlacht erreicht werden könne. In aufwendigen Kampagnen wurde an den Durchhaltewillen der Bevölkerung appelliert. Unter weiten Teilen der Arbeiterschaft hingegen herrschte zunehmend Kriegsmüdigkeit und Friedenssehnsucht. In verschiedenen Städten kam es im Januar 1918 zu massenhaften Streiks. Gefordert wurde ein „Friede ohne Annexionen und Kontributionen“, aber auch „Freiheit und Brot“. Große Empörung hatten die Nachrichten über die maßlosen deutschen Forderungen an das besiegte Russland bei den Friedensverhandlungen in Brest-Litowsk ausgelöst. Ganz neue Impulse erhielt die Debatte um einen Friedensschluss durch das 14-Punkte-Programm, das der amerikanische Präsident Woodrow Wilson am 8. Januar 1918 vorstellte. Wilsons Rede weckte bei vielen Deutschen die Hoffnung auf einen für alle Seiten tragbaren Frieden.

Titelseite der Tageszeitung „San Francisco Call”, 8. Januar 1918.


Das 14-Punkte-Programm des US-Präsidenten für eine Friedensordnung in Europa.

Charlottenkreuz mit Verleihungsurkunde für eine Arbeiterin, 4. Oktober 1918.


Die Stuttgarter Arbeiterin erhielt noch wenige Wochen vor Kriegsende die nach der württembergischen Königin benannte Auszeichnung für Verdienste um die „Erhaltung der Schlagfertigkeit der Württembergischen Armee“.

Gruppenbild der „Wehrturner“ der Stuttgarter Jugendwehr, 1. November 1918.


Jugendwehren organisierten Kriegsspiele im Freien sowie sportliche Wettkämpfe mit dem Ziel der körperlichen Ertüchtigung und militärischen Erziehung. Bis zuletzt wurden die Stuttgarter Jungen auf den Kriegseinsatz vorbereitet.

Les derniers soldats du Kaiser. Karikatur auf einer französischen Postkarte, vermutlich 1918.


Ein Greis und ein Kind werden als letztes Aufgebot der deutschen Armee dargestellt.

Revolution

Ausgehend von Matrosenaufständen in Kiel und Wilhelmshaven verbreitete sich Anfang November 1918 die Revolution über ganz Deutschland. Auslöser war der apokalyptische Befehl der Seekriegsleitung, die Flotte gegen überlegene britische Verbände zu einem letzten „ehrenvollen“ Gefecht auslaufen zu lassen. Aus der lokalen Revolte der Matrosen entwickelte sich rasch eine reichsweite Bewegung. Die kriegsmüde und durch die Versorgungskrise gezeichnete Bevölkerung forderte in zahlreichen Städten ein Ende des Krieges, den Sturz der Monarchie und die Demokratisierung Deutschlands. Alle deutschen Könige und Fürsten beugten sich dem Druck der Straße und entsagten dem Thron, nachdem der Kaiser abgedankt hatte auch Wilhelm II. von Württemberg. Nach diesem unerwartet schnellen Erfolg stellte sich die Frage, ob die Revolution mit der Ausrufung der Republik ihr Ziel schon erreicht habe oder es noch zu tiefergehenden Umwälzungen in Staat, Wirtschaft und Gesellschaft kommen sollte. Die SPD rief, wie die Oberste Heeresleitung, zur Aufrechterhaltung der Ordnung auf und warnte vor Anarchie.

Flugblatt mit dem Text eines Telegramms des Rats der Volksbeauftragten an die Oberste Heeresleitung, 11. November 1918.

Die 4. Oberste Heeresleitung sicherte der neuen Regierung aus SPD und USPD Unterstützung gegen die Ausbreitung des Bolschewismus zu und ließ die Anordnungen sämtlichen Truppenteilen sofort bekanntgeben.

Extrablatt des „Staatsanzeiger für Württemberg“, 9. November 1918.

Auch König Wilhelm II. von Württemberg mahnte zu Ruhe und Ordnung. Nachdem an diesem Tag eine revolutionäre Menge zum Wilhelmspalais marschiert war, verließ er Stuttgart. Seine Abdankung unterschrieb der König am 30. November in Bebenhausen.

Das württembergische Königspaar im Hof von Schloss Bebenhausen, dem Wohnsitz von Wilhelm II. nach seiner Abdankung. Undatierte Fotografie des Ateliers Hofphotograph Alfred Hirrlinger, Stuttgart.

„Die Revolution in der Rotebühlkaserne, 9.11.1918: Öffnen der Waffenkammer“. Postkarte, Stuttgart 1918.

Da standen Arbeiter und Soldaten gruppenweise zusammen und diskutierten. An einer Stelle lagen vor dem Gebäude zerbrochene Scheiben und Bilderrahmen neben Fürstenbildern, die aus dem Fenster herausgeworfen waren. Unter den Umstehenden befanden sich zahlreiche alte Soldaten. Einige davon kannten mich und forderten mich auf, zu sprechen. Meine Aufforderung, nun in Ruhe auseinanderzugehen, wurde vom größten Teil der Versammelten befolgt.Wilhelm Keil, Erlebnisse eines Sozialdemokraten, Band 2, Stuttgart 1948

 

Soll Deutschland ein Tollhaus werden?, Berlin 1918.


In dieser „Flugschrift zur Revolution“ versprechen die Sozialdemokraten den Abbau des Kapitalismus und warnen gleichzeitig vor Bolschewismus und Chaos.

Aufruf des Kölner Oberbürgermeisters Konrad Adenauer, Plakat vom 7. November 1918.

Niederlage

Als Anfang vom Ende, als „Schwarzer Tag des deutschen Heeres“ gilt der 8. August 1918, an dem das Westheer bei Amiens der personellen und materiellen Überlegenheit der Alliierten nichts mehr entgegenzusetzen hatte. Die Oberste Heeresleitung räumte am 29. September ein, dass der Krieg verloren sei und verlangte die Aufnahme von Waffenstillstandsverhandlungen. Angesichts der bislang optimistischen Berichte zeigten sich sowohl Reichsleitung wie weite Teile der Bevölkerung überrascht und zutiefst erschüttert. Das am 11. November unterzeichnete Abkommen bürdete den Deutschen harte Bedingungen auf: Räumung der besetzten Gebiete, Ablieferung der Waffen. Die deutsche Flotte wurde interniert, die britische Seeblockade aber weiterhin aufrechterhalten. Bestärkt durch Politiker und Militärführung verbreitete sich die Legende, das Heer sei „im Felde unbesiegt“ geblieben. Die Revolution und das Versagen der Heimat wurden als eigentliche Ursache der Niederlage dargestellt. Dies legte schon früh den Grundstein für die spätere „Dolchstoßlegende“, die das politische Klima der Weimarer Republik nachhaltig vergiften sollte.
Unterzeichnung des Waffenstillstandsabkommens in Compiègne. Kolorierte Postkarte nach einer französischen Zeichnung, undatiert.
Extrablatt der Ulmer Tageszeitungen mit einem Auszug aus den Waffenstillstandsbedingungen, 10. November 1918.
Flugblatt zur politischen Lage in Deutschland mit Aussagen des neuen Reichskanzlers Friedrich Ebert (SPD) und des Chefs der Obersten Heeresleitung Paul von Hindenburg, November 1918.

Wir wollen. Anonymes Flugblatt mit Forderungen der noch nicht demobilisierten Soldaten. November 1918.

1. Wir wollen nach Hause kommen

2. Wir wollen Frieden haben

3. Wir wollen frei sein

4. Wir wollen Ordnung halten

5. Wir wollen nie verzagen

6. So wollen wir zusammenstehen

Deutsche Soldaten auf dem Rückmarsch im Notquartier in einer Berliner Schule. Pressefoto von 1918
Feierliche Begrüßung der Karlsruher Regimenter auf dem Marktplatz in Karlsruhe. Pressefoto, 27. November 1918.
Empfang des württembergischen Grenadierregiments 119 „Königin Olgaauf dem Stuttgarter Schlossplatz am 19. Dezember 1918. Postkarte, 1918.
Handzettel für die Soldaten der 204. württembergischen Infanteriedivision, 21. November 1918.

Umstrittene Erinnerung

Während der Weimarer Republik gab es eine intensive Auseinandersetzung mit dem verlorenen Krieg. Insbesondere die als sehr hart empfundenen Bedingungen des am 28. Juni 1919 ratifizierten Versailler Vertrages waren ein bestimmendes Thema erbitterter Debatten. „Versailles“ wurde zum Symbol für einen ungerechten Frieden. In einer wahren Flut an polarisierenden Publikationen stritten die Zeitgenossen über die Kriegsschuldfrage, den Verlauf des Krieges und die Gründe für die Niederlage. Zu einer gemeinsamen Erinnerung an den Weltkrieg, über die politischen Gräben hinweg, konnten sich die Deutschen nicht zusammenfinden.

Max Bauer: Konnten wir den Krieg vermeiden, gewinnen, abbrechen? Drei Fragen beantwortet von Oberst Bauer, Berlin: Verlag August Scherl 1919.


Bauer, ein enger Vertrauter Erich Ludendorffs, behauptete in dieser Anfang Juni 1919 erschienenen Broschüre, auch die Bevölkerung der Alliierten sei kriegsmüde gewesen. Deutschland sei nur „eine Nasenlänge vor dem Ziel ruhmlos zu Fall gebracht worden“.

Vorgeschichte des Waffenstillstandes. Amtliche Urkunden. Herausgegeben im Auftrage des Reichsministeriums von der Reichskanzlei, 1919.


Als Reaktion auf Bauers Behauptungen veröffentlichte die Reichsregierung bereits im August 1919 eine Aktenedition zur Vorgeschichte des Waffenstillstands, die harsche Kritik an der Obersten Heeresleitung übte.

Das Werk des Untersuchungsausschusses der Verfassunggebenden Deutschen Nationalversammlung und des Deutschen Reichstages, 4. Reihe: Die Ursachen des Deutschen Zusammenbruchs im Jahre 1918, Abt. 1: Der militärische und außenpolitische Zusammenbruch, Abt. 2 : Der innere Zusammenbruch, Weitere Bände der 4. Unterreihe erschienen zwischen 1925 und 1929.
Einband von Abteilung 1: Band 1, Berlin 1928.

Ein Untersuchungsausschuss des Reichstags diskutierte seit 1919 über Ausbruch des Krieges, Kriegführung und die Ursachen der deutschen Niederlage. Die Militärs lehnten die Untersuchung ab, und die Parlamentarier lavierten zwischen Aufklärung und der Verhinderung von Schuldeingeständnissen gegenüber den früheren Gegnern. Mit dem Wahlsieg der NSDAP 1932 wurde die Arbeit aller vier Unterausschüsse beendet.

Was wir vom Weltkrieg nicht wissen. Im Auftrage der Weltkriegsbücherei herausgegeben von Friedrich Felger, Berlin 1930.


Auch die seit 1920 in Stuttgart situierte „Weltkriegsbücherei“ die heutige Bibliothek für Zeitgeschichte in der Württembergischen Landesbibliothek setzte sich intensiv mit dem Weltkrieg und seinen Folgen auseinander. Ziel war es, alle verfügbaren Veröffentlichungen über den Ersten Weltkrieg zu sammeln. Nach dem Willen des ersten Direktors Friedrich Felger sollten die Bestände dem Kampf gegen den Versailler Vertrag dienen.

Plakat der Schwäbischen Liga zum Schutze deutscher Kultur gegen den Versailler Vertrag, Stuttgart 1919.

Plakat der Bayerischen Volkspartei zur Landtagswahl am 20. Mai 1928. Entwurf von Hermann Keimel.


Das Wahlplakat der im November 1918 gegründeten Bayerischen Volkspartei erinnert an die Novemberrevolution

Erinnerungsbild an die Dienstzeit in der Marine

Das Bild spiegelt die Ambivalenz der Kriegserinnerung in der Weimarer Republik wider: Der Matrose Gottlieb Idler nahm 1918 am Matrosenaufstand teil und posierte auf einem Foto als „Bolschewick“ (siehe Kapitel "Matrosenaufstand"). Dennoch heißt es auf diesem montierten Erinnerungsbild: „Ruft einst das Vaterland uns wieder, so legen wir die Arbeit nieder und folgen treu der Flagge dann.“