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Presse in der Zeit des Nationalsozialismus

Eine virtuelle Ausstellung der Deutschen Digitalen Bibliothek

An einem Zeitungskiosk auf dem Pirnaischen Platz in Dresden wurden 1940 viele nationalsozialistische Zeitungen und Zeitschriften verkauft.

Das Deutsche Zeitungsportal der Deutschen Digitalen Bibliothek stellt seinen Nutzer*innen unter anderem historische Presseerzeugnisse aus der Zeit des Nationalsozialismus zur Verfügung. Heutigen Leser*innen dieser Zeitungen muss bewusst sein, dass der Presse zwischen 1933 und 1945 eine gänzlich andere Funktion zukam als in einer freiheitlichen Demokratie. Es gab keinen öffentlichen Diskurs, keine Meinungsfreiheit, keine Debatten. Die Presse war ein Propagandainstrument der Machthaber, ein Verkündungsorgan der Regierung und ein „Erziehungsinstrument“, das eingesetzt wurde, um „ein Siebzig-Millionen-Volk in eine einheitliche Weltanschauung zu bringen“, wie es Adolf Hitler formulierte.

Diese virtuelle Ausstellung zur Presse im Nationalsozialismus stellt dar, wie die Nationalsozialisten die zuvor plurale Presselandschaft der Weimarer Republik durch Terror, Verbote und Kontrolle zu einem willfährigen Instrument ihrer Herrschaft machten. Die Ausstellung zeigt, unter welchen institutionellen und ökonomischen Bedingungen zwischen 1933 und 1945 in Deutschland Zeitungen erschienen, worüber sie berichteten und wie die Arbeit der sogenannten „Schriftleiter“ (Journalist*innen) im Nationalsozialismus aussah. Während die Kontrolle der Medien in Deutschland nahezu lückenlos war, versuchten emigrierte Publizisten im Exil, die Pressefreiheit aufrechtzuerhalten. In einem eigenen Kapitel widmet sich die Ausstellung den schwierigen Umständen, unter denen Gegner*innen der Nationalsozialisten im Exil Zeitungen produzierten und sie stellt eine Auswahl dieser Publikationen vor.

01
Die Presselandschaft der Weimarer Republik

Ein Zeitungsstand in Berlin, 1929

Die Presse der Weimarer Republik war vielfältig. Es gab Unterhaltungsblätter, Modejournale, „Kampfblätter“ politischer Parteien, seriöse Tageszeitungen, konfessionell gebundene Publikationen sowie spezielle Periodika für Kinder, Frauen, Autofahrer oder Literaturinteressierte. Ermöglicht wurde diese Vielfalt durch die in der Weimarer Verfassung festgeschriebene Meinungsfreiheit und durch die Abschaffung der Pressezensur. Dennoch waren vor allem in den krisengeschüttelten frühen und in den letzten Jahren der Republik Zeitungsverbote und Prozesse gegen Journalist*innen, Redakteure und Verleger keine Seltenheit. Sie waren legitimiert durch die Notverordnungen des Reichspräsidenten, durch das Republikschutzgesetz oder das Strafgesetzbuch. Die politischen Kämpfe der Weimarer Republik waren in der Presse nicht nur präsent, sie wurden durch sie ausgetragen und angeheizt. Harte Polemiken und scharfe Angriffe auf den politischen Gegner waren keine Seltenheit. Die Demokratie- und Republikfeindlichkeit vieler Presseorgane vergifteten das politische Klima und gelten heute als eine der Ursachen für den Aufstieg der Nationalsozialisten.

02
Die Zerstörung der freien Presse durch die Nationalsozialisten

Zeitungsleser*innen informierten sich im Juli 1934 über den Gesundheitszustand des Reichspräsidenten Paul von Hindenburg.

Die Parteipresse der NSDAP machte Anfang 1933 lediglich 2,5% der deutschen Zeitungsauflagen aus. Aber sofort nach der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 griffen die Nationalsozialisten die vielfältige Presselandschaft der Republik an. Ihrer massiven Hetzkampagne gegen publizistische Gegner und gegen die angebliche „Judenpresse“ der Weimarer Republik folgten nun Taten: Zeitungen wurden verboten, Journalist*innen und Verleger verfolgt, verhaftet oder ins Exil gezwungen, Verlage in Besitz genommen und die weiter bestehenden Zeitungen auf einen nationalsozialistischen Kurs eingeschworen. Das Ziel der Nationalsozialisten war die umfassende Kontrolle und Beherrschung der Medien und damit der öffentlichen Meinung. Sie waren erfolgreich: Am Ende des Zweiten Weltkriegs verfügte der NSDAP-eigene Pressetrust rund um den Franz-Eher-Verlag über einen Marktanteil von über 80%.

03
Presselenkung: Institutionen, Maßnahmen und Personen

Joseph Goebbels, Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda, traf im Oktober 1933 Vertreter der ausländischen Presse.

Die Zeitungen des „Dritten Reichs“ sollten die Bevölkerung nach Vorstellungen der Nationalsozialisten lediglich über die Politik der Regierung instruieren. Ein öffentlicher Diskurs, ein Wettstreit der Meinungen, geschweige denn Kritik waren nicht vorgesehen. Eine hohe Priorität hatte daher die umfassende Lenkung der nach den ersten Verboten verbliebenen Presseerzeugnisse. Mehrere miteinander in Konkurrenz stehende Personen und Institutionen gaben eine zunehmend unübersichtlich werdende Anzahl von Anweisungen und Richtlinien heraus, um die alltägliche Berichterstattung der Zeitungen zu lenken und zu kontrollieren. Als Resultat dieses Kontrollregimes beklagten sogar führende Nationalsozialisten eine zunehmende Eintönigkeit der Presse. Auch die Auflagen vieler Zeitungen sanken. Nach Kriegsbeginn stieg das Interesse der Bevölkerung an Nachrichten zwar wieder, gleichzeitig mussten Zeitungen mit immer weniger Personal und mit kontingentierten Papierzuteilungen auskommen. Als zusätzlicher Akteur kam nun die Wehrmacht mit eigenen Propagandainteressen hinzu.

04
Zeitungen im Nationalsozialismus

An einem Zeitungsstand auf dem Postplatz in Dresden wurden 1935 diverse deutsche Tagenszeitungen angeboten.

Während der Herrschaft der Nationalsozialisten verödete die deutsche Presselandschaft: Alle linken Blätter wurden verboten, die liberale Presse zum Zwangsverkauf und zur Anpassung gezwungen. Die übrigen Blätter durften nur schreiben, was die nationalsozialistische Vorzensur freigegeben hatte. Viele Zeitungen verschwanden, weil sie enttäuschte Leser*innen verloren. Profiteur der Verkäufe, Verbote und der schwindenden Konkurrenz war die NSDAP-eigene Franz-Eher-Verlagsgruppe. Die Presse war während der Herrschaft der Nationalsozialisten „gleichgeschaltet“, aufgekauft, zensiert oder überzeugtes Propagandaorgan der Herrschenden. Die sogenannte nationalsozialistische „Kampfpresse“, die während der Weimarer Zeit vor allem ein Mittel zum innerparteilichen Informationsaustausch, zur Verbreitung der nationalsozialistischen Propaganda und zur Schulung der Mitglieder gewesen war, wurde nun „Staatspresse“. Daneben gab es zwar weiterhin illustrierte Magazine, seriös aufgemachte Tageszeitungen und Provinzblätter für lokale Nachrichten. Aber überall waren dieselben Informationen und Meinungen abgedruckt. Nur in Ausnahmefällen gelang es den wenigen Journalist*innen, die kritische Distanz zur Regierung hielten, „zwischen den Zeilen“ unerwünschte Nachrichten zu übermitteln.

05
Schriftleiter im Nationalsozialismus

Schriftleiter und Hauptschriftleiter 1940 in einer Redaktionssitzung des Hamburger Tageblatts

Die Interessenvertretung der Journalisten, der „Reichsverband der Deutschen Presse“, ordnete sich 1933 unmittelbar den nationalsozialistischen Machthabern unter. Wenige Monate später erließen die Nationalsozialisten ihr „Schriftleitergesetz“. Journalisten hießen nun „Schriftleiter“, Chefredakteure „Hauptschriftleiter“. Für die Ausbildung der neuen, dem nationalsozialistischen Staat zuarbeitenden Schriftleiter wurde 1934 die Reichspresseschule geschaffen. Gesinnungstests, Mitgliedschaften in NS-Organisationen und Zeugnisse über politische Zuverlässigkeit waren entscheidende Kriterien für die Auswahl „geeigneter“ Schriftleiter. Nach dem Zweiten Weltkrieg rechtfertigten sich viele Journalist*innen damit, dass sie ihre Ablehnung der Nazipropaganda subtil, quasi „zwischen den Zeilen“, zum Ausdruck gebracht hätten. So wurden beispielsweise staatlich verlangte Formulierungen in Anführungszeichen gesetzt oder eine allzu martialische Wortwahl vermieden. Im Alltag jedoch waren diese feinen Unterschiede kaum wahrnehmbar. Die Widerstandskämpferin Ruth Andreas-Friedrich hielt Ende September 1938 über ihre alltägliche Zeitungslektüre in ihrem Tagebuch fest: „Ich kann mir nicht helfen. Ich lese nichts zwischen den Zeilen.“

06
Exilpresse

07
Presse in der Nachkriegszeit

Bei Ende der Kampfhandlungen verboten die alliierten Siegermächte sämtliche deutsche Zeitungen, die ohnehin in den letzten Kriegsmonaten nur noch unregelmäßig und mit wenigen Seiten erschienen waren. Ziele der alliierten Pressepolitik waren die vollständige Zerschlagung des nationalsozialistischen Propagandaapparats, ein Neuanfang des deutschen Pressewesens und eine Umerziehung der Bevölkerung. In den ersten Monaten nach Kriegsende versorgten von den jeweiligen alliierten Militärbehörden herausgegebene sogenannte Heeresgruppenzeitungen die Menschen mit den wichtigsten Informationen. Nach und nach genehmigten die Besatzungsmächte sogenannte Lizenzzeitungen, die unter ihrer Kontrolle und Zensur von unbelasteten deutschen Verlegern herausgegeben wurden. Die Alliierten installierten neue Presseagenturen, der NSDAP-eigene Presstrust rund um den Franz-Eher-Verlag wurde zerschlagen und Nazigegner*innen und Remigrant*innen kamen in Schlüsselpositionen der neuen Zeitungsredaktionen.

In der neu gegründeten Bundesrepublik endete 1949 die Lizenzpflicht im Zeitungsgewerbe. Verleger, die vor 1945 Zeitungen herausgegeben hatten, durften nun wieder verlegerisch aktiv werden. Auch viele Journalist*innen, die keine hohen Ränge in der NSDAP oder SS bekleidet hatten, konnten nach einem Entnazifizierungsverfahren wieder in ihrem Beruf arbeiten. In der DDR unterlag die Presse weiterhin einer Lizenzpflicht und einer politischen Kontrolle. Es dominierten die Presseorgane der SED, der Blockparteien und der Massenorganisationen.

Ein Zeitungsstand im Berlin der Nachkriegszeit

Die nebenstehende Abbildung zeigt einen Zeitungskiosk in Berlin, der Zeitungen aus den verschiedenen Sektoren verkaufte: Der Tagesspiegel erhielt seine Lizenz im September 1945 von der amerikanischen Verwaltung, Der Kurier war ein von der französischen Besatzungsmacht lizenziertes Abendblatt und die Tägliche Rundschau wurde direkt von der sowjetischen Militäradministration herausgegeben. Die Wochenzeitung Sie trug den Untertitel für Frauenrecht und Menschenrecht und erschien mit einer amerikanischen Lizenz seit Dezember 1945 als erste Frauenzeitung der Nachkriegszeit. Neben Nachrichten waren veröffentlichte Anzeigen, Tauschangebote und Suchlisten für die Organisation des Alltags der Menschen von großer Bedeutung. Nach der Lektüre verwendete man das Zeitungspapier als Toilettenpapier, zum Zigarettendrehen oder als Verpackungsmaterial.

Ein Hitlerjunge verkaufte 1942 als "Kriegseinsatz" den Hamburger Anzeiger.