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Kult(ur)orte

Vergangenheit und Gegenwart der NS-Thingstätten

Eine virtuelle Ausstellung von

Prolog

Es gibt Orte, die sind sichtbar-unsichtbar. Zu diesen Orten gehören die von den Nationalsozialisten Mitte der 1930er Jahre erbauten und als ‚Thingstätten‘ bezeichneten Freilichtanlagen. Diese NS-Bauten, die architektonisch antiken Theatern gleichen, wurden zur Aufführung von chorischen Sprechspielen, sogenannten ‚Thingspielen‘, genutzt. Interessanterweise waren diese monumentalen Bauwerke bislang kaum Gegenstand erinnerungskultureller Debatten. Grund genug, die Stätten aus ihrem ‚Dornröschenschlaf‘ zu holen, sie einem größeren Kreis – zumindest digital – zugänglich zu machen und ihre Geschichte(n) zu erzählen.

Intro zur Ausstellung

In unserer Ausstellung erfahren Sie mehr über die historischen Hintergründe sowie den Umgang mit diesen eigenwilligen Theaterbauten nach dem Zweiten Weltkrieg. Hierfür wurden exemplarisch drei Anlagen ausgewählt: die Thingstätten in Bad Segeberg, Berlin und Heidelberg. Ihre ‚Biographien‘ seit 1945 sind mindestens genauso interessant wie ihre Anfänge in der NS-Zeit. Hören Sie und vor allem schauen Sie selbst!

01
Die Thingbewegung als kulturpolitisches Experiment: Kometenhafter Aufstieg und schnelles Verglühen

02
Vom Plan zur fertigen Thingstätte: Die architektonische Gestaltung der Thingstätten

Die Errichtung von Thingstätten: Wunsch und Wirklichkeit

Das NS-Regime plante die Errichtung von insgesamt 400 Thingstätten im gesamten Reichsgebiet. Dieses sehr engagierte Ziel hatte zur Folge, dass es zwar zu vielen Grundsteinlegungen kam, dass aber danach oftmals aufgrund finanzieller, organisatorischer und technischer Schwierigkeiten die Arbeiten wieder eingestellt werden mussten. Fertiggestellt wurde von den geplanten 400 Thingstätten daher nur ein Bruchteil, nämlich ca. 60 bis 70 Anlagen.

03
Zwischen Propaganda und Führerkult: Das Thingspiel im Nationalsozialismus

04
Vom Thingplatz zur Karl-May-Bühne: Die „Nordmark-Feierstätte“ in Bad Segeberg

Vielfältige Nachnutzung nach 1945

Schon kurz nach Kriegsende wurde die Feierstätte wieder als Veranstaltungsort genutzt: So fand im Juni 1945 eine britische Siegesfeier am Kalkberg statt und im Oktober desselben Jahres ein Boxwettkampf mit 9000 Besucher:innen. Dabei traten auch prominente Größen des Boxens in den Ring: Der ehemalige Box-Weltmeister Max Schmeling (1905–2005) fungierte als Schiedsrichter. In den 1950er Jahren folgten weitere Veranstaltungen in der nun als „Kalkbergstadion“ bekannten Feierstätte. So nutzten lokale und regionale Organisationen und Vereine die Freilichtbühne beispielsweise für Reitveranstaltungen, Feste, aber auch Gewerkschaftsversammlungen. Bis heute wird die Anlage für Konzerte genutzt. In den 1980ern kamen Weltstars wie Bob Dylan und David Bowie an den Kalkberg, während die ehemalige NS-Stätte heute vor allem als Bühne für Rock- und Popstars wie Peter Maffay oder für Schlagerkonzerte z. B. von Helene Fischer dient.

 

05
Der inoffizielle Höhepunkt der Thingbewegung: Die Dietrich-Eckart-Freilichtbühne in Berlin

Die Waldbühne Berlin gehört heute zu den bekanntesten Open Air Locations in Deutschland. Mit in Höchstzeiten 500.000 Besucher:innen jährlich bietet sie Platz für über 20.000 Personen. Von Udo Lindenberg über Sting bis Prince sind dort nationale und internationale Stars aufgetreten. Weniger bekannt ist jedoch ihre nationalsozialistische Vergangenheit: 1936 wurde sie als Dietrich-Eckart-Freilichtbühne eröffnet.

Von der NS-Freilichtbühne zur modernen Veranstaltungsarena

Die einstige Dietrich-Eckart-Freilichtbühne wurde nach dem Zweiten Weltkrieg in „Waldbühne Berlin“ umbenannt und wird seit den 1950er Jahren  für eine Reihe unterschiedlicher Festivals und Darbietungen genutzt.

06
Goebbels’ geheimer Liebling: Die Thingstätte auf dem Heiligenberg in Heidelberg

Massenspektakel in der modernen Ruine

Heute präsentiert sich die Heidelberger Thingstätte – umgeben von Wald – als moderne Ruine. Nach dem Zweiten Weltkrieg setzten recht schnell Debatten ein, ob und wie man sie nachnutzen könnte.

Epilog

Die nationalsozialistischen Thingstätten wurden in der geschichts- und kulturwissenschaftlichen Forschung bisher kaum beachtet; nur langsam beginnt sich diesbezüglich etwas zu ändern. Im Sommersemester 2024 haben sich 16 Heidelberger Studierende in einer Lehrveranstaltung diesen monumentalen Bauwerken gewidmet, eine digitale Ausstellung erarbeitet und im besten Sinne des Wortes Public History betrieben. Ein Semester lang haben sie Literatur gewälzt, kritisch diskutiert, Inhalte erarbeitet, Quellen recherchiert – vor allem in der DDB –, sich um Anfragen bezüglich der Bildrechte gekümmert und natürlich die Ausstellungseinheiten konzipiert, verfasst und umgesetzt. Für die Inhalte der Ausstellungseinheiten zeichnen in erster Linie die studentischen Gruppen verantwortlich. Als Seminarleiterinnen gebührt ihnen unser Dank – für das Interesse an dem Thema und das große Engagement.

Es gibt Orte, die sind sichtbar, aber doch unsichtbar. Zu diesen Orten gehören zweifellos die NS-Thingstätten. Viele Geschichten haben wir hier nachgezeichnet, manche nur angerissen und wieder andere sind immer noch zu erforschen und zu erzählen.

Literaturauswahl

  • Evelyn Annuß, Volksschule des Theaters. Nationalsozialistische Massenspiele (Paderborn 2019).
  • Katharina Bosse (Hrsg.), Thingstätten. Von der Bedeutung der Vergangenheit für die Gegenwart (Bielefeld 2020).
  • Lars-Arne Dannenberg, Thingplatz Kamenz. In: Konstantin Hermann (Hrsg.), Führerschule, Thingplatz, „Judenhaus“. Orte und Gebäude der nationalsozialistischen Diktatur in Sachsen (Dresden 2014) 111-115.
  • Annette Deeken, „May, Karl“. In: Neue Deutsche Biographie 16, 1990, 519-522.
  • Emanuel Gebauer, Fritz Schaller. Der Architekt und sein Beitrag zum Sakralbau im 20. Jahrhundert (Köln 2000).
  • Glen Gadberry, The Thingspiel and „Das Frankenberger Wurfelspiel“. In: The Drama Review 24/1, 1980, 103–114.
  • Meinhold Lurz, Die Heidelberger Thingstätte. Die Thingbewegung im Dritten Reich. Kunst als Mittel politischer Propaganda (Heidelberg 1975).
  • Petra M. Martin, Die Thingstätte auf dem Heiligenberg bei Heidelberg. In: Niedersächsisches Landesamt für Denkmalpflege (Hrsg.), Unter der GrasNarbe. Freiraumgestaltungen in Niedersachsen während der NS-Diktatur als denkmalpflegerisches Thema (Petersberg 2015) 195–208.
  • Wolfgang von Moers-Messmer, Der Heiligenberg bei Heidelberg. Seine Geschichte und Ruinen (Heidelberg 1987, 3. Aufl.).
  • Nora Probst: Objekte, die die Welt bedeuten. Carl Niessen und der Denkraum der Theaterwissenschaft (Köln 2022).
  • Karlfriedrich Ohr, Die Thingstätte auf dem Heiligenberg bei Heidelberg. In: Deutsche Kunst und Denkmalpflege 47/1, 1989, 74–52.
  • Dorothea Roos, Der Karlsruher Architekt Hermann Rainer Alker. Bauten und Projekte 1921 bis 1958 (Tübingen, Berlin 2011).
  • Nadine Rossol, Performing the Nation in Interwar Germany. Sport, Spectacle and Political Symbolism 1926–36 (Houndmills u.a. 2010).
  • Samuel Salzborn, Monumentaler Antisemitismus? Das Berliner Olympiagelände in der Diskussion (Baden-Baden 2024).
  • Stefanie Samida, Die nationalsozialistischen Thingstätten nach 1945: Zwischen Verfall, Aneignung und Umdeutung. In: Joachim Otto Habeck/Frank Schmitz (Hrsg.) Ruinen und vergessene Orte. Materialität im Verfall - Nachnutzungen – Umdeutungen (Bielefeld 2023) 213–226.
  • Stefanie Samida, Sichtbar-unsichtbare Orte: NS-Thingstätten abseits vom Erinnerungsdiskurs. In: Aus Politik und Zeitgeschichte 74/24, 2024, 18–24. Auch online unter: https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/ruinen-2024/549184/sichtbar-unsichtbare-orte/
  • Rainer Schmitz, Heimat. Volkstum. Architektur. Sondierungen zum volkstumorientierten Bauen der Heimatschutz-Bewegung im Kontext der Moderne und des Nationalsozialismus (Bielefeld 2022).
  • Manfred Seifert, Der Thingplatz in Passau. Architektur und Baugeschichte. In: Ostbaierische Grenzmarken 41,  1999, 153–179.
  • Manfred Seifer, Thingspiele. In: Historisches Lexikon Bayerns, publiziert am 18.12.2023, URL: <https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Thingspiele>.
  • Rainer Stommer, Die inszenierte Volksgemeinschaft. Die „Thing-Bewegung“ im Dritten Reich (Marburg 1985).
  • Peter Zastrow/Hans-WernerBaurycza, Eine Stadt spielt Indianer. Aus den Anfangsjahren der Karl-May-Festspiele in Bad Segeberg (Duderstadt 2011).
  • Peter Zastrow/Hans-WernerBaurycza, Vom Steinbruch zum Freilichttheater. Vor 75 Jahren wurde die Nordmark-Feierstätte eingeweiht (Duderstadt 2012).
Thingstätten-Info: https://thingstaetten.info/de/startseite/