Direkt zum Inhalt

Rühr mich nicht an!

Zur Kulturgeschichte des Social Distancing

Einleitung

Auch wenn im Sommer 2020 die Suchmaschinen kaum eine halbe Sekunde benötigen, um unter dem Stichwort Social Distancing weit über eine Milliarde Treffer auszuspucken, so ist das Phänomen der sozialen, besser: physischen Distanznahme keineswegs ein Thema des beginnenden 21. Jahrhunderts: Der Begriff Social Distancing ist neu, die Idee dahinter aber schlägt sich seit Jahrtausenden in gesellschaftlichen und kulturellen Praktiken nieder. Ihre Ziele sind dabei sehr unterschiedlich. Die Infektionskontrolle hat sich dabei im kulturellen Gedächtnis besonders stark eingeprägt, aber es geht bei der verordneten Distanz neben der Gesundheit vor allem um Machterhalt, manchmal auch um Mysterien.

Und immer schon war Social Distancing von Verschwörungsmythen begleitet, deren Salz immer der Verdacht von Machtmissbrauch ist. Aber es hat auch Potenzial, Neues zu schaffen: Einerseits entstehen neue Formate und Instrumente der Kommunikation, die überraschende Akzeptanz erleben; andererseits kann die Leere, die durch radikale soziale Abstinenz entsteht, Raum für ein neues Bewusstsein für ethische und moralische Prioritäten schaffen – auch jenseits der wohlfeil daherkommenden Weisheiten »Abstand ist der neue Anstand«. Oder – wie Schopenhauer schon wusste: Abstand ist »Höflichkeit und feine Sitte«.

»… better be smart« – Abstand auch für Hexen

Axel Scheffler (*1957), einer der erfolgreichsten Kinderbuchillustratoren und Kämpfer für Europa, lebt seit den 1980er Jahren in London. Seiner auf dem Besen reitenden Hexe hat er Mundschutz verordnet, Katze, Hund, Rabe und Frosch platziert er in je gemäßem Abstand voneinander. Im Kessel transportiert die Hexe – Toilettenpapier.

Schopenhauers Stachelschweine

Arthur Schopenhauer (1788–1860), Philosoph, Hochschullehrer und als Autor ein Meister der kleinen Form, brachte mit den frierenden Stachelschweinen, die Nähe suchen, aber Abstand halten, das Dilemma des sozialen Wesens Mensch schon vor rund 170 Jahren auf den Punkt. Sein philosophisches Fazit lautet:

»So treibt das Bedürfnis der Gesellschaft, aus der Leere und Monotonie des eigenen Innern entsprungen, die Menschen zueinander; aber ihre vielen widerwärtigen Eigenschaften und unerträglichen Fehler stoßen sie wieder voneinander ab. Die mittlere Entfernung, die sie endlich herausfinden, und bei welcher Beisammenseyn bestehen kann, ist die Höflichkeit und feine Sitte.«

Noli me tangere

Das Johannesevangelium (Joh. 20,17) berichtet, dass Maria Magdalena, eine Freundin von Jesus, nach dessen Tod dem gerade Auferstandenen in der Nähe des leeren Grabes begegnet. Als sie ihn vor Freude küssen und umarmen möchte, reagiert Jesus mit einem Abwehrgestus und dem sprichwörtlich gewordenen »Noli me tangere« – deutsch: rührʻ mich nicht an. Er begründet das Kontaktverbot mit seiner bevorstehenden Himmelfahrt. Wunder kann man nicht (an-)fassen.

Die Wissenschaft vom Abstandnehmen

Dem US-amerikanischen Kulturanthropologen Edward T. Hall (1914–2009) verdanken wir eine wissenschaftliche Definition von »sozialem Abstand«. Die von ihm entwickelte »Proxemik« definiert vier Distanzen in menschlichen Beziehungen: Intimdistanz – Persönliche Distanz – Soziale Distanz – Öffentliche Distanz. Wie groß die Abstände in den vier Distanzformen sind, ist ganz wesentlich kulturell geprägt.

Wann werden wir wieder zusammenkommen?

Mimosen und andere scheue Pflanzen

Die Botanik kennt gleich zwei Pflanzen, die sich mit dem lateinischen Namen »noli me tangere« (dt. rührʻ mich nicht an) schmücken dürfen. Zum einen das Große Springkraut, auch Altweiberzorn genannt: Das vorlinnéische noli me tangere wurde im Laufe der Zeit zum impatiens noli tangere verkürzt. Zum anderen die Schamhafte Sinnpflanze oder Mimosa pudica, deren englischer Name keine Zweifel lässt: Touch-me-not.

Reisen nur mit Abstand

Schluss

Wir nehmen Guido Renis Darstellungen einer fröhlich sich umarmenden und tanzenden Engelsschar als hoffnungsfrohes Bild für unsere baldige Zukunft mit.