Die kontaminierte Bibliothek
Mikroben in der Buchkultur
Über die Ausstellung
Diese Ausstellung ist ein Ergebnis des interdisziplinären Forschungsprojekts MIKROBIB. Das vom BMBF (Bundesministerium für Bildung und Forschung) zwischen 2018 und 2021 in der Förderrichtlinie „Sprache der Objekte“ geförderte Verbundprojekt wurde durchgeführt am Seminar für Philosophie der Technischen Universität Braunschweig, an der Universitätsbibliothek Leipzig sowie am Leibniz-Institut DSMZ – Deutsche Sammlung von Mikroorganismen und Zellkulturen GmbH in Braunschweig. Die drei Teile der Ausstellung folgen dem Vorgehen der Teilprojekte und analysieren die „Sprache der Mikroben“ in Sammlungen aus philosophischer, kulturwissenschaftlicher und mikrobiologischer Perspektive.
Reflexionsgegenstand und empirisches Untersuchungsobjekt der Ausstellung ist das alte Buch: Es wurden mikrobiologische Analysen von spätmittelalterlichen Sammelbänden im Bestand der Universitätsbibliothek Leipzig vorgenommen und mit buchbiographischen Untersuchungen kombiniert. Die Proben wurden an der DSMZ molekularbiologisch mit modernsten Hochdurchsatzsequenzierverfahren analysiert und damit Organismen identifiziert. Die DSMZ beherbergt fast 50.000 mikrobielle Isolate von über 15.000 Arten und ist damit eine der weltweit größten Mikrobensammlungen. Zwei Sammlungsformen – Bibliothek und Mikrobenbank – bedeuten zwei Perspektiven der Lesbarkeit der Welt, die miteinander wechselwirken.
Die Sprache der Mikroben
In Bibliotheken zersetzen Mikroben diejenigen Objekte, deren Erhalt sämtliche Mühe gilt. Mikroben sind hier Störenfriede der geordneten Kultur und können vor allem eines: Unruhe stiften. Sie sind Instanzen einer Verfallsgeschichte der Sammlung, in der Natur letztlich immer über Kultur obsiegt. Um die Lebensdauer der toten Objekte zu verlängern, rückt man den „buchfeindlichen Organismen“ mit Bioziden zu Leibe. Und auch außerhalb von Sammlungen sind Bakterien die Lebewesen mit dem schlechtesten Image, die nur noch von Viren übertroffen werden.
Aber ist die Mikrobe im Buch – entgegen der Idee von der zerstörerischen Kontamination – auch als Teil des Kulturgutes verstehbar? Inwieweit könnte die Mikrobe im alten Buch ein buchbiographisches Objekt mit Zeichencharakter sein? Hilft sie uns ähnlich einer Sonde, frühere Orte des Buches zu lokalisieren oder Hinweise auf Nutzer zu geben? Könnte die Mikrobe demnach zu einer vermittelnden Instanz der Entstehungsgeschichte des Buches oder gar der Bibliothek werden, so wie sie bereits Instanz der Entstehungsgeschichte der natürlichen Welt und ihrer biologischen Reiche ist? Mit welchen anderen Organismen hat die Mikrobe im Buch ‚zu kämpfen‘ oder zu kooperieren (z. B. Insekten und Pilzen), wie ist das Mikrobiom des Buches strukturiert?
01
Mikroben-Welten
Weltreisende – Bücher, Insekten, Mikroben
Heute denken wir Bibliotheken als feststehend: als Bestände, als Endstationen von Büchern, als Tempel systematisierten Weltwissens. Dabei sind Büchersammlungen die längste Zeit gewandert und mit ihnen das Wissen. Hinzu traten Reisebegleiter und Wegelagerer, die Kleinstlebewesen – griechisch wörtlich: Mikroben. Auch sie labten sich am Lesestoff. Weil mit der Faszination für das Lesen der Wunsch nach dem Besitz von Büchern einhergeht und nicht selten in Diebstahl mündet, werden Bücher immer wieder an ungewöhnlichen Orten in Sicherheit gebracht.
Strabons Geographie: Wer andern eine Grube gräbt…
Der Geschichtsschreiber und Geograph Strabo[n] (63 v. Chr. – 23 n. Chr.) liefert eine umfassende Beschreibung der antiken Welt. Er lobt Aristoteles als den ersten, „der darauf dachte, sich eine ordentliche Sammlung von Büchern anzulegen“. Nach dessen Tod ging sie durch verschiedenste Hände und Orte, über die Türkei bis nach Rom. Die Buchrollen überstanden unwirtliche Bedingungen „in einer unterirdischen Grube, wo sie mit Würmern und mit der Nässe lange zu streiten hatten“. Von einem späteren Aufkäufer und Besitzer der Bibliothek des Aristoteles heißt es, „dass er diese alten Handschriften neu abschreiben ließ, und die durch Motten und Nässe darinnen verursachte Lücken sich auszufüllen bemühete, da er aber nicht die zu diesem Geschäfte gehörige kritische Kenntnisse besaß, so bekamen wir durch seine Bemühungen eine durch tausend Fehler verunstaltete Ausgabe“.
Die Insektenkunde des Aristoteles: kosmisch statt eklig
Aristoteles war nicht nur Philosoph, sondern auch ein genauer Naturbeobachter, der sich für Materialien und ihre Zersetzer interessierte. Die in Buchrollen gefundenen Larven „ähneln den Maden in Gewändern“, schreibt er in seiner Naturgeschichte (Hist. an. V.32, 557b1–10). Wahrscheinlich meint er die Larven der Kleidermotte. Als das kleinste Lebewesen, die Mikrobe, erachtet er die Käsemilbe. Wohnen, Essen und Lesen bilden in Aristoteles‘ Biologie einen kosmischen Zusammenhang. Dass es kreucht und fleucht war normal. Es gibt noch kein Freund-Feind-Denken, man lebt miteinander und ekelt sich nicht vor Mikroben. „Kosmisch“ meint damals auch: „schön“; daher stammt das Wort Kosmetik.
Kosmopoliten oder Kriminelle?
Die Enzyklopädie Brehms Tierleben macht den Bücherfreund Mensch und den Bücherfeind Speckkäfer gleichermaßen zum Kosmopoliten: „Weil die Nahrung der Käfer, mehr noch ihrer Larven (denn sie selbst sind genügsamer) in den vorzugsweise trockenen Teilen tierischer Stoffe aller Art besteht, finden sie sich auch überall, draußen im Freien, in unseren Behausungen, auf den Schiffen, in Fellen, Naturaliensammlungen etc., reisen um die Welt und werden teilweise Weltbürger im vollsten Sinne des Wortes.“ (Bd. 9, S. 74)
Allerdings gehört der Speckkäfer auch zu den Aasinsekten, d. h. zu den Bürgern der Schattenwelt, die an einem aufgeknüpften Maulwurf lehrbuchartig dargestellt werden. In Leichen lässt sich über die Anzahl und Formen von Insekten lesen wie in einem Buch. Auch das Buch selbst ist ein potenzieller Leichnam, an dem der Zahn der Zeit nagt.
Vom Kosmos zum Mikrokosmos
Eine physische Weltanschauung – nichts weniger sollte Alexander von Humboldts monumentale Enzyklopädie Kosmos (1845ff.) leisten. Die Erkenntnis eines Naturganzen wurde gewonnen nicht nur durch Sammeln, Vermessen, Kartographieren und Bezeichnen, sondern auch durch Rückgriff auf die Geschichte „des Gedankens von der Einheit in den Erscheinungen und von dem Zusammenwirken der Kräfte im Weltall“ (Bd. II, S. 138). Frühe Enzyklopädisten wie Aristoteles, Strabon und Albertus Magnus bilden ihm die Grundlage für die Idee einer All-Einheit, die die tradierte Idee vom Buch der Natur aufbricht. Der Philosoph Hans Blumenberg zitiert einen Brief Humboldts, nach dem dieser seine Enzyklopädie „anfangs das Buch von der Natur nennen“ wollte, „wie man dergleichen im Mittelalter von Albertus Magnus hat. Das ist aber alles unbestimmt. Jetzt ist mein Titel: ‚Kosmos‘“ (Die Lesbarkeit der Welt, Frankfurt am Main 1986, S. 238).
Die Welt-Kugelalge Volvox globator
Am 24. Juli 1838 schreibt Alexander von Humboldt dem Botaniker Christian Gottfried Ehrenberg: „Die Entdekkung der Aufbewahrung der Infusorien wird von grossen Folgen sein. Was wäre Botanik wenn man alles nur an frischen Pflanzen sehen könne.“ (http://telota.bbaw.de/AvHBriefedition/#/101, Zugriff: 11.01.2021)
Soeben ist Ehrenbergs Hauptwerk Die Infusionsthierchen als vollkommene Organismen: Ein Blick in das tiefere organische Leben der Natur (1838) erschienen. „Infusorien“ war damals ein Sammelbegriff für Kleinstlebewesen wie Bakterien, Mikroalgen und Zooplankton. Man versammelte sie durch eine Aufgussmethode, um sie unter dem Mikroskop zu betrachten, so auch die Kugelalge Volvox globator aus Ehrenbergs Bildatlas. Dem Kosmos wurde ein Mikrokosmos an die Seite gestellt, der an Vielfalt nichts zu wünschen übrigließ.
Humboldt beglückwünscht seinen Reisegefährten, diese „unabhängige Region“ der natürlichen Welt entdeckt zu haben. Wie auch beim Kosmos gilt es, jene Unterwelt nun in ihrer Breite und Tiefe zu erforschen. Bald wird sie als eine Welt der Vorläufer von Pflanze und Tier („Protisten“) verstanden und ein eigenes Reich abgeteilt: die Bacteria.
Mikroben sammeln: Zombies unter Glas
Mit der mikrobiellen Vielfalt kommt die Frage nach neuen Formen des Sammelns auf. Humboldt verweist auf Herbarien mit getrockneten Pflanzen, Bücher der Natur, die oft in Bibliotheken gesammelt wurden. Wie aber soll man nun Bakterien und Algen aufbewahren? Kann man sie überhaupt tot erhalten oder müssen sie lebend gesammelt werden? Weder Bibliothek noch Botanischer Garten sind hierzu geeignete Formen des Wissensspeichers. Ehrenberg kannte nur das Verfahren der Totsammlung in Form von Mikropräparaten, das er selbst mit entwickelte. Experimentieren konnte man mit diesen auf Objektträger gebannten Exemplaren allerdings nicht mehr.
Kartoffelkulturen
Ende des 19. Jahrhunderts entsteht in Prag an der Deutschen Universität die erste Mikrobensammlung mit Lebendkulturen. Das Speichermedium des Wissens ist nicht mehr Pergament oder Papier, sondern Glas. In Ampullen werden auch in heutigen Mikrobenbanken Bakterien gelagert, allerdings in gefriergetrockneter Form als Granulat. Es handelt sich um Untote im Zustand des latenten Lebens, die wieder zum richtigen Leben erweckt werden können. Bevor es diese Möglichkeit gab, hat man Mikrobenstämme auf halbierten Kartoffeln oder Rübenscheiben lebend kultiviert („Kartoffelkulturen“), was schnell zu Kontaminationen führte.
Die „sibirische Pest“
Ehrenberg und der Mineraloge Gustav Rose sind mit Humboldt auf seiner großen Reise zur Erforschung der östlichen Hemisphäre, die sie in die Weiten Russlands führen wird, als plötzlich … die „sibirische Pest“ ihren Weg kreuzt. Angekommen im westsibirischen Kainsk, notiert Ehrenberg am 29. Juli 1829 in sein Reisetagebuch: „Üble Nachricht von Pestfällen […]. Man hält von Seiten der Stadt-Autorität nicht für nöthig, die Reise abzuändern, aber Vorsicht anzuwenden.“
Die drei Wissenschaftler unterziehen sich einer mobilen Quarantäne und verlassen ihre Kutsche so gut wie nicht. Sie meiden Kontakte und Trinkwasser unbekannter Quelle. Anfang August 1829 haben sie das Seuchengebiet unbeschadet hinter sich gelassen. Worum es sich bei der „sibirischen Pest“ genau handelte, wissen sie nicht. Es war Milzbrand (Anthrax), der lange als durch Fliegen übertragene Viehseuche galt.
Der experimentelle Nachweis des Milzbrands: Robert Koch
Erst 1876 erbringt der junge Kreisarzt Robert Koch (1843–1910) den vollständigen experimentellen Nachweis zur Ursache des Milzbrands und zum Lebenszyklus seines Erregers (Bacillus anthracis), inklusive der Sporenbildung. Der Bazillus benötigt sauerstoffhaltiges Blut, in Leichen überlebt er nur kurz, weshalb er von Pathologen meist nicht gefunden wurde. Koch experimentiert mit frischem Rinderblut und zeigt, dass das stäbchenförmige Bakterium lange Ketten bildet. Die überdauernden Sporen erscheinen im Mikroskop als glänzende Punkte.
Die Lesbarkeit der Welt
Kann man nur in Büchern lesen? Müssen es überhaupt Schriftdokumente sein? Offenbar nein, wenn wir jenseits von Alphabetschriften denken und die Lesbarkeit allgemeiner an die Darstellbarkeit von Zeichen koppeln. In den Hieroglyphen und ihrer Ritzschrift ist sie eindrucksvoll überliefert. Abgebildet sind natürliche Gegenstände, geritzt in ein Schriftmedium wie Stein oder Knochen. Aus dem Bild ergibt sich nicht schon die Bedeutung des Zeichens, denn oftmals steht das Bild für einen ausgesprochenen Laut oder eine Silbe. Die Beziehung zwischen Bild, Schrift und Zeichen ist kompliziert und bietet viele Möglichkeiten des Lesens. Einfacher gefragt: Wenn man in Wolken lesen kann, wieso nicht auch in Mikroben?
Grenzen dicht! Bücherfeinde/-freunde
Zum Ende des 19. Jahrhunderts ist die globale Welt weitgehend vermessen und in Besitzstände aufgeteilt, nun werden die kulturell-ideologischen Grenzen ausgelotet, auch die der Sprache. Die Frage nach dem Wie des Miteinanderlebens wird virulent. Angst vor Degeneration greift um sich; Hygiene ist eine aufstrebende Wissenschaft. Das Buch als Massenprodukt hatte neue Krankheiten wie die Lesesucht und Tierarten wie die Leseratte mit ihrem Faible für Schundliteratur hervorgebracht. Die Gebildeten wollen sich abgrenzen. Wer also ist Feind, wer Freund der Bücher?
Der Bücherskorpion schert sich um nichts
Im Vergleich zum darwinistischen Kampf ums Dasein im begrenzten Lebensraum stand den Tieren der Antike die Welt offen, so auch die des Buches. Ein Tier wohnte nicht nur dort, sondern hatte laut Aristoteles (Hist. an. IV.7, 532a 14-18) im Buch seinen Entstehungsort: der merkwürdige Bücherskorpion (Chelifer cancroides). Das kleine Tier wurde dann Skorpionspinne genannt und fand in entomologische Werke Eingang, so in das handkolorierte Buch von Jacob Christian Schaeffer (1766). Das heute als Pseudoskorpion geltende Tier passte wegen seiner ungewöhnlichen Morphologie nicht recht in die biologische Systematik, wie schon Aristoteles feststellte.
02
BUCHBIOGRAPHISCHE SPURENSUCHE
Beredtes Schreibmaterial
Bis weit ins 13. Jahrhundert war Pergament der einzige Beschreibstoff für Bücher im Abendland. Aus Tierhaut hergestellt, weist es je nach Tierart, Verarbeitungsweise und Güte unterschiedliche Beschaffenheit auf. Ab dem 12./ 13. Jahrhundert gelangte das aus Pflanzenfasern gefertigte Papier aus den arabischen Kulturräumen Südeuropas in den christlichen Herrschaftsbereich, wo das Produktionsverfahren so verbessert wurde, dass das Material z. B. weniger anfällig für Insektenbefall war. Neu war auch die Verwendung von Wasserzeichen als Fabrik- und Qualitätsmarken, die heute Rückschlüsse auf Entstehungszeit und -gebiet von Handschriften erlauben. Tinten und Farben können weitere Hinweise auf die Produktionsumstände eines Buches geben.
Pergament ist von Natur aus verschieden
Pergament gab es im europäischen Mittelalter (6. – 15. Jahrhundert) in verschiedener Qualität, vom perfekt hellen und gleichmäßigen Beschreibstoff bis zu groben Blättern mit Fehlstellen, Rissen und Löchern. Wenn Pergamentblätter von nur minderer Qualität verwendet wurden, ist dies ein deutliches Zeichen dafür, dass eine Handschrift als Gebrauchsbuch keine hochwertige Ausstattung erforderte. Recht derbe Stücke vom Rand der Tierhaut und mit produktionsbedingten Rissen wurden in einem Kloster des 11. Jahrhunderts auch für diesen lateinischen Psalmenkommentar verwendet. Mitten auf einer Seite findet sich ein besonders großes Loch, um das aber nicht wie sonst häufig herumgeschrieben wurde: Vor der der Beschriftung wurde es mit einem anderen Pergamentstückchen „gestopft“.
Tierhäute erzählen von ihrer Herkunft
Wie stark die Beschaffenheit von Pergament variieren konnte, wird an diesem Band deutlich. Ein Besitzer hat fünf verschiedene Handschriftenteile wohl aus Südfrankreich, Nordfrankreich und Westdeutschland zusammenbinden lassen und somit Pergament aus unterschiedlichen Regionen vereint. Im Vergleich werden die Unterschiede in Farbigkeit und Machart des Pergaments sichtbar. Dunkles Pergament, auf dem die Poren der Tierhaut deutlich sichtbar geblieben sind, stammt aus Italien oder Südfrankreich. Fast weißes und sehr feines Pergament spricht für Nordfrankreich. Gleichmäßig helles, wenn auch weniger exquisites Pergament war überwiegend in Deutschland und anderen nordalpinen Regionen in Gebrauch. Gerade bei Bänden aus dem Universitätsbereich ist ein solches Nebeneinander von Pergamentschriften aus verschiedenen Ländern aufgrund der hohen Mobilität der Studenten und Lehrer häufig.
Arabisches Papier – lateinische Texte – französische Insekten
Der Buchblock dieser Handschrift ist von langen und weitverzweigten Fraßgängen des Hausbocks (Hylotrupes bajulus) durchsetzt, ein Zeichen dafür, dass hier Papier aus arabischer Produktion verwendet wurde. Es war aufgrund seiner anderen Zusammensetzung für Insektenschäden anfälliger als Papier aus dem lateinischen Europa. Die lateinischen Texte mit gelehrten Abhandlungen zur Medizin aus dem frühen 14. Jahrhundert, die der Band enthält, verweisen auf die Universität von Montpellier in Südfrankreich. Zu diesem Entstehungsort würde die Nähe zu Spanien passen, damals teilweise arabisches Herrschaftsgebiet, wo entsprechend arabisches Papier produziert und gehandelt wurde.
Die Farben Südfrankreichs
Farben, die für den Buchschmuck in Handschriften verwendet wurden, weisen je nach Herstellungsverfahren und regionalen Moden charakteristische Ausprägungen auf. Ein besonders auffälliges Beispiel ist die spezifische Farbigkeit von Fleuronné-Initialen in Südfrankreich. Fleuronné ist eine im Spätmittelalter verbreitete Form der Verzierung von Initial-Buchstaben, bei der um den Buchstaben herum filigrane Kreis- und Liniendekore gelegt werden. Die klassischen Farben sind dabei Rot und als Kontrastfarbe Blau. Bei Handschriften, die in Südfrankreich hergestellt wurden, spielen die bläulichen Dekoranteile aber sehr häufig ins Violette, wie in dieser Sammlung medizinischer Texte aus dem früheren 14. Jahrhundert. Die Entstehung im südfranzösischen Raum bestätigen die anderen, mit szenischen Darstellungen versehenen Initialen des Bandes aufgrund der verwendeten Farbpalette und der typischen Rankenformen mit den spitzzackigen Dornblattranken.
Bindungen
Erst durch die Bindung entsteht ein Buchkörper (Codex). Die Art der Ausführung verrät viel über die Zweckbestimmung: von der billigen Kladde für Studienzwecke bis zum repräsentativen Holzdeckeleinband mit Stempelverzierungen und Schmuckbeschlägen. Der Buchbinder arbeitet mit verschiedenen Materialien: Holz, Leder, Hanf, Metall, Pergament, Papier, Leim, recycelten Handschriftenresten. Sie liefern wertvolle Hinweise für die Biographie einzelner Bände. Einbandstempel sind Erkennungszeichen der jeweiligen Werkstätten, für die Bindung verwendete Fragmente beleuchten den Entstehungskontext. Oft sind zwischen zwei Einbanddeckeln Manuskripte mit je eigener Geschichte zusammengefasst. Um- und Neubindungen markieren den Weg vieler Schriften.
Eine Handschriftensammlung zwischen zwei Buchdeckeln
Dieser Sammelband stellt die Forschung vor einige Fragen. Er vereint mehrere verschiedene Teilhandschriften liturgischen, liturgiebezogenen und ordenshistorischen Inhalts, deren Entstehungszeiten vom ausgehenden 15. bis in die 1. Hälfte des 16. Jahrhunderts reichen und die wohl im 2. Viertel des 16. Jahrhunderts zusammengebunden wurden. Die Faszikel unterscheiden sich jedoch so stark in ihrem Format, dass man sich fragen muss, warum die besitzende Institution – wahrscheinlich ein Dominikanerkonvent, wie sich aus den Heiligenfesten ergibt – diese Texte in einem Band vereint haben wollte. Auffällig ist auch, dass der Einband nicht den üblichen Größenverhältnissen entspricht, sondern größer ausfällt als der Buchblock. Zwischen zwei Buchdeckeln sind so kleine Bibliotheken mit ganz individuellem Profil zu entdecken.
Papier-Recycling im Spätmittelalter
Papier war teuer, man warf es nicht einfach weg: Nicht mehr benötigte Handschriften, Briefe oder Rechnungen konnten dem Buchbinder für Deckelbeklebungen oder zur Fertigung von Pappen dienen. Durch Verleimen mehrerer Papierblätter wurden sogenannte Klebepappen für die Einbanddeckel hergestellt, die wiederum als Teil eines neuen Buches ihren Weg zurück in die Bibliotheken fanden. Als Beklebung der Innendeckel (Spiegel) dieser Handschrift dienen Blätter aus einer Handschrift des frühen 15. Jahrhunderts. Wenn man die Spiegel vorsichtig anhebt, so tritt darunter weiteres handschriftliches Material zu Tage. Darunter sind Fragmente, die im Bereich der Einbandmakulatur häufig auftreten – nämlich die lateinische Standardgrammatik des Aelius Donatus. Dieses weit verbreitete Werk diente als Schultext für Anfänger, und die verwendeten Exemplare wurden entsprechend stark strapaziert, so dass davon oft alte, zerlesene Seiten als Makulatur zur Verfügung standen.
Bücher auf Reisen
Mittelalterliche Handschriften sind Objekte, die im Laufe ihres langen Lebens nicht selten Raum und Ort wechselten, durch Kauf, Tausch oder mit den Wanderungen ihrer Besitzer oft über große Entfernungen hinweg. Für größere Transaktionen wurden die Buchblöcke manchmal vom Einband getrennt und später wieder neu gebunden, oft dabei mit weiteren Stücken zu einer neuen Zusammenstellung vereinigt. Ursprüngliche provisorische Einbände als Reisekleid zeugen noch heute von Verbringung, Transportumständen und Aufenthaltsorten, bei denen das Material der Handschriften Wasser und Feuer, Wind und Wetter ausgesetzt sein konnte. Auf seiner Reise wird das Material des Buches zum Einfallstor für die Natur.
Don't judge a book by its cover
Extrem schmucklos und fragil erscheint der Pappeinband dieser Handschrift: Die Pergamentlagen hängen fast lose in der nur schwachen Bindung. Das Pergament ist zudem stark gewellt und zeugt von massiver Feuchtigkeitseinwirkung. Die Handschrift teilt das Schicksal zahlreicher Bände aus der Paderborner Domschule, deren Bibliothek im Dreißigjährigen Krieg (1618–1648) geplündert wurde. Die erbeuteten Codices wurden zu einem Großteil für den Antiquariatsmarkt zerschnitten und aufbereitet. Die Leipziger Ratsbibliothek erwarb Ende des 17. Jahrhunderts zahlreiche dieser äußerlich unscheinbaren Bände. Beim Anblick ihres lumpigen Reisekleides ahnt man nicht, dass es sich um eine wohl noch im 2. Viertel des 9. Jahrhunderts geschriebene Augustinus-Handschrift handelt, die zu den ältesten Stücken im Handschriftenbestand der Leipziger Stadtbibliothek gehört.
Am Ende beinahe verbrannt?
Der Weg dieser Handschrift beginnt in der Zeit um 1300 im Hochrheingebiet mit einer Abschrift des Willehalm von Wolfram von Eschenbach. Im 2. Viertel des 14. Jahrhunderts wurde ihm die zugehörige Vorgeschichte Ulrichs von dem Türlin vorgesetzt. Zu dieser Zeit war die Handschrift bereits weiter nach Osten in den Bodenseeraum gewandert. Dann verlieren sich die Spuren des Codex für gut 350 Jahre, bis er im frühen 18. Jahrhundert bei dem bibliophilen Frankfurter Patrizier und Ratsherr Zacharias Konrad von Uffenbach (1683–1734) wiederauftaucht. Von Uffenbachs Hand finden sich verschiedene Notizen auf den Blatträndern. 1731 gehört das Manuskript dann zu einer Gruppe von Handschriften, die der Leipziger Rat Uffenbach abkauft. In Leipzig erhält das Stück einen neuen Einband. Irgendwann aber im Lauf dieser Transaktionen muss der Band einen Brandschaden erlitten haben: Auf dem oberen Rand des Buchblocks klafft heute eine breite Kuhle mit brandverfärbten Rändern. Die verkohlten Teile wurden vom Leipziger Buchbinder sorgfältig ausgeschnitten, gleichzeitig sind Uffenbachs Notizen durch den Schaden in Mitleidenschaft gezogen.
Benutzer
Handschriften wurden im Laufe ihres Lebens nicht wie heute in einem gut klimatisierten Lesesaal gelesen. Mönche nahmen Literatur mit in ihre Zellen oder lasen ein angekettetes Buch in der kühlen Bibliothek am Pult. Ein Gelehrter trank beim Lesen in einer beheizten Stube möglicherweise ein Glas Wein. Ein Buch konnte im akademischen Unterricht gebraucht, als medizinische Anleitung in der Praxis benutzt oder in der Messe durch den Priester geküsst werden. Gebrauchs- und Lesegewohnheiten verändern das Buch als natürliches Habitat. Können uns Spuren im Buch davon Geschichten erzählen? Niemand kommt dem Buch so nahe wie der Mensch. Mit Ausnahme von Mikroben.
Das Buch als enger Begleiter
Die mehrfach überlieferte Sammlung deutschsprachiger Musterpredigten, die hier in einer Abschrift aus der 1. Hälfte des 14. Jahrhunderts vorliegt, heißt nach dieser Handschrift in der Forschung Leipziger Predigten. Der Band führt mit zahlreichen Nutzungsspuren unmittelbar in den alltäglichen Gebrauch: Das Pergament ist an vielen Stellen stark abgegriffen, weist Flecken auf und im Falzbereich haben sich Woll- und Strohreste angesammelt. Hatte sich ein Geistlicher vielleicht in seiner Zelle auf dem Strohsack in die Lektüre vertieft? Und zeugt ein großer gelblich-brauner Fleck aus Öl oder Fett davon, dass beim Lesen abends oder frühmorgens die Lampe umgestoßen wurde? Eine große Nähe zwischen Buch und Mensch ist überall zu spüren.
Einschreiben und Draufschreiben
Diese Handschrift mit zahlreichen Rechtstexten auf Deutsch und Latein besteht aus verschiedenen Einzelteilen und gehörte dem Leipziger Universitäts-Magister Johannes Weiße (gest. 1486). Weiße bewahrte seine Bücher liegend im Regal, wie damals üblich, und beschriftete sie auf dem Schnitt, um mit einem Blick die enthaltenen Titel sehen zu können – in dieser Fülle durchaus unüblich. Die erhaltenen Bände aus Weißes Besitz weisen intensive Benutzungsspuren auf. Dazu gehören Inhaltsverzeichnisse von seiner Hand und ein dichtes Netz von Einträgen in einer markanten schwarz-braunen Tinte und mit viel dunklem Rot.
03
Mikrobielles Leben im Buch
Die Vielfalt der Mikroorganismen
Im Lauf ihrer langen Evolution haben Bakterien eine enorme stoffwechselphysiologische und biochemische Diversität entwickelt, die wesentlich größer als die von Pflanzen und besonders Tieren ist. Bakterien können Plastik oder Lösungsmittelrückstände abbauen, giftige Schwermetallsalze auflösen, oder z.B. in giftigen Vulkangasen, auf Salzkristallen in Salzgewinnungsbecken, bei Temperaturen oberhalb von 100°C oder bis -18°C, bei pH-Werten von 0 (vergleichbar mit Batteriesäure) oder in 2000 m Tiefe in der Erdrinde leben.
Bereits die mikroskopische Untersuchung der Mikroorganismen enthüllt deren oft unerwartete morphologische Vielseitigkeit und eine in ihrer Fremdheit faszinierende Welt. Gleichzeitig ist zu erkennen, wie auch diese kleinsten Organismen an ihre jeweils spezifischen Lebensbedingungen angepasst sind.
Ein Vertreter des menschlichen Hautmikrobioms
Streptococcus ist eine Gattung kugelförmiger Bakterien, die in Paaren und Zellketten wachsen. Diese Gattung ist Teil des menschlichen Speichel-, Haut- und Darmmikrobioms und umfasst viele nichtpathogene (kommensale) Arten, von denen einige zur Herstellung fermentierter Milchprodukte verwendet werden. Daneben gibt es auch pathogene Vertreter, die Lungen-, Augen- und Hautinfektionen verursachen. Bei der Untersuchung des geschriebenen Kulturerbes können Streptococcus-Arten Hinweise auf die Interaktion eines Menschen mit einem Buch oder einem Manuskript geben: Sie können von den Händen der Benutzer oder durch Niesen auf die Buchseiten übertragen worden sein oder durch das Küssen heiliger Textpassagen durch den Priester während der Andacht.
Ein Teelöffel mikrobieller Diversität
Vor der Einführung genbasierter Identifizierungsansätze stand über 100 Jahre lang für die Erfassung von Mikroorganismen nur die ursprüngliche, im 19. Jahrhundert von Robert Koch etablierte Methode zur Isolierung und Charakterisierung von Reinkulturen zur Verfügung. Dazu müssen einzelne Bakterienzellen im Labor in Nährmedien von ihren Begleitorganismen getrennt und zum Wachstum gebracht werden. Auf diese Weise konnten bis heute etwa 17.000 unterschiedliche Bakterienarten beschrieben werden, was angesichts der bekannten Artenvielfalt von Tieren und Pflanzen erstaunlich gering erscheint. Als jedoch Gensequenzen in natürlichen Boden- oder Wasserproben direkt untersucht wurden, fanden Wissenschaftler eine gänzlich unerwartete Vielzahl unbekannter Sequenztypen. Beispielsweise können in einem Teelöffel Erde ca. 50.000 unterschiedliche Bakterienarten enthalten sein. Insgesamt wird basierend auf den kulturunabhängigen molekularen Daten nun die Gesamtzahl der auf der Erde vorkommenden Bakterienarten auf 1,7 Milliarden und die der Pilzarten auf 160 Millionen geschätzt.
Gibt es also auch Bakterien- und Pilzarten, die an den Lebensraum "Buch" angepasst sind? Welche Anpassungen und Bedeutung haben diese Mikroorganismen. Handelt es sich um Kontaminationen oder um etwas anderes?
Mikroorganismen und Bücher
Mikroorganismen in Büchern öffentlicher Bibliotheken wurden anfänglich (seit dem Jahr 1879 bis nach 1914, teilweise sogar bis 1940) als mögliche Ursache für die Übertragung gefährlicher Infektionskrankheiten und sogar für Krebserkrankungen betrachtet. In der Folge wurden Bücher durch giftige Dämpfe (Phenol, Formaldehyd) desinfiziert oder sogar verbrannt – obwohl wissenschaftliche Nachweise, dass Bücher Infektionsquellen sind, fehlten. Bekannt ist jedoch, dass Schimmelpilze als Krankheitserreger, als Quelle gesundheitsgefährdender Mycotoxine oder als Allergene wirken können und unter bestimmten Umständen auch in Bucharchiven auftreten. Bakterien und Pilze werden aktuell aber hauptsächlich als Zerstörer wahrgenommen, da sie das Papier und Pergament der Bücher ästhetisch durch Verfärbung oder strukturell durch Abbau der Buchseiten und von Bindemitteln der Farben verändern. Bisher wurden nur elf verschiedene Gattungen von Bakterien und etwas mehr als 40 Pilzarten auf Papier und Pergament nachgewiesen; es gibt geringe Kenntnisse zur gesamten mikrobiellen Vielfalt in Büchern. Da bestimmte Bakterien in Form von Dauerstadien Jahrtausende lebensfähig bleiben, könnten diese Bakterienarten in Büchern möglicherweise sogar genauere Hinweise auf Ereignisse in der Vergangenheit liefern.
Mikroorganismen in Büchern - ein Archiv im Archiv
Der Herstellungsprozess von Büchern und die Eigenschaften der verwendeten Materialien erzeugen einen mikrobiellen Lebensraum, der nur von den daran angepassten Arten besiedelt werden kann. So wurden bei der Herstellung mittelalterlicher Pergamente Tierhäute von Ziege, Schaf oder Kalb verschiedenen chemischen Behandlungen unterzogen. Ein Kalkbad diente dazu, Fleisch, Haare und Fett zu entfernen und die Haut in ein beschreibbares Material umzuwandeln. Auch verschiedene Konservierungs- und Bindemittel sowie schwermetallhaltige Tinten und Pigmente erzeugen eine ganz spezifische und durchaus extreme physikalisch-chemische Umgebung. Mikroorganismen in Büchern müssen entweder an diese Bedingungen so angepasst sein, dass sie dennoch zu wachsen vermögen, oder sie müssen Überdauerungsformen bilden können. Wie können diese Mikroorganismen als Informationsquellen in Büchern zugänglich gemacht werden? Können sie neben den physikalisch-chemischen Umweltbedingungen im Buch auch Aufschluss über die Aufbewahrungs- und Nutzungsgeschichte der Bücher liefern? Dazu wurden in einem interdisziplinären Ansatz spätmittelalterliche Handschriften in der Universitätsbibliothek Leipzig durch eine Kombination von mikrobiologischen, buchbiographischen und wissenschaftsphilosophischen Methoden analysiert.
Aus dem Gebrauch eines Arztes?
Die Handschrift Ms 1491 besteht aus fünf ursprünglich selbstständigen Teilen, die zwischen der Mitte des 14. Jahrhunderts und der 2. Hälfte des 15. Jahrhunderts entstanden sind und Texte astronomisch-astrologischen und medizinischen Inhalts enthalten. Auch hier begegnen deutliche Abweichungen im Format der einzelnen Handschriftenteile sowie eine starke Benutzung des Bandes. Bemerkenswert ist ein Doppelblatt aus frühem Papier (Bl. 142/143), das wahrscheinlich in der Mitte des 14. Jahrhunderts beschriftet wurde und u. a. ein Rezept gegen die "Fallsucht" (Epilepsie) enthält. Ausgehend von dem überlieferten Rezept, das in den praktischen Gebrauch durch einen Arzt führt, stellt sich die Frage, ob hier eventuell spezielle Arten von Mikroben zu finden sind.
Durchführung minimalinvasiver Beprobungen einer Handschrift
Um die geeigneten mikrobiologischen und molekularbiologischen Analysen durchführen zu können, wurde eine zerstörungsfreie und minimalinvasive Methode zur Probenentnahme entwickelt. Eine aseptische Probenentnahmemethode mit forensischen Tupfern wurde verwendet, um einerseits Textpassagen ohne Anzeichen von häufiger Berührung (Verschmierung) und andererseits Randbereiche der Pergamentseiten mit deutlichen Gebrauchsspuren zu besammeln. Die mit den Tupfern abgenommenen Mikroorganismen wurden direkt auf Petrischalen mit verschiedenen, Agar-verfestigten Kulturmedien überführt.
Mikrobielle Besiedler eines Buches
Mit den nicht-invasiven mikrobiologischen Methoden konnten von der Pergamenthandschrift Ms 12 zahlreiche Vertreter mehrerer Bakterienarten kultiviert werden. Darunter befinden sich auch einige zuvor unbekannte Arten. Vorherrschend wurden endosporenbildende Bakterien der Gattung Bacillus sowie verwandter Gattungen isoliert. Außerdem konnten Bakterien der Gattung Staphylococcus, die typisch für das Mikrobiom der menschlichen Haut sind, kultiviert werden. Es war zuvor bereits bekannt, dass Staphylococcus in Büchern vorkommt und auch eine der am weitesten verbreiteten Bakteriengattungen in mittelalterlichen Handschriften ist. Neu war, dass in den aktuellen Untersuchungen Staphylococcus an den häufig berührten Blatträndern, Bacillus und ähnliche Bakterien dagegen von dem Schriftteil im Zentrum isoliert wurden. Letztere sind Verwandte von Bakterienarten (Gattungen Bacillus, Virgibacillus, Oceanobacillus, Paenibacillus), wie sie bisher in Salzböden und -seen, fermentierten Lebensmitteln, Höhlen und Denkmälern nachgewiesen wurden. Dies deutet auf ähnliche Lebensbedingungen (hoher Salzgehalt, geringe Verfügbarkeit von Wasser) in Pergamenthandschriften und den anderen Lebensräumen dieser Arten hin. Pilze wurden mit den eingesetzten Methoden nicht nachgewiesen.
Die DSMZ - Ein Lebendarchiv der Mikroorganismen
Die biochemische, physiologische und ökologische Vielfalt des mikrobiellen Lebens auf der Erde erschließt sich erst durch den Vergleich von in Büchern gefundenen Arten mit dem bereits gut charakterisierten Arteninventar. Auch wenn im 19. Jahrhundert Bakterien zunächst als mikroskopische Dauerpräparate für spätere Vergleiche archiviert wurden, reichen morphologische Untersuchungen nicht aus, um Bakterien hinreichend genau voneinander unterscheiden zu können. Die relevanten Eigenschaften eines Mikroorganismus können nicht allein aus seinen Verbreitungsmustern und ebenfalls (noch) nicht aus seinen Gensequenzen abgeleitet werden. Vielmehr müssen die Stoffwechseleigenschaften oder die Funktionsweise bisher unbekannter Gene durch Tests an lebenden Zellen ermittelt werden. Also werden die charakterisierten mikrobiellen Laborkulturen (sogenannte Stämme), die jeweils nur erbgleiche Zellen enthalten, jederzeit in Form von physiologisch aktiven Kulturen für Nachfolgeuntersuchungen benötigt. Da die Chance, exakt dasselbe, erbgleiche Bakterium ein zweites Mal aus der Umwelt zu isolieren, sehr gering ist, müssen die einmal isolierten Bakterienkulturen auf Dauer in lebensfähigem Zustand möglichst zeitlich unbegrenzt konserviert werden. Mikroorganismen werden also in einem Lebendarchiv aufbewahrt.