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Partner für das Kulturerbe in Gadara/Umm Qays

40 Jahre Jordanisch-Deutsche Initiativen

Wie lässt sich kulturelles Erbe bewahren und zugleich lebendig halten? Die Ausstellung »Partner für das Kulturerbe im antiken Gadara, dem modernen Umm Qays« gibt Einblicke in das gemeinschaftliche Engagement für den Kulturerhalt an einer der bedeutensten Kulturerbestätten Jordaniens. 

Über die Ausstellung

Diese Ausstellung widmet sich dem Engagement des Deutschen Archäologischen Instituts (DAI) und seiner lokalen sowie internationalen Partnerinnen und Partnern für das materielle und immaterielle Kulturerbe der jüngeren Vergangenheit in Gadara/Umm Qays (Jordanien).

Im Zentrum steht das verlassene, obere Dorf Alhara Alfoqa auf dem Gelände der antiken Stadt Gadara. Dieser Ort ist für viele Menschen aus der Region bis heute von persönlicher Bedeutung, sei es, weil sie dort aufgewachsen sind oder ihre Familien von dort stammen. Neben dem Erhalt der Gebäude geht es vor allem um die Bewahrung bzw. Wiedergewinnung von handwerklichen Techniken und um das Wissen über das Leben in dörflichen Strukturen des späten 19. Jahrhunderts. Dieses Wissen ist vielerorts im Verschwinden begriffen. Die Ausstellung zeigt, wie dieses Wissen gemeinsam mit den Menschen vor Ort wieder aufgenommen, praktisch angewendet und weitergegeben wird.

Die Ausstellung wurde im Juni 2024 erstmals in Alhara Alfoqa als analoge Präsentation mit einem breit gefächerten Begleitprogramm gezeigt. Um die Inhalte dauerhaft zugänglich zu machen und eine größere Reichweite zu erzielen, sind sie nun auch in digitaler Form verfügbar. In drei Sprachen (Deutsch, Englisch/Arabisch) lädt die Ausstellung dazu ein, die Projekte, Orte und Menschen hinter den Initiativen kennenzulernen – unabhängig von Zeit und Ort.

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40 Jahre Kulturerbe-Initiativen

Gemeinsam für das Natur- und Kulturerbe der Region Gadara/Umm Qays

Das antike Gadara nahe dem heutigen Ort Umm Qays zählt zu den bedeutendsten Kulturerbestätten Jordaniens. Seit rund 40 Jahren erforscht das Deutsche Archäologische Institut (DAI) die antike Stadt und ihr Umland in Zusammenarbeit mit lokalen und internationalen Partnerinnen und Partnern durch archäologische Ausgrabungen und Surveys. Neben den antiken Gebäuden und Siedlungsspuren stehen dabei auch die jüngere Bau- und Siedlungsgeschichte im Fokus der Forschung. Mit dem inzwischen verlassenen »oberen Dorf« Alhara Alfoqa ist eine dörfliche Struktur des 19. Jahrhunderts überliefert, in der sich Spuren der damaligen Bau- und Lebensweise bis heute in seltener Klarheit nachvollziehen lassen.

Ergänzend zur wissenschaftlichen Forschung bietet das DAI seit 2012 Workshops zur Kulturvermittlung an und führt vor Ort ein Trainingsprogramm zum Erhalt historischer Bauten durch. Ziel ist es, gemeinsam das Bewusstsein für das Natur- und Kulturerbe der Region zu stärken sowie die für den Kulturerhalt erforderlichen Kenntnisse und praktischen Fertigkeiten zu vermitteln und zu fördern.

Diese Initiativen werden gemeinsam mit verschiedenen Organisationen umgesetzt, u.a.:

  • Department of Antiquities of Jordan (DoA)
  • Ministry of Tourism and Antiquities of Jordan (MoTA)
  • Royal Society for the Conservation of Nature (RSCN)
  • Initiativen sowie Vertreterinnen und Vertreter der lokalen Community
  • Deutsches Evangelisches Institut für Altertumswissenschaft des Heiligen Landes (DEI)

Alhara Alfoqa – das »obere« Dorf

Im späten 19. Jahrhundert führten Bodenreformen dazu, dass sich viele nomadisch lebende Familien dauerhaft niederließen. Um sich Landrechte für Weidewirtschaft und Viehzucht zu sichern, gaben sie ihre mobile Lebensweise auf und gründeten feste Siedlungen. In diesem Zusammenhang entstand das sog. »obere Dorf« von Umm Qays: Alhara Alfoqa. Es wurde auf dem Hügel oberhalb der sichtbaren Ruinen der antiken Stadt Gadara errichtet und nutzte damit einen Ort, der bereits seit der Antike besiedelt war. Über einen Zeitraum von rund hundert Jahren bot das Dorf bis zu 300 Familien eine Heimat.

Zahlreiche Alltagsgegenstände erinnern noch heute an das Leben in den ländlichen Dorfgemeinschaften des 19. und 20. Jahrhunderts.

Mitte der 1970er Jahre erklärte die Regierung das gesamte Siedlungs­gebiet der antiken Stadt Gadara zum Antikengelände und stellte es ­unter Schutz. Die Bewohnerinnen und Bewohner von Alhara Alfoqa ­mussten ihre Häuser bis Ende der 1980er Jahre verlassen und in den östlich ­gelege­­­nen Teil des Ortes umsiedeln. Heute sind die historischen ­Gebäude von Alhara Alfoqa selbst Teil des kulturellen Erbes von Gadara/Umm Qays und werden, wie die antike Stadt, wissenschaftlich erforscht, ­restauriert und für zukünftige Generationen bewahrt.

Luftbild von Südwesten mit Blick auf die dörfliche Siedlungsstruktur Alhara Alfoqa aus dem ausgehenden 19./ Anfang des 20. Jahrhunderts.

Gadara – die antike Stadt

Das antike Gadara entstand ab dem Ende des 3. Jh. v. Chr. und entwickelte sich schnell zu einem bedeutenden städtischen Zentrum. Im 7. und 8. Jh. n. Chr. wurden die Gebäude durch mehrere Erdbeben stark beschädigt. Einige Bereiche blieben ­jedoch noch bis in das 13. Jahrhundert bewohnt. 

Blick über die Terrasse eines byzantinischen Kirchenkomplexes auf den See Genezareth.

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus der Bauforschung, der Archäologie und anderen Fächern untersuchen die Ruinen der antiken Stadtanlage, um mehr über ihre Bauweise und Funktion sowie ihre Nutzungs- und Baugeschichte zu erfahren. Diese Forschung trägt dazu bei, die Entwicklung der Stadt und ihrer Bevölkerung im Laufe der Jahrhunderte zu verstehen.

Das Umland

Neben dem Siedlungsgebiet von Gadara und ­Alhara ­Alfoqa rückt auch die mehrere tausend Jahre weit zurückreichende Siedlungsgeschichte des Umlandes zunehmend in den Fokus der Forschung. 

Zahlreiche Unter­suchungen widmen sich ­den antiken Steinbrüchen, der Wasserversorgung und dem Leben in den Höhlen der Umgebung, die zum Teil noch heute genutzt werden. Die reiche Vielfalt der Funde vom Paläolithikum bis in die Neuzeit belegt die lange Besiedlung dieser Region.

Ausblick aus einer Höhle im Umland von Gadara/Umm Qays. Begehung im Rahmen eines archäologischen Surveys, den das DAI zwischen 2010–2019 durchgeführt hat.

Beispielhafte Fundstücke: Ein paläolithischer Faustkeil als frühes Zeugnis menschlicher Präsenz, ein Fragment einer römischen Amphora aus regionaler Produktion sowie eine glasierte Keramikscherbe aus mittelislamischer Zeit.

Vom Paläolithikum bis in die Neuzeit

Das Fundspektrum aus den Surveys im Umland weist neben ­Artefakten aus der Steinzeit (v.a. Mittelpaläolithikum) auch zahlreiche Fragmente von Keramik und Glas aus römischer und islamischer Zeit auf. Auch die antiken Steinbrüche, in denen die Steinblöcke für die Bauwerke der Stadt Gadara gewonnen wurden, sind heute noch im Umland zu finden. Gut zu erkennen sind meist die terassenförmigen Lagen der herausgebrochenen Steinquader.  

Antiker Steinbruch im Umland von Gadara/Umm Qays.

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Alhara Alfoqa/Umm Qays - Kulturerbe der Region

Eine Dorfstruktur aus dem 19. Jahrhundert

Das Dorf Alhara Alfoqa besteht aus ca. 50 Wohngebäuden, einer ­ehemaligen Schule und einer Moschee, die auf einer Fläche von ca. 10 ha ein verschlungenes Geflecht aus Räumen und Höfen bilden. Dazu gehört auch ein Wasser­versorgungssystem mit mehreren Zisternen, die zum Teil noch aus hellenistischer Zeit stammen. Alhara Alfoqa ist einer der wenigen Orte in Jordanien, in dem die dörfliche Struktur und die Architektur des 19. Jahrhunderts noch sehr gut nachvollziehbar sind. Die derzeitigen Bemühungen ­konzentrieren sich auf die Restaurierung der verbliebenen Häuser und die Bewahrung der vielfältigen Zeugnisse dieser Epoche. So wird gewährleistet, dass dieses wichtige lokale Kulturerbe auch künftigen Generationen zugänglich bleibt.

Lebendige Erinnerungen

Die ehemaligen Bewohnerinnen und Bewohner von Alhara Alfoqa erinnern sich noch sehr gut an »die alten Zeiten« im oberen Dorf. Die Geschichten und Erinnerungen an diese Zeit sind in vielen Familien bis heute sehr lebendig. Viele besitzen noch alte Gegenstände – etwa eine geflochtene Schale für ­frisches Brot oder Obst, eine alte Öllampe oder eine der Basalttrommel, die früher zum Walzen der Flachdächer vor den Winterregen eingesetzt wurden (und die ­heute noch z.B. zum Zerkleinern von getrocknetem Brot verwendet werden). Die Erinne­­­rungen an das Leben im oberen Dorf sind nicht nur wichtige Bestandteile der Familiengeschichte, sie sind auch wertvolle Zeugnisse für das Leben in jordanischen Dorfgemeinschaften im 19. und 20. Jahrhundert insgesamt.

Lageplan des Dorfes Alhara Alfoqa: Farbig unterlegt ist die neuzeitliche Siedlungsstruktur auf dem antiken Siedlungshügel. Mit einem Klick auf die blauen Markierungen kannst Du Orte und Erinnerungen der ehemaligen Bewohner entdecken.

Traditionelle Bauweise - lokale Baustoffe

Bei der Errichtung der Häuser ­wurden vor allem Baumaterialien aus der ­näheren Umgebung verwendet. Für die Mauern wurden Basalt- und Kalksteinblöcke genutzt, die zum Teil aus den Ruinen der antiken Stadt ­Gadara entnommen und als sog. »Spolien« wiederverwendet wurden. Die unterschiedlichen Steinarten wurden dabei auch für die Fassadengestaltung genutzt, beispielsweise durch farblich wechselnde Steinlagen aus hellem Kalkstein und dunklem Basalt.

Diese Fassade eines kleinen Gebäudes in Alhara Alfoqa – die Madafeh (Gastraum) des Bait Lafi Alrousan –  zeigt den typischen Einsatz der kontrastierenden Gesteinssorten in der Fassadengestaltung.

Erforschung der Bau- und Wohngeschichte des Dorfes

Seit 2007 wird die Wohnarchitektur von Alhara Alfoqa intensiv erforscht. Bis heute wurden rund 13 Hofanlagen (sog. ›Bait‹ oder ›Hosh‹) ­wissenschaftlich dokumentiert. Die wissenschaftliche Bearbeitung ist auch eine wichtige Grundlage für die Konservierungs- und Restaurierungsarbeiten des Deutschen Archäologischen Instituts (DAI) im Bait Husein Alrousan, einer der ältesten Hofanlagen im Zentrum des Dorfes.

Olga Zenker über Bauforschung und gelebtes Erbe

Die Architektin und Bauforscherin Olga Zenker beschreibt, wie aus der Arbeit im Werkhof ihr Dissertationsthema entstanden ist, das sie im Graduiertenkolleg »Identität und Erbe« an der Bauhaus-Universität Weimar bearbeitet hat. Ausgangspunkt war die Beobachtung, dass viel traditionelles Bauwissen verloren gegangen ist, während zugleich bei ehemaligen Bewohnerinnen und Bewohnern lebendige Erinnerungen an Nutzung und Bedeutung der Gebäude bestehen. Ihre Arbeit verbindet Bauforschung mit dem Wissen der lokalen Gemeinschaft. So entsteht ein vielschichtiges Bild, in dem sich bauliche Spuren, persönliche Erinnerungen und kulturelle Bedeutungen ergänzen. Besonders eindrücklich ist für sie die anhaltende Verbindung vieler Menschen zu dem heute verlassenen Dorf. Trotz jahrzehntelangen Leerstands wird es weiterhin aufgesucht und genutzt. Am Beispiel von Ahmeds ehemaligem Elternhaus zeigt sie zudem, welche Rolle das angrenzende Antikengelände im Alltag spielte. In diesem Nebeneinander von Verlassenheit und lebendiger Aneignung werden die vielschichtigen Bedeutungen des Ortes und die enge Verknüpfung von antikem Erbe und jüngerer Geschichte sichtbar.

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Werkhof Bait Husein Alrousan und weitere Projekte

Fachwissen und Erfahrungen austauschen

Im Mittelpunkt der deutsch-jordanischen Initiativen in Gadara stehen die enge Zusammenarbeit und der aktive Austausch mit lokalen Akteurinnen und Akteuren sowie internationalen Partnerinnen und Partnern. Dieser Ansatz geht weit über die akademische Forschung hinaus und umfasst neben Maßnahmen zum Erhalt des ­kulturellen Erbes auch die Förderung von Fachkompetenzen. Im Fokus stehen Wissens­generierung und Wissensvermittlung auf allen gesellschaftlichen Ebenen.

Gemeinsamer Arbeitseinsatz im Werkhof Bait Husein Alrousan. Wiederinbetriebnahme der Zisterne.

Wiederbelebung traditioneller Handwerkstechniken für den Kulturerhalt

Seit 2016 finden regelmäßig Schulungen zum Erhalt und zur Sicherung ­historischer Bauten und zur Vermittlung traditioneller ­Steinmetztechniken statt. Hier ­lernen, arbeiten und trainieren jordanische, syrische und ­deutsche Handwerkerinnen und Handwerker gemeinsam. Sie tauschen ihr Wissen aus und verfeinern unter Anleitung erfahrener Fachleute ihre praktischen Fähigkeiten. Rund 100 Trainees haben bisher an dem Trainingsprogramm teilgenommen, viele von ihnen mehrfach. Teilnehmerinnen und Teilnehmer der ersten Jahre sind inzwischen selbst zu Ausbildern geworden und tragen kontinuierlich zu den Instandhaltungsarbeiten in Alhara Alfoqa und Gadara bei. 

Blick von Nordwesten in die Hofanlage Bait Husein Alrousan. Das Bild zeigt den Zustand zu Beginn der Instandsetzungsmaßnahmen (2019).

Anfänglich fanden die Schulungen auf dem Antikengelände von Gadara statt. Ab 2019 wurde das Trainingsprogramm in die teilzerstörte ­Hofanlage Bait Husein ­Alrousan im historischen Kern von Alhara Alfoqa verlegt. Seit­dem wird diese Hofanlage in gemeinschaftlicher Arbeit denkmalgerecht restauriert und schrittweise in einen Werkhof umgewandelt. Dieser soll dauerhaft für Schulungen zur Bauwerkserhaltung und für praxisorientierte Workshops genutzt werden.

Ein Zentrum für Austausch und Kommunikation

Durch die Kombination von wissenschaftlicher Forschung und praktischer Erfahrung und mit Beteiligung der ortsansässigen Bevölkerung war es möglich, traditionelle aber schon fast in Vergessenheit geratene Bautechniken wiederzubeleben. Der Werkhof im Bait Husein Alrousan ist nun wieder zu einem Ort geworden, der zum Dialog einlädt und an dem diese Interaktion auch in Zukunft möglich ist. Ziel ist es, das wiederentdeckte Wissen zu bewahren und auszubauen, nicht nur, weil qualifizierte Handwerkerinnen und Handwerker für den Schutz und den Erhalt historischer Gebäude unverzichtbar sind, sondern auch, um sicherzustellen, dass die Fertigkeiten und das Fachwissen durch praktische Anwendung verfestigt werden.

Das in den Schulungen erworbene Wissen soll langfristig über die Region hinaus ausstrahlen, weitere Projekte inspirieren und zu einer höheren Wertschätzung traditioneller Bauweisen und Handwerkstechniken beitragen.

Ronny Brühl über das Training zur Bauwerkserhaltung 

Der Restaurator und Bautechniker Ronny Brühl beschreibt, wie sich aus der gemeinsamen Arbeit vor Ort ein Lernprozess entwickelt hat, der in das Trainingsprogramm »Bauwerkserhaltung« eingeflossen ist. Im Mittelpunkt stehen die Wertschätzung traditioneller Bauweisen und Handwerkstechniken, das Arbeiten mit vorhandenen Materialien sowie ein behutsames Ergänzen. Im Training lernen die Teilnehmenden, die im Steinmetzkurs angefertigten Werksteine aus Kalkstein und Basalt mit geeignetem Mörtel fachgerecht zu versetzen, mit Lehm zu arbeiten und die Qualitäten regionaler Baustoffe zu nutzen. Vieles entsteht im Ausprobieren, im Austausch und im Zusammenspiel unterschiedlicher Erfahrungen. Besonders prägend ist für Ronny Brühl die enge Zusammenarbeit mit den Menschen vor Ort. Daraus entstehen Vertrauen, gegenseitiges Lernen und langfristige Verbindungen, die weit über die Baustelle hinausreichen.

Wissenstransfer für die Öffentlichkeit

Zusätzlich zu den ­Steinmetzkursen wurden ab 2014 regelmäßig Ver­anstaltungen zur Kulturvermittlung durchgeführt, um das allgemeine ­Wissen über das regionale Kultur- und Natur­erbe bei Kindern, ihren Familien und orts­ansässigen Pädagoginnen und Pädagogen zu ­stärken.

Projekttleiterin Dr.-Ing. Claudia Bührig mit Teilnehmern und Teilnehmerinnen des Workshops zur Kultur-und Naturvermittlung für Kinder, 2017

Von 2016 bis 2018 fanden im Rahmen der »Train the Trainer«-Initiative sechs Workshops statt, in denen die Geschichte und Vorgeschichte der ­antiken Stadt Gadara und des Umlandes sowie das Leben im traditionellen Dorf Alhara ­Alfoqa thematisiert wurden. Jeweils gut 25 Teilnehmerinnen und Teilnehmer nahmen daran teil und haben sich auf die Arbeit mit Kindern spezialisiert. Höhepunkte der Initiative waren zwei Ausstellungen mit dreitägigem Begleitprogramm in den ­Jahren 2017 und 2018, bei denen auch die erfolgreiche ­Zusammenarbeit zwischen Bewohnerinnen und Bewohnern von Umm Qays, deutschen Wissen­schaftlerinnen und Wissenschaftlern sowie ortsansässigen ­Pädagoginnen und Pädagogen zur Geltung kam. Die Initiative ist ein gutes Beispiel für partizipative Zusammenarbeit im Bereich der kulturellen Bildung.

Archäologische Summer School

Kurse zur Materialkunde und Fundbearbeitung

Im Jahr 2023 wurde in Zusammenarbeit mit dem Archäologischen Museum eine Summer School veranstaltet, die Studierenden der ­Yarmouk-Universität neue ­Einblicke in archäologische Themen sowie praktische Kurse in der Fundbearbeitung und Materialkunde bot. 

Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Summer School 2023 beim Bestimmen und Katalogisieren von Keramikfragmenten

Hierbei entstanden ­Lernmaterialien in Englisch und Arabisch, u.a. Video-Tutorials zum archäologischen Zeichnen und Fotografieren von ­Keramik. Alle Lernmterialien sind frei verfügbar unter:
www.dainst.org/dai-standorte/orient-abteilung/aussenstelle-damaskus/outreach

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Traditionelles Bauen heute – die Rekonstruktion der Madafeh

Rekonstruktion im Dialog

Die Madafeh – der ehemalige Gast- und Versammlungsraum des Bait Husein ­Alrousan – wurde in einen flexibel nutzbaren Ausstellungsraum für den Werkhof umgewandelt. Bei der Restaurierung wurde besonderer Wert auf die ­Erforschung und die Anwendung traditioneller Bautechniken und historischer ­Baumaterialien ­gelegt.

Die Madafeh – der ehemalige Gastraum des Bait Husein Alrousan – war stark zerstört. Die Nordfassade sowie ein Teil des Erddaches waren eingestürzt und das bestehende Mauerwerk in weiten Bereichen instabil.

Die Rekonstruktion war auch ein Experiment, denn nicht alle Details der ursprünglichen Bauausführung waren zu Beginn der Arbeiten bekannt. ­Vieles musste zunächst erprobt werden, wovon alle Beteiligten – die ausführenden Handwerkerinnnenund Handwerker, Trainees sowie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler – gleichermaßen ­profitierten. Auch die ehemaligen Bewohnerinnen und Bewohner sowie Besucherinnen und Besucher der Baustelle haben ihre Erfahrungen und Erinnerungen beigesteuert. So konnten das Know-how und die Details der traditionellen Bautechniken im gemeinschaftlichen Dialog und Experiment zurückgewonnen werden.

Ansicht der Madafeh von Nordwesten nach Abschluss der Restaurierungsarbeiten im Sommer 2024. Die Restaurierung des historischen Gebäudes erfolgte in mehreren aufeinander abgestimmten Arbeitsschritten – vom Wiederaufbau der Nordfassade und der Sicherung des Mauerwerks bis zur Rekonstruktion des Erddachs und dem Innenausbau. Die folgenden Abschnitte geben Einblick in diesen Prozess.

Entwürfe für die Nordfassade

Für den Wiederaufbau der Nordfassade wurden drei Entwürfe entwickelt. Zur Ausführung kam der dritte Entwurf, der dem historischen Fassadenbild am nächsten kommt.

Drei Entwurfszeichnungen für den Wiederaufbau der Nordfassade der Madafeh.

Praktisches Lernen

Trotz der sorgfältigen Voruntersuchungen und Erprobung stellte sich im Frühjahr 2022 heraus, dass das Dach nicht vollständig dicht war. An den Rändern hatten sich Risse gebildet, wodurch eine Überarbeitung des Dachaufbaus und der Entwässerung erforderlich waren. Aber auch diese »Rückschläge« tragen letztendlich dazu bei, das Wissen um die historischen Bautechniken kontinuierlich weiterzuentwickeln und zu verbessern.

Blick in den Innenraum der Madafeh nach der Fertigstellung der Nordwand und des Erddachs. Die Unterkonstruktion des Erddachs mit den geschälten Tamarindenstämmen ist gut zu erkennen.

Feierliche Eröffnung nach der Instandsetzung

Vernissage der Projektausstellung in der Madafeh am 5. Juni 2024.

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Fachkompetenzen fördern: Steinmetzkurse

Jordanische und syrische Kursteilnehmer lernen und arbeiten gemeinsam unter Anleitung eines erfahrenen Steinmetzes die Grundtechniken der Steinbearbeitung.

Hier sind die wichtigsten Steinmetzwerkzeuge abgebildet. Klicke auf die blauen Kreuze und erfahre wie die Werkzeuge heißen und wofür sie eingesetzt werden.

Projektleiterin Dr.-Ing. Claudia Bührig (links), Steinmetzmeister André Gravert (rechts) und Teilnehmer des Steinmetzkurses 2017 mit ihren Werkstücken.

Vom Trainee zum Experten

Im Rahmen des Trainingsprogramms wurde ein umfangreiches Arbeitsheft erstellt, in dem die wichtigsten Arbeitsschritte, Werkzeuge und Materialien erläutert werden. Das Handbuch steht allen Interessierten in deutscher und arabischer Sprache frei zur Verfügung.

Download des Arbeitsheftes in deutscher Sprache (PDF)

Der Steinmetztrainer Abd el-Rahman al-Nawashi aus Umm Qays berichtet über seinen Werdegang vom Trainee zum Ausbilder. Er erzählt von seiner Leidenschaft für das Handwerk, die Arbeit mit Jugendlichen und den Austausch im internationalen Team.

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Fachkompetenzen fördern: Lebendiges Kulturerbe

Drei Frauen des Flechtkurses bereiten Schilfrohr für die Herstellung von Flechtmatten vor.

Weben und Flechten mit pflanzlichen Materialien

2019 startete ein weiteres Projekt, das sich dem fast vergessenen Handwerk des Webens/Flechtens mit pflanzlichen Materialien widmete. Frauen aus der Region wurden eingeladen, die traditionelle Herstellung von Schilfrohrmatten und Flechtwaren aus Bananenblättern, Palmblättern und Stroh zu erlernen. Eine erfahrene Weberin aus dem Yarmouk-Tal, die dieses Handwerk noch immer ausübt, leitete die ersten Kurse an. In dem siebenwöchigen Workshop erlernten die rund 20 Teilnehmerinnen die wichtigsten Techniken und stellten erste eigene Flechtprodukte her.

Schilfmatten für das Erddach der Madafeh

Die für das Lehmdach der Madafeh benötigten Schilfmatten (siehe Kapitel 4) werden in Jordanien schon länger nicht mehr hergestellt. Deshalb haben die Teilnehmerinnen des Flechtkurses gemeinsam mit dem Restaurierungsteam erfolgreich daran gearbeitet, diese Matten auf traditionelle Weise neu herzustellen. In einer intensiven Experimentierphase wurden Werkzeuge und Arbeitsschritte kontinuierlich erprobt und weiterentwickelt. 

Eine Teilnehmerin des Flechtkurses bei der Herstellung der Schilfmatten.

Beide Initiativen bieten regelmäßig Workshops an, um die Kunst des Webens und Flechtens mit Naturmaterialien weiter zu vermitteln. Neben traditionellen Produkten entwickeln sie auch eigene Designs. Sie verbinden Tradition und Moderne und tragen so zu einem lebendigen, sich weiterentwickelnden Kulturerbe bei. Ihr langfristiges Ziel ist es, Umm Qays als Zentrum für dieses Kunsthandwerk zu etablieren.

Aseel Naufleh – Mitgründerin der Fraueninitiative »Al-Yarmouk Ladies Hand Craft«  – berichtet im Interview über ihre Motivation und Herausforderungen auf ihrem Weg vom Flechtkurs in die Selbständigkeit.

Diese Erfolge sind ein Anfang. Ziel ist es, dass die Steinmetztrainings langfristig eine noch größerer Anerkennung erfahren und die gut ausgebildeten Handwerker verstärkt bei Restaurierungsarbeiten an Kulturerbestätten und in der Bauwerkserhaltung, sowohl bei Projekten des Department of Antiquities als auch in der Privatwirtschaft, zum Einsatz kommen.

Ein Teilnehmer des Steinmetzkurses bearbeitet einen Kalksteinblock mit Klöpfel und Schlageisen. 

Der Werkhof im restaurierten Bait Husein Alrousan soll auch in Zukunft lokalen Handwerkerinnen und Handwerkern Raum für Austausch, Lernen und Weiterbildung bieten. So können weiterhin aus engagierten Trainees erfahrene Trainerinnen und Trainer werden und das alte wie auch das wiedergewonnene Wissen über Steinbearbeitung und die Erhaltung historischer Bauten der Region bewahrt und weitergegeben werden.

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Der Film zum Projekt

TRAIN THE TRAINERS

2023 hat die Filmproduktionsfirma SchwabenFilm eine Dokumentation über die langjährigen Arbeiten des DAI vor Ort gedreht. Durch Interviews mit diversen Akteuren und Kooperationspartnerinnen und -partnern des Projekts wird ein Eindruck der erreichten Ziele vermittelt und Einblick in die gemeinsame Arbeit vor Ort gewährt.

Dank für Unterstützung

Dieses Vorhaben wäre ohne die Unterstützung in Umm Qays und die enge Zusammenarbeit mit einer aktiven Gruppe der lokalen Gemeinschaft nicht realisierbar gewesen. 

Unser Dank gilt auch:

  • Auswärtiges Amt (AA)
  • Department of Antiquities of Jordan (DoA)
  • Ministry of Tourism and Antiquities of Jordan (MoTA)
  • Royal Society for the Conservation of Nature (RSCN)
  • Archaeological Heritage Network (ArcHerNet)