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50 Jahre Integrationsrat Nürnberg

50 Jahre Partizipation von Menschen mit Zuwanderungsgeschichte

1973-1982

In den 1970er Jahren setzte sich in der deutschen Politik und Gesellschaft die Erkenntnis durch: Auch die ausländische Bevölkerung hat legitime politische Interessen und wünscht sich ein Mitspracherecht, wenn ihre Belange betroffen sind! In Nürnberg wurde dafür 1973 der Ausländerbeirat geschaffen. Doch die ersten Jahre des demokratisch gewählten Gremiums verliefen nicht ohne Schwierigkeiten und Hindernisse.

1983-1992

Die 1980er und frühen 1990er Jahre standen im Zeichen der Konsolidierung und des vertieften politischen Engagements: Der Ausländerbeirat fand intern zu einer geordneten Arbeitsweise und lernte schnell, dass auch ein beratendes Gremium durch öffentliche Aktionen viel Aufmerksamkeit und Einfluss gewinnen kann. Dieses Jahrzehnt war generell eine Zeit der Demos und Proteste, bei denen es um große Fragen ging: Aufenthaltsrecht, Ausländerfeindlichkeit und rechtsextreme Gewalt.

Aufenthaltsberechtigungs-Kampagne (1984)

Mit dem von der Bundesregierung im November 1973 beschlossenen Anwerbestopp war die Ära der aktiven Anwerbung von Gastarbeitern zu Ende gegangen. Viele der als Gastarbeiter oder als deren Familienangehörige nach Deutschland gekommenen Menschen besaßen entsprechend des Ausländergesetzes von 1965 nur einen prekären Aufenthaltstitel. Zudem hatte sich die Rechtslage durch die fortschreitende Integration der Europäischen Gemeinschaft (der Vorläuferin der EU) diversifiziert: Staatsangehörige von EG-Mitgliedsstaaten wie z.B. Italiener verfügten jetzt über eine EG-weite Niederlassungsfreiheit und Arbeitserlaubnis, anders als etwa türkische Staatsbürger. 

Konkret besaßen in Nürnberg im Jahr 1983 nur 1.221 Menschen mit ausländischem Pass (das entsprach nur ca. 2% der ausländischen Gesamtbevölkerung) eine Aufenthaltsberechtigung – die stärkste damals im deutschen Recht vorgesehene Aufenthaltsgenehmigung, die der heutigen (dauerhaften) Niederlassungserlaubnis entsprach. Die Zahl der Anspruchsberechtigten lag jedoch deutlich höher. 

Während der Aufenthaltsberechtigungskampagne verteilten der Ausländerbeirat, der DGB, die Wohlfahrtsverbände und das Jugendamt Informationsblätter.

Die naheliegende Herausforderung war also, die Menschen besser über ihre Rechte und Möglichkeiten aufzuklären, damit sie diese auch in Anspruch nehmen konnten. Auf Anstoß des Ausländerbeirates kamen daher sowohl eine verbesserte Informationspraxis seitens der Ausländerbehörde und des Einwohnermeldeamtes als auch eine breit anlegte öffentliche Informationskampagne zustande. In Zusammenarbeit mit dem DGB und anderen Verbänden wurden über mehrere Jahre hinweg Flugblätter verteilt, Infostände abgehalten und Vorträge organisiert. Dadurch konnte die Zahl der Menschen mit Aufenthaltsberechtigung bis zum Jahr 1989 immerhin auf 10.907 Personen (ca. 20% der ausländischen Gesamtbevölkerung) gesteigert werden.

Demonstration gegen die „Zimmermann-Gesetze“ (1989)

Im Oktober 1982 fand im Bund durch ein konstruktives Misstrauensvotum ein Regierungswechsel von einer SPD/FDP-Koalition zu einer Koalition aus CDU/CSU und FDP statt. Neuer Bundeskanzler wurde Helmut Kohl (CDU), neuer Innenminister Friedrich Zimmermann (CSU).

Die Unionsparteien hatten schon im Wahlkampf 1980 deutlich gemacht, dass sie eine „härtere Gangart“ in der Ausländerpolitik wünschten: Beispielsweise sollte der Ehegatten- und Familiennachzug beschränkt werden, insbesondere durch Senkung des Nachzugsalters der Kinder. Einst als Gastarbeiter ins Land gekommene Ausländer sollten durch finanzielle Anreize wie die Auszahlung der von ihnen geleisteten Rentenversicherungsbeiträge zur freiwilligen Rückkehr in ihre Heimatländer bewegt werden, und schon in den früheren 1980er Jahren war immer wieder die Rede vom Kampf gegen den „Missbrauch des Asylrechts“. Insgesamt wurde die Ausländerpolitik nun als ein Problem der inneren Sicherheit betrachtet, daher wurde sie nun vorrangig im Innen- und nicht mehr wie früher im Arbeitsministerium behandelt.

Gemeinsam mit dem DGB und anderen demonstrierte der Ausländerbeirat gegen die Zimmermann-Gesetzentwürfe aus dem Jahr 1988.

Innenminister Zimmermann kündigte schon früh nach seinem Amtsantritt an, das (im Wesentlichen aus dem Jahr 1965 stammende) deutsche Ausländerrecht novellieren zu wollen, aber konkrete Vorschläge legte er in den kommenden Jahren keine vor. Erst 1988 gelangten die Entwürfe eines „Ausländerintegrationsgesetzes“ und eines „Ausländeraufenthaltsgesetzes“ in die Öffentlichkeit, die fast augenblicklich von vielen Seiten Kritik erfuhren. Während sich vor allem für die Bürger von EG-Staaten durchaus Verbesserungen ergeben hätten, wäre vielen ehemaligen Gastarbeitern ohne unbefristete Arbeitsverträge ein Weg zum dauerhaften Aufenthaltsrecht und insbesondere auch der Familiennachzug erheblich erschwert worden.

Im März 1989 organisierte der Ausländerbeirat zusammen mit der Initiative „Ausländer und Deutsche“, dem DGB und den Ausländerbeiräten der Nachbarstädte eine große Kundgebung gegen die Zimmermann-Gesetzentwürfe, an der ca. 10.000 Menschen teilnahmen. Letztendlich traten diese Gesetze nie in Kraft, da sie auch im Arbeitnehmerflügel der CDU und beim Koalitionspartner FDP umstritten waren. Anlässlich einer Kabinettsumbildung 1989 verlor Zimmermann das Innenressort, das nun von Wolfgang Schäuble (CDU) geführt wurde. Dieser legte eine neue Version einer Ausländerrechtsnovelle vor, die immerhin an einigen Punkten liberaler ausfiel als die Zimmermann-Pläne. Schäubles Entwürfe wurden 1991 vom Bundestag verabschiedet.

Zur Bedeutung von Protesten in dieser Zeit

Von Mitte der 1980er Jahre bis etwa Mitte der 1990er Jahre war der Ausländerbeirat oft auf Nürnbergs Straßen unterwegs. Der öffentliche Protest, die Aktion, die Demonstration wurden zum Mittel der Wahl, um seine politische Haltung sichtbar zu machen.

Eine der vielen Demonstrationen und Proteste gegen Rassismus und ausländerfeindliche Politik in den 1980er Jahren.

Das lag zum einen am Personal: Anders als manchen ihrer Vorgänger fiel es Ali Bencibara als neuem, seit 1984 amtierenden Ausländerbeiratsvorsitzenden und Friedrich Popp als neuem, seit 1987 amtierenden Geschäftsführer von ihrer Persönlichkeit her leichter, in der Öffentlichkeit aufzutreten. Zum anderen lag es aber auch daran, dass die großen Themen dieser ungefähr 10 Jahre sich nicht in ruhiger Gremienarbeit im Hinterzimmer bearbeiten ließen:

Eine gewaltsame Welle von Rassismus und Ausländerfeindlichkeit, verschärfte Ausländergesetze, die Asylrechtsdebatte, die immer präsent gebliebene Forderung nach dem Wahlrecht für alle – das alles waren bundesweite, aber dennoch für das Leben der Menschen mit Migrationshintergrund hier vor Ort essentiell wichtige Themen. Um sich dazu Gehör zu verschaffen, reichte es ganz einfach nicht, wenn der Ausländerbeirat sich auf seine Rolle als beratendes kommunales Gremium beschränkt hätte. Erst der demonstrative Gang in die Öffentlichkeit sorgte für die notwendige Aufmerksamkeit für die Anliegen des Beirates.

1993-2002

In den 1990er und frühen 2000er Jahren änderte sich der Fokus des Ausländerbeirats erneut: Man blieb zwar in der Öffentlichkeit präsent, veranstaltete aber jetzt mehr Vortrags- und Diskussionsveranstaltungen als Protestaktionen. Die in Nürnberg lebenden Menschen mit Migrationshintergrund sollten über die für sie wichtigen Entwicklungen bestmöglich informiert und beraten werden. Unter anderem begann der Beirat deshalb mit der Herausgabe einer Zeitung.

Der Multikulturelle (später Interkulturelle) Kalender (seit 1995)

Mitte der 1990er Jahre gab der Ausländerbeirat erstmals einen „Multikulturellen Kalender“ heraus. Dieser hebt neben den gesetzlichen Feiertagen und lokalen Nürnberger Ereignissen wie z.B. dem Trempelmarkt auch die Fest-, Feier- und Gedenktage verschiedenster Nationen, Kulturen und Religionen hervor. Im Lauf der Jahre entwickelte sich der inzwischen zum „Interkulturellen Kalender“ umbenannte Wandkalender zum beliebtesten Merchandising-Artikel des Ausländer- und später des Integrationsrates. Einzelne Exemplare werden sogar regelmäßig nach Norddeutschland verschickt.

Der Interkulturelle Kalender mit den wichtigsten kulturellen und religiösen Feiertagen aus dem Jahr 2018.

Veranstaltung: Projektbörse Wege zur Integration im Rahmen der Interkulturellen Wochen (2000)

In den 2000er Jahren war der Ausländerbeirat immer noch regelmäßig in der Öffentlichkeit präsent, aber nicht mehr so oft auf der Straße bzw. beim Demonstrieren, sondern vermehrt auf Podiumsdiskussionen und Vortragsveranstaltungen. Ein Beispiel ist die im September 2000 vom Beirat selbst veranstaltete Projektbörse „Wege zur Integration“, bei der ca. 50 bayerische Akteure (Gruppen, Projekte, Organisationen) mit aktivem Engagement auf dem Feld der Integration ausländischer Menschen zusammenkamen und ihre Praxiserfahrungen austauschen konnten. Angeboten wurden zudem fünf verschiedene Arbeitsgruppen, etwa zu den Themen „Interkulturelle Erziehung und Integration im Vorschulalter“, „Erwachsenenbildung und Spracherwerb“ oder „Gesellschaftliche Partizipation von Migrantinnen“. Ergänzt wurde das Programm durch Expertenreferate.

Auf lange Sicht mündeten diese und ähnliche Veranstaltungen in die seit 2011 stattfindenden Nürnberger Integrationskonferenzen, die gemeinsam von der Koordinierungsgruppe Integration der Stadt Nürnberg in Kooperation mit dem Integrationsrat veranstaltet werden und die regelmäßig einen Themenschwerpunkt aus dem Feld der Integrationspolitik näher beleuchten.

Der Aussiedlerbeirat der Stadt Nürnberg

1984 beschloss der Nürnberger Stadtrat die Gründung des Aussiedlerbeirates der Stadt Nürnberg. Aufgabe des Beirats war es, sich der Anliegen der deutschen Aussiedler in besonderer Weise anzunehmen, deren Integration zu fördern und es ihnen zu erleichtern, sich in Nürnberg einzuleben. Ab 2010 gingen Ausländerbeirat und Aussiedlerbeirat im neu gegründeten Nürnberger Rat für Integration und Zuwanderung gemeinsame Wege. Zugleich entstand in der Nachfolge des Aussiedlerbeirates der Nürnberger Kulturbeirat zugewanderter Deutscher.

2003-2012

Im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrtausends setzten der Ausländer- und der Aussiedlerbeirat zunächst ihre gewohnte Arbeit fort. Dann erklärte der Oberbürgermeister das Thema Integration zur „Chefsache“.  Stadtrat und Verwaltung gaben 2004 mit der Verabschiedung neuer Leitlinien zur städtischen Integrationspolitik einen Denk- und Diskussionsanstoß, der schließlich zur Fusion beider Gremien im Jahr 2010 führte.

Veranstaltungsreihe: Anstöße - Forum Interkultureller Dialoge (2003 und 2005)

Unter dem Motto „Anstöße – Forum interkultureller Dialog“ fanden unter der Schirmherrschaft von Oberbürgermeister Dr. Ulrich Maly in den 2000er Jahren eine Reihe von Vorträgen und Diskussionen in der Villa Leon statt, an denen auch der Ausländerbeirat als Mitausrichter beteiligt war. Gut besuchte Themen in dieser Reihe im Jahr 2003 waren u.a. „Integration zwischen Ghetto und Assimilation“, „Deutsche, Bindestrich-Deutsche, Migranten/innen – Identitäten im Zeitalter der Globalisierung“ und „Kampf der ‚Kulturen‘ – Fundamentalismen global?“.

Am 12.03.2003 nahmen auf dem Podium Dr. Albert Schmid, Dr. Ulrich Maly und Alexander Jungkunz bei "Anstöße" teil.

2005 gab es u.a. gut besuchte Veranstaltungen zu den Themen „Migrations- und Integrationspolitik im erweiterten Europa“, „Der Kopftuchstreit“ und „Das neue Antidiskriminierungsgesetz – Fortschritt oder Bürokratisierung?“, und 2006 noch einmal zum Thema „Wir haben keine Chance, aber wir nutzen sie“, einer Veranstaltung zu den Erfahrungen von Jugendlichen mit Migrationshintergrund im deutschen Bildungssystem.

Veranstaltung: Geschichte meiner Migration im Rahmen der Interkulturellen Wochen (2005)

Die Veranstaltung „Geschichte meiner Migration“ brachte sechs Menschen unterschiedlichen Alters, unterschiedlicher Herkunft und mit unterschiedlichem „Label“ (Gastarbeiter, Heimatvertriebene, Aussiedler, Gastarbeiterkind, Spätaussiedler, Kontingentflüchtling) auf einem Podium zusammen – sie alle einte, dass sie irgendwann in ihrem Leben dauerhaft in das Gebiet des heutigen Deutschland und speziell nach Nürnberg migriert waren. Anhand ihrer individuellen Biographien konnten die Besucher nachvollziehen, welche Schwierigkeiten und Herausforderungen diese ganz unterschiedlichen Zuwanderer zu bewältigen hatten, und welche gemeinsamen Erfahrungen sie trotz aller Unterschiedlichkeit gesammelt haben.

Bei der Veranstaltung berichteten Gastarbeiter, (Spät-)Aussiedler und Geflüchtete über Schicksal und Erlebnisse ihrer Zuwanderung nach Nürnberg.
Die Veranstaltungsreihe adressierte ausländischen Eltern und Jugendliche, die sich über Bildung und Ausbildung informieren wollten.

Informations-Veranstaltungen: Kein Schüler darf verloren gehen (2007)

Auf Ersuchen des Ausländerbeirates, verstärkte Maßnahmen zur Verbesserung der Chancengleichheit von Jugendlichen mit Migrationshintergrund beim Übergang von der Schule in die Berufsausbildung zu ergreifen, rief die Stadt 2007 das bis heute fortbestehende Projekt SCHLAU ins Leben. Dieses fördert die Berufsvorbereitung und vermittelt aktiv Praktika und duale Ausbildungsverhältnisse. In eine ähnliche Richtung zielte die Veranstaltungsreihe „Kein Schüler darf verloren gehen“, die der Ausländerbeirat im Rahmen der Interkulturellen Woche zusammen mit dem „Aktionskreis berufliche Qualifizierung junger Ausländer“ und anderen Einrichtungen bzw. Vereinen durchführte. Bei vier Veranstaltungen wurden Jugendliche mit Migrationshintergrund und ihre Eltern über die aktuelle Bildungs- und Ausbildungssituation informiert und konkrete Ratschläge für die weitere Bildungslaufbahn der Jugendlichen gegeben.

2013-2022

Kaum war der neue Rat für Integration und Zuwanderung erfolgreich in seine erste Amtszeit gestartet, wurde er auch schon mit einer ernsthaften Herausforderung konfrontiert: Die Aufdeckung der menschenverachtenden Mordserie des rechtsextremen NSU brachte, wie schon in den 1980er und 1990er Jahren, den Kampf gegen Rassismus und Intoleranz wieder ganz nach oben auf die Tagesordnung. 

Offizielles Plakat der Interkulturellen Wochen 2017 vom 22.09.2017 bis 15.10.2017.

Interkulturelle Wochen

Die Interkulturellen Wochen gehen zurück auf den „Tag des ausländischen Mitbürgers“, der ab 1975 auf Initiative von Kirchen, Gewerkschaften und Wohlfahrtsverbänden bundesweit etabliert wurde. Der Nürnberger Ausländerbeirat veranstaltete erstmals 1979 einen „Ausländerkulturtag“. Im Lauf der Jahre wurden daraus zunächst die „Ausländerkulturwoche“, später die Interkulturelle(n) Woche(n). In diesen (in Nürnberg immer zwei) Wochen Ende September findet alljährlich ein vielfältiges Kultur- und Unterhaltungsprogramm statt, das inzwischen von einer Vielzahl privater Vereine, Bildungsinstitutionen sowie von der Stadt Nürnberg selbst mitgestaltet wird. Der Integrationsrat verleiht in der Regel im zeitlichen Umfeld der Interkulturellen Wochen seinen Interkulturellen Preis. Außerdem nutzt er diesen zeitlichen Rahmen oft für die Durchführung eigener Diskussions- und Informationsveranstaltungen zu vielfältigen Themen.

Wahlkampagne: mehrsprachige Erklärvideos über den Integrationsrat (2022)

Am 09. Oktober 2022 fand die inzwischen dritte Wahl des Integrationsrates nach der Fusion beider Gremien im Jahr 2010 statt. Beim Wahlmodus behielt man den Wahlmodus der Personenwahl und die Kontingentierung der Sitze nach Herkunft(sregionen) im Wesentlichen bei – neu war diesmal die sehr viel stärkere Rolle digitaler Medien bei der Information über die Aufgaben des Integrationsrates an sich, den Wahlmodus und die Kandidierenden.

Um über die Funktion, Arbeit und Erfolge des Integrationsrats aufzuklären, wurden mehrsprachige Erklärvideos produziert.

Im Zuge der Informationskampagne zur Wahl entstand auch ein von Diversity Media e.V. gestaltetes, auf Dauer angelegtes Image- bzw. Vorstellungsvideo für den Integrationsrat. Die Wahlbeteiligung fiel trotz des digitalen und des parallel auch vorhandenen analogen Informationsangebots – auch freie interkulturelle Vereine wie we integrate e.V. boten gezielt Veranstaltungen zur Integrationsratswahl an – leider bescheiden aus. Nur 3,5% der gut 250.000 Wahlberechtigten machten von ihrem Stimmrecht Gebrauch.

Heute: Der Rat für Integration und Zuwanderung der Stadt Nürnberg

Mit seiner Konstituierung am 12.01.2023 ist der Integrationsrat in seine inzwischen dritte Wahlperiode gestartet. Über zwei Drittel der im Oktober 2022 Gewählten gehören dem Gremium zum ersten Mal an - darunter auch drei seit 2015/2016 nach Deutschland gekommene Geflüchtete. Von seinen 31 Mitgliedern sind 14 Frauen und 17 Männer. Sie repräsentieren insgesamt 19 verschiedene Herkunftsländer. Zum Zeitpunkt der Konstituierung war das jüngste Mitglied 23 Jahre und das älteste 78 Jahre alt. Altersmäßig dominiert die Generation der „Millenials“, also der in den 1980er und 1990er Jahren Geborenen. Ob und wie sich dieser Wandel in der Zusammensetzung auf die Agenda des Rates auswirken wird, werden die kommenden Jahre bis 2028 zeigen. 

Pioniere des Ausländer- bzw. Integrationsrates blicken zurück auf ihre Zeit als Beiräte und die Bedeutung ihrer Arbeit für die Stadtgesellschaft.

50 Jahre Integrationsrat Nürnberg - und wie weiter?

„Ist dieses Gremium nicht eigentlich überflüssig?“ Das erste Mal, dass diese Frage gestellt wurde, war im Jahr 1974, wenige Monate nach der Konstituierung des ersten Nürnberger Ausländerbeirats – und die Fragesteller waren die frustrierten Beiratsmitglieder der ersten Wahlperiode selbst. Auch zur „Halbzeit“, zum 25. Jubiläum des Ausländerbeirats im Jahr 1998, erschien in der Jubiläumsausgabe von „Multikulturelles Nürnberg“ ein Kommentar mit genau dieser Überschrift.

Die Frage nach dem Sinn des Ausländerbeirats bzw. des Integrationsrats als seinem Nachfolgegremium ist eine Konstante, die ihn durch seine gesamte Existenz hindurch begleitet. Einerseits verständlich, denn es handelt sich damals wie heute „nur“ um ein beratendes Gremium, das allein auf die Kraft seiner Argumente und auf den Goodwill der Politik und Verwaltung angewiesen ist, um seine Anliegen durchzusetzen.

Doch andererseits haben der Ausländerbeirat bzw. der Integrationsrat trotz der stetigen Frustration über seine geringe Befugnisse im Lauf der Jahrzehnte eine Menge erreicht. Wie diese virtuelle Ausstellung zeigt, war es keinesfalls sinnlos, dass es ihn gegeben hat, sondern er hat einige nachhaltige Entwicklungen in Nürnberg zugunsten der besseren Integration der Bevölkerung mit Zuwanderungsgeschichte angestoßen, die bis heute fortwirken.

Ende 2022 hatte Nürnberg laut amtlicher Statistik erstmals mehr Einwohner mit Migrationshintergrund als ohne – und wieder einmal stellt sich angesichts dessen die Frage, ob es ein Gremium wie den Integrationsrat noch braucht, wo aus der Minderheit doch inzwischen eine Mehrheit geworden ist. Was muss denn noch erfüllt sein, damit man den Integrationsrat getrost ausmustern kann? Die Antwort liegt vielleicht, auch das ist ein Rückgriff auf die Gründerzeit des Gremiums, in einer seiner ältesten und dauerhaftesten Forderungen, nämlich nach gleichen Mitwirkungsrechten für alle.

Solange nicht gleiche Partizipationsrechte für wirklich alle Mitglieder unserer (Stadt-)Gesellschaft garantiert sind, solange braucht es auch noch eine spezielle Vertretung, die im Zweifelsfall für die Belange derjenigen eintreten kann, die es selbst nicht können. In diesem Sinne wird der Nürnberger Integrationsrat fleißig daran weiterarbeiten, sich möglichst bald überflüssig zu machen!