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„Vergiß das Frohe nicht und nicht das Trübe“ 

Facetten jüdischen Lebens in den Sammlungen der ULB Darmstadt

Eine virtuelle Ausstellung von

Die Ausstellung

Schon aus der Antike sind Zeugnisse jüdischen Lebens aus den rheinischen Provinzen des Römischen Reiches bekannt. Seit dem Mittelalter ist das Judentum ein fester Bestandteil der deutschen Geschichte. In den Archiven, Bibliotheken und Museen finden sich vielfältige Spuren dieser langen Tradition christlich-jüdischen Zusammenlebens in Mitteleuropa. Die Ausstellung zeigt ausgewählte Beispiele des gemeinsamen Kulturerbes aus den Sammlungen der ULB Darmstadt sowie je ein Exponat der National Gallery of Denmark und der Stadtbibliothek Mainz.
Daraus ergibt sich eine historische Entdeckungsreise mit Schwerpunktperspektive auf die süd- und rheinhessische Region, worauf das Titelzitat der Ausstellung Bezug nimmt: Es stammt aus einem in Mainz aufgeführten, allegorischen Festspiel, das in der Ausstellung zu sehen ist. 

Die Bestände der ULB Darmstadt machen das reiche kulturelle Erbe der jüdischen Geschichte in Deutschland erlebbar. Hier die Themenübersicht:

 

 

 

01
Zeugnisse jüdischer Religiosität aus Mittelalter, Neuzeit und Moderne

Die Darmstädter Haggadot

Haggada (Plural: Haggadot), eine religiöse Erzählung und Handlungsweisung für die Sederfeier (eine zeremonielle Mahlzeit) am Vorabend des jüdischen Pessach-Festes. Das Studium und die Lektüre religiöser Texte spielen im Judentum eine zentrale Rolle. Form und Gestaltung der Schriften orientieren sich dabei an den Vorbildern und Möglichkeiten der christlichen Mehrheitsgesellschaft. Mehrere Exemplare von Haggadot aus Mittelalter und Früher Neuzeit in den Sammlungen der ULB bieten ein anschauliches Beispiel dafür.

Abbildung: Eine der Darmstädter Haggadot (in der ULB: Cod. or. 8)

Homburger Machsor

Die Erfindung des Buchdrucks förderte die Verbreitung von Werken in hebräischer Schrift. Das Interesse an den religiösen Schriftquellen machte christliche Theologen und Humanisten zu begeisterten Abnehmern der biblischen Urtexte. An vielen Orten entstanden jüdische Druckereien, die Gebetbücher und liturgische Texte für den privaten und gottesdienstlichen Gebrauch veröffentlichten. Dieser Machsor nach aschkenasischem Ritus wurde 1737 in Bad Homburg vor der Höhe mit landesherrlicher Genehmigung gedruckt und gelangte über die Homburger Schlossbibliothek nach Darmstadt.

Titel des Machsor Na 644, gedruckt in Homburg vor der Höhe

Ein jüdisches Nachtgebet

Im Zuge der Aufklärung wurden religiöse Texte zunehmend in den Sprachen der Merhrheitsgesellschaft publiziert. Diese französische Übersetzung eines jüdischen Nachtgebets wurde von Simon von Geldern, dem Großonkel Heinrich Heines, übersetzt und 1770 im Druck herausgegeben.

Abgebildeter Titel in der ULB: Ro 340 (Link führt von der Ausstellungsseite zum Digitalisat)

Titel des Gebetbuchs

02
Synagoge und jüdische Diaspora in Darmstadt

Zerstörung des Tempels

Mit der Zerstörung des Tempels in Jerusalem unter dem römischen Kaiser Vespasian im Jahre 70 n. Chr. begann die Diaspora des jüdischen Volkes.

In Mittelalter und Früher Neuzeit bildete das Judentum in weiten Teilen Europas die einzige tolerierte Religion außerhalb des Christentums.

Jüdische Gemeinde in Darmstadt

Im Mittelalter waren Synagogen in vielen deutschen Städten Teil der sakralen Infrastruktur. Nach mehreren Wellen der Zerstörung und Verfolgung dauerte es bis in die Frühe Neuzeit, bis sich wieder ein engeres Netz an jüdischen Gemeinden und Kultbauten etablieren konnte. In Darmstadt konnte die jüdische Gemeinde erst in der Regierungszeit des Landgrafen Ernst Ludwig (1678-1739) eine erste Synagoge durch Kauf eines Hauses im Jahr 1735 realisieren und zwei Jahre später als Gebetshaus einweihen. Die Becksche Chronik, eine in Chronogrammen verfasste Übersicht zur hessischen Geschichte aus dem 18. Jahrhundert, würdigte ausführlich den Bau und die Einweihung der Synagogen in Darmstadt.

Hauptsynagoge auf dem Stadtplan von Darmstadt, 1906

03
Zeugnisse christlich-jüdischen Zusammenlebens

Unter dem Schutz des Kaisers

Im Mittelalter stand die jüdische Bevölkerung in einem speziellen Rechtsverhältnis unter dem unmittelbaren Schutz des Kaisers, der dieses Recht als Judenregal an Fürsten und Städte übertragen konnte.

Siegel der Goldenen Bulle der ULB Darmstadt, 1356

Judeos Habere

1356 übertrug Kaiser Karl IV. in der Goldenen Bulle den Kurfürsten das Recht, Juden zu haben (Judeos habere). Dies war ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur Territorialisierung des Judenschutzes, hieß für die jüdische Bevölkerung in Hessen-Darmstadt aber auch die Zahlung eines Schutzgeldes zusätzlich zu anderen Sonderabgaben an den jeweiligen Landesherrn. In den folgenden Jahrhunderten setzten die Fürsten und Reichsstädte höchst unterschiedliche Rahmenbedingungen für das jüdische Leben im Alten Reich.

Abbildung: Judeos habere in der Goldenen Bulle

Stättigkeit

In der Stättigkeit regelte die Reichsstadt Frankfurt 1616 die Lebensverhältnisse in der größten jüdischen Gemeinde der Region. Zuvor war die Frankfurter Judenschaft nach der gewaltsamen Vertreibung im sogenannten Fettmilch-Aufstand unter kaiserlichem Schutz zurückgekehrt. Das Titelblatt der Druckausgabe aus dem Jahr 1705 betont mit der Darstellung des gelben Rings die Bedeutung der Kleiderordnung für die Unterscheidung von Christen und Juden im städtischen Alltag.

Abbildung: Darstellung des gelben Rings auf dem Titelblatt der Stättigkeit, 1705

Mehr Teilhabe

Die Aufklärung stellte den besonderen und diskriminierenden Rechtsstatus der jüdischen Bevölkerung zunehmend in Frage. Die bürgerliche Verbesserung sollte den Juden die Teilhabe an der Mehrheitsgesellschaft ermöglichen. Während die vollständige politische Emanzipation noch bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts dauerte, öffneten sich seit dem späten 18. Jahrhundert nach und nach neue Bildungswege und Karrierechancen. Jüdischen Absolventen des Darmstädter Pädagogs (der Vorgängerinstitution des Ludwig-Georgs-Gymnasiums) und der Gießener Universität war es nun möglich, in den Staatsdienst einzutreten. Auch für den Beruf des Rabbiners gewann das Studium an einer Universität zunehmend an Bedeutung.

Postkartenmotiv: das Pädagog in Darmstadt mit dem Woog im Vordergrund, ca. 1905

04
Antijudaismus und bürgerliche Integration

Antijudaismus - Judenmission

Als einzige tolerierte fremdreligiöse Gruppe spielte die jüdische Bevölkerung in Mittelalter und Vormoderne eine besondere Rolle innerhalb der konfessionell geprägten politisch-sozialen Ordnung. Die Landesherren erließen Verbote und Anordnungen für jegliche Bereiche jüdischen Lebens, besonders aber für die Ausübung des Glaubens – so auch 1539 die Pflicht zum regelmäßigen Besuch christlicher Predigten. 46 Jahre später wies jedoch Georg I. an, die Juden hätten über die Dauer der christlichen Gottesdienste in ihren Häusern zu bleiben, während sein Nachfolger Georg II. zahlreiche Bekehrungsversuche anordnete, die nicht die letzten bleiben sollten.

Tractatus De Juribus Judaeorum: zahlreiche, eigens für die jüdische Bevölkerung erlassene Gesetze und Strafen von 1731

Semi Gotha

Nach der Emanzipation der jüdischen Bevölkerung durch die Aufklärung wand sich die christliche Allgemeinheit immer mehr vom Antijudaismus ab. Stattdessen verschob sich die Diskriminierung der jüdischen Mitbürger:innen mit mehr oder weniger subtilen Mitteln auf die Ebene des Antisemitismus. Ein Zeugnis davon ist das Erscheinen des Semi Gotha, welcher mithilfe von Symbolik und abgeänderter Wortschreibweise die jüdische Abstammung diffamierte. Es entlehnte dabei Stil und Machart grob vom Gothaischen Genealogischen Taschenbuch, einem der bekanntesten Adelsreihenwerke, dessen ersten Bände im 18. Jahrhundert erschienen und im Gegensatz zum SemiGotha keine Propaganda gegen jüdische Nobilitierung betrieb.

Das Semi Gotha (Semigothaisches Genealogisches Taschenbuch), eine antisemitische Propagandaschrift, erschienen von 1912 bis 1914

Bürgerliche Integration

Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts waren weite Teile der jüdischen Bevölkerung in die deutsche Gesellschaft integriert. Jüdische Literaten und Künstler waren maßgeblich an der kulturellen Entwicklung des Landes beteiligt. Ein ebenso kulturgeschichtlich interessantes wie schönes und kunstreiches Zeugnis aus dieser Zeit ist sicherlich die Balladensammlung "Juda" des adligen Dichters Börries von Münchhausen aus dessen früher, zionistischer Phase, die mit Illustrationen des jüdischen Jugendstilkünstlers Ephraim Moses Lilien geschmückt ist. 

Illustration aus der Juda, um 1900

Bürgerliche Integration - Vereinsleben

Das 19. Jahrhundert erlebte eine Blüte des jüdischen Vereinslebens in Deutschland. Eine Besonderheit war der Unabhängige Orden B'nai Brith (Bne Briss), der sich länderübergreifend für philantrophische Ziele einsetzte. Ihm zugehörig war die 1889 gegründete Mainzer "Rhenus-Loge XXV No. 388 U.O.B.B". Zur 25-Jahr-Feier der Mainzer Loge im Jahr 1914 wurde ein Theaterstück inszeniert, dessen Titelblatt hier zu sehen ist. Das Festspiel zeigt eine starke Verankerung in der wilhelminischen Festkultur und beweist den Stolz der Mainzer jüdischen Bevölkerung auf die lange Verbundenheit mit ihrer Heimatstadt. Seine Autorin, Elsa Neugarten, gehörte außerdem zu den ersten Studentinnen der Kunstgeschichte Deutschlands.

Titelblatt des Festspiels von Elsa Neugarten zur Feier von 25 Jahren Rhenus-Loge, 1914

"Vergiß das Frohe nicht und nicht das Trübe"

Der Blick zurück zeigte bereits zum Jubiläum der Rhenus-Loge Licht und Schatten in der langen Geschichte der deutschen Juden. Wiewohl Verfolgung, Leid und Zersplitterung der jüdischen Gemeinden nie vergessen werden dürfen, machen nicht sie allein die bewegte jüdische Geschichte aus. Zahlreiche jüdische Bürger:innen prägten nicht nur in Kunst und Schrift das kulturelle Erbe Deutschlands. Die vielen Zeugnisse jüdischen Lebens aus den Sammlungen der ULB erinnern daran, dass auch in Darmstadt immer wieder blühende Phasen jüdischer Kultur die Geschichte dieser Stadt bereichert haben.

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Exlibris von Elsa Neugarten (1889-1918) aus der StB Mainz. "Mens sana in corpore sano" bedeutet "Ein gesunder Geist in einem gesunden Körper".