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„Ik denke der Affe laust mir!“

Preußen nach der Reichsgründung 1871

Eine virtuelle Ausstellung von

Liebe Besucherinnen und Besucher,

„Ik denke der Affe laust mir“. Unter diesem sehr berlinerischen Motto zeigt das Geheime Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz seit dem 18. März 2021 eine Ausstellung zu den Entwicklungen in Preußen nach der Reichsgründung von 1871. Dabei steht das Selbstverständnis der Preußischen Könige, die sich jetzt in ihre neue Rolle als Deutsche Kaiser finden mussten, ebenso im Fokus der Betrachtung wie die sozialen Folgen des Mietskasernenbaus, die Entwicklung der Wirtschaft oder die zunehmende Militarisierung der Gesellschaft v.a. seit Beginn des 20. Jahrhunderts. Die Reichsgründung unter preußischer Führung hat den weiteren Verlauf der deutschen Geschichte nachhaltig geprägt; sie hatte aber eben auch zahlreiche Aus- und Rückwirkungen auf Preußen.

Die eigentliche Tafel- und Vitrinenausstellung steht, wie es schon gute Gewohnheit unseres Archivs ist, in den oberen Fluren des Hauptgebäudes in Berlin-Dahlem vor dem Eingang in unseren Forschungssaal. Sie kann unter den jeweils geltenden Coronabedingungen zu den Öffnungszeiten des Archivs besucht werden. Auf diesem begrenzten Raum zeigt das Archiv regelmäßig Schlüsselquellen aus den Beständen, um den Nutzerinnen und Nutzern und anderen Besucherinnen und Besuchern einen Einblick in die Quellen zu geben, die hinter den dicken Mauern der Archivmagazine liegen.

Nicht zuletzt vor dem Hintergrund der durch die Pandemie eingeschränkten Möglichkeiten von Reisen und persönlichen Besuchen freuen wir uns über die neue Möglichkeit, die Ausstellung parallel in diesem virtuellen Format in der Deutschen Digitalen Bibliothek zu zeigen. Wir wünschen Ihnen viel Freude und Gewinn beim virtuellen Gang durch unsere Ausstellung, verbunden mit der Hoffnung, Sie demnächst auch im Geheimen Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz vor Ort begrüßen zu dürfen. Die Ausstellung soll bis zum 31.12.2023 gezeigt werden.

01
Preußen unter ferner liefen? Zum neuen Selbstverständnis der preußischen Herrscher

1 | Preußen unter ferner liefen?
Zum neuen Selbstverständnis der preußischen Herrscher

Wenngleich Preußen unmittelbar nach der Reichsgründung zur Hegemonialmacht des Kaiserreichs wurde – die Skrupel, mit denen König Wilhelm I. (1797–1888) seiner neuen Kaiserwürde entgegensah, wogen zunächst schwer (1.1; 1.3). Mit der gesamten preußischen Führungsschicht teilte er die Sorge, dass Preußen und der preußische König gänzlich hinter „Kaiser und Reich“ zurücktreten könnten. Die Tatsache, dass er mit „Rex et Imp.“ paraphierte, begründete er so: „Nur das Eine bin ich ganz.“ Ihn verdross es, Herrscher Preußens, aber nicht des Deutschen Reiches zu sein. Der neue Titel „Deutscher Kaiser“ – und nicht „Kaiser von Deutschland“, wie von Wilhelm I. favorisiert – war die Kompromissformel, die der neuen ausgesprochen föderalen Verfassungswirklichkeit des Deutschen Reiches am nächsten entsprach. Wilhelm I. war lediglich „Primus inter Pares“, der Vorsitzende eines Bundes souveräner Fürsten, die sich 1870/71 nach langen und zähen Verhandlungen darauf geeinigt hatten, das deutsche Kaiserreich zu bilden.

Allen Vorschlägen, den 18. Januar 1871 zum Nationalfeiertag zu erheben, wurde umgehend eine Absage erteilt. Die Erinnerung an die erste preußische Königskrönung sollte nicht dem Gedenken an die Reichsgründung geopfert werden. Dabei waren die meisten dieser Vorbehalte schon auf den ersten Blick unbegründet: Nahezu zwei Drittel des Reichsgebiets waren preußisches Territorium. Auch in demographischer, wirtschaftlicher und militärischer Hinsicht blieb Preußen deutsche Vormacht. Darüber hinaus wurde der preußische Einfluss im Kaiserreich dadurch verstärkt, dass das Reich zunächst nur sehr wenige eigene Behörden besaß und es für die Erfüllung der verfassungsgemäßen Aufgaben, wie auf dem Gebiet der Gesetzgebung, auf preußische Institutionen (Marineministerium, Generalpostamt, preußische Bank) angewiesen war, die erst nach einer gewissen Zeit in Reichsbehörden umgewandelt werden sollten. Dadurch allerdings sollte sich das Verhältnis Reich – Preußen in den 90er Jahren umkehren. Denn nun übernahmen die Reichsämter die Führung der Reichspolitik, womit allmählich auch Preußen im Reich aufgehen sollte.

Für die eigentliche Bedeutung seines Kaisertitels als Integrationskraft hatte Wilhelm I. zunächst wenig Verständnis. Kaiserkult sowie Devotions- und Loyalitätsbekundungen begegnete er mit „soldatischer Reserviertheit“. Dennoch wuchs er recht schnell in die Rolle eines allseits beliebten, wahrhaft populären Volkskaisers hinein, der trotz seines hohen Alters ein umfangreiches Pensum gesellschaftlicher Auftritte und politischer Verpflichtungen scheinbar mühelos bewältigte.

Sein Sohn, Kronprinz Friedrich Wilhelm (1831–1888), sollte aufgrund seiner Krebserkrankung keine Chance mehr bekommen, als Herrscher seine Vorstellungen von einer Legitimität der Hohenzollern auf die errungene Kaiserwürde zu vertreten. Mit der Kaiserproklamation seines Vaters verband er vor allem mittelalterlich-romantische Aspekte. Geradezu besessen war er von der Idee, dass der König von Preußen als Deutscher Kaiser das Erbe der alten tausendjährigen deutschen Kaiserwürde antreten werde (1.5).

Der vom Gottesgnadentum seiner Herrschaft überzeugte Kaiser Wilhelm II. (1859–1941; 1.7) versuchte dagegen unter Zuhilfenahme historischer, politischer und religiöser Mythen die Hohenzollernmonarchie tief in der deutschen Geschichte zu verorten und, mit nicht geringem Erfolg, das neue Kaisertum zum politischen Symbol der Einheit der Nation zu erheben. Darüber hinaus bemühte er sich, seinem Großvater eine Schlüsselrolle für die Herstellung der Reichseinheit zuzuschreiben und damit ein Gegenbild zum Bismarckmythos zu schaffen. Bereits 1887 hatte Wilhelm, damals noch Kronprinz, dem Kanzler vorgeschlagen, das Gottesgnadentum als Instrument zu benutzen, um den hohenzollernschen Anspruch auf die Kaiserwürde gegenüber den anderen Fürsten durchzusetzen, was Bismarck noch verworfen hatte (Hasselhorn, 2012). Wilhelm II., der sein Reich weder nach innen noch nach außen gefestigt wähnte, reagierte noch Anfang des 20. Jahrhunderts äußerst gereizt, wenn man die Legitimität der Hohenzollern(-vor-)herrschaft über das Deutsche Reich auch nur im Ansatz in Zweifel zog (1.6).

1.1 | Kaiser Wilhelm I. auf Batterie I vor Paris am 18.01.1871.

Noch am Vorabend der Kaiserproklamation war es zu einer heftigen Auseinandersetzung zwischen Wilhelm I., dem Kronprinzen, v. Schleinitz und Bismarck gekommen. Wilhelm I. wehrte sich bis zuletzt gegen den Titel „Deutscher Kaiser“, da dies für ihn den Anschein erweckte, als ob das Preußische im Deutschen aufgehen solle.

Nach einer Zeichnung von Adalbert Roessler. Holzstich.
bpk, Bild-Nr. 70170542.

1.2 | „Das Triumphfest in Berlin – Die Illumination des Brandenburger Tores am Abend des 16. Juni 1871“.

Gegen Mittag war der siegreiche Kaiser an der Spitze von 42.000 seiner Soldaten in die Reichshauptstadt eingezogen. 6 Stunden dauerte der Vorbeimarsch an unzähligen Schaulustigen, die z. T. extra angereist waren, um Zeugen dieses Ereignisses zu werden. Gefeiert wurde nicht nur der militärische Sieg über Frankreich, sondern die Gründung des Deutschen Reiches und die Herstellung der deutschen Einheit.

Farbiger Holzstich nach einer Zeichnung von E. Wilberg.
bpk, Bild-Nr. 00003656.

1.4 | „Der feierliche Einzug des deutschen Kaisers in Paris“.

Lithographie von Félix Régamey.
Karikatur aus: “La République à Outance”, Paris.
bpk, Bild-Nr. 30019786.

1.5 | Kronprinz Friedrich Wilhelm.

Der Kronprinz hatte sich sogar in Wien erkundigt, ob eine Rückgabe der kaiserlichen Insignien und Kronjuwelen in Erwägung gezogen werden könne und kassierte prompt eine entrüstete Absage. Der aus Goslar eigens zur Eröffnung des ersten Deutschen Reichstages herbeigebrachte „Thron Kaiser Heinrichs III.“ erwies sich später keineswegs als authentisch.

Skizze von Anton von Werner: Kaiserproklamation von Versailles.
GStA PK, VI. HA Nl Werner, Anton von, Nr. 5430.

1.7 | „Ein Cäsar in der Affenjacke“?
(Erich Weinert, 1930).

Kaiser Wilhelm II. in der Uniform eines preußischen Totenkopfhusaren.

GStA PK, IX. HA SPAE I, Nr. 1704 / 54.

1.8 | Patronentaschen-Liederbuch „Leier und Schwert für 1870“.

Wilhelm I. war preußischer König „von Gottes Gnaden“, als künftiger Deutscher Kaiser jedoch nicht.

GStA PK, Dienstbibliothek, 6 F 7b.

1.9 | Großes Staatssiegel König
Wilhelms I. und Wilhelms II. als Pavillonsiegel, seit 1874.

Schild mit gekröntem Königshelm besetzt; großes Wappen 1873 –1918; mit Schildhaltern. Kupfer-Galvano, versilbert, auf Hartbleiplatte mit festem Steg.

Galvano-Kopie aus der Sammlung HELD, städt. Museum Zeitz, 1989.
GStA PK, VIII. HA IV Abt. I Nr. 138/N.

Exkurs
„Wilhelm der Große“

02
Aufstieg der Industriekönige. Die Grundlagen des wirtschaftlichen Aufschwungs

2 | Aufstieg der Industriekönige.
Die Grundlagen des wirtschaftlichen Aufschwungs

Nicht erst die Reichsgründung sorgte für den als „Gründerzeit“ bezeichneten Aufschwung von Gewerbe und Industrie seit den 1850ern. Eine wichtige Voraussetzung für die Konjunktur war der 1834 von Preußen initiierte Zollverein, der im Innern die Zollschranken beseitigte.
Nach zweimaliger Verlängerung und Erweiterung gehörten ihm fast alle Staaten des Deutschen Bundes an. Nur Österreich, Liechtenstein, Limburg, die beiden Mecklenburgs, Holstein, Lauenburg sowie die Hansestädte Hamburg, Bremen und Lübeck traten dem Verein nicht bei. Seit 1865 setzte das hegemoniale Preußen im Zollverein eine am Freihandel orientierte Politik durch. Nach dem Deutschen Krieg gelang es Preußen, den Zollverein 1867 in einen Zollbundesstaat umzubilden. Das Zollparlament beschloss bis 1870 ein gemeinsames Handelsrecht, die Vereinheitlichung von Maßen und Gewichten sowie eine neue Gewerbeordnung mit allgemeiner Gewerbefreiheit.

Ebenso positiv wirkten technische Innovationen in Kommunikation (Telegraphie) und Verkehr (Eisenbahn). Anfangs fuhren auf den deutschen Eisenbahnstrecken – die erste eröffnete 1835 zwischen Nürnberg und Fürth – noch englische Lokomotiven. Doch schon bald trug die Förderung eigener technischer Intelligenz Früchte: Der „Lokomotivkönig“ August Borsig (1804–1854), Schüler des technischen Gewerbe-Instituts in Berlin, präsentierte 1844 seine preisgekrönte Beuth-Lokomotive (2.1). Von dieser wurden bis zum Jahr 1858 1000 Stück produziert, die im stetig wachsenden deutschen und europäischen Eisenbahnverkehr zum Einsatz kamen. Die Eisenbahn als „Motor des Wirtschaftswachstums und Zusammenwachsens des Deutschen Reiches“ (A. Scriba) stieß in immer mehr Regionen vor, verband auch die weit auseinanderliegenden Landesteile Preußens miteinander, sorgte für schnellere und kostengünstigere Transporte zwischen den wachsenden Metropolen und den Agrargebieten und stimulierte die Entwicklung im Berg- und Maschinenbau (2.2).
Trotz des erkennbaren Potentials des Eisenbahnverkehrs hielt sich der Staat bei den hohen Investitionen zurück. Privates Kapital über die Gründung genehmigungspflichtiger Eisenbahn-Aktiengesellschaften zu mobilisieren, war mühselig und riskant. Der vom kaufmännischen Angestellten zum „Eisenbahnkönig“ aufgestiegene Bethel Henry Strousberg (1823–1884) besorgte englisches Kapital und nutzte außerdem ein neues Finanzierungsmodell: Der Bauauftragnehmer wurde nicht mit Geld, sondern mit Aktien der Eisenbahngesellschaft bezahlt und trug somit das Risiko des Aktienhandels. So organisierte Strousberg erfolgreich z. B. den Bau der Strecken Insterburg – Tilsit und Berlin – Görlitz. Mit Ordensverleihungen motivierte man ihn zu weiteren Bauprojekten – auch zum beschleunigten Transport preußischer Soldaten im Kriegsfall (2.3; 2.4).

Kennzeichen des Industrialisierungsschubs waren auch die jährlich steigende Steinkohleförderung und Roheisenproduktion in Deutschland. Der Ingenieur, Unternehmer und „Kanonenkönig“ Alfred Krupp (1812–1887) entwickelte seine Gussstahlfabrik in Essen zur bedeutendsten Rüstungsschmiede des Reiches (2.7). Persönlich mit dem König bekannt, erlaubte sich Krupp 1866 in dringenden Kreditangelegenheiten einen von Ehrerbietungsförmlichkeiten freien, selbstbewussten Ton Wilhelm I. gegenüber (2.6).

Die Gründung einiger Großbanken – wie z. B. 1870 der Deutschen Bank AG – sorgte für dringend benötigtes Kapital für Investitionen in Industrie und Außenhandel (2.8). Daneben profitierte Deutschland von fünf Milliarden Franc französischer Reparationszahlungen.

Die Hoffnung auf Arbeit lockte viele besitzlose Landarbeiter in die Städte. Doch die Arbeitsbedingungen und Löhne waren dort oft miserabel. In den Landgemeinden blieben viele unversorgte Familienangehörige zurück, die der Armenpflege „zur Last fielen“ (2.9).

Trotzdem war die Wandlung Deutschlands von einem Agrarland zu einer Gesellschaft mit industriellem und großstädtischem Charakter nicht aufzuhalten.

2.1 | Prototyp der Lokomotive Beuth der Firma August Borsig.

Ansicht der auf der Allgemeinen Deutschen Gewerbeausstellung 1844 in Berlin gezeigten Lokomotive.

Autor: J. Seiff (Zeichnung), Wischneski (Stich), Pretre (Druck).
GStA PK, XI. HA, SKB, G Nr. 120076.

2.2 | Entwicklung des Eisenbahn-Streckennetzes in Deutschland
1835 –1885.

Animierte Karte des Leibniz-Instituts für Europäische Geschichte in Mainz.
A. Kunz, J. R. Moeschl, M. Haack.

2.3 | Familie Strousberg.
Ölgemälde von Ludwig Knaus in der Stiftung Stadtmuseum Berlin, 1870.
bpk, Bild-Nr. 00009292.

2.5 | Instruktion für Zugführer der Königlich Preußischen Ostbahn,
Bromberg 1874.

GStA PK, I. HA Rep. 93 E, Nr. 1057.

2.6 | Erneuertes, dringliches Gesuch Alfred Krupps an seinen Förderer König Wilhelm I. um Befürwortung seines Antrags beim Finanzminister, in die Geschützproduktion und -lieferung mit einer Bürgschaft von 1 Mio. Taler zu investieren.

Berlin, 9. Juni 1866.

GStA PK, BPH Rep. 51, J Nr. 350.

2.7 | Geschützbau in der Mechanischen Werkstatt der Firma Krupp.

Holzschnitt von Robert Engels, in: Krupp 1812 –1912.
Zum 100-jährigen Bestehen der Firma Krupp und der Gussstahlfabrik zu Essen-Ruhr, Jena 1912.

GStA PK, Bibl.-Sign. 24a E 6.

2.8 | Allerhöchste Genehmigung der Errichtung der Aktiengesellschaft „Deutsche Bank“.

Berlin, 10. März 1870.

GStA PK, I. HA Rep. 131, 4 D Nr. 66.

Exkurs
Firmengründungen 1850 –1873

03
Im Krisenmodus. Der Gründerkrach und seine Folgen

3 | Im Krisenmodus.
Der Gründerkrach und seine Folgen

Am 9. Mai 1873 brachen an der Wiener Börse die Kurse ein. Dieses als „Gründerkrach“ bezeichnete Ereignis (3.1) beendete den industriellen Aufschwung der sogenannten Gründerzeit. Es löste eine Finanzkrise aus, die sich rasch ausbreitete und im Sommer die Börsen in Paris, Amsterdam, London und New York erreichte. An den Börsen des jungen Deutschen Reiches brachen die Kurse schließlich im Oktober 1873 ein.

Jahrelang hatten sich zollfreier Handel, ein weitgehend unregulierter Finanzmarkt und der industrielle Aufschwung gegenseitig befeuert. Der Markt war geradezu übergequollen vor Investitionsmöglichkeiten (3.1) und hatte einen regelrechten Aktienboom ausgelöst (3.3).
Als in Wien die versprochenen, tatsächlich aber völlig überhöhten Dividenden im Mai 1873 nicht ausgezahlt werden konnten, wurde die ungehemmte Aufschwungseuphorie bitter enttäuscht. Mit der Spekulationsblase platzte auch der Traum von unaufhaltsamem Fortschritt und Reichtum.

Dabei kam der Krach 1873 keinesfalls unerwartet. Kritische Beobachter des Geschehens hatten bereits einen Monat zuvor mit dem Einzug von „General Pleite“ gerechnet (3.4) und den „Actien-Gründer-Schwindel“ erkannt (3.5).

Infolge der Krise schärfte sich ab 1873 der kritische Blick auf den Börsenhandel. Gerade noch gefeierte Industrie-Investoren wurden als Spekulanten ausgemacht und deren Praktiken angeprangert. Während rüstungsrelevante Unternehmen wie die Gussstahlfabrik Friedrich Krupp in Essen staatliche Darlehen in Millionenhöhe erhielten (3.6) und „alte Häuser“ gestützt wurden (3.7), ließ man beispielsweise den Eisenbahninvestor Henry Bethel Strousberg fallen. Trotz wiederholter Bitten erhielt er keinerlei staatliche Hilfen. Als der verschuldete Strousberg im Jahr 1875 wegen Anstiftung zu Kreditvergehen in Moskau festgenommen worden war, konnten selbst die herzerweichenden Bittbriefe der vier Strousberg-Töchter Kaiser Wilhelm I. nicht zur Unterstützung des ehemaligen „Eisenbahnkönigs“ bewegen (3.8).

Die Verlierer der Krise waren vorwiegend Industrielle und die Beteiligten am Finanzmarkt. Dazu zählten nicht nur Banken und Finanzhändler, sondern auch die vielen bürgerlichen Privatanleger, die sich von der Euphorie hatten mitreißen lassen.

Insgesamt führten Überproduktion und Überangebot ab 1873 zu Preissenkungen, was die Gewinne der Produzenten und Investoren schmälerte. Gleichzeitig beförderte es aber den allgemeinen Konsum. Arbeitnehmer und Beamte profitierten davon – erst recht in Verbindung mit den Lohnsteigerungen im Laufe der 1870er und 1880er Jahre.

Den Krisendiskurs und die öffentliche Krisenwahrnehmung beherrschten die Leidtragenden der Gründerkrise: medial durch Beiträge in Zeitungen und Druckschriften und politisch durch gezielte Arbeit der Interessenvertretungen, die sich überwiegend im Industriesektor und in der ab 1877 in Mitleidenschaft gezogenen Landwirtschaft formierten (3.9–3.11). Indem diese Lobbyorganisationen das Krisengefühl und die Angst vor dem wirtschaftlichen Absturz schürten, gewannen so insbesondere die konservativen Kräfte an politischem Einfluss.

Wirtschaftspolitisch löste der Gründerkrach im Reich eine konservative Wende mit Fokus auf strengere Regulierungen aus. Er brachte zum einen eine Verschärfung der Aktien- und Börsengesetzgebung mit sich (Börsensteuer 1881, Novellierung des Aktiengesetzes 1884, umfängliches Börsengesetz 1896). Zum anderen bewirkte er ab 1873 eine zunehmende Abkehr von der liberalen Freihandelspolitik. Aus der Befürchtung heraus, ökonomisch im Nachteil zu sein, spätestens wenn die Nachbarstaaten Schutzzölle etablieren würden (3.12), legte das Deutsche Reich im Jahr 1879 Einfuhrzölle fest.

Die auf den Gründerkrach folgende, sogenannte „Große Depression“ war keine allgemeine Wirtschaftskrise im Sinne eines anhaltenden Konjunkturtiefs, sondern eine Rezession, die überhöhte Wachstumsraten ausglich. Sie ist mehr als sozialpsychologisches denn als wirtschaftliches Phänomen zu werten. In jedem Fall ging die neue konservative Reichsregierung gegenüber dem liberal dominierten Parlament gestärkt hervor.

3.1 | Die Börsenkatastrophe in Wien am 9. Mai 1873. Nach einer Skizze von J. E. Hörwarter.

Illustrierte Zeitung, Leipzig, Berlin u. a., 60. Jahrgang, Nr. 1564, 21. Juni 1873, S. 472.
GStA PK, Dienstbibliothek, 47,345.

3.2 | Anonym: Der Große Krach.

Kladderadatsch. Das deutsche Magazin für Unpolitische, 26. Jahrgang, Nr. 23, 18. Mai 1873, S. 89.
GStA PK, Dienstbibliothek, 14 K 15:26.1873.

3.3 | Aktie der Union Aktiengesellschaft für Bergbau, Eisen- und Stahlindustrie über 200 Taler zum Nominalwert.

Dortmund, 15. Oktober 1872.

bpk, Bild-Nr. 00001433.

3.4 | Karikatur „Bank-, Handels- und Industrie-Parade“.

Kladderadatsch. Das deutsche Magazin für Unpolitische,26. Jahrgang, Nr. 17, 13. April 1873.
bpk, Bild-Nr. 00001433.

3.5 | Karikatur „Actien-Gründer-Schwindel und Actionäre“.

Kladderadatsch. Das deutsche Magazin für Unpolitische, 26. Jahrgang, Nr. 17, 13. April 1873.
GStA PK, Dienstbibliothek, 14 K 15:26.1873.

3.6 | Karikatur „Alte Häuser stützen“.

Kladderadatsch. Das deutsche Magazin für Unpolitische, 26. Jahrgang, Nr. 24, 25. Mai 1873.
GStA PK, Dienstbibliothek, 14 K 15:26.1873.

3.7 | Eintrag beim Königlichen Grundbuchamt zu Essen über Gewährung eines staatlichen Hypothek-Darlehns für die Gussstahlfabrik Friedrich Krupp in Essen von der Königlichen Generaldirection der Seehandlungs-Societät „auf Höhe von zwölf Millionen Thaler“.

Essen, 11. April 1874.

GStA PK, I. HA Rep. 109, B Tit. 2, Nr. 161, Bd. 1, Bl. 2.

3.9 | „Wie Leute ausgezogen werden! Enthüllungen über das Börsen- und Bankwesen unserer Zeit. Als Warnung für Capitalisten, als Wegweiser für Advocaten, Richter etc. Geschrieben von ‚Eingeweihten‘ “.

Broschüre, Prag 1875.
GStA PK, VI. HA Nl Stoecker, A., Nr. 559.

3.10 | „Gegen den Strom! Eine Kritik der Handelspolitik des deutschen Reiches an der Hand der Crey’schen Forschungen von Wilhelm von Kardorff-Wabnitz“.

Broschüre, Berlin 1875.
GStA PK, I. HA Rep. 121, Nr. 8432, Bl. 96 ff.

3.11 | „Gutachten des Vereins zur Wahrung der gemeinsamen wirthschaftlichen Interessen in Rheinland und Westphalen bezüglich des Neuabschlusses der Handelsverträge …“.

Broschüre, Düsseldorf o. D.
GStA PK, I. HA Rep. 77, Tit 93, Nr. 55 Bd. 2, Bl. 72 ff.

Exkurs
Ausdruck von Krise?

04
Die Erbitterung erreicht „einen einigermaßen bedenklichen Grad“. Wohnungsnot und soziale Konflikte

4 | Die Erbitterung erreicht „einen einigermaßen bedenklichen Grad“.
Wohnungsnot und soziale Konflikte

Industrialisierung und Urbanisierung veränderten sowohl das Arbeits- als auch das Alltagsleben der Menschen in Deutschland im 19. Jahrhundert sehr weitgehend sowie vergleichsweise rasch. So ergaben und verstärkten sich soziale Probleme vor allem in unteren Schichten der Gesellschaft, woraus nicht zuletzt der Aufstieg der politischen Arbeiterbewegung resultierte. Auch die sogenannte Wohnungsfrage trat insbesondere in konjunkturellen Hochphasen, wie jener unmittelbar nach der Gründung des Kaiserreichs, immer wieder zu Tage, wenn auch regional mit großen Unterschieden. Wuchs die Bevölkerung der Städte bedingt durch Zuwanderung von Arbeitskräften in industrielle Zentren sowie einen steigenden Geburtenüberschuss auch bereits deutlich vor 1870/71 an, so beschleunigte sich dieser Prozess in den nachfolgenden Jahrzehnten nochmals signifikant (1871 lebten 4,8 % der Bevölkerung des Deutschen Reichs in Städten mit mehr als 100.000 Einwohnern, 1910 waren es bereits 21,2 %).

Grundsätzlich herrschte somit immer wieder ein Mangel an Wohnraum. Hinzu kam eine sehr hohe Umzugsrate, die zum Teil in der quartalsweise erhöhten Miete begründet lag, so dass viele Mieter aus finanziellen Gründen eine neue Bleibe suchen mussten. Dies geschah natürlich vermehrt in Zeiten eines angespannten Wohnungsmarktes, als Ausweg errichteten nicht wenige der obdachlos Gewordenen an den Stadträndern dürftige Baracken aus zusammengeklaubten Baumaterialien (4.5).

Die Zerstörung einer solchen Siedlung in Berlin hat vermutlich zur weiteren Eskalation mehrtägiger Unruhen beigetragen, die sich Ende Juli 1872 in der Gegend der Blumenstraße ereigneten. Auslöser war der nicht selten vorkommende Rauswurf (Exmittierung) einer angeblich mietsäumigen Familie, die wie üblich mitsamt Mobiliar auf die Straße gesetzt wurde (4.6). In der ob der Wohnungsfrage ohnehin seit längerem gereizten Stimmung richtete sich die Wut der hinzugelaufenen Anwohner und Arbeiter umliegender Fabriken zunächst gegen den Vermieter und dann auch gegen die nicht deeskalierend einwirkende Polizei. Bei den folgenden mindestens dreitägigen, tumultartigen Kämpfen mehrerer tausend Beteiligter wurden zahlreiche Menschen verletzt und es entstanden nicht unerhebliche Sachschäden. Obgleich sich in Berlin auch früher bereits ähnliche Wohnungskrawalle ereignet hatten, wurde der Vorfall von der Obrigkeit sehr ernst genommen (4.3).

Die Wohnungsproblematik machte jedoch nur einen Teil der mit der voranschreitenden Industrialisierung immer stärker aufkommenden „Sozialen Frage“ aus. Die diesbezüglichen Diskussionen in der preußischen Regierung unter Otto von Bismarck (ab 1862) spiegelten zunächst den auch im preußischen Verfassungskonflikt vorherrschenden Gegensatz zwischen liberalen und konservativen Kräften wider. Auf konservativer Seite wirkte vor allem Hermann Wagener, u. a. Mitbegründer der Neuen Preußischen (Kreuz-)Zeitung, als enger Vertrauter auf Bismarck ein. Seine sozialpolitischen Vorstellungen zielten bereits früh darauf ab, zentrale Forderungen der Arbeiterbewegung zu erfüllen und ihre Anhänger so stärker in die Gesellschaft zu integrieren. In der Wohnungsfrage verfolgte er aus heutiger Sicht teilweise moderne Ansätze, beispielsweise hinsichtlich der Förderung genossenschaftlichen Bauens (4.4). Während die wirtschaftsliberale Gegenseite um Handelsminister Heinrich Graf von Itzenplitz viele der Konflikte im Arbeitsleben grundsätzlich anders einschätzte, wurde hier zumindest ein Notstand anerkannt.

Auch die Arbeiterbewegung nahm sich des Themas zumeist nicht mit vollem Engagement an. Friedrich Engels vertrat so unter anderem in seinen zwischen 1872 und 1873 verfassten und später unter dem Titel „Zur Wohnungsfrage“ gesammelt veröffentlichten Aufsätzen die Ansicht, dass „die Wohnungsnot […] einer der zahllosen kleineren, sekundären Übelstände, die aus der heutigen kapitalistischen Produktionsweise hervorgehen“, sei (4.9).

Die Lösungsansätze blieben umstritten und andere (soziale) Probleme in den 1870er und 1880er Jahren für den Staat virulenter; so wurden in dieser Zeit in erster Linie sozialhygienische Maßnahmen vorangetrieben, etwa bei der Wasserversorgung und Abwasserbeseitigung. Erst ab ungefähr 1890 kamen allmählich konkretere politische Überlegungen zur Behebung der Wohnungsnot auf, beispielsweise zur Wohnraumversorgung für Staatsbedienstete und zur Förderung von Baugenossenschaften. Dennoch fanden viele der Fragen noch bis weit in die 1920er Jahre und darüber hinaus keine abschließende Beantwortung.

4.1 | „Zu verkennen ist indessen nicht, daß die in allen Stadttheilen gegen die Hauswirthe wegen ihres willkührlichen Schaltens und insbesondere wegen des fortwährenden Steigerns des Miethzinses herrschende Erbitterung […] einen einigermaßen bedenklichen Grad erreicht hat.“

Berlin, 4. August 1871 (Schriftausschnitt aus Akte).

GStA PK, I. HA Rep. 89, Nr. 15091, Bl. 116 VS.

4.2 | Bekanntmachung des Berliner Polizeipräsidiums zum „Blumenstraßenkrawall“.

Plakat, Berlin, 27. Juli 1872.

GStA PK, I. HA Rep. 89, Nr. 15091, Bl. 145.

4.3 | Polizeibericht zum „Blumenstraßenkrawall“ mit Marginale Wilhelms I., die sich vermutlich auf eine als „Kartoffelrevolution“ bekannte Hungerunruhe im April 1847 bezieht und diese mit der Revolution von 1848 in Verbindung setzt.

Berlin, 27. Juli 1872.

GStA PK, I. HA Rep. 89, Nr. 15091, Bl. 137 VS.

„Berlin, den 27. Juli 1872
Erneuter Tumult in der Gegend der Blumenstraße […] daß, nachdem gestern Mittag ein kleinerer Tumult in der Blumenstraße gegen 2 Uhr beseitigt war, gegen 8 Uhr Abend ein Tumult von bedeutend größeren Dimensionen entstand. Derselbe erstreckte sich nicht nur auf die Blumenstraße, sondern auch auf den grünen Weg, Andreasstraße, Frankfurter Linden, Straußbergerund Weberstraße. Gegen ½ 11 Uhr war die genannte Gegend gesäubert, jedoch konnte es nur bei dem heftigen Widerstande der Tumultuanten mit Anwendung der blanken Waffe
Minister des Innern [per Telegramm]
Wir dürfen diese Excesse nicht wie 1847 en bagattèlle behandeln, wodurch 1848 möglich wurde. Wilhelm“

4.4 | Kurze Analyse der Wohnungsfrage im Rahmen einer preußisch-österreichischen Konferenz im November 1872 zur sozialen Frage (Memorialschreiben des Geheimen Oberregierungs-Rates Hermann Wagener).

Berlin, [15.] Dezember 1872.

GStA PK, I. HA Rep. 89, Nr. 15264,Bl. 27 VS.

„[…]
In Folge der Freizügigkeit und des Andranges der Bevölkerung nach den großen Städten sei die Nachfrage nach Wohnungen sehr gestiegen; […] Das Resultat sei die in erschreckenden Dimensionen zu Tage tretende und in vielfachen Beziehungen geradezu bedenkliche Wohnungsnoth unter der die Arbeiter, kleine Gewerbsleute und die Beamten am meisten litten. Der Staat könne direkt wenig zur Sache thun, er könne weder selbst bauen, noch andere zu bauen verpflichten.
[…]“

4.5 | Die Baracken von Obdachlosen in Berlin.

Holzstich nach einer Zeichnung von Georg Koch
[Berlin], 1872.
bpk, Bild-Nr. 20030290.

4.6 | „Obdachlos!“ Exmittierte Familie mit Mobiliar auf der Straße.

Holzstich nach einer Zeichnung von H[ermann] Lüders
[Berlin, 1872].
Daheim. Ein deutsches Familienblatt mit Illustrationen; Jahrgang 8 Nr. 4, Leipzig 1872, S. 57.

4.7 | „Wohnungsnoth macht erfinderisch.“
Karikatur zur Wohnungsnot.

Holzstich.
Kladderadatsch. Humoristisch-satirisches Wochenblatt, 25. Jahrgang Nr. 27, 16. Juni 1872, Berlin 1872, S. 108.

4.8 | „Die Bevölkerung Frankfurt’s […]“. 
Karikatur zur Wohnungsnot.

Holzstich nach Zeichnung von G. Schmitt.
Frankfurter Latern. Satyrisches, humoristisch-lyrisches, kritisch-raisonnirendes, ästhetisch-annoncirendes Wochenblatt, Nr. 5, 16. März 1872, Frankfurt am Main, 1872, S. 20.

4.9 | Friedrich Engels: Zur Wohnungsfrage; 2. durchges. Aufl., Hottingen-Zürich 1887; 
in: Sozialdemokratische Bibliothek. Sammlung von Abhandlungen über Theorie und Geschichte des Sozialismus, I. Band, 1885 –1887.

[Leipzig, 1872].

GStA PK, Dienstbibliothek, 50h 35:13.

4.14 | Büste von Karl Marx, o. D. GStA PK, I. HA Rep. 400, Nr. 95.

4.15 | „Das Tempo der Gründerjahre“.
Bau von Mietskasernen in Berlin, vermutlich in der Grenadierstraße (heute Almstadtstraße).

Ölgemälde, Friedrich Kaiser
[Berlin], um 1875.
bpk, Bild-Nr. 00004222.

05
Leuchttürme der Forschung

5 | Leuchttürme der Forschung

In den 1870er Jahren nahm der Akademisierungsprozess staatlicher und privater Forschungsinitiativen zu. Dieser schlug sich im Auf- und Ausbau, der Professionalisierung sowie Institutionalisierung von Forschung nieder. Darüber hinaus setzte ein innerer Differenzierungsprozess des universitären Wissenschaftsbetriebs ein, der neue Disziplinen und Subdisziplinen hervorbrachte und die Einrichtung neuer hochspezialisierter Lehrstühle, die Gründung von Kliniken, Instituten, Fachgesellschaften und Seminaren förderte.

Technische Innovationen, die die Welt erstmals für viele erfahrbar und im Sinne der Verbesserung der Lebensverhältnisse beeinflussbar machten, bedingten ein verstärktes Interesse an den Naturwissenschaften. So erfuhren diese nicht zuletzt durch die Umwandlung der polytechnischen Schulen in Technische Hochschulen im Zuge der Hochschulexpansion ab 1871 eine institutionalisierte Stärkung. Sie schlossen mit ihren praxisbezogenen Fächern eine Lücke in der naturwissenschaftlich-technischen Ausbildung. Die Universitäten verloren zwar ihre Monopolstellung, blieben jedoch Referenz, wenn andere Hochschulformen nach gleichen Rechten und Strukturen strebten.

Während die Technische Hochschule Aachen bereits 1870 gegründet wurde, beschritt Berlin einen Sonderweg. Trotz der zeitigen Diskussion um eine zentrale Ausbildungseinrichtung traten nicht zuletzt die drei Berliner Akademien für ein Festhalten an institutionell getrennten Spezialschulen ein. Der Beschluss zur Gründung eines Polytechnikums, der jedoch erst 1879 als Technische Hochschule umgesetzt wurde, entschied den Kompetenzkonflikt. Die wachsenden Gelehrtenbestrebungen ließen ferner Forderungen nach einer staatlich finanzierten und organisierten Großforschung aufkommen, die zur Gründung von Instituten oder der Unterstützung von Expeditionen führten. So erfolgte 1871 die Umwandlung des von einem Freundeskreis 1829 gegründeten Instituto di corrispondenza archeologica ob seiner international ausgerichteten Kultur- und Wissensforschung, die fortwährend auswärtige Angelegenheiten tangierte, von einem privaten Verein in eine preußische Staatsanstalt. Bereits drei Jahre später war das Institut eine kulturpolitische Größe, weshalb es eine gesamtdeutsche Anbindung an das Reich erfahren sollte. So gab man das nun Kaiserlich Deutsche Archäologische Institut in den Zuständigkeitsbereich des Auswärtigen Amtes und garantierte den deutschen Ländern gemäß Statut einen Sitz in der Zentraldirektion.

Der Ausbau naturwissenschaftlicher Bildungs- und Forschungseinrichtungen machte eine Steigerung der industriellen Produktion von technischem Laborgerät notwendig. Um mit der zunehmend internationalen Konkurrenz mithalten zu können, wurden Innovationen notwendig. In einer 1872 an das Preußische Kultusministerium gesandten Denkschrift schlugen deshalb Karl-Heinrich Schellbach und weitere namhafte Wissenschaftler die Gründung eines Museums für exakte Wissenschaften vor, das bekannte wissenschaftliche Präzisionstechnologie zugänglich machen und technische Innovation befördern sollte. Obwohl Kronprinz Friedrich Wilhelm ihr Ansinnen unterstützte, wurde das Gesuch auf Grundlage eines Gutachtens der Preußischen Akademie der Wissenschaften abgelehnt. Die Akademie fürchtete mit dem Institut einen Konkurrenten hinsichtlich finanzieller und personeller Ausstattung für Berliner Wissenschaftseinrichtungen. Erst zehn Jahre später konnte sich die Idee als Physikalisch-Technische Reichsanstalt durchsetzen.

Private Forschungsunternehmungen erhielten gezielt Unterstützung, um deren Erkenntnisse zur Arbeitsgrundlage für neue preußische Forschungsinstitutionen zu machen. So plante der Naturforscher Anton Dohrn die Gründung von zoologischen Stationen, die es Wissenschaftlern ermöglichen sollten, mit allem notwendigen Laborgerät, aber auch mit entsprechendem Wohnraum, direkt am Meer eigenen Forschungsanliegen nachzugehen. Als ihm 1872 die Stadt Neapel kostenlos ein entsprechendes Baugrundstück zur Verfügung stellte, sandte er ein entsprechendes Gesuch um Errichtung an das Preußische Kultusministerium. Dohrns Forschungs- und Geschäftsmodell offenbarte sich als überaus erfolgreich: In einer einzigartigen Umgebung konnten Gäste Arbeitstische mieten, zu denen eine Laborausstattung und ein eigenes Aquarium gehörten, und an einem internationalen Netzwerk teilhaben.

Die 1870er Jahre waren geprägt von privaten und staatlichen Unternehmungen zur Grundlagenforschung. Das vermehrte Interesse provozierte auch Konkurrenz, die nicht selten dadurch ausgeschaltet wurde, indem innovative Ideen vom preußischen Staat vereinnahmt wurden oder, so dieser das Potential nicht erkannte, direkt in die Zuständigkeit des Deutschen Reiches übergegangen sind.

5.1 | Entwurf einer Diplomurkunde für an der Gewerbeakademie Berlin erbrachte Leistungen.

Berlin, 1872.
GStA PK, I. HA Rep. 76, Vb Sekt. 1 Tit. V Nr. 1 Bd. 1.

5.4 | Handschreiben des Kronprinzen Friedrich Wilhelm bezüglich der Gründung eines Museums für exakte Wissenschaften (Abschrift).


Potsdam, 1872.
GStA PK, I. HA Rep. 76, Vc Sekt. 1 Teil XII Nr. 250.

5.7 | Kronprinz Friedrich Wilhelm von Preußen und Erbprinz Ludwig von Hessen in Kairo während der gemeinsamen Orientreise zur Eröffnung des Suezkanals.

Fotografie von Wilhelm Hammerschmidt. Kairo, 1869.
bpk, Bild-Nr.: 70139541.

5.9 | Technische Hochschule Berlin, um 1880.


GStA PK, IX. HA SPAE, III Nr. 4191.

06
Iron Empire? Militarisierung der Gesellschaft

6 | Iron Empire? Militarisierung der Gesellschaft

„Der preußische Leutnant ging als junger Gott, der bürgerliche Reserveleutnant wenigstens als Halbgott durch die Welt.“

So beschrieb 1946, nach den Erfahrungen des Naziregimes und des 2. Weltkriegs der Historiker Friedrich Meinecke (1862–1954) die Militarisierung der Gesellschaft im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert. Die überragende Position der Armee im wilhelminischen Deutschland ist in der Forschung immer wieder betont worden. Das Gros der Gesellschaft richtete sich auf das Offizierskorps aus, das den monarchischen Staat repräsentierte (6.1; 6.4). Sogar große Teile des Kleinbürgertums konnten für die Interessen der Armee gewonnen werden.

Seit den preußischen Reformen verstand sich die Armee als „Schule der Nation“. Hier erlernten unabhängig von sozialer Herkunft, Konfession und Heimatregion die Rekruten die staatsbürgerlichen Pflichten wie Staats- bzw. Königstreue, Vaterlandsliebe und Opfergeist. Der militärische Erziehungsanspruch kam in Funktionszuweisungen für Offiziere und Unteroffiziere ebenso zum Ausdruck wie in Einrichtungen, die einen Ausgleich zwischen Militärmonarchie und Bürgertum schaffen sollten. Die Reorganisation des Heeres von 1860, vor allem aber die Siege in den Einigungskriegen erleichterten die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht. Nach dem Reichsmilitärgesetz von 1874 waren alle Männer ab dem vollendeten 20. Lebensjahr militärpflichtig. Die Dienstpflicht dauerte bis zum 27. Lebensjahr. Dieser Zeitraum wurde in 3 bzw. 2 Jahre aktiven Dienst und 4 bzw. 5 Jahre Reserve geteilt (6.6). Den größten Teil der Rekruten stellten zunächst die ländliche Bevölkerung, mit zunehmender Industrialisierung die Arbeitersöhne.

Da die Rekrutierungsquote nach der Heeresreform erhöht wurde, wurde auch der „Einjährig-Freiwilligen“-Dienst für das Bürgertum attraktiver (6.2). Die Offizierslaufbahn blieb wegen des Kooptationsprinzips jedoch weiterhin weitgehend dem Adel vorbehalten.

Ungeschriebene Entscheidungskriterien waren hier neben Herkunft und sozialem Status die politische Einstellung und die Konfessionszugehörigkeit. 1878 waren 81 Prozent der Generäle adelig. Das Offizierskorps verstand sich als „erster Stand“ der Gesellschaft. Als Dienst- und Machtelite, die bis zum Ersten Weltkrieg den „Maßstab" gesellschaftlicher Geltung am stärksten prägte“ (Stürmer, 1994), verortete es sich weit über den zivilen Chargen. Der reformerische Anspruch spiegelte sich in den Kadettenanstalten für die Söhne verarmter Adeliger und der Offiziere. In bewusster Abkehr von regulären Bildungseinrichtungen wurden hier die Jungen nicht nur militärisch gedrillt, sondern auch politisch geformt. Die Kriegsakademie unterstand seit 1872 dem personell stark angewachsenen Generalstab (6.5). Die Ausbildung der Offiziere wurde immer spezialisierter, denn die militärischen Fächer nahmen nun neben den allgemeinbildenden deutlich zu (6.9; 6.11).


Militärische Standes- und Ehrvorstellungen wirkten in die bürgerliche Gesellschaft hinein. Von Soldaten wurde Treue zur Fahne, Mut, Gehorsam gegenüber den Vorgesetzten sowie ehrenhaftes Verhalten und Kameradschaft verlangt, dies galt selbstverständlich für die Reservisten gleichermaßen. Das „Einjährige“ berechtigte zum Eintritt in die mittlere Beamtenlaufbahn. Gegen Ende des Kaiserreichs hatten fast 50 Prozent aller Volksschullehrer den „Einjährig-Freiwilligen“-Dienst absolviert. In den Unterrichtsalltag übernahmen sie militärische Umgangsformen sowie entsprechendes Lehrmaterial. Unteroffiziere, die meist als nicht erbberechtigte Bauernsöhne, Handwerkersöhne und Söhne aus dem Kleinbürgertum zum Militär gegangen waren, hatten, um sich eine geachtete berufliche Existenz aufzubauen, nach 12-jähriger Dienstzeit ebenfalls Anspruch auf eine Verwendung in der Ziviladministration erworben. Die ehemaligen Militärs in der Verwaltung verbreiteten militärisches Hierarchiedenken sowie nicht zuletzt eine spezifische politische Grundeinstellung in der Bürokratie und damit in der Gesamtgesellschaft.Das Alltagsbewusstsein der Menschen war von dem schier unerschütterlichen Glauben an soldatische Werte und Tugenden durchdrungen.

Heinrich Mann mit „Der Untertan“ (1914) und Carl Zuckmayer mit „Der Hauptmann von Köpenick“ (1931) haben der Militarisierung der wilhelminischen Gesellschaft literarische Denkmale, ja Mahnmale gesetzt.

6.2 | Handbuch für Einjährig-Freiwillige Reserveoffizier-Aspiranten und Offiziere des Beurlaubtenstands der Pioniere und Verkehrstruppen, Emil Hartmann. - Berlin 1910.

Einjährig-Freiwillige waren Wehrpflichtige mit höherem Schulabschluss, die sich zum Wehrdienst in einem Truppenteil ihrer Wahl meldeten. Wilhelm II. bestimmte, dass dies nur Angehörigen der sog. „offizierfähigen Schichten“ offenstehen sollte.


GStA PK, Dienstbibliothek 6 H 80.

6.3 | Militärkonvention zwischen dem Großherzogtum Hessen-Darmstadt
und dem Königreich Preußen vom 17. April 1867.

Die großherzoglich-hessischen Truppen wurden durch die Militärkonvention dem Oberbefehl des Königs von Preußen unterstellt und 1872 der preußischen Armee inkorporiert. Die Reichsverfassung sah vor, dass zu Kriegszeiten ein gesamtdeutsches Heer unter der Kommandogewalt des Kaisers formiert war.

Tinte auf Papier, gebundenes Heft.
GStA PK, III. HA MdA, I Nr. S 10526.

6.6 | Reserve-Offizier-Patent für Franz Hoffmann (1864–1931), 1884.

Der „EF“ konnte zum Offizier der Reserve befördert werden. Ein Reserveoffizier hatte soziale Vorteile und hohes gesellschaftliches Ansehen.


GStA PK, VI. HA Nl Hoffmann, Franz, Nr. 6.

6.9 | Militärparade vor Kaiser Wilhelm II. auf dem Tempelhofer Feld.

Zu zahlreichen Anlässen nahm der Kaiser Heerschauen ab. Paraden auf dem Tempelhofer Feld oder auf den Berliner Prachtstraßen prägten das öffentliche Leben. Diese pompösen Inszenierungen sind markanter Ausdruck des sog. ‚Wilhelminismus‘.

Foto um 1900.
GStA PK, IX. HA SPAE, VII Nr. 125.

6.10 | „Napoleon III. und Otto v. Bismarck nach der Schlacht von Sedan in Donchery am 02.09.1870“.

Druck, um 1900, nach dem – heute verschollenen – Gemälde von Wilhelm Camphausen von 1878.
bpk, Bild-Nr. 00007293.

6.11 | Hauptkadettenanstalt Groß-Lichterfelde.

Über dem Portal der Hauptkadettenanstalt in Groß-Lichterfelde sind die lebensgroßen Bronzefiguren der preußischen Könige Friedrich Wilhelm I., Friedrich II., Friedrich Wilhelm III. und Wilhelm I., der erster Deutscher Kaiser war. Die militärische Eliteausbildungsstätte musste nach dem 1. Weltkrieg aufgegeben werden.

Foto um 1910.
GStA PK, IX. HA SPAE VII, Nr. 1139.

07
„Nach Canossa gehen wir nicht!“ Der Kulturkampf in Preußen

7 | „Nach Canossa gehen wir nicht!“ Der Kulturkampf in Preußen

Als am 21. März 1871 der Reichstag, in dem die 1870 gegründete katholische Partei „Zentrum“ mit 18% der Wählerstimmen die zweitstärkste Fraktion bildete, zum ersten Mal zusammentrat, war Bismarck alarmiert. Mit dem Pontifikat Pius’ IX. und seines 1864 formulierten „Syllabus errorum“ hatte eine katholische Erneuerungsbewegung begonnen, die die säkularen Errungenschaften des modernen Staates, vor allem aber politische, wirtschaftliche und kulturelle Grundsätze des Liberalismus ablehnte. Die Verkündung des „Unfehlbarkeitsdogmas in Glaubensdingen“ auf dem Ersten Vatikanischen Konzil (1870) war ein weiterer Schritt, um gläubige Katholiken enger an den Heiligen Stuhl zu binden und den päpstlichen Einfluss im Deutschen Reich zu stärken (7.9). Bismarck misstraute der „Reichstreue“ der süddeutschen Vertreter im Reichstag. Er fürchtete um die innere Einheit des gerade erst gegründeten Nationalstaats. Denn die im Zentrum politisch organisierten Katholiken im Reich, die sich selbst von einer säkularisierten Welt bedroht wähnten, unterstützten sowohl die nach dem Deutschen Krieg 1866 entthronten Welfen als auch die polnischen Nationalbewegungen in Posen und Westpreußen. Der Reichskanzler sah darin die Abkehr der katholischen Amtskirche sowohl von der preußischen Regierung als auch von der Reichsregierung. Wie die Nationalliberalen, die im Reichstag und im preußischen Abgeordnetenhaus die größte Fraktion bildeten, sah Bismarck in der Zentrumspartei einen „Reichsfeind“.

Zunächst hatte Bismarck noch versucht, über den bayerischen Gesandten im Vatikan, mit dem Papst ein Arrangement zu finden (7.2). Nachdem jedoch die Abgeordneten des Zentrums im Reichstag die Wiederherstellung des durch das Königreich Italien annektierten Kirchenstaates gefordert hatten und Pius IX. die Akkreditierung eines dezidiert „anti-ultramontanen“ deutschen Gesandten verweigerte, war eine Eskalation des Konflikts unvermeidbar. Bismarck münzte die von ihm bewusst herbeigeführte Niederlage in einen diplomatischen Affront um und erklärte am 14. Mai 1872 in einer Reichstagsrede: „Seien Sie unbesorgt, nach Kanossa [!] gehen wir nicht, weder körperlich noch geistig.“ Mit dem Bezug auf den Bußgang Kaiser Heinrichs IV. nach Canossa im Jahr 1077 überhöhte er die Bedeutung der Auseinandersetzung zu einer patriotischen Frage. Ein Zeugnis, welchen Widerhall dies vor allem in den protestantischen Teilen der Bevölkerung fand, ist die 1875– 1877 errichtete und noch heute bestehende Bismarcksäule in Bad Harzburg (7.6).

Nach dem Abbruch der diplomatischen Beziehungen zwischen dem Deutschen Reich und dem Heiligen Stuhl versuchte Bismarck, die Unterordnung der katholischen Kirche durch Gesetze zu erzwingen. Die liberale Mehrheit im preußischen Abgeordnetenhaus trug Maßnahmen mit, die von der Zivilehe, der Staatsaufsicht über das Schulwesen bis zur Gründung einer konkurrierenden katholischen Nationalkirche reichten. Als besonders aktiver Unterstützer erwies sich hierbei der preußische Kultusminister Adalbert Falk (7.7). Am 17. Januar 1873 prägte der Pathologe und Parlamentarier der linksliberalen Fortschrittspartei Rudolf Virchow (7.6) in einer Rede im preußischen Abgeordnetenhaus den Begriff „Kulturkampf“ (7.3) für die politische Auseinandersetzung zwischen Staat und katholischer Kirche.

Der Konflikt wurde auch publizistisch ausgetragen. Die Tagespresse beider Lager veröffentlichte nicht nur polemische Artikel, sondern auch satirische Karikaturen (7.8). Als Höhepunkte der Auseinandersetzung gelten aber gesetzgeberische Maßnahmen wie die Konfiskation von Kirchenbesitz in Millionenhöhe, die Inhaftierung von Hunderten kirchlicher Würdenträger, sowie die Aufhebung der geistlichen Orden und die Ausweisung nichtpreußischer Priester. Bismarcks Ziel, die Loyalität der Katholiken für das Reich zu gewinnen, scheiterte. Die sogenannten „Kampfgesetze“ stießen in der katholischen Bevölkerung auf erheblichen Widerspruch und führten zum Erstarken der Zentrumspartei. 1874 verdoppelte sie ihr Wahlergebnis. In den Reichstagswahlen von 1881 und 1884 wurde sie jeweils sogar stärkste Kraft. Der Führer des Zentrums, Ludwig Windthorst (7.5), entwickelte sich zu einem besonders exponierten Gegenspieler des Reichskanzlers.

Ab Mitte der 1870er Jahre sondierte Bismarck die Möglichkeiten zur Beendigung des Konflikts. Nachdem Pius IX. 1878 gestorben war, erwies sich sein Nachfolger, Leo XIII., in Bezug auf weltlich-politische Fragen wesentlich flexibler und zu Verhandlungen bereit. Um zumindest Teile des bislang Erreichten zu erhalten, bemühte sich Bismarck nun intensiver um einen Ausgleich mit der katholischen Kirche. Die innenpolitischen Konstellationen hatten sich seit 1876 zudem gewandelt. Die Krise in Industrie und Landwirtschaft zwang Bismarck, sich von liberalen Freihandelsprinzipien abzuwenden und schutzzollpolitische Maßnahmen einzuleiten. Darüber hinaus begann der Kanzler, in der erstarkenden Sozialdemokratie das größere Gefahrenpotenzial zu sehen. Um einen Gesichtsverlust zu vermeiden, erfolgte die Beendigung der Auseinandersetzung mit dem Papst nicht durch eine förmliche Vereinbarung, sondern durch einen Ausgleich als Ergebnis langwieriger Verhandlungen.

Die „Kampfgesetze“ wurden schrittweise durch „Milderungsgesetze“ abgeschwächt.

Die Wiederaufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen dem Deutschen Reich und den Vatikan erfolgte 1882. Nach einer weiteren Phase der Entspannung wurden durch „Friedensgesetze“ die meisten der gegen die katholische Kirche gerichteten Bestimmungen aufgehoben.

Am 23. Mai 1887 erklärte Papst Leo XIII. in einer öffentlichen Kardinalsversammlung den Kulturkampf für beendet.

7.1 | Statue Otto von Bismarcks, Bronzereplik auf schwarzem Marmorsockel, o. D.

GStA PK, I. HA Rep. 400, Nr. 143.

7.5 | Ludwig Windthorst (1812 –1891), Führer der Deutschen Zentrumspartei, im Foyer des Reichstagsgebäudes.

Nach einer Fotografie von Julius Braatz. Holzstich, 1891.
bpk, Bild-Nr. 10023393.

7.6 | Die Cannossasäule auf dem Burgberg bei Harzburg, auch Bismarck-Stein genannt.

Holzstich, Illustrirte Zeitung, Nr. 1784, 08.09.1877.
bpk, Bild-Nr. 30008591.

7.7 | Adalbert Falk (1827–1900), preußischer Kultusminister.

Fotografie von Loescher & Petsch, 1879.
bpk, Bild-Nr. 00088150.

7.8 | „Modus vivendi.“ Karikatur von Wilhelm Scholz.

Holzstich, Kladderadatsch, Nr. 14/15, 1878.
bpk, Bild-Nr. 30012865.

7.9 | Papst Pius IX. mit Teilnehmern des Ersten Vatikanischen Konzils in Rom.

Fotografie von Fratelli d’Alessandrini, 1870.
bpk, Bild-Nr. 20044681.

08
Enttäuschte Erwartungen. Ernst von Wildenbruch und das gründerzeitliche Historiendrama

8 | Enttäuschte Erwartungen.
Ernst von Wildenbruch und das gründerzeitliche Historiendrama


In den ersten zehn Jahren nach der Reichsgründung entwickelte sich Berlin zum unangefochtenen Zentrum des deutschsprachigen Theaterlebens. Die 1871 in Kraft getretene neue Gewerbeordnung garantierte den Theatern Gewerbefreiheit. Damit verloren die Hoftheater ihr bisheriges Monopol auf das Drama. Die Zahl neuer Spielstätten stieg daraufhin sprunghaft an. Die Hoffnung auf ein blühendes Nationaltheater als unmittelbare Folge der Reichseinigung erfüllte sich allerdings nicht. Dass zunächst seichte Komödien, Schwänke, Lustspiele aller Art bis hin zu nationalen Possen das Theaterleben dominierten, war auch der Tatsache geschuldet, dass der immense Bedarf an Darstellern durch ein Heer unbezahlter Schauspielschüler und Theatervolontäre gedeckt werden musste.

Während Privattheater wichtige Impulse für die Unterhaltungsdramatik boten und erste Gesellschaftssatiren innovativ die Probleme des Hier und Heute zu thematisieren begannen, versuchten die Vertreter des gründerzeitlichen Geschichtsdramas mit ihren Rückgriffen auf Antike und mittelalterliche Kaiserzeit einen affirmativen Gegenwartsbezug herzustellen. Ihrem bedeutendsten Exponenten Ernst von Wildenbruch (8.3) war der schlussendliche Theaterruhm keinesfalls vorgezeichnet. Im Zentrum seines literarischen Schaffens stand – neben Novellen, lyrischen Werken und modernen Gesellschaftsstücken – eindeutig das historische Drama mit einem spezifisch nationalen Schwerpunkt. Es gibt kaum eine Epoche der preußisch-deutschen Geschichte, der Wildenbruch sich nicht zugewandt hätte. Allerdings vergingen viele Jahre, ehe er als Dramatiker anerkannt werden sollte (Kiefer, 1997). Noch in den 70er Jahren konnte sich kein deutsches Theater entschließen, eines seiner Dramen aufzuführen. Erst 1881 erfolgte der Durchbruch.

Herzog Georg II. von Sachsen-Meiningen (1826–1914) ließ die Karolinger in seinem Theater aufführen. Während in Berlin das Königliche Schauspielhaus (8.1) eine entsprechende Darbietung nach wie vor ablehnte, griff das Viktoriatheater beherzt zu und machte so am 26. Oktober 1881 eine umjubelte Erstaufführung möglich. In rascher Folge wurden weitere ältere Stücke Wildenbruchs in der Reichshauptstadt gezeigt, deren Autor sich mit den Quitzows nun ganz auf Hohenzollern-Themen konzentrieren sollte. Hierbei bemühte er sich, den angeblichen
historischen Beruf Brandenburg-Preußens, die Führerschaft im Reich zu übernehmen, um die deutschen Stämme zu einigen, tief in vergangene Jahrhunderte hinein zu projizieren. Dennoch begegnete ihm, insbesondere bei der im Ministerium des Inneren ressortierenden Theaterpolizei, ein grundsätzliches Misstrauen im Hinblick auf die künstlerische Verarbeitung historisch-politischer Themen. So wurde 1889 sein zweites Hohenzollernwerk, das in der Zeit des Dreißigjährigen Krieges handelnde Drama Der Generalfeldoberst, wegen „Unfreundlichkeiten gegen das Haus Habsburg“ am 27. November 1889 für alle preußischen Hofbühnen und
in Berlin auch für Privatbühnen verboten, obgleich im Deutschen Theater bereits die Proben liefen (8.5; 8.8). Gegen diesen Zensurbescheid setzte sich Wildenbruch vehement zur Wehr, intervenierte, wenngleich vergeblich, selbst bei Bismarck und Kaiser Wilhelm II. (8.11). Doch auch das in ebendieser Zeit im Entstehen begriffene Drama Der neue Herr bot Anlass zum Konflikt. Das Stück handelt von der Kaltstellung des bislang einflussreichsten Geheimen Rats Adam von Schwarzenberg (1583–1641) durch den Großen Kurfürsten (1620–1688). Die Zensurbehörde glaubte daher eine Anspielung auf Bismarcks zeitnahe Entlassung erkennen zu müssen. Danach hat Wildenbruch kein Hohenzollernstück mehr geschrieben und sich eher dem zeitgenössischen Sujet zugewandt. Das schloss nicht aus, dass ihm dennoch die höchsten Auszeichnungen verliehen wurden. Im November 1896 erhielt er gleich zweimal den Schillerpreis, der ursprünglich auf Vorschlag der Kommission auch Gerhart Hauptmann (1862–1946) zuteilwerden sollte.

Kaiser Wilhelm II., der 1894 wegen der Aufführung von Hauptmanns Die Weber im Deutschen Theater sogar seine Hofloge gekündigt hatte, setzte sich über dieses Votum hinweg, wodurch Wildenbruch der Schillerpreis allein zugesprochen werden sollte. Der den Naturalismus von Hauptmann und anderen Schriftstellern entschieden bekämpfende Wildenbruch sah sich damit in seiner Auffassung bestätigt.

8.1 | Der Deutsche Dom und das Königliche Schauspielhaus auf dem Gendarmenmarkt.

Aquarell von Eduard Gaertner (um 1832).
bpk, Bild-Nr. 00012682.

8.2 | Friedrich-Wilhelmstädtisches Theater in Berlin, Schumannstraße 12.

Der Zuschauerraum mit Blick zur Bühne.

Holzstich, um 1850.
bpk, Bild-Nr. 40016284.

8.3 | Ernst von Wildenbruch (1845-1909).

Wildenbruchs Vater entstammte einer illegitimen Beziehung des Prinzen Louis Ferdinand von Preußen zu Henriette Fromme und war seit 1841 Generalkonsul für Syrien, als sein Sohn Ernst am 3. Februar 1845 in Beirut das Licht der Welt erblickte. Nach einer juristischen Ausbildung trat dieser 1877 ins Auswärtige Amt ein, so dass er finanziell nicht auf seine schriftstellerische Arbeit angewiesen war.

Foto um 1885.
bpk, Bild-Nr. 00107198.

8.4 | Inserat für den Kaiserl. und königl. Preuß. Staatsanzeiger und das Centralblatt: Verleihung eines Preises von 3000,00 Mark an von Wildenbruch, 10.11.1884.

GStA PK, I. HA Rep. 76 Ve Sekt. 1 Abt. VII Nr. 28 Bd. 5, S. 37.

8.6 | Ernst von Wildenbruch
„Die Quitzows“.

Programmzettel, Berlin, 1888.

Papier, Druck.
Stiftung Stadtmuseum. Inv.-Nr.: SM 2020-00756.
© Stiftung Stadtmuseum Berlin.
Reproduktion: Dorin Alexandru Ionita, Berlin.

8.7 | Gerhart Hauptmann
„Vor Sonnenaufgang“.

Programmzettel, Berlin, 1889.

Papier, Druck.
Stiftung Stadtmuseum. Inv.-Nr.: SM 2015-0870.
© Stiftung Stadtmuseum Berlin.
Reproduktion: Dorin Alexandru Ionita, Berlin.

8.9 | Eintrittskarte Königliches Opernhaus.

Berlin, 1893.

Druck.
Stiftung Stadtmuseum. Inv.-Nr.: SM 2020-00758.
© Stiftung Stadtmuseum Berlin. Reproduktion: Dorin Alexandru Ionita, Berlin.

09
Literaturhinweise