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Verborgene Schätze des Marburger Geschichtsvereins

im Landgrafenschloss

01
Was von alten Gebäuden übrigblieb - Baufragmente

Vom Beginn seiner Sammlungstätigkeit für den Marburger Geschichtsverein um 1875 legte Ludwig Bickell (1838-1901) großen Wert auf den Erwerb von Baufragmenten. Es ging ihm und dem Verein um die „Sammlung aller mit dem Untergange bedrohten charakteristischen Baureste und kunstgewerblichen Gegenstände des Hessenlandes“, wie der Vorsitzende Gustav Könnecke (1845-1920) im Jahr 1891 verlauten ließ. Ihnen wurde viel Platz in den für die Sammlung zur Verfügung stehenden Räumen zugebilligt, „weil gerade diese ihres Umfanges wegen in Privatsammlungen weit weniger eine Zufluchtsstätte finden können, als kleinere kunstgewerbliche Erzeugnisse.“ Nichtsdestotrotz handelt es sich überwiegend um kleinere Objekte wie die verzierten Knaggen eines Fachwerkhauses oder Kapitelle verschiedener nicht mehr existierender Kirchen, die vornehmlich bei Ausgrabungen zum Vorschein kamen. Ein Marburger Renaissance-Portal wurde wegen seiner Größe an ein Nebengebäude des Landgrafenschlosses umgesetzt.

Katharina Schaal

02
Objekte des Glaubens

In der Sammlung finden sich aus dem Bereich der Kirchenausstattung im weitesten Sinne einige wertvolle und bemerkenswerte Stücke: mittelalterliche Rauchfässer, Flügelaltäre, farbige Glasfenster und Skulpturen des 14. und 15. Jahrhunderts wurden im späten 19. Jahrhundert entweder als Objekte des katholischen Gottesdienstes im protestantischen Hessen nicht mehr benötigt oder, weil sie aufgrund ihres Alters und vielfach auch durch den calvinistischen Bildersturm des 17. Jahrhunderts beschädigt waren, ausgemustert und durch neue, eher dem Zeitgeschmack zusagende ersetzt. Sammler aus dem Ausland schufen einen Markt für sie und Ludwig Bickell (1838-1901) bemühte sich, ihnen zuvorzukommen. Für den Erwerb einiger dieser Dinge bezahlte er durchaus ansehnliche Summen. Die Gemeinden nahmen das Geld ein, um Renovierungen oder Neuanschaffungen zu finanzieren. Auch die frühneuzeitliche Ausstattung einer Kirche im ländlichen Raum und Stücke aus dem hessischen Teil der Grafschaft Schaumburg (an der Weser), der bis 1932 zur preußischen Provinz Hessen-Nassau gehörte, sind darunter sowie das einzige aus einem jüdischen Glaubensumfeld stammende Objekt, das auch schon von Bickell für die Sammlung erworben wurde.

 Katharina Schaal

Totenkrone, zweite Hälfte 18. Jhd. Museum für Kunst und Kulturgeschichte der Philipps-Universität, Inv.-Nr. 325

„... so will ich dir die Krone des Lebens geben.“

Eine Totenkrone aus Eisenhausen

Seit der Frühen Neuzeit entwickelte sich der Brauch, unverheiratet Verstorbene mit einer Totenkrone zu versehen. So sollte bei der Bestattung eine Art „Himmlische Hochzeit“, eine „Totenhochzeit“ stattfinden, worin sich der seinerzeitige soziale Stellenwert einer Hochzeit dokumentiert. Die Kronen wurden den Toten aufgesetzt oder auch in den Sarg beigelegt. Dieser Brauch war, konfessionell unabhängig, im deutschen Sprachraum weit verbreitet. Totenkronen weisen eine Vielfalt an Formen und Materialien auf. Bis in die zweite Hälfte des 18. Jhs. wurden sie als Eigenkronen mit in das Grab gegeben. Doch wegen der Kosten wurde dies durch fürstliche und kirchliche Verordnungen weitestgehend untersagt. Die Gemeinden wurden angewiesen, sog. Leihkronen anzuschaffen, vorwiegend aus Metall, die nach der Bestattung im Kircheninneren aufbewahrt wurden und durch die dortige öffentliche Präsentation die Funktion eines Gedächtnismahls erhielten.

Eine schmiedeeiserne Leihkrone aus Simmerbach, heute im Hinterlandmuseum Biedenkopf, ist der Marburger Krone im Typus vergleichbar. Diese kam 1883 über Landgerichtsrat W. Gleim, tätig am Landgericht Marburg, als Geschenk des Bürgermeisters Schuppner in Eisenhausen (heute Gem. Steffenberg) in die Sammlung. Da sich seit dem Mittelalter die Pfarrkirche für die Gemeinden Ober- und Niedereisenhausen in Obereisenhausen befand, dürfte die Marburger Krone von dort stammen.

Jutta Schuchard

Anna-Marie und Robin Dürr, Die Totenkronen von Moischt. Frühneuzeitliche Grabbeigaben bei Ausgrabungen entdeckt, in: Jahrbuch für den Landkreis Marburg-Biedenkopf 2022, S. 231-234

Zentralinstitut und Museum für Sepulkralkultur der Arbeitsgemeinschaft Friedhof und Denkmal e.V. (Hrsg.), Totenhochzeit mit Kranz und Krone. Zur Symbolik des Ledigenbegräbnisses. Begleitband zur Ausstellung des Museums für Sepulkralkultur Kassel, 30. September 2007 - 2. März 2008, S. 28

Bar Mizwa als rituelle Aufnahme in die jüdische Gemeinde

Tefillintasche aus Nordeck

Die nahezu rechteckige, aus grünem Samt gefertigte und mit Silberfäden über Pappformen bestickte Tasche diente der Aufbewahrung der Tefillin, der zwei Gebetsriemen zur Bar Mizwa. Mit dieser rituellen Feier wurde in den jüdischen Gemeinden die religiöse Mündigkeit der Jugendlichen vollzogen. Mit den Tefillin wurden zwei Lederkapseln um Arm und Kopf geschnürt, die Pergamentstreifen mit Texten aus der Thora enthielten. Die hebräische Inschrift auf der Vorderseite zwischen den beiden aufrechten, eine Krone tragenden Löwen gibt unter den großen Buchstaben mem und tet (für Mazal tov = Viel Glück) den Eigennamen Chajus ben Raw Avraham und den Nachnamen Segal sowie das Jahr 5524 nach der jüdischen Jahreszählung an (1763 oder 1764). Die gestickte Kanne auf der Rückseite erklärt die Zugehörigkeit des Namens Segal zur Familie der Leviten. Die Ränder sind mit Silberspitze besetzt; am unteren Rand sind drei Quasten aus Gold- und Silberfäden angenäht. Die Tasche konnte oben mit einer Silberkordel verschlossen werden.

Die Tasche kam wohl durch Ludwig Bickell im April 1876 aus Nordeck in die Sammlung des Geschichtsvereins. Das Dorf Nordeck über dem Lumdatal, das bis 1974 zum Kreis Marburg gehörte, hatte bis zum Holocaust eine jüdische Gemeinde mit Synagoge, zu der auch die jüdischen Familien in Ebsdorf und Leidenhofen im Ebsdorfergrund gehörten, sowie einen jüdischen Friedhof über der Burg, die seit 1526 landgräfliches Lehen der Rau von Holzhausen war. Die Tefillintasche ist eines von ganz wenigen Objekten aus dem jüdischen Kultus in der kulturgeschichtlichen Sammlung des Museums; sie verdeutlicht damit, dass die Kultur der oberhessischen Landjuden und ihr nach 1871 im reichsweiten Vergleich hoher Bevölkerungsanteil kaum museal dokumentiert wurden. In Nordeck wurde 1884 das jüdische Ehepaar Salomon und Johanna Wolf erschlagen – der Prozess gegen den Täter war Auftakt des Böckelschen Antisemitismus: die Tasche ermöglicht damit auch das museale Thematisieren einer Kultur des Überlebens der jüdischen Minderheit in den oberhessischen Dörfern unter zunehmend schwieriger werdenden Bedingungen. Und sie zeigt, dass Bickell ganz selbstverständlich dieser Minderheit einen Platz in der musealen Repräsentation der Kulturgeschichte einräumen wollte.

Siegfried Becker

Tefillintasche aus Nordeck, 1763/1764. Museum für Kunst und Kulturgeschichte der Philipps-Universität, Inv.-Nr. 8019

02. a Elisabethkirche und Deutscher Orden

Die aus der Elisabethkirche in Marburg und der an sie angrenzenden Niederlassung des Deutschen Ordens stammenden Objekte sind in einem eigenen Abschnitt zusammengefasst. Bickell lagen die Kirche und die 1809 aufgehobene Landkommende, die in den Jahren vor 1900 einem städtebaulichen Projekt weichen musste, besonders am Herzen. Der Marburger Geschichtsverein organisierte neben der Elisabethkirche in Marburg aber auch eine eigene Ausgrabung, um die nach dem Bildersturm 1619 entsorgten mittelalterlichen Lettnerfiguren wiederzufinden, die seitdem ebenfalls Teil der Sammlung sind.

Katharina Schaal

Kopffragment der heiligen Elisabeth, 1446/1455. Museum für Kunst und Kulturgeschichte der Philipps-Universität, Inv.-Nr. 2903

Antlitz einer Heiligen

Kopffragment der heiligen Elisabeth

Das kleine, nur 6 auf 4,2 cm messende Köpfchen ist Bruchstück eines größeren Tonreliefs. In starkem Relief aus einem Model ausgeformt, zeigt es das Porträt der heiligen Elisabeth mit Schleier und sehr großer Heiligenkrone samt Nimbus, auf dessen Rest eine Inschrift erkennbar ist, deren Buchstaben ...beth eine sichere Deutung der Darstellung erlauben. Von der ehemaligen farbigen Fassung sind Reste der Kreidegrundierung, rotem Bolus (einem Tonpigment) und Vergoldung erhalten. Die Bruchränder an allen Seiten zeigen, dass es in einen größeren Bildkontext gehörte.

Das Bruchstück eines Tonreliefs wurde im Juni 1883 in Marburg „bei der Mauer des Kalbschen Hauses“ gefunden, vielleicht von Ludwig Bickell selbst, der ja am Kalbstor wohnte (benannt nach den Kalb von Weitershausen, die einen Burgsitz in der Ritterstraße innehatten). Welche Überraschung muss es für den Finder gewesen sein, als er ins Antlitz einer Heiligen blickte, das zwar angeschnitten, aber noch gut erkennbar ist. Auch wenn es schwerfällt, den ursprünglichen Bildzusammenhang herzustellen und seine Verwendung zu erklären, zeigt dieses Fragment eines deutlich: dass das Leben der heiligen Elisabeth in Marburg eine lange Nachwirkung hatte und zahlreiche Bildwerke hergestellt wurden, die ihre Vita erzählten, nicht zuletzt aus Ton, dessen Verarbeitung in Marburg eine jahrhundertelange Tradition hatte. Der Modelabdruck bedeutet ja, dass das Bild reproduzierbar war und sicherlich mehrfach, wenn nicht vielfach hergestellt wurde.

Siegfried Becker

Elisabeth von Thüringen - eine europäische Heilige. Katalog zur Landesausstellung, hrsg. von Dieter Blume und Matthias Werner, 2 Bände, Petersberg 2007

03
Herrschaftliches

Dass in Sammlungen und Museen häufig Objekte aus dem herrschaftlichen Bereich gezeigt werden, hat etwas mit deren Qualität und Wert, häufig auch ihrer Schönheit zu tun. Beispiele hierfür sind die Kaffeekanne aus Porzellan mit dem Wappen der Landgrafen von Hessen oder die Steingutvase aus einer Kasseler Manufaktur. Beide Stücke gelangten im Tausch in die Marburger Vereinssammlung, die anlässlich der Gründung des Landesmuseums in Kassel 1913 Objekte nach Kassel abgeben musste und dafür Porzellan, Steingut und Fayencen, häufig Dubletten, erhielt. Dazu gehört als Baufragment bzw. Einrichtungsstück auch die „Butteley“ aus dem Marburger Schloss.

Gemeint sind hier aber ebenso Dinge, die das Ausüben von Herrschaft zeigen, vor allem eine der Büsten mit der Darstellung des Königs von Westphalen, Jérôme, der diese in größerer Zahl anfertigen ließ und in seinem Reich verteilte, und eine der zahlreichen Münzen, die bereits von Anfang an in die Sammlungen der Vereine gelangten.

Dadurch, dass die Vereinssammlung in dem Gebäude untergebracht war, in dem sich das Staatsarchiv befand, gelangten einige „dreidimensionale“ Stücke, die offenbar mit den Akten ins Archiv gegeben worden waren, wie die Tontafel oder das Hohlmaß, aber auch die Aktensäckchen aus dem Ratsarchiv in die Sammlung. Wegen der Form oder des Materials unterschieden sie sich von den Archivalien aus Papier und Pergament. Auch sie sind dem Bereich des Ausübens von Herrschaft zuzuordnen.

 Katharina Schaal

„Zu Stiefftung und Erhaltung bestendiger friedfertigen Nachbarschafft“

Tontafel über die Landschneide zwischen dem Stift Paderborn und der Landgrafschaft Hessen-Kassel von 1597

Die rechteckige Tontafel umfasst einen ovalen Rahmen mit vier Henkeln und der Inschrift „Landschneide zwischen dem Stifft Paderborn und Fürstenthumb Hessen etc. Anno 1597“. Sie erinnert an die am 5. Januar jenes Jahres besiegelte Beilegung der jahrelangen Herrschafts- und Grenzstreitigkeiten zwischen Landgraf Moritz von Hessen-Kassel und Bischof Dietrich von Paderborn. Der von Landgraf Ludwig IV. von Hessen-Marburg und Graf Simon zur Lippe vermittelte Vergleich regelte die Zugehörigkeit zahlreicher Burgen, Schlösser, Städte, Dörfer, Hoheits- und Nutzungsrechte im Weser- und Diemelraum. Darüber hinaus fixierte er den genauen Grenzverlauf zwischen dem Niederfürstentum Hessen und dem Stift Paderborn von den westlich der Diemelmündung gelegenen Buntsandsteinklippen an der Oberweser in südwestlicher Richtung bis vor die Tore der Stadt Volkmarsen. Anstelle der älteren Markierungen im Gelände wurden nun erstmals Grenzsteine mit Wappen und Jahreszahl aufgestellt.

Welchem Zweck die 13 cm hohe und 20,3 cm breite Tontafel diente, die zwei kleinere Absplitterungen am linken Rand aufweist, ist unklar. Den Sammlungen des Geschichtsvereins wurde sie vor 1882 aus den Beständen des Staatsarchivs überwiesen, die beide damals im Marburger Landgrafenschloss untergebracht waren.

Karl Murk

HStA Marburg Urk. 5 Nr. 2602 (Ausfertigung)

HStA Marburg Urk. 100 Nr. 3703 (Abschrift)

Glasierte Tontafel aus dem Jahr 1597. Museum für Kunst und Kulturgeschichte der Philipps-Universität, Inv.-Nr. 1863

Porzellan aus Fernost

Kaffeekanne mit hessischem Wappen

Die mit Deckel 22,5 cm hohe birnenförmige Kanne mit an der Schulter angesetztem Ausguss und großem, aus zwei geschuppten Schwüngen zusammengesetztem Henkel ist beiderseits mit dem von purpurnen Streublumen umgebenen Wappen der Landgrafen von Hessen-Kassel dekoriert. Letzteres befindet sich unter einer Krone und wird von zwei aufrecht stehenden bekrönten Löwen gestützt. Weitere Teile des Services, zu dem diese Kanne ursprünglich gehörte, sind in der Sammlung Ostasiatisches Porzellan der Staatlichen Museen in Kassel (heute Hessen Kassel Heritage) erhalten. Dabei handelt es sich um sog. chinesisches Auftragsporzellan (Chine de Commande), das im 17. und 18. Jahrhundert infolge des in Europa immer weiter um sich greifenden Tee-, Kaffee- und Schokoladenkonsums im Kaiserreich China bestellt und angefertigt wurde. Chinesische Manufakturen boten ihren europäischen Kunden einen ausgefeilten Service. Sie arbeiteten nicht nur auf direkte Bestellungen hin, sondern berücksichtigten auch deren speziellen Geschmack hinsichtlich des Dekors. Meist war das Auftragsporzellan mit dem Wappen des Bestellers geschmückt, das auf kolorierten Musterzeichnungen nach Fernost geschickt worden war.

In die Sammlungen des Marburger Geschichtsvereins gelangte die Kaffeekanne zwischen 1913 und 1916/17 im Rahmen einer umfangreicheren Tauschaktion mit dem Königlichen Museum in Kassel als Dublette. Der Kannendeckel, der lange verloren schien, wurde 1990 in einem Kasseler Magazin wiederentdeckt und nach Marburg abgegeben.

Karl Murk

Geoffrey Godden, Chinesisches Exportporzellan, in: David Battle (Hrsg.), Sotheby’s Großer Antiquitäten-Führer Porzellan: Von den chinesischen Ursprüngen bis zu den Manufakturen des 20. Jahrhunderts, München 1991, S. 49-67

Sook Hi Park, Chinesisches Auftragsporzellan der Ostasiatischen Handelskompanie in Emden (Abhandlungen und Vorträge zur Geschichte Ostfrieslands 55), Aurich 1973

Jean Michel Beurdeley, Porzellan aus China: Compagnie des Indes, München 1962

Kaffeekanne mit hessischem Wappen, China 1750/60. Museum für Kunst und Kulturgeschichte der Philipps-Universität, Inv.-Nr. 2232
Deckelvase mit Venusköpfen, Kassel, um 1780. Museum für Kunst und Kulturgeschichte der Philipps-Universität, Inv.-Nr. 2295

Totenklage auf Steingut

Deckelvase mit Venusköpfen

Die von dem Modelleur Friedrich Christian Hillebrecht († 1801) entworfene, mit Deckel 44,7 cm, ohne Deckel 39,7 cm hohe Vase zählt zu den typischen, noch heute unter Sammlern begehrten Produkten der 1771 gegründeten Steitz’schen Steingutfabrik in Kassel, die durch ihre Ziervasen in englischem Stil eine gewisse Bekanntheit erlangte. Über einem runden Fuß mit hohem Schaft erhebt sich ein urnenförmiger Vasenkörper mit scharf abgesetzter Schulter und verengtem, kanneliertem Hals, auf dem ein Stülpdeckel mit rundem Knauf über Blattwerk sitzt. Der Vasenkörper ist im oberen Teil durch einen zylindrischen Ring verstärkt und mit Lorbeergehängen sowie mit zwei Medaillons belegt, auf denen eine stehende, antik gewandete Frau eine auf einer Säule stehende Urne umarmt. Seitlich sind an den Vasenkörper zwei Henkel in Form weiblicher Köpfe angesetzt. Alle Linien und Zierrate sind vergoldet. Form und Dekor des Stückes stimmen weitgehend mit einer Vase der englischen Firma Palmer & Neale überein, die sich wiederum an einem Modell der Firma Wedgwood orientiert haben könnte. Die Kasseler Steingutfabrik wurde von Simon Heinrich Steitz (1740-1813), einem geschäftlich nur mäßig erfolgreichen Tüftler, der zugleich auch Hofkonditor war, betrieben. Steitz stellte die für das Steingut benötigte Masse her, indem er den weißlichen Ton mit mineralischen Zusätzen mischte, so dass die gebrannten Stücke den Eindruck erweckten, aus weißem Marmor oder aus farbigen Steinarten wie Achat, Jaspis oder Serpentin gefertigt zu sein. Seine Nachfolger betrieben die Firma bis in die 1840er Jahre weiter.

Die Vase, deren Vergoldung berieben und deren Fuß geringfügig bestoßen ist, zählt zu den Objekten, die das Königliche Museum in Kassel dem Marburger Geschichtsverein zwischen 1913 und 1916/17 als Gegengaben für die aus dessen Sammlung an das neuerrichtete Landesmuseum abgeführten Stücke übereignete.

Karl Murk

HStA Marburg 5 (Geheimer Rat) Nr. 12164

HStA Marburg 40a (Hessische Kammer) Rubr. 36 Nrr. 863, 916

HStA Marburg 40c (Hessische Kammer, Pachtrepositur) Nr. 619

Wolf von Both/Hans Vogel, Landgraf Friedrich II. von Hessen-Kassel. Ein Fürst der Zopfzeit, München 1973, S. 212

Ein König für Marburg

Büste Jérôme Napoleons

Im Vorfeld des westphälischen Nationalfeiertags und seines 27. Geburtstags am 15. November 1811 hatte Jérôme Napoleon (1784-1860), der jüngste Bruder des Kaisers der Franzosen und seit 1807 König des französischen Modellstaats Westphalen, Büsten aus weißem Carrara-Marmor in Auftrag gegeben, die als Geschenke im Rahmen eines zentral gesteuerten Staatsakts in allen Departementspräfekturen (mit Ausnahme der Präfektur des Fuldadepartements in Kassel), in einigen ausgewählten Mairien und den drei Landesuniversitäten aufgestellt werden sollten. Jérômes Initiative orientierte sich vermutlich am Vorbild der zeitgleichen Bildnisoffensive Napoleons, die dieser anlässlich der langersehnten Geburt des Thronfolgers initiiert hatte, und sollte seinem durch zahlreiche Krisen und die rücksichtslose Machtpolitik des älteren Bruders erschütterten Herrschaftsanspruch sinnfälligen Ausdruck verleihen. Nach Marburg wurden im Oktober 1811 zwei Büsten geschickt, von denen eine für die Universität, die andere für die Präfektur des Werra-Departements bestimmt war. Letztere wurde am 15. November 1811 in einer feierlichen Zeremonie in Gegenwart der örtlichen Behördenvertreter und zahlreicher Honoratioren im „vorzüglichsten Saal“ des Präfekturgebäudes aufgestellt.

Heute befindet sie sich im Besitz des Marburger Geschichtsvereins. Die von Guiseppe Francesco Bosio (1769-1845) geschaffene Büste gehört zum Altbestand der Vereinssammlung und weist einige leichtere Beschädigungen auf. Abbrüche an den hinteren unteren Ecken der Standfläche, kleinere Kratzer auf der Nasenspitze, die bestoßene linke Ohrmuschel und ein kleines Loch auf der Brust deuten darauf hin, dass dem Bildnis des 1813 vertriebenen Königs in der nachnapoleonischen Zeit ein Stoß versetzt wurde.

 Karl Murk

HStA Marburg 77a (Werradepartement, Präfektur) Nr. 787

HStA Marburg 53a (Oberbaudirektion) Nr. 840

Martin Knauer, Staatskult und Königtum in Westphalen (1807-1813), in: Veit Veltzke (Hrsg.), Napoleon. Trikolore und Kaiseradler über Rhein und Weser, Köln/Weimar/Wien 2007, S. 341-358, hier S. 350 ff.

Büste Jérôme Napoleons, 1809/11. Museum für Kunst und Kulturgeschichte der Philipps-Universität, Inv.-Nr. 2754

04
Waffen

Die Waffen in der Sammlung des Marburger Geschichtsvereins werden im Unterschied zu den anderen Objektgruppen in der Vereinsgeschichte nicht eigens thematisiert, es sind auch nicht sehr viele. Das Bemerkenswerte ist, dass es sich überwiegend um Stücke handelt, die im weitesten Sinne dem bäuerlichen Kontext zugeordnet werden können. Datiert werden diese, wenn auch mit einem Fragezeichen versehen, auf das Jahr des Bauernkriegs 1525. Überprüfbar ist dies nicht. Denkbar wäre, dass diese universell und auch von nicht militärisch geschulten Personen einsetzbaren Waffen zusammen mit anderen Sammlungsobjekten aus ländlichen Kontexten in die Vereinssammlung gelangten. Anders ist dies bei dem Panzerhandschuh, der eindeutig einem adeligen und damit vielleicht auch herrschaftlichem Kontext zuzuordnen ist. Er wurde wohl auf dem Marburger Schloss gefunden und von dem zeitweiligen Konservator der Vereinssammlung Alhard von Drach an den Verein verkauft.

Katharina Schaal

Panzerhandschuh, 16. Jhd. Museum für Kunst und Kulturgeschichte der Philipps-Universität, Inv.-Nr. 4149

Mit eiserner Faust

Panzerhandschuh – Hentze

Der Panzerhandschuh, Hentze genannt, gehörte zu einem Harnisch. Die gepanzerte Hand konnte ein Schwert halten, allerdings nur mit allen vier Fingern gleichzeitig, da diese sich nicht einzeln bewegen ließen. Mit dem Aufkommen der Schusswaffen entstanden im späten Mittelalter Plattenpanzer, die den Träger zwar relativ gut vor Lanzen, Schwertern und auch Kugeln schützten, aber sehr umständlich anzulegen waren, den Krieger unbeweglich machten, so dass er z. B. nach einem Sturz vom Pferd Hilfe beim Aufstehen benötigte, und dessen Sicht stark einschränkten. Zudem waren sie sehr kostspielig. Rüstungen wurden bei Kriegszügen und im Turnier getragen. Möglicherweise ging der Handschuh, der auf dem Marburger Schloss gefunden wurde, dort, wo sich immer wieder zahlreiche Ritter und ihre Knappen einfanden, verloren. Erstaunlich ist, dass er, auch wenn er möglicherweise bereits beschädigt war, nicht wegen seines Materialwerts weiterverwendet wurde.

Der Panzerhandschuh wurde von seinem Vorbesitzer Alhard von Drach dem Geschichtsverein 1902 verkauft.

Katharina Schaal

Fynn Höhl, Hentze, in: Christoph Otterbeck (Hrsg.), Stadt, Land, Schloss. Eine kulturgeschichtliche Reise durch das Landgrafenschloss Marburg, Marburg 2016, S. 44f.

Andreas Schlunk, Robert Giersch, Die Ritter. Geschichte, Kultur, Alltagsleben. Begleitbuch zur Ausstellung „Die Ritter“ im Historischen Museum der Pfalz Speyer, Stuttgart 2003, S. 44-47

Martialische Zeugen des Krieges

Morgenstern und Stachelflegel

Der Stachelflegel, auch Streitflegel oder Drischel genannt, war eine an den Dreschflegel erinnernde Waffe, deren Schlagholz mit Eisenbändern an beiden Enden verstärkt und mit angespitzten Vierkanteisen besetzt ist. Der Morgenstern als keulenartige Hiebwaffe trägt eine mit eisernen Stacheln besetzte Holzkugel. Die beiden Streitwaffen kamen 1883 (Flegel) und nach 1888 in die Sammlung des Geschichtsvereins und wurden 1982 für die Ausstellung im Wilhelmsbau restauriert, dabei auch die teils fehlenden Stacheln ersetzt.

Die Datierung „1525“ auf beiden Inventarkarten ist handschriftlich durch „?“ ergänzt, eine vorsichtige Anmerkung, mit der die zuvor eindeutige Kontextualisierung im Bauernkrieg relativiert wurde. Der Morgenstern, eine aus dem Streitkolben weiterentwickelte und vom Mittelalter bis ins 17. Jahrhundert hinein verwendete Waffe, galt als unritterlich, weshalb die Zuordnung zum Aufstand der Bauern 1524/25 nahelag. Der Stachelflegel oder Streitflegel wurde zwar aus dem bäuerlichen Dreschflegel entwickelt, doch war er keineswegs den Bauernheeren vorbehalten. In der Literatur galten beide Waffen als im ritterlichen Gebrauch verpönt, wurden aber aufgrund ihrer Wirksamkeit gegen Reiter verwendet. Ein Streitkolben findet sich dargestellt auf dem Epitaph für Johann Vogt von Fronhausen und seine Frau Margaretha, gesetzt 1589, in der Fronhäuser Kirche.

Beide Waffen vermitteln eindrücklich die Gewaltausübung in militärischen Konflikten des ausgehenden Mittelalters. Ihre Handhabung war dem gewöhnlichen Werkzeuggebrauch von Axt und Dreschflegel ähnlich, weshalb auch Ungeübte diese Waffen führen konnten. Ob sie aber tatsächlich auf den Bauernkrieg zu datieren sind, sei dahingestellt. Mag sein, dass sie bewusst als museale Exponate für einen Epochenumbruch ausgewählt wurden, der für die hessische Geschichte, für die Reformation, aber auch für das Verhältnis von Landesherrschaft und Bevölkerung bedeutsam war.

Siegfried Becker

Christine Reinle, Bauerngewalt und Macht der Herren. Bauernfehden zwischen Gewohnheitsrecht und Verbot, in: Manuel Braun, Cornelia Herberichs, Gewalt im Mittelalter. Realitäten – Imaginationen, München 2005, S. 105-122

Landgraf Philipp der Großmütige 1504-1567. Hessen im Zentrum der Reform, hrsg. von Ursula Braasch-Schwersmann, Hans Schneider und Wilhelm Ernst Winterhager, Neustadt an der Aisch 2004

Morgenstern und Stachelflegel, 16./17. Jhd. Museum für Kunst und Kulturgeschichte der Philipps-Universität,Inv.-Nrn. 13.287 und 13.288

05
„Bibelöfen“ aus Gusseisen

Seit dem späten 15. Jahrhundert wurden Öfen aus Gusseisen hergestellt und gerne mit biblischen Motiven geschmückt. Mit den technischen Veränderungen des 19. Jahrhunderts entstanden kleinere und modernere Öfen, was dazu führte, dass viele von den alten ausrangiert und vermutlich eingeschmolzen wurden. Bickell übernahm mehrere komplette Öfen in die Vereinssammlung, darunter einen aus dem Spangenberger Schloss und einen aus dem Rathaus in Grebenstein, und erwarb zahlreiche einzelne Ofenplatten. 1889 publizierte er auch über die Eisenhütten des Klosters Haina und den dort tätigen Formschneider Philipp Soldan, eine seiner wenigen fertiggestellten Publikationen. Der erste Direktor des 1927 eingerichteten Universitätsmuseums, Albrecht Kippenberger, machte die eisernen Ofenplatten ebenfalls zu seinem Forschungsschwerpunkt und baute die Sammlung weiter aus. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts finanzierte der Marburger Geschichtsverein die Erschließung der Ofenplatten des Museums und die Verschlagwortung der Motive nach der kunsthistorischen Systematik „Iconclass“. Auch darauf basierend wurde 2015/16 im Landgrafenschloss eine Ausstellung mit dem Titel „Bibel in Eisen“ gezeigt. Allerdings sind die meisten der Ofenplatten schon lange nicht mehr in der Ausstellung des Museums zu sehen und das Interesse an ihrer Erforschung ist zurzeit eher gering – ein Beispiel für die Konjunkturen des Publikumsinteresses an der Vergangenheit.

Katharina Schaal

06
Aus Stadt und Land - Mobiliar und Hausrat

Ein großer Teil der Sammlung des Geschichtsvereins sind Objekte, die, altmodisch gesprochen, der Volkskunde zuzuordnen sind. Bickell hatte sich vermutlich auch durch den Besuch des Victoria and Albert Museums in London zu seiner Sammeltätigkeit anregen lassen, das zum damaligen Zeitpunkt die Anwendung von Kunst im Handwerk zeigen sollte. Bickell äußerte zwar, dass er Zeugnisse des alltäglichen Lebens im gerade untergegangenen Kurfürstentum Hessen sammeln wolle, „ohne Rücksicht auf praktische Zwecke und sogen. Kunstwerth“ zu nehmen, aber unter den Sammlungsgegenständen sind gut gearbeitete und schön verzierte Stücke sicherlich in der Überzahl. Die Auswahl zeigt, dass er weniger das bürgerliche Leben als das ländliche Umfeld in seiner Sammlung präsentieren wollte. Sein Ansatz, auch unspektakuläre, also alltägliche Dinge zu übernehmen, der nach seinem Tod mit leicht veränderten Schwerpunkten fortgesetzt wurde – zu nennen sind hier die Trachten und die Keramik –, hat dem Museum Objekte verschafft, die Geschichten vom Leben vieler einfacher Menschen in vergangenen Jahrhunderten erzählen.

Katharina Schaal

Zünftig

Zunftlade der Marburger Schuhmacher

Die Zunftladen, in denen die schriftlichen Unterlagen der Zünfte aufbewahrt wurden, bildeten den materiellen Mittelpunkt jeder Handwerkerzunft. Bei den Versammlungen stand die Truhe im Zentrum und wurde in einer nahezu kultischen Handlung geöffnet; viele Zunftordnungen regelten zudem das besondere Verhalten der anwesenden Mitglieder bei geöffneter Truhe.

Die Zunft der Marburger Schuhmacher, der die Truhe zugeschrieben wird, gehörte im Mittelalter und der frühen Neuzeit zu den mittelgroßen Zünften der Stadt, bis sie im 18. Jahrhundert zur größten Zunft anwuchs. Da Bickell die Truhe möglicherweise direkt von einem der früheren Zunftmeister erwarb, dürfte die Nutzung des Holzkastens zumindest für die letzte Zeit gesichert sein.

Gerade die neuzeitlichen Zunfttruhen sind oft aufwendig gearbeitet, ohne dass dafür besondere Anforderungen bestanden hätten. Zwar hatten viele Zunfttruhen zwei unterschiedlich schließbare Schlösser, notwendig war dies aber auch nicht. In ihrer Funktion gesicherte spätgotische Zunfttruhen sind sehr selten, sodass es hier an Vergleichsbeispielen fehlt. Es könnte sich daher bei der aufwendig gearbeiteten Truhe durchaus noch um die spätmittelalterliche Zunfttruhe der Marburger Schuhmacher handeln, ausgeschlossen werden kann aber auch nicht, dass eine solche ältere Truhe angekauft und erst nachträglich als Zunfttruhe genutzt worden ist.

Wahrscheinlich erwarb Ludwig Bickell die Truhe für die Sammlung im Jahr 1875; nach der vorhergehenden Auflösung der Zünfte bildeten solche Zunftobjekte beliebte Sammlungsgegenstände.

Ulrich Klein

Gerald L. Soliday, Zünfte und Gemeinde. Die Gemeine Bürgerschaft in der Universitätsstadt Marburg des 18. Jahrhunderts, in: Karl Murk/Ulrich Hussong/Ulrich Ritzerfeld, Marburg. Strukturen und Lebenswelten vom Mittelalter bis zur Neuzeit, Marburg 2022, S. 267-309

Franz-Josef Verscharen, Gesellschaft und Verfassung der Stadt Marburg beim Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit. Sozialer und politischer Wandel der Stadt vom 13. bis zum 16. Jahrhundert im Spiegel ihrer politischen Führungsschicht (Untersuchungen und Materialien zur Verfassungs- und Landesgeschichte 9), Marburg 1985

Leopold Schmidt, Zunftzeichen. Zeugnisse alter Handwerkskunst, Salzburg 1973

Zunftlade, um 1500. Museum für Kunst und Kulturgeschichte der Philipps-Universität, Inv. -Nr. 4535

Kochen über offenem Feuer

Kesselhaken (Heel oder Säge-Hal)

Ein an einem großen Ring hängender vierkantiger Stab ist mit einer flachen, 13 Kerben aufweisenden Schiene so durch zwei verschiebbare Ösen  verbunden, dass die Länge verstellbar ist. So konnte ein an dem unteren Haken eingehängter Kessel über dem offenen Herdfeuer höhenverstellbar aufgehängt und beim Kochen die Hitze reguliert werden. Dieses Säge-Hal stellt ein eher schlichteres Beispiel des über Jahrhunderte gebrauchten Geräts dar, die aufwändigeren Exemplare weisen Verzierungen und kunstvoller gestaltete Ösen auf. Das deutet möglicherweise darauf hin, dass es sich bei diesem Kesselhaken um einen reinen Gebrauchsgegenstand aus einem bürgerlichen oder bäuerlichen Haushalt handelt. Allerdings wurden Kessel auch einfach an in sich verstellbaren Ketten über das Feuer gehängt oder Töpfe auf Dreifüßen direkt auf den Herd gestellt.

Das Säge-Hal gelangte erst nach Bickells Tod im Jahr 1903 durch Ankauf in die Sammlung des Geschichtsvereins. Verkäufer war der Antiquitätenhändler Goldschmidt aus Marburg. Vermutlich sollte damit ein früher alltäglicher Gegenstand bewahrt werden.

Katharina Schaal

Katharina Schaal, Das Deutschordenshaus Marburg in der Reformationszeit. Der Säkularisationsversuch und die Inventare von 1543 (Untersuchungen und Materialien zur Verfassungs- und Landesgeschichte 15), Marburg 1996, S. 157

Der Bildindex Foto Marburg zeigt unter dem Stichwort „Kesselhaken“ über 20 Exemplare dieses Gerätetyps.

Kesselhaken, 16. bis 18. Jhd. Museum für Kunst und Kulturgeschichte der Philipps-Universität, Inv.-Nr. 16.437

Marburger Gebrauchskeramik

Keramikschüssel

Die tiefe Schüssel mit schräg ansteigender Wandung, flachem Spiegel und zwei Ösenhenkeln zeigt auf nussfarbener Grundengobe eine rahmfarbene, grüne und dunkelbraune Schlickermalerei unter Glasur, die ornamental, aber auch figürlich gestaltet ist: im Spiegel ein springender Hirsch auf schachbrettartigen Bodenfliesen, daneben Tulpenblüte und Tropfendekor in Malhorntechnik.

Die lange Gewerbegeschichte der Marburger Töpferei spiegelt sich auch im Umfang der Keramiksammlung, die bereits in den 1870er Jahren vom Geschichtsvereins begonnen wurde. Ein früher und herausragender Sammlungszugang ist diese Schüssel, die 1879 im Keller des Metzgers Sülzer in Marburg ausgegraben und von ihm dem Geschichtsverein geschenkt wurde. Außer einem großen rechteckigen Ausbruch am Rand ist sie gut erhalten; Meyer-Heisig hat eine weitere, 1733 datierte Schüssel aus derselben Werkstatt im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg nachgewiesen. Die figürliche Malerei der Marburger Schüssel zeigt eine geübte Gestaltung und Linienführung, sie lässt eine Professionalität des Gewerbes erkennen, das in dieser Epoche auch experimentelle Neuerungen wie Wischdekore wagt und damit eine Innovationsfreudigkeit zeigt, mit der die wirtschaftliche Bedeutung der Marburger Töpferei im 19. Jahrhundert vorbereitet wird.

Siegfried Becker

Katharina Schaal, Die Keramik-Sammlung des Marburger Geschichtsvereins, in: Thomas Schindler, Paul Jürgen Wittstock (Hrsg.), Keramik und Landesgeschichte (Marburger Beiträge zur hessischen Geschichte 20) Marburg 2008, S. 27-41

Katrin und Rainer Atzbach, Mittelalterliche und neuzeitliche Keramik aus Marburg. Die Grabung auf dem Gelände des ehemaligen Gymnasiums Philippinum (1973). Eine Studie zur Marburger Alltagskultur des 13. bis 18. Jahrhunderts, in: Thomas Schindler, Paul Jürgen Wittstock (Hrsg.), Keramik und Landesgeschichte (Marburger Beiträge zur hessischen Geschichte 20) Marburg 2008, S. 109-161

Erich Meyer-Heisig, Deutsche Bauerntöpferei. Geschichte und landschaftliche Gliederung, München 1955, S. 156 und Abb. 32

Doppelhenkelschale mit Darstellung eines Hirsches, 1730. Museum für Kunst und Kulturgeschichte der Philipps-Universität, Inv.-Nr. 1559
Kaffeekanne (Marburger aufgelegte Ware), um 1830/40. Museum für Kunst und Kulturgeschichte der Philipps-Universität, Inv.-Nr. 1512

Marburger aufgelegte Ware

Kaffeekanne

Die Kanne zeigt die zylindrische, über der Standfläche leicht eingeschnürte Form mit schräg ansteigendem und unter dem Mündungsrand eingeschnürten Hals, die für die Marburger Ware typisch ist, sowie die dreizonige Farbgebung mit dunkelbrauner und hellrotbrauner Engobe und ihrer Gliederung durch Tropfendekor. Das aufgelegte florale Dekor aus dünnen Tonplättchen in Reliefmanier ist als rahmfarbene, dunkelbraune und grüne Pflanzenstaude mit fünf großen, rosettenförmigen Blüten gestaltet.

Der am Ende des 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts stark zunehmende und nun auch von der Obrigkeit geduldete Kaffeekonsum breiter Bevölkerungsschichten war Auslöser für einen Innovationsschub des Marburger Töpfereigewerbes, der neben einer typischen Farbgebung und Dekorgestaltung die aufgelegten Applikationen hervorbrachte und der Marburger Ware eine europaweite Verbreitung bescherte. Die Formenvielfalt der Gebrauchskeramik wurde nun erweitert um die Kaffeekanne. Irdenware hatte gegenüber dem Steinzeug mit gesintertem Scherben den Vorteil, dass sie Temperaturschwankungen und das Wärmen auf der Herdplatte besser vertrug und die Glasuren farbenfreudiger und damit repräsentativer gestaltet werden konnten. Nach 1818/19 kamen daher vermehrt irdene Kannen mit aufgelegtem Dekor auf. Sie zeigen neben dem vermehrten Kaffeetrinken – nun auch bei der ländlichen Bevölkerung – den zunehmenden Bedarf an funktionalem Ziergeschirr, mit dem der Kaffeegenuss eine repräsentative Note erhielt, das billiger war als Porzellangeschirr und mit seinem üppigen Dekor auch mit dem aufkommenden Steingut konkurrieren konnte. Die aufgelegte Ware wurde nun zu einem Exportartikel, dessen Konjunktur erst mit dem deutsch-französischen Krieg 1870/71 einbrach.

Siegfried Becker

Thomas Schindler, Vom Kaffee zur Kanne. Marburger Aufgelegte Ware, in: Thomas Schindler, Paul Jürgen Wittstock (Hrsg.), Keramik und Landesgeschichte (Marburger Beiträge zur hessischen Geschichte 20), Marburg 2008, S. 163-188

Thomas Schindler, Marburger aufgelegte Ware. Dimensionen von Sachkultur, Diss. Marburg 2006

Bunte Kannen – Bunte Schüsseln. Marburger Töpferei des 19. Jahrhunderts, hrsg. vom Marburger Universitätsmuseum für Kunst und Kulturgeschichte und dem Freilichtmuseum Hessenpark, Marburg 2005

Krankenkost aus der Nachbarschaft

Wöchnerinnenschüssel

Die im Juni 1896 in Gießen für den Geschichtsverein erworbene, gebauchte und am oberen Rand gekehlte, mit zwei Henkeln versehene Schüssel ist ein Beispiel für Gebrauchsgeschirr auf dem Land, das zugleich einen hohen Erinnerungswert an das Dorfleben in vorindustrieller Zeit hat. Der Deckel, mit drei Beinen für einen sicheren Stand auch auf unebenem Boden ausgestattet, ließ sich umgedreht als Teller verwenden.

Die Bezeichnung „Wöchnerinnenschüssel“ erinnert an die Verpflegung der Mütter, die „im Kindbett lagen“. Mit Einführung der Reformation in der Landgrafschaft Hessen hatte Landgraf Philipp der Großmütige eine Kirchenordnung erlassen, die „nach dem Exempel der alten Kirchen“ die Kirche zum Taufort erklärte. Die Taufe in der Kirche blieb bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts, als wenigstens im Winter die Haustaufe eingeführt wurde, die vorgeschriebene Regel. Bis zur Taufe des Kindes durfte die Mutter nicht über die Trauflinie (den „Dachtropf“) treten, also das Haus nicht verlassen. Die Sorge um die Gefährdung der Mütter und Kinder war wegen der enorm hohen Sterblichkeit groß, und das alte System der Nachbarschaftshilfe trug dazu bei, Kranke und Gebärende mit stärkender Kost zu versorgen. Krankenkost war in der Regel eine Taubensuppe. Junge, fast flügge Tauben gab es auf allen Bauernhöfen, denn Tauben mussten in der frühen Neuzeit wegen der Abgabe des Taubenzehnten in die herrschaftliche Falknerei von den Hufnern gehalten werden; sie waren damit zugleich Statussymbol, sorgten auf den Äckern für die Vertilgung der Unkrautsamen und für die Ernährung im Krankheitsfall. Mit Gerstengraupen gekocht, waren sie das zarteste und auch nahrhafteste Gericht, das in der alten Zeit auf dem Dorf gereicht werden konnte.

Siegfried Becker 

Siegfried Becker, Taubenerker an Bauernhäusern der Marburger Landschaft, in: Jahrbuch 2010 des Landkreises Marburg-Biedenkopf, S. 211-218

Töpferei des 19. Jahrhunderts aus Marburg. Mit Beiträgen von Karl Baeumerth, Alfred Höck und Angela Senf, Marburg 1992

Wöchnerinnenschüssel (Marburger aufgelegte Ware), Mitte 19. Jhd. Museum für Kunst und Kulturgeschichte der Philipps-Universität, Inv.-Nr. 1524
Vivatglas, Thüringen, 18. Jhd. Museum für Kunst und Kulturgeschichte der Philipps-Universität, Inv.-Nr. 1638

Ein Hoch auf die Marburger Universität!

Vivatglas aus dem 18. Jahrhundert

Das im 18. Jahrhundert in Thüringen gefertigte Vivatglas dokumentiert die Bedeutung der Studenten und ihrer Zusammenschlüsse innerhalb der Marburger Stadtgesellschaft während des 18. Jahrhunderts. Als fein gravierter Pokal mit Glasdeckel auf einem ebenfalls mit Garvierungen verziertem Fuß zeigt sich auf der Schauseite in einer Kartusche mit gekugeltem Rahmen die Botschaft: „Vivat Floreat Academia Marburgensis“, also „Es lebe, blühe die Universität Marburgs“. Dieser formelhafte Wunsch stellt nicht nur durch die Worte eine Beziehung zu der Marburger Universität her. Denn im 19. und 20. Jahrhundert benutzten studentische Verbindungen und landsmannschaftliche Vereinigung einer Universität „vivat, crescat, floreat“, also „lebe, wachse, blühe…“, mit dem Verbindungsnamen unter Verwendung der Anfangsbuchstaben als Basis für einen studentischen Zirkel, ein verschlungenes Emblem, das von den Studenten leicht zu entschlüsseln war. Bei dem Glas fehlt der Zirkel noch, es ist als Objekt mit allgemeinem Bezug zur Universität Marburg zu deuten, das vielleicht als Geschenk von Thüringen nach Marburg gelangte.

In die Sammlung kam es unter dem ersten Direktor des Universitätsmuseum, Albrecht Kippenberger, im Dezember 1958. Eine Besonderheit stellen die kleinen Haarrisse in Kuppa und Fuß dar, die als „Glaskrankheit“ bekannt und eine Folge von Korrosion sind.

Eva Bender

Terence Maloney, Glas. Erforschung und Anwendung des durchsichtigen Werkstoffs, Stuttgart 1970

07
Ludwig Bickell

Carl (1840-1858) und Ludwig Bickell (1838-1901), um 1850, Museum für Kunst und Kulturgeschichte der Philipps-Universität, Inv.-Nr. 1.308

Der Sammler im Sammlungsgut

Kinderbildnis von Ludwig Bickell und seinem Bruder Carl Theodor

Das Doppelbildnis der Brüder zeigt sie in dunkler Kleidung. Nur die Kragen in Weiß und das Inkarnat der Gesichter sowie die aschblonden, schulterlangen Haare setzen helle Akzente. Carl hält in der Linken ein aufgeschlagenes Buch und zeigt mit der Rechten auf eine – offenbar bedeutsame – Stelle. Beide sind vor einem dunklen, neutralen Hintergrund dargestellt und blicken zum Betrachter. Ludwig (1838-1901) wurde in Marburg als Sohn von Carl Wilhelm Bickell (1796-1864) und Gertrude Wilhelmine geb. Giller (1803-1868), geboren. Er hatte fünf Geschwister, von denen jedoch nur noch sein zwei Jahre jüngerer Bruder Carl Theodor (1840-1858) das Kindesalter überlebte. Ihre Großmutter väterlicherseits, Anna Maria Bickell geb. Oeste (1765-1843), wurde 1835 von dem aus Hanau stammenden Ludwig Christian Hach (1799-1873) portraitiert, der seit 1829 in Marburg als Universitätszeichenlehrer wirkte. In der Marburger Bürgerschaft hatte er sich einen Namen als Portraitist gemacht. Demnach liegt es nahe, das Kinderbildnis der Brüder Bickell Hach zuzuschreiben. Es dürfte nach 1848-1850 entstanden sein. 1957 wurde es von Karl Johns, Weilburg/Lahn, restauriert.

Das Bild kam nach dem Tod Ludwig Bickells mit seinem Nachlass in den Besitz des Marburger Geschichtsvereins.

Jutta Schuchard

Samira Idrisu, Der hessische Denkmalpfleger als Kind. Ludwig Bickell mit seinem Bruder, in: Eva Bender, Ruth Fischer, Christoph Otterbeck (Hrsg.), Marburg. Stadtgeschichten 1222-2022, 2022, S. 74

Heinrich Meyer zu Ermgassen, Ludwig Bickell und seine Familie, in: Elmar Brohl, Gerhard Menk (Hrsg.), Ludwig Bickell (1838-1901). Ein Denkmalpfleger der ersten Stunde (Arbeitshefte des Landesamtes für Denkmalpflege 7), Stuttgart 2005, S. 113-225, hier S. 116, 126