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Zitrusmanie

Goldene Früchte in fürstlichen Gärten

Eine virtuelle Ausstellung von

Der Orangensaft ist der beliebteste Fruchtsaft in Deutschland, mit einem Pro-Kopf-Verbrauch von ca. 7,5 Litern im Jahr.

Einführung

Zitrone, Limette, Orange und Mandarine sind heute in jedem Supermarkt zu finden – frisch in der Schale, als Saft, konserviert in der Dose, und in vielen weiteren Formen. Tatsächlich sind die Zitrusfrüchte nach der Anbaumenge das zweitbeliebteste Obst der Erde, nur die Banane erfreut sich noch größerer Beliebtheit.

Die süßen und sauren Südfrüchte haben jedoch einen geschichtlichen und botanischen Hintergrund, der sich am heutigen Supermarktsortiment nicht mal mehr ansatzweise nachvollziehen lässt. Die Faszination für die „goldenen Äpfel“ lässt sich bis zu griechischen Mythen zurückverfolgen, ihre Sortenvielfalt wurde im europäischen Barock gefeiert. Wie dies alles zusammenhängt, und was die barocke "Zitrusmanie" ausmacht, wollen wir im Folgenden erkunden.

Sortenvielfalt

Von den über 5.000 Sorten der Zitrusfrüchte schaffen es heute nur die wenigsten in den Supermarkt, wo Einheitlichkeit das ausschlaggebende Kriterium ist. Die Früchte sollen möglichst gleich groß sein, gleich aussehen und gleich schmecken, das vereinfacht Transport, Präsentation und Verkauf.

Zitronen, Limetten und Pampelmusen auf einem Markstand in Paris, Frankreich.
An diesem Stammbaum sehen wir die Vielfältigkeit der Zitrusfrüchte - und das sogar Orange und Zitrone aus Kreuzungen stammen!

Aber gerade im barocken Europa war die Artenvielfalt das Faszinosum Nummer eins. Zitrusfrüchte können nicht nur spontan Mutationen entwickeln (z. B. eine dickere Schale). Sie können auch durch Kreuzung, wobei die Blüten einer Sorte mit den Pollen einer anderen Sorte bestäubt werden, zu neuen Sorten kombiniert werden.

Besonders an den Zitrusfrüchten ist, dass sich aus den gleichen Früchten verschiedene Sorten kreuzen lassen, je nachdem welche Blüte (=“Mutter“) mit welchen Pollen (=“Vater“) bestäubt wird. Aus zwei Sorten lassen sich also vier verschiedene weitere Sorten herauskreuzen – und diese vier sind wiederum mit ihren Eltern kreuzbar!

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Antike und neuzeitliche Mythen über die Goldenen Äpfel

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Zitrusfrüchte in der Literatur der Neuzeit

Praktische Anwendung von Zitrusfrüchten

In der neuzeitlichen Literatur spielte die praktische Anwendung der Zitronen ebenfalls eine Rolle. Schon 1586 legte Joachim Camerarius, Arzt und Botaniker, eine übersetzte und ergänzte Schrift vor, die ursprünglich von Pietro Mattioli, ebenfalls Arzt, stammte. In diesem Kreutterbuch berichten sie auch vom medizinischen Nutzen der Zitruspflanzen, so soll die Zitronatzitrone etwa gegen "Pestilenzisches Fieber", "böse Luft" und "Schwermut" heilende Wirkung entfalten.

Der Zitronenknauf dieser Terrine hatte nicht nur einen ästhetischen Charakter, er verdeutlicht auch die Bedeutung der Zitrone in der Küche.

Auch zur Anwendung der Zitrone in der Küche wurde geschrieben, so zum ersten Mal in Johann Sigismund Elzholtz' Diateticon von 1682. Er empfiehlt den Saft von Zitrone und Pomeranze zum Würzen von Fleisch, Fisch oder Pasteten, aber auch Gelees, Mus und Limonaden werden vorgestellt.

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Zitruskultur nördlich der Alpen - Formen und Standorte der Orangerie

Das Abschlagbare Pomeranzenhaus

Die grundlegende Problematik der Zitruskultur in Deutschland, egal ob es um den Garten eines Fürsten oder Kaufmanns geht, war und ist das Klima. Spätestens im Winter wird es für die Pflanzen einfach zu kalt. Wer für sich in Anspruch nahm, in der Nachfolge des Herkules zu stehen, musste also seine goldenen Äpfel auch über den Winter bringen, wofür verschiedene Konzepte entwickelt wurden.

Verweilen wir zunächst noch etwas bei Volkamer. Die primitivste Art der Überwinterung war es, die in den Boden gepflanzten Pflanzen mit einem Holzbau vor der Kälte zu schützen, der dann im Frühjahr wieder abgebaut wurde. Später wurden Steingebäude entwickelt, bei denen nur die Vorderseite abgenommen wurde. Genauso ein "abschlagbares" Pomeranzenhaus besaß auch Volkamer.

Blick aus Volkamers Wohngebäude in das Pomeranzenhaus, darüber Schlüsselblumen aus seinem Garten.

Orangeriequartier

Innerhalb einer Gartenanlage konnte auch ein eigenes Orangeriequartier eingerichtet werden. Hier konnten in einem abgeschlossenen Bereich ein Gebäude und die umliegenden Parterres ganz auf die Zitruskultur ausgerichtet werden, die Funktionalität stand also stärker im Vordergrund. Aus diesem Grund wurden auch Gärtnerwohnungen oder Lagerstellen für Dünger, Erde und Brennstoff direkt in diesem Quartier errichtet.

Beispielhaft dafür steht die Orangerie von Schwetzingen, die ab 1761 für den Kurfürsten Carl Theodor von der Pfalz errichtet wurde. 

Plan des Schwetzinger Schlossgartens, die Orangerie ist mit "F" markiert.

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Orangerien in Architekturtraktaten

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Orangeriekultur auf Schloss Benrath

Eine lange Tradition

Auch auf Schloss Benrath hat die Orangeriekultur eine lange Tradition. Bereits um 1700 kultivierte Kurfürst Johann Wilhelm (1658-1716) Orangeriepflanzen in den Gärten und auf der Insel rund um das alte Benrather Wasserschloss. Kurfürst Carl Theodor (1724-1799), der das heute erhaltene neue Schloss erbauen ließ, setzte diese Tradition fort und ließ den Nordflügel des alten Schlosses zur Orangerie umbauen. Mehrere hundert Pflanzen wurden hier gepflegt und in den Sommermonaten auf der Südterrasse und in den Privatgärten des Kurfürstenpaares aufgestellt.

Die älteste bekannte Darstellung des neuen Schlosses. Im Mittelteil wird mit dem Wort "Orangerie" auf die nicht sichtbare Südterrasse verwiesen.
Prinzessin Luise sammelte in einem Herbar-Tagebuch Pflanzen, darunter auch mehrere Zitruspflanzen, wie hier unten rechts.

20. Jahrhundert bis heute

Auch nach dem Ende der Monarchie und dem Übergang des Schlosses in kommunalen Besitz wurde die Orangeriekultur fortgeführt. Im Zweiten Weltkrieg ging die Sammlung schließlich verloren, doch seit den 1980er Jahren gibt es wieder Kübelpflanzen in Benrath, die an den historischen Standplätzen aufgestellt werden. Die Zitrusmanie lebt weiter - fortgeschrieben aus einer langen Tradition, die mit einem antiken Mythos begann und unter Fürsten und Bürgern der Neuzeit einst ihren Höhepunkt erreichte.

Fotografie von Schloss Benrath, um 1900.